Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Gemeinsam statt einsam

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© Zaha Hadid Architects, Foto: Luke HayesEvelyn Grace Academy by Zaha Hadid Architects

Bei Architektur geht es unterm Strich ums Wohlfühlen: Darum, eine für alle Lebensbereiche angenehmen Umgebung zu schaffen, ein Umfeld, das erhebend, begeisternd und inspirierend ist. Architektur vermag es, Lebensfreude und Optimismus zu transportieren und gleichzeitig Zusammengehörigkeiten zu schaffen und Zukunft zu gestalten. Ökologische Nachhaltigkeit und die zunehmende soziale Segregation und Ungleichheit sind die zentralen Herausforderungen unserer Generation – und genau dafür bietet eine Architektur der Inklusivität Lösungen.

Unser heutiges Leben hat derart an Komplexität und Dynamik zugenommen, dass eine Eins-zu-Eins-Übertragung auf die orthogonalen Raster und Blöcke der Architektur des 20. Jahrhunderts einer Henry-Ford-Ära unmöglich ist. Es ist notwendig, diese Architektur, die geprägt ist von Teilung und Vereinzelung, hinter sich zu lassen, um sich der Architektur des 21. Jahrhunderts zuzuwenden, die auf die Fülle, Komplexität und Dichte unserer heutigen Zeit antwortet.

Innsbruck, Hungerburgbahn© picture allianceInnsbruck, Hungerburgbahn

Mehr als 50% der kontinuierlich wachsenden Weltbevölkerung lebt heute in Städten – mit steigender Tendenz. Unsere Städte sind über die Zeit immer vielfältiger geworden, sie sind ein Zuhause für Menschen unterschiedlicher Kulturen, Erfahrungen und Einflüsse. Für Architekten ist der Auftraggeber nicht länger eine einzelne Person oder ein bestimmter Typ Mensch, es ist jedermann. Diese Entwicklung ist aufregend und hat zum Reichtum öffentlichen Raums beigetragen.

In der Tat sollte jedes Gebäude eine gemeinschaftliche Komponente besitzen. Selbst ein rein kommerzielles Hochhaus sollte ein Angebot an die Bürger machen – einen öffentlichen Raum schaffen, in dem Menschen interagieren und den sie auf ihre eigene Art und Weise nutzen können. Entwicklern sowohl im privaten als auch im öffentlichen Sektor ist es dringend geraten, in diesen öffentlichen Raum zu investieren. Sie sind essentieller Bestandteil eines lebendigen urbanen Lebens und Stadtraums – sie vereinen die Stadt und verweben unterschiedliche urbane Strukturen miteinander. Ob es sich dabei nun um eine Kunsthalle, eine Oper oder eine Ballettschule, ein Sportzentrum oder einen öffentlichen Park handelt, ihre kulturelle und gesellschaftliche Bedeutung macht sie zugänglich für jeden – und eliminiert damit die Segregation und Vereinzelungen unserer Städte.

Beijing Galaxy Soho© picture allianceBeijing Galaxy Soho

In den letzten Jahren haben sich viele Städte auf der Welt zu privaten und umzäunten Arealen entwickelt. Wir als Architekten müssen darauf reagieren. Jahrzehntelang haben wir uns bemüht, unsere Städte zu befreien, sie zu öffnen, sie durchlässiger und zugänglicher zu machen. Wenn nun überall Gated Communities wie Mini-Kremls in den Städten entstehen, so ist das ein riesiger Schritt zurück und zudem eine archaische Lebensform.

Aufgabe von Architektur ist es, die Räume, in denen Menschen leben, arbeiten oder zur Schule gehen so zu gestalten, dass die Bewohner sich wohlfühlen – Lebensstandards zu erhöhen ist die Aufgabe von uns Architekten. Ein Zuhause zu haben ist essentiell – nicht nur als Dach über dem Kopf und vier Wände drum herum, sondern als Ort des Geborgenseins und eines erfüllten Lebens. Es gibt genug Wohlstand auf der ganzen Welt, der es ermöglichen könnte, allen Menschen ein gutes Zuhause zu bieten – nicht allein den Wohlhabenden. Sozialbauten, Schulen, Krankenhäuser und andere lebensnotwendige Infrastrukturen beruhten immer auf einem Konzept der Minimalexistenz – das muss heute nicht mehr so sein. Architekten besitzen alle Fähigkeiten und Werkzeuge, genau diese kritischen Punkte in Angriff zu nehmen. Tatsächlich bemühen sich weltweit viele um die Lösung dieser Probleme.

Heydar Aliyev Kulturzentrum in Baku, Entwurfszeichnung© EUO NARCH NOSALESHeydar Aliyev Kulturzentrum in Baku, Entwurfszeichnung

Architektur kann sinnvoll bei der Reorganisation von Lebensmodellen helfen und darauf abzielen, dass jeder zu einer ökologischeren und sozial nachhaltigeren Gesellschaft beitragen kann. Enorme Fortschritte in der Designtechnologie erlauben es Architekten, Form und Raum ganz neu zu denken, indem sie neue Konstruktionsmethoden und Materialien verwenden, die beständig weiterentwickelt werden: architektonisch anspruchsvolle Fassaden, die fast jede Form annehmen und gleichzeitig strukturelle, wetterfeste und dämmende Eigenschaften in einer einzigen Schicht bieten, können heutzutage leicht hergestellt und überall gebaut werden. 3D-Printing ist nur eine von unzähligen Möglichkeiten in der Bauindustrie.

Heute ist es uns möglich, Gebäude zu schaffen, die das individuelle Lebensumfeld optimieren und sich an die Bedürfnisse ihrer Bewohner und den sich verändernden klimatischen Bedingungen jederzeit anpassen. Außerdem erproben wir neue Materialien, Designtechniken und Konstruktionsmethoden, die signifikanten ökologischen Nutzen bringen. Bringt man nun diese Innovationscluster zusammen – die Nachhaltigkeit und die Anwendbarkeit unterschiedlicher Materialien – so bieten sich neue bedeutende Lösungen für dringende ökologische Herausforderungen.

Beijing Galaxy Soho© picture allianceBeijing Galaxy Soho

Unsere Aufgabe als Architekten ist es, diese Entwicklung fortzuführen. Wir müssen diese neuen Konzepte von Zugänglichkeit und Integration mit den unglaublichen Fortschritten im Bereich ökologischer Baustoffe und Konstruktionsmethoden verbinden.  Wir müssen aufhören, auf die scheinbar unvereinbaren Teile zu schauen und endlich anfangen, sie als Ganzes zu begreifen und zusammenzuarbeiten, um ganzheitliche Gemeinschaften zu schaffen, die eine Lösung unserer heutigen ökologischen und gesellschaftlichen Probleme darstellen. Nur mit Hilfe einer Architektur der Inklusivität können wir es schaffen, eine wirklich nachhaltige Gesellschaft zu schaffen.

(Übersetzung aus dem Englischen: Bettina Springer)

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20 Lesermeinungen

  1. Eine Runde politisch korrekte Illusionen ...
    Segregation geschieht, weil Menschen sich gruppenweise für unzumutbar halten (nicht immer zu Unrecht), durch verbesserten Finanzen folgende Wohnungssuche oder durch den Zuzug von Neuankömmlingen in diesen vertraut erscheinende Gruppen. Nichts davon kann Politik oder Architektur wirklich beeinflussen.

    Gated Communities dagegen sind das sichtbare Scheitern von Politik. Sie bedeuten, dass Menschen sich in der Öffentlichkeit so bedroht fühlen, dass sie sich freiwillig selber einsperren und sich von privat angeheurten Sicherheitskräften bewachen lassen. Staaten, in denen Gated Communities wachsen, scheitern gerade öffentlich. In mehreren Politikfeldern gleichzeitig, wobei die Innere Sicherheit das schwerwiegendste Scheitern darstellt – Menschen akzeptieren Staaten und deren Anspruch auf Gewaltmonopol nur, wenn diese Staaten innere wie äussere Sicherheit gewährleisten. Vor allem anderen, was Menschen sonst so wichtig ist! Und wieder nichts, absolut nichts, was Architektur hier tun könnte.

    „Nice to have“ ist die freundlichste Kennzeichnung der hier begründeten Forderungen an Architektur. Stimmt alles andere, kann sie einen kleinen Zusatzbeitrag leisten. Stimmt wenig oder nichts, ist Architektur vollkommen egal.

    Gemeinschaft, das Gefühl existentiell wichtiger Gemeinsamkeit und gegenseitiger Verantwortungsübernahme, lässt sich auch duch die besten baulichen Strukturen nicht erzeugen. Eine Architektur der Inklusivität kann es nicht geben.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

  2. In Form einer Polemik - Liebe Frau Zaha Hadid, seid Jahrzehnten schon bemühen Sie sich mit wunder-
    barem Erfolg sich selbst auszudrücken, erfolgreich einen eigenen Lebensentwurf zu haben und darüber hinaus die Welt mit einzigartigen Bauten zu bereichern. Diese Zeit der Menschheitsgeschichte ist aber mehr vermutlich. Die Welt ist bereits „wie vollgebaut mit strukturalem Müll“ und gebauten Gedanken. Aber auch der einzigartigste Gedanke wäre banal, sobald er zwischen Menschen ausgesprochen; dankenswerterweise liegt das in unserer Natur. Mit gebauten Gedanken ist es daher nicht anders.

    Ihr politischer Mut zu diesem Apell der Inklusion ist bewundernswert, gleichzeitig weist er aber auch wohl die mögliche Richtung eines kommenden Mainstream – und war daher mehr notwendig, als mutig.

    Junge Leute designen heute anderes als Hochbauten und Skulpturen, z.b. noch viel verderblichere und schneller vergängliche Entwürfe für die und in den elektronischen Medien, das ist nicht nur ihr gutes Recht. Wir sollten uns darüber mitfreuen. Gleichzeitig bürden die gebauten Skulpturen der letzten 2-3 Generationen von Hochbauarchikteten den nachfolgenden Generationen große Lasten ungefragt auf. Schließlich gäbe es auch ein Recht, als junger Mensch von einem weißen Stück Papier aus starten zu dürfen, nicht erst ewigen Dank dem bereits Vorfindlichen leisten zu müssen. Wie wohl viele Hochbaudesigner in ihren Büros auch sehr viele talentierte junge Leute haben, die ihren Weg in diesem Beruf machen werden.

    Trotzdem erscheinen die Möglichkeiten der Formensprachenvielfalt für den Menschen in Hochbau, Möbelentwurf, Museums-, Theaterinnenraumgestaltung oder Bühnenbildmöglichkeiten im Moment aus- oder fast schon wie zur Neige getrunken.

    Daher erwarteten wir Ihren Rückgriff auf die Zuwendung zum Menschen – denn nichts anderes versammelte sich hinter dem Schlagwort von der Jnklusion? – bereits seid ein paar Jahren. Denn er war überfällig.

    Zu lange schon wurden die im Grunde menschenfeindlichen Kosten postmodern-skulpturalen Bauens kritisiert, Zweck oder Arbeitstelle in einer solchen Skultur schienen als bezogene Größe, in Quotienten gedacht, schon länger sich asymptotisch einer grundsätzlich in Frage stellenden Schranke anzunähern. Und in der Tat könnte ein den-Menschen-wieder-mehr-ganzheitlich-in-den-Mittelpunkt-stellen die eine Möglichkeit sein, diese Grenze kreativ und lebendig in Richtung Zukunft zu durchbrechen.

    Zum Glück für uns alle sind sie eine Frau, stellen also Fragen, Zweifel und Anregungen dankenswerterweise in den öffentlichen Raum, sich und uns alle zu bereichern. Kein Wunder, dass Sie es sind. Kein Wunder auch, dass viele Männer es nicht wären?

    Auch uns erschienen daher vor dem „quasi-genialischen inneren Auge des Kreativen“ sofort zwei bis drei mögliche Lösungsbeiträge:

    1. „Design goes favela – favela goes design“ – die Hereinnahme spießbügerlicher Mittelschichten wäre als künstlerisch vermutlich unproduktiver Zwischenschritt direkt zu verwerfen. & dazu würden sich Hadid & Team Fotos von vielen Favelas dieser Welt als Totale, aus der Totalen anschauen, sodann in eine eigene Formensprache übersetzen – & dann entsprechende Ensembles rund um zukünftige Bauten gleich mitzuplanen, dialogisch die notwenige positive Totaliät ganzheitlicher Wahrnehmung zu fördern, wieder herzustellen. Sicher für manche sicherlich durchaus provkanter Weise. Das aber wäre ja die inzwischen längst verlorengegangene Aufgabe?

    2. sich in evtl. größtmöglichem Maße der Altersinronie vorbilich zuzuwenden. Sie sind alt. Und andere wären und werden es inzwischen längst es auch. Es gälte damit umzugehen. Also zumindest für eine vielleicht noch überschaubaren Zeitraum bis zum eigenen Lebensalter 80+.

    Und dazu würde eben auch gehören, soweit noch nicht erfolgt, zukünftige Bauten a. nach dem Prinzip Punkt 1 zu planen, aber auch, evtl. mehr als noch bisherher das spielerisch-ironische Selbstzitat zukünftig ins Zentrum zu stellen. Seht, das habe ich schon mit 35 oder 45 auch mal gemacht. sicherlich sowieso ein ewiger künstlerischer Prozess, aber man könnte ihn noch postmodern-plakativer institutionalisieren, als Anspruch auch formulieren, vorbildlich fürs eigene Alter?

    3. Öffentlichmachung der inneren Anstrengung. Zwischen den 3 ewigen Polen: Rückzug-Totalverzicht, Überwindung dessen durch bis auf weiteres gesteigertes sich-abringen von noch größerer Schaffenskraft, Umschwenk auf Lehre, Gewinnung von noch mehr Proselyten, Planung oder Nicht-Planung des eigenen Mausoleums im ganz eigenen Stil, das alles bisherige überträfe – oder das genaue Gegenteil davon. Frau hätte das alles nicht nötig? Aber was dann? Zumindest wohl also öffentliche Ehrlichkeit in Vorbildfunktion – über die mögliche, evtl. täglich neu gewählte, persönliche Balance zwischen diesen dreien (und noch anderen?)

    4. Desweiteren gäbe es noch diese vierte Möglichkeit – durchaus nicht frei von banalen Inhalten und Fehlermöglichkeiten – nämlich im kommenden Alter bewusst noch vergänglicher zu bauen, wieder „mehr Gebäude mit Halbwertszeit“ zu verwirklichen, zu fordern?

    Der Generation@ die Pflege all dieser Gebäude und gebauten Skulpturen der letzten, sagen wir 100+ Jahre anzuvertrauen, und sie auch immer daran erziehen & bilden zu wollen, weil sie – Vorteil!, ja auch dessen bedürftig wären & blieben? – grenzte bald schon an Überforderung. Fast hätten die ja kaum mehr Aufgaben, als ein Leben lang, ihr eigenes Leben lang, ja immer nur genug Bruttosozialprodukt heranzuschaffen, um damit an den Bauten anderer Götzendienst zu leisten?

    Von daher könnte 5. auch ein Projekt „Designer bringen global Spendenmilliarden auf zwecks Erhaltung“ mit zum Kanon gehören – aktiv zu zeigen, das man nicht nur um die Problematik wüsste, sondern auch aktiv würde.

    6. könnten Sie ein Zaha Hadid-Gebäude heute schon bennen, wo ab nächsten Jahr jeder Zugang eingestellt würde, jede Pflege, jedes Kümmern unterbliebe, schon damit auch Sie der eigenen Ve

  3. In Form einer Polemik II
    7. Thomas Mann hat mit Wirkung für den Deutschen Sprach- und Kulturraum – also für diesen vermutlich zuerst – wie bekannt ein persönliches und literarisches Tagebuch geführt. Und dieses erst kurz vor seinem tode zu einem vorläufigen Abschluss gebaracht.

    U.a. auch dadurch, dass er seine Tagebücher in Form eines Stapel in ganz gewöhnliches braunes Packpapier einschlug – und dann auf den Umschlag schrieb „zu Öffnen nicht vor 25 Jahre nach meinem Tode“ – und dann wohl irgendwannn später die „25“ durchstrich und eine „20“ daraus machte.

    Aber soviel Vertrauen in die Zeit – und die Schwerkraft, auf das Beharrungsvermögens seines Werkes also, hatte er wohl immerhin.

    Und auch wir warteten immer noch auf den Hochbauarchitekten, der gleiches vollzöge: In den nächsten Jahren ein – sehr wohl inklusionsmässig-ganzheitliches Bauen – auch mit abschließen – und dann zunächst zu verhüllen, nicht öffentlich, nicht begehbar, nicht nutzbar zu machen, allen höheren finanziellen Erwägungen entzogen auch

    (Der Gedanke an eine Verhüllung á la Christo läge nahe, und müsste aber doch sofort wg. erkennbarer Banalität verworfen werden?)

    Ein Gebäude welches, sprechen wir die realative Ungeheuerlihkeit doch gleich aus, also erst 20 oder 25 Jahre nach Zaha Hadids Tod seiner öffentlichen Bestimmung übergeben werden würde?

    Und wäre dann schon sofort banal & überholt, ein läppisches, eins von gestern, ein „naja“ – oder hochaktueller, lebendiger Künder von Jetzt und Zukunft?

    Und die Designer der 1960ger wären bei Thema „gebaute Skulptur des öffentlichen Raums plus Inklusion“ – sicherlich recht bald darauf gekommen, das in „minimalistisch-preiswerte Einheitsdesign-Container für jedermann mit Möglichkeit zu serieller Fertigung“ umzusetzen. Kostengünstig abzugeben „an all die Kindergärten in den Favelas dieser Welt“. Und sicherlich mit designerischem Bezug in der Formensprache und überhaupt zum Besten des Gebauten in den Haupt- und Überzentren dieser Welt.

    Und wenn der Spitze der Cheops-Pyramide beim weiteren Betrachten das Himmels über ihr auch beim besten Willen nichts Neues mehr für sich selbst einfiele, dann schaute sie zur Abwechslung halt auch einmal wieder nach unten.

  4. Willkommen im flotten Gefängnis
    Der Begriff leitet sich ab vom lateinischen Verb includere (beinhalten, einschließen, einsperren, umzingeln). (…) Gegner der Inklusion argumentieren, dass Inklusion keine Methode sei, sondern eine Ideologie, in dem nicht unbedingt das Glück und die Lern-Entwicklung aller (…) im Mittelpunkt stehe, sondern das bzw. die der Gesellschaft und der Politik.

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  6. Wo es doch nur deren Preis verteuerte!
    An dem zu vermutenden Schicksal der Inklusion, die ja schon längst nicht mehr eine nur um die Beschulung ist, wird sich zeigen, woran nicht nur dieses Projekt krankt. Solange Bildung als Möglichkeit eines sozialen Aufstieges verkauft wird, muss sie exklusiv bleiben. Bildung ist ein Handelsgut, eine Ware, bzw. „soziales Kapital“, wie Bourdieu uns klarmacht. Die Klassengesellschaft erscheint vor diesem Hintergrund nicht mehr nur als ökonomische Notwendigkeit einer bestimmten Wirtschaftsweise, jener Wirtschaftsweise, in der der Produzent vom Konsument ebenso getrennt ist wie der Eigentümer vom Lohnarbeiter, sondern als sozialer Wille ihrer Subjekte. Dass diese Subjekte einen ihnen verborgenen „Vertrag“ abgeschlossen haben, einen von der „unsichtbaren Hand“ gesteuerten, will so als von menschengemacht erscheinen, als bewusste Handlung derselbigen. Und diese Handlung will dem Individuum eingeschrieben sein, jenem Subjekt, dem in der bürgerlichen Verfassung sogar ein „Recht auf Glück“ versprochen wird. Dass dieses Glücksstreben auf Vereinzelung hinausläuft, das wissen nur die Psychotherapeuten. Dass ausgerechnet das Wesen, das die Welt sich untertan gemacht haben will, sich in seinem eigenen Habitat einsperrt, mag ein Thema für die Philosophie sein. Und ich hab’s irgendwo auch mal so beschrieben, nämlich, dass wir, beginnend mit unseren PKWS auf dem Weg zum Büro bis hin zu unseren städtischen Appartements via Heimreise von dort und Zwischenstopp in irgendwelchen Supermärkten, uns doch immer nur innerhalb geschlossener Räume „bewegen“. Zielsicher gesteuert von den anonymen Kräften des Marktes wie den Phantasmen des eigenen bürgerlichen Subjektseins. Was das bedeutet, bzw. wohin das notwendigerweise hinführt, können wir uns nicht einmal mehr dann vorstellen, wenn diese anonymen Kräfte dann doch plötzlich einen Namen erhalten: PRISM, zum Beispiel. Sind wir doch längst alle PRISM (http://blog.herold-binsack.eu/2013/07/wir-alle-sind-prism_02/)
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    Und der somit jetzt schon als gescheitert zu beurteilenden Inklusion (der Philosoph Precht sagte kürzlich: „Der, der die Inklusion wolle, müsste ein anderes Schulsystem haben wollen; und ich ergänze: Wer ein anderes Schulsystem haben will, muss eine andere Gesellschaft haben wollen!), wird die „Inklusivität“ auf den Fuß folgen.
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    Auf Ihre Frage somit antwortend, sage ich daher: Der Kapitalismus ist eine sog. ökonomische Gesellschaftsformation. Diesbezüglich hatte er wohl auch eine gewisse historische Berechtigung, und zwar in etwa so wie die Erfindung des Amerikanischen Journals für die Buchhaltung kleinerer Unternehmungen. Doch schon die ökologische Herausforderung scheint diese ökonomische Gesellschaft nicht wirklich zu bewältigen (heute lesen wir in dieser Zeitung, dass gewisse Aspekte der Klimaerwärmung nicht mehr zurück zu führen seien!). Und was die Architektur daher anbelangt, nun ja, deren blinde Anpassung an die so selbstsicher proklamierten ökologischen Attribute (welche ja in Wirklichkeit nur die Gewinninteressen kaschieren), halte ich persönlich für eine Fehlorientierung, trotz nicht weniger sinnvolle Projekte hier und dort (bei „dort“ denke ich an gewisse energieneutrale Projekte in den Emiraten zum Beispiel). Doch die Architektur „hier“ müsste wohl eher den Mut haben, nochmals reichlich Energie zu verschwenden, um mitzuhelfen, den Kapitalismus, als den ganz großen Verschwender, das kapitalistische Denken, dessen Krämerdenken, zu überwinden. Auch wenn die Langhäuser aus der Frühgeschichte der Menschheit, allein schon aus Platzgründen kein Vorbild mehr sein können (interessanter sind da eher schon die Hochbauten im Jemen), so kann ich mir persönlich doch nicht vorstellen, wie der kreative Überschuss entstanden sein soll, der den Menschen aus dem Dunkel dieser Räume und dieser Zeit in das Zeitalter von Licht mit quasi Lichtgeschwindigkeit (gemessen an den Zeiten von Selektion und Mutation) geschleudert haben soll.
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    Jede Gesellschaftsformation seit dieser Zeit, welche ja bis dato eine ökonomische war, profitierte hiervon. Und der Kapitalismus tut das in besonderem Maße. Er vermarktet frech die Kreativität, die sich eigentlich gegen solche Gesellschaftsordnungen und deren gemeinsamen Geist, nämlich ob deren Klassenprivilegien, behauptet (nämlich in den Hinterhöfen und in den Winkeln seiner Paläste) als ureigenes Erfolgsmodell. So als wäre der Kapitalismus schon zur Zeit der Erfindung des Höhlengleichnis‘ durch Platon auf der Welt gewesen. Doch weniger die Produktion als die Aneignung ist dessen ureigenes Erfolgsgeheimnis. Er eignet sich an, was er selber nicht geschaffen hat. Ja mehr noch: es ist ihm daran gelegen, diese Triebkräfte und Ursprünge eben dieser Entwicklung zusätzlich zu verdunkeln. Warum also sollte aus dieser Gesellschaft heraus eine Architektur begünstigt werden, die die Exklusivität von Palästen in Frage stellt? Warum sollte diese Gesellschaft die Hinterhöfe aufwerten? Wo das doch nur deren Preis verteuerte!

    • Korrektur
      Der letzte Satz im 3. Absatz muss lauten: Auch wenn die Langhäuser aus der Frühgeschichte der Menschheit, allein schon aus Platzgründen kein Vorbild mehr sein können (interessanter sind da eher schon die Hochbauten im Jemen), so kann ich mir persönlich doch nicht vorstellen, wie der kreative Überschuss anders entstanden sein soll, der den Menschen ja aus dem Dunkel dieser Räume und dieser Zeit in das Zeitalter von Licht mit quasi Lichtgeschwindigkeit (gemessen an den Zeiten von Selektion und Mutation) geschleudert hat

  7. Anspruch und Wirklichkeit
    Sollten zusammenpassen.

    Erinnert sich jemand an die damals existierende Betriebsfeuerwehr von Vitra in Weil am Rhein?

    Für sie sollte von Frau Hadid ein Betriebsgebäude errichtet werden. Das Ergebnis: viel gepriesen und ausgezeichnet von der „Fachwelt“ hat es zur Abschaffung derselben geführt. Die Feuerwehrmänner fanden den Esstisch aus Beton kalt und abweisend und sie wollten die verglasten Toilettenkabinen auch nicht nutzen, die freie Sicht aufs „Geschäft“ versprachen….Das Gebäude hat für den Zweck nicht gepasst, es hat nicht funktioniert und es wurde von den Nutzern abgelehnt.

    Who care’s?

    Am Museum in Wolfsburg geht man vielleicht die ersten 10 Meter gerne am tristen grauen Beton vorbei aber nach 20, 50 oder 100 Metern wird es einem Menschen zu viel. Das ist keine für den Menschen gemachte Architektur. Die Architektur von Zaha Hadid ist weder nachhaltig noch ist sie „ökologisch“. Sie ist Ausdruck einer narzistisch gestörten Persönlichkeit, die sich gut ins Rampenlicht zu setzen vermag. Damit ist sie erfolgreich und beglückt die Welt mit ihren Monostrukturen, damit die Menschen am Genisu Loci auch wissen, wo sie sind: in Zahas World. Zuhause fühlen sich da aber die wenigsten und von den wenigen sind die meisten Zaha-Gläubige Architekten.

    Dazu war sie früh, also schon immer berufen.

    • Lieber Mocaer,
      auch wenn ich der absoluten Überzeugung bin, dass Sie sich in ihrem Kommentar im Ton vergriffen haben, möchte ich es doch nicht lassen, darauf zu antworten. Ist es nicht interessant, wie sehr Architektur provozieren und polarisieren kann? Da sie uns eben so nah ist und nah geht, ist es doch – gerade von einer solchen Persönlichkeit wie Zaha Hadid und einer Architektin von so hohem Stand allemal – umso begrüßenswerter, dass hier ein Umdenken gefordert wird. Gerade den äußerst medienwirksamen Starachitekten, in deren Projekte nicht nur viel Geld fließt sondern die regelmäßig auch städtebaulich prominente und für die lokale Identität wichtige Orte transformieren, kommt hier eine besondere Verantwortung zu. Auf Worte sollten natürlich (noch mehr) Taten folgen!
      Bester Gruß,
      B. Springer

    • Über den Ton kann man reden ...
      Aber die Argumente sind stichhaltig: Hadid macht Bauherren-Profilierungs-Architektur. Diese Gebäude schreien nach Aufmerksamkeit auf einer Ebene, die sie mit Bandenwerbung gemein macht.
      Wenn dann das Trendwort Inklusion eingestreut wird, von jemandem, der Exklusionsarchitektur erstellt, dann geht es eben nicht um Nachhaltigkeit oder Gemeinsamkeit, sondern um das setzen der nächsten Duftmarke zum eigenen Vorteil. Und darum geht es auch Hadid’s Kundschaft.

  8. Ein Briefbeschwerer
    ist noch kein Univeral Design!

  9. Verzeihung
    wollte „Universal“ schreiben!

  10. Pingback: Wo es doch nur deren Preis verteuerte!

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