Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Daumen hoch, Daumen runter

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Die Werbeplakate zur ARD-Themenwoche „Toleranz“ haben viele auf die Barrikaden gebracht. Warum regen die sich eigentlich so auf?

+++ Ein Jahr Ich. Heute. 10 vor 8. +++ Wir schreiben täglich +++

Dank der gestern angelaufenen ARD-Themenwoche dürfen wir uns aktuell fragen: Toleranz – In oder Out? Flüchtlinge, Menschen mit Behinderung, Homosexuelle: Daumen hoch oder Daumen runter?

© Bayerischer RundfunkDie viel gescholtenen und parodierten Werbeplakate zur ARD-Themenwoche Toleranz

Die Konsequenz daraus, wenn Menschen sich gegen das „liken“ entscheiden, wird nicht thematisiert: Ausweisen? Verprügeln? In Ghettos stecken? Anspucken? Umbringen? Alles schon da und dagewesen. Die Liste der ARD ist übrigens unvollständig. Es fehlen unter anderem: Kranke, Alte, Suchtkranke, Prostituierte, Obdachlose, Transsexuelle, Juden, Sinti/Roma, Dicke, Opfer von Gewalttaten, Hartz-IVler, Muslime …

Es geht um Stigmatisierte. Weil sie eine Eigenschaft besitzen, die sie von der Mehrheitsgesellschaft unterscheiden, reduzieren ihre Mitglieder sie auf ein Merkmal, sehen sie nicht mehr als vollwertige Person an. Und damit fühlt sich die Mehrheitsgesellschaft ermächtigt, sie zu diskriminieren: ihnen Rechte vorzuenthalten, sie zu entmündigen, zu kriminalisieren.

Während es sich für die Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft also um eine hoffentlich zum Nachdenken anregende Themenwoche handelt, sind diese Fragen für die Angehörigen dieser Gruppen existentiell.

Wie es funktioniert Menschen zu Außenseitern zu machen, das hat jede und jeder von uns schon einmal erlebt. Es passiert, wenn ein neues Kind in die Klasse kommt, das irgendwie anders ist. Es passiert am Arbeitsplatz, auf der Straße. Im Supermarkt an der Kasse, wenn da mal wieder eine dicke Frau, eine „lahme, fette Kuh“ zu langsam in ihrem Portemonnaie wühlt. In Gedanken, wenn der Schritt sich beschleunigt, weil da ein Schwarzer Mann auf dem Bürgersteig steht. Manche Eltern verstoßen ihre Kinder, wenn sie erfahren, dass diese homo- oder transsexuell sind. Obdachlose, Menschen mit Behinderung oder Prostituierte sind weit häufiger physischer und psychischer Gewalt ausgesetzt als der Durchschnitt.

Niemand ist frei davon, andere zu stigmatisieren – auch Menschen nicht, die selbst von Stigmatisierung betroffen sind. Andere auszugrenzen ist Teil unseres stinknormalen Verhaltensrepertoires. Man kann es evolutionsbiologisch herleiten, psychologisch, soziologisch. Die Gründe sind vielfältig und wurden ausführlich beschrieben und erforscht, von Menschen wie Theodor Adorno, Hannah Arendt, Norbert Elias, Stanley Milgram, Sigmund Freud. Seit 100 Jahren, mindestens. Nach dem Holocaust, der die Ausgrenzung bis zum Massenmord trieb, stellte sich die Frage nach den Gründen umso dringlicher. Denn es wurde deutlich, dass es nicht um eine gesellschaftliche Petitesse handelt.

© S-T-R-E-E-T-L-I-V-E via flickr (CC BY-ND 2.0)Anti-Toleranzwerbung auf einem Bierdeckel in den 1930ern: Das Hotel Kölner Hof warb seit Herbst 1895 reichsweit mit antisemitischen Plakaten, Bildpostkarten, Klebe- und Handzetteln und in antisemitischen Zeitungen.

Auch wie Stigmatisierte auf ihre Ausgrenzung reagieren, ist bekannt: Der Soziologe Erving Goffmann hat 1963 ein Buch darüber geschrieben, wie sie versuchen, mit ihrem Stigma zu leben und ihre Umwelt zu beeinflussen. Gelingt das Stigma-Management, wie Goffman es nennt, nicht, drohen Wut, Depression, Selbstzerstörung bis hin zum Selbstmord, Gewalt und Aggression gegen andere.

Wir wissen also, dass es menschlich ist, andere auszugrenzen, aber auch dass es Ideologien und Mechanismen gibt, die Stigmatisierung fördern und solche, die sie verhindern. Wir wissen, dass Ausgrenzung sich nicht abschaffen lassen wird, aber dass es Mittel dagegen gibt: Aufklärung, Empathie, persönliche Begegnung, ein rechtlicher Rahmen, der Schlimmeres verhindert oder Unrecht ahnden lässt. Weil wir wissen, dass Stigmatisierung schadet, haben Menschen schon vor Jahrzehnten damit begonnen, Maßnahmen zu entwickeln: die universellen Menschenrechte zum Beispiel.

Wer nun glaubt, das geht mich nichts an, ich bin ja nicht lesbisch/schwarz/muslimisch, sollte sich bewusst machen, dass morgen schon etwas passieren kann: ein Unfall, der Sie behindert zurücklässt. Die Zeit vergeht und Sie werden alt und/oder krank. Peng.

Und was ist mit denjenigen, deren Stigma wir auf den ersten Blick gar nicht erkennen? Der im Alltag unauffällige Alkoholiker. Der Nachbarsfamilie, die ihren Schuldenberg kaschiert, der depressive Nationaltorwart. Sie, die Angst vor dem Stigma haben, sind die größere Gruppe. Die Dunkelziffer.

Die Mehrheit ist kein monolithisches Gebilde.
Und nun startet die ARD-Themenwoche Toleranz. Eigentlich hat die ARD etwas gutzumachen, denn schon Anfang des Jahres hatten sich ARD und ZDF in den Debatten um Homophobie im Zuge des Outings von Fußballer Thomas Hitzelsberger als eher unsensibel hervorgetan. Da wäre etwas das Verhalten von Sandra Maischberger, in ihrer Talkshow wütende Reaktionen von stigmatisierten Menschen gegen die wütenden Reaktionen der „Mehrheit“ gleichberechtigt nebeneinanderzustellen. Die sind ja alle gleich verbohrt, so die Botschaft. Sie blendet das Stigma aus, und damit die ungleichen Machtverhältnisse: Die Wut der Ausgegrenzten ist etwas anderes als die Wut der Ausgrenzenden.

Dann ist da noch die große Frage: Wer darf eigentlich die Mehrheitsgesellschaft im Fernsehen repräsentieren? Wenn da eine radikale Christin wie Birgit Kelle oder katholisch-konservative Autoren wie Mathias Matussek ihre homophoben Ansichten zum Besten geben, dann muss auch klar sein, dass diese mitnichten die Mehrheit repräsentieren. Birgit Kelle, Unterstützerin der Legionäre Christi, könnte in der Bauchbinde stehen. Passiert das nicht, verschieben sie Wahrnehmung dessen, was die Menschen für die Mehrheitsmeinung halten – in diesem Fall nach rechts. Dabei machen Katholiken aller Couleur, also vom erzkonservativen bis zum liberalen Spektrum in Deutschland knappe 30 Prozent aller Menschen aus. Etwas mehr Menschen, nämlich 35 % sind konfessionslos. An einem anderen Ort oder zu einer anderen Zeit wären übrigens der Katholik Mathias Matussek oder die Atheistin Stefanie Lohaus Teil einer stigmatisierten Minderheit.

Was ich sagen will: Auch die Mehrheit ist kein monolithisches Gebilde. Sie kann aber so wirken, wenn man das will.

Das ist der Hintergrund der ARD-Themenwoche. Und nun: Glotze an. Daumen hoch, Daumen runter. Statt aber den einen längst überfälligen Schritt weiter zu gehen, bereitet uns die ARD gleich auf eine neue Gruppe von Außenseitern vor: Kinder. Kinder? Kinder.

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57 Lesermeinungen

  1. Danke - ein lesenswerter Text
    Der zentrale Satz für mich ist der zur Wut. „Die Wut der Ausgegrenzten ist etwas anderes als die Wut der Ausgrenzenden.“ Wutmanagement ist gefragt, d.h. Selbstreflektion.

  2. Einschüchterungsversuch
    Hier wird rasch und oberflãchlich jeder als intolerant bezeichnet. Misanthropisch nennt man das wohl, aber vielleicht versteht man es besser, wenn ich anthropophob dazu sage. Frau Kelle etwa mag sich zum christlichen Glauben bekennen. Sie als Radikale zu bezeichnen ist von geradezu absurder Boshaftigkeit. Als Atheist kann ich jedes ihrer Worte unterschreiben, das ich bis heute gelesen habe. Sie hãlt jedem, der die Familie für seine Ideologischen Zwecke dekunstruieren will, kühl und sachlich den Spiegel vor.

    • Sehe ich anders. Frau Kelle versteht unter Wahlfreiheit nicht Wahlfreiheit, sondern zu fördern, dass Menschen sich „freiwillig“ für ein klassisches Familienmodell entscheiden, in dem der Mann arbeitet und die Frau zu Hause bleibt. Sich für Wahlfreiheit einzusetzen, wäre, wenn man tatsächlich mal alle Maßnahmen zur Förderung bestimmter Modelle auf den Tisch packt. Denn die klassische Familien wird in Deutschland überproportional gefördert. Ich lebe in einer Familie, in der beide Elternteile arbeiten und bekomme weder Steuererleichterung, profitiere auch nicht von der kostenlosen Mitversicherung der Krankenkasse, und bekomme kein Betreuungsgeld. Wer dann noch in München lebt und 1000 Euro für einen privaten Kitaplatz aufwenden muss ist doppelt gearscht. Und ja, wer die Legionäre Christi unterstützt, ist in meinen Augen radikal.

    • Die Verschiebung von Frau Kelle ins (Rechts-)Radikale ist für Frau Lohaus als Linke nur folgerichti
      solche Verschiebungen dienten schon immer dem Zweck, zu definieren, was noch (seriös) diskutabel ist. Kurz: Frau Lohaus grenzt aus :-).

      Darüberhinaus ist Frau Kelle heutzutage natürlich eine Radikale. Seit nunmehr 40 Jahren bemühen sich zwei auf den ersten Blick vollkommen unvereinbare politische Grossgruppen, die Familie als letzten Kitt einer auseinanderstrebenden Gesellschaft auszuradieren – die Wirtschaftsliberalen und die progressive Linke. Auch dann, wenn beide Gruppen das nicht bewusst tun und sich dessen nicht einmal bewusst sein sollten. Dieser Zangenangriff war so erfolgreich, dass eine Frau Kelle öffentlich, in den sogenannten Qualitätsmedien dieser Republik, tatsächlich bereits eine Radikale darstellt. Einfach dadurch, dass sie Positionen bezieht, die sonst keine mehr öffentlich vertreten mag.

      Bleiben Sie gelassen, die Gegner von Frau Kelle (und ihrer gesellschaftlichen Position) eliminieren sich historisch einfach selbst. Reproduktionsrate Deutschland 2012: 1,35. Nettoerhalt der Bevölkerung: 2,1. Rechnete man die Familien mit Migrationshintergrund raus, wird die Zahl noch deutlich niedriger.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • Klar, das war das Ziel dieser Pointe. Wenn wir schon einzelne Gruppen von der Mehrheit abspalten, dann sollten wir das auch konsequent durchführen. Die Frage ist, warum, dass nicht passiert. Wenn ich da säße, würde ich ja auch als Feministin eingeführt, als auch als Minderheit. In diesem Land zumindest und in der Art und Weise, wie hier Feminismus definiert ist. Ich würde davon aber niemals sagen, dass Frau Kelle im politischen Sinne rechtsradikal ist, wie Sie es hier suggerieren (die Nazis waren ja bekanntermaßen Atheisten), sondern dass sie auf eine sehr konservative Art und Weise christlichen Werte vertritt, die man meines Erachtens durchaus als radikal bezeichnen kann.

  3. Liebe Frau Lohaus, uns gibt es noch!
    Ich hätte mich gefreut, wenn in ihrem Artikel auch das Wort „Raucher“ vorgekommen wäre. Diese Gruppe wird regelmäßig unterschlagen, obwohl sie einige Millionen Bürger umfasst, die jährlich unseren Bundeshaushalt stabilisieren. Vor die Tür gehen zu müssen oder aber am gesellschaftlichen Leben überhaupt nicht mehr teilhaben zu können, ist eine Ausgrenzung par excellence, wie sie seit den 30er Jahren des letzen Jahrhunderts nicht mehr vorgekommen ist!

  4. Kleine Berichtigung
    Liebe Frau Lohaus, es war natürlich ein Coming-Out, kein Outing. Gab es damals eine Debatte, die Sie sicherlich mitbekamen.
    Ach, und ja: Kinder werden diskriminiert, und zwar gehörig. Junge Eltern allgemein (also unter 25 Jahre); als Schwangere suchen Sie übrigens ewig nach einer Wohnung – zu klein, zu laut, irgendetwas ist immer. Diskriminierung gibt es ständig und überall, die ARD hat durchaus recht mit ihrem Plakat über Kinder.
    Besten Gruß

    • Vielleicht. Ich habe selbst ein Kind und erlebe das gerade erfreulicherweise ganz anders, das Kind und ich bekommen eher sehr viel Freundlichkeit und Aufmerksamkeit entgegengebracht. Außer, wenn wir mit der Deutschen Bahn fahren. Aber vielleicht liegt es auch daran, dass ich in der Großstadt in einem Viertel wohne, in dem sehr viele Menschen mit Kindern und viele mit arabischem und türkischem Migrationshintergrund leben.

  5. Grenzen der Toleranz?
    Schön, wenn die ARD eine Themenwoche zu Toleranz hat und dieser Artikel darauf eingeht. Nur warum werden nicht auch die Grenzen der Toleranz thematisiert? Ist denn eine liberale Gesellschaft, die alles und jeden toleriert wünschenswert? Geht nicht eine Zunahme der Toleranz mit der Aufgabe von Werten und Moralvorstellungen einher?

  6. Warum sich so viele über die Werbeplakate aufregen?
    Weiß ich nicht. Ich habe sie zum ersten Mal gesehen. Aber vielleicht befürchten sie, dass es sich wie bei der Diskussion um Totalinklusion von Schülern um eine bis zur Unerträglichkeit gehende Vereinfachung des Denkens handelt. Wo aus offenbarer Täuschungsabsicht immer nur Rollstuhlkinder statt wirklicher Problemfälle gezeigt werden?
    Vielleicht befürchten Sie, dass nicht vorher über den ethischen Sinn und die wichtigen Grenzen von Toleranz nachgedacht wurde? Dass nicht aus verlässlicher (!!!) Information resultierende Meinungsvielfalt und -freiheit angestrebt, sondern Meinungssteuerung bezweckt wird. Aus welchem Interesse auch immer das geschieht. Dass uns immer wieder unterschlagen wird, wie Tatsachen in verschiedenen Kontexten verschieden zu bewerten sind……………………Das Pendel der aggressiven Kampagne schießt m.E. in allen seinen Teilbereichen wieder einmal weit über die Mittellage hinaus. Korrektur wird kommen.

  7. Toleranzwoche
    Daß ausgerechnet Volker Beck sich öffentlich über eine Toleranzwoche (statt Akzeptantanz) beschwert, hat schon etwas von Chuzpe. Die vom Staatsfernsehen ARD plakatierten sogen. Minderheiten (Kinder ist lächerlich) werden doch von der veröffentlichten Meinung derart in den Vordergrund gestellt, daß sich der übrige Teil der Gesellschaft schon disskriminiert fühlt. Eine wirkliche Ausgrenzungpolitik wird von allen öffenlichen Organen mit den soge. „Rechten“ betrieben, wobei von eben dieser Öffentlichkeit bestimmt wird, wer dazuzurechnen ist. Ich enpfehle, noch einmal die FAZ_Artikel „Rechtsgenossen“ von Volker Riebe (20.11.11) und Volker Zastrw (13.9.10) zu lesen.

    • Ja, und das verstehe ich nicht. Wovor hat die Mehrheit solche Angst? Was wird Ihnen weggenommen? Gewinnen wir nicht alle, wenn wir das Stigmatisieren auf ein Minimum beschränken, weil wir im Zweifel eh auch selbst betroffen sind?

    • Stigmatisieren auf ein unvermeidbares Minimum beschränken und sehr, sehr kleine
      Minderheitengruppen das gesellschaftliche Leitbild bestimmen lassen, sind zwei völlig verschiedene Dinge.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

  8. Toleranz als humaner Zweck. Humanes Zusammenlebens auf Basis Vernunft.
    Toleranz als „zweckentfremdetes“ Argument kann auch unvernünftiges handeln zu bewirken…
    drum prüfe wieviel Toleranz für welchen Zweck notwendig, Not-wendend, ist und wann
    wieviel Toleranz Not bringend wird…zum Gegenteil führt…sowohl/für den Toleranz-Forderer (Nehmer)
    als auch für den Toleranz-Geber. Humane Vernunft sollte den Grad der Toleranz bestimmen,
    für jeden Zweck.

  9. Die Tatsachen sind mir bekannt....
    bitte verwirren sie mich nicht mit Ihren Meinungen…
    Und nu ?

  10. "Mehrheitsgesellschaft"
    Der Begriff „Mehrheitsgesellschaft“ stammt aus dem Vielvölkerstaat Türkei. In Deutschland spricht man ganz einfach von der „Gesellschaft“. Der Begriff „Gesellschaft“ schließt alle Menschen ein, während der Begriff „Mehrheitsgesellschaft“ eine künstliche Barriere zwischen einer Mehrheit und lauter Minderheiten schafft. Der angebliche Ausschluss von Minderheiten aus der „Mehrheitsgesellschaft“ wird dann politisch instrumentalisiert. Gewöhnen Sie sich den Begriff ab, denn er spaltet unsere Gesellschaft.

    • Interessant, haben Sie dazu Literatur? Es geht ja hier genau darum, dass es diese Mehrheitsgesellschaft nicht gibt. Goffman spricht im Übrigen immer von den „Normalen“.

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