Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Das Loch im Spaß

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Vor ganz realen Tätern retten uns bisweilen nur ganz erfundene Vampirjägerinnen

Buffy in Aktion© Picture Alliance/DPABuffy in Aktion

So etwas passiert mir doch nicht. Habe ich mir gedacht. Und dann ist es doch passiert. Ich. Damals. 10 vor 9. Aber von vorn.

Ich stehe in einer Bar mitten in München und schaue mit ein paar Freunden das Konzert der vortrefflichen Wiener Songwriterin Violetta Parisini an. Alles ganz harmlos bis dahin. Ein Typ steht neben mir. Er versucht, mit mir ins Gespräch zu kommen. Aber ich möchte Musik hören und nicht sprechen. Mein Glas mit billigem Schaumwein steht recht achtlos zwischen ihm und mir auf einem Tischchen. Ich lasse es kurz allein, als ich aufs Klo muss. Kurz vor Konzertende trinke ich es aus – und merke kurz darauf, dass der Spaß nun ein Loch hat, in das ich falle. Ich kann plötzlich kaum mehr sprechen, geschweige denn meinen Blick halten. Meine Freunde bringen mich erst an die Luft, dann in ein neongrelles Dönerlokal … Ich erinnere mich nur noch daran, dass ich dort sehr laut bin und mit Essen herumschmeiße. Und an das Gesicht von Peter Alexander erinnere ich mich. Er war gerade gestorben. Unter dem Dönerteller lag eine Zeitung mit seinem Foto.

Der Abend endete dann etwa zwei Stunden später: Ich hatte mich in einem benachbarten Technoschuppen fünf Mal erbrochen und konnte meine Beine nicht mehr bewegen. Sie knickten unter mir weg wie Gummischlangen. Ich hatte sehr große Angst, schämte mich und weinte. Ein Freund, dem ich bis heute dankbar bin, blieb die ganze Nacht an meinem Bett sitzen.

Der nächste Morgen: das Glas, denke ich. Der Typ in der Bar hat mir etwas in mein Glas geschmissen. Liquid Ecstasy. Ich dachte, das gibt es nur auf RTL oder in der BILD. So ist es also, wenn man wehrlos ist, sage ich zu dem Freund, der Nachtwache bei mir geschoben hatte: Was wäre eigentlich passiert, wenn ich allein in der Bar gewesen wäre?

An diese grauenvolle Nacht musste ich unlängst wieder denken, als der sogenannte Pick-Up Artist Julien Blanc und seine Firma „Real Social Dynamics“ durch die Presse geisterte. Ein echtes Herzchen, dieser Blanc: Damit prahlen, dass man Frauen rund um den Globus zum Würgen bringt, weil man ihnen seinen gottverdammten Penis in den Mund rammt. Aber der Mann verdient damit anscheinend recht ordentlich und nach der ollen Regel „Bad news are good news“ kann er sich über die Einreiseverbote nach Großbritannien, Australien und Brasilien und über die 50 Anti-Blanc-Demonstranten am Alexanderplatz freuen. „The moste hated man in the world“, titelte das TIME-Magazine – immerhin behauptete Blanc Mitte November bei CNN „extremely sorry“ zu sein. So oder so: Blanc als bemitleidenswerter Einzelheinz macht mir ohnehin keine Angst. Was mich aber tatsächlich verunsichert sind die zig Klemmis, die bereit sind Tausende von Dollar für Blancs DVDs und „Seminare“ auszugeben, damit auch sie endlich mal eine bzw. mehrere Frauen ins Bett kriegen. Und zwar auch gegen deren Willen. Einmal Alphatier sein wollen – ein Trauerspiel.

Angesichts der „Real Social Dynamics“-DVD-Pakete, mit denen sich Mister Blanc eine goldene Nase verdient, möchte ich – gerade jetzt zur Weihnachtszeit – einen Shopping-Gegenangriff loswerden: die Gesamtausgabe aller acht Staffeln „Buffy the Vampire Slayer“. Kostet jetzt, elf Jahre nach der Ausstrahlung der letzten Folge, nen Appel und ein Ei und man holt sich nicht nur die beste Vampir-Serie aller Zeiten ins Haus, sondern auch ein Mädchen, das hilft, rettet, beschützt – und am Ende ihre Superheldenkräfte mit anderen „Potential Slayerettes“ teilt um das Big Evil in den Griff zu kriegen. Ein feministisches Manifest des fabelhaften Joss Whedon. Er hatte einfach genug davon, dass die hübsche Blonde immer die Erste ist, die in Horrorfilmen dran glauben muss. Er wollte, dass die süße Maus zurückschlägt.

Erst gestern habe ich mir den Buffy-Pilot-Kinofilm von 1992 angeschaut – ein sensationeller Bockmist, der definitiv die Goldene Himbeere verdient hätte: allein für die absurd schlecht geschminkten Vampire. Als überzeugte (Sarah Michelle) Gellaristin habe ich mich lange davor gedrückt Kristie Swanson auf Patrouille über den Friedhof zu begleiten. Aber die Sehnsucht trieb mich zum Erwerb dieses Frühwerks von Joss Whedon ( … und immerhin hat Luke Perry mitgespielt, ja genau der). Aber so madig dieses Frühwerk auch en détail sein mag: Das Buffy-Fieber hat mich erneut erwischt und mich an meinen geheimen Teenie-Weihnachtswunschzettel erinnert, den ich hiermit öffentlich mache:

  1. Ich hätte gern ein Pony, das sprechen und fliegen kann.
  2. Ich würde gern mit Ferris einen Tag blaumachen.
  3. Ich hätte gern das Barbie-Haus in groß, selbst wenn ich damit zur Gentrifizierung meines Stadtviertels beitrage.
  4. Ich würde auch gern mit Flickflack-Anlauf in neonfarbenem Spandex jedem Bösewicht eins auf die Nase geben können und so nie wieder Angst im Dunkeln haben müssen.

Buffys Superheldenkräfte wollte ich schon haben, als ich mir die Serie als Gymnasiastin in der mittelmäßigen deutschen Übersetzung im Fernsehen angeschaut habe. Ich wollte sie haben, als ich alle Staffeln als End-Zwanzigjährige auf langen Dienstreisen gesehen habe (und sowohl auf der Rückbank im Auto als auch im ICE-Großraumabteil geheult habe). Und Buffys Superheldenkräfte wünsche ich mir auch heute, um meinen Alltag als Working Mum besser bewältigen zu können. Aber wo kann man sich diese Superheldenkräfte besorgen? Von Zaubertränken habe ich seit dem Drogen-Prosecco-Abend für dieses Leben genug. Und vermutlich würde ich auch nicht adäquat reagieren, würde ein mysteriöser alter Mann auftauchen und verkünden, dass ich „die Auserwählte“ sei.

Carolin Matzko in Aktion© Gerald von ForisCarolin Matzko in Aktion

Wenn ich mir allerdings meinen Kalender oder den meiner Freundinnen angucke – jeder Tag ein virtuoser Pas de deux aus familiären Verpflichtungen und Maloche -, denke ich manchmal, vielleicht haben wir alle ja schon Superheldenkräfte. Wir müssen es nur sehen wollen. Doch davon mal abgesehen ärgere ich mich über mich selbst. Trotz meiner frühkindliche Aktenzeichen XY-Traumatisierung habe ich nicht einen ganz klassischen Selbstverteidigungskurs besucht, sondern mir lange nur einen Typen an meiner Seite gewünscht, schließlich wurden wir von Serien wie TKKG genau in dieser Richtung erzogen.

Zum Grande Finale von „Buffy the Vampire Slayer“ (die Serie, nicht der Luke-Perry-Seitensprung) kämpft Buffy mit den Slayerettes an ihrer Seite gegen eine wahre Armada von blutrünstigen Vampiren. Seit ich von den Seminaren eines Julien Blancs weiß, träume ich von Heerscharen notgeiler Pick-Up Artists, die sich geifernd auf mich und meine Freundinnen stürzen. In solchen Fällen kann Gewalt eine Lösung sein. Ich möchte hiermit meinen Weihnachtswunschzettel erneuern:

  1. Ich hätte gern ein Pony, das sprechen und fliegen kann und im Falle einer körperlichen Auseinandersetzung cool bleibt.
  2. Ich würde gern mit Ferris einen Tag blaumachen –  vielleicht auch ohne Prosecco.
  3. Barbie soll abhauen.
  4. Ich würde gern mit Flickflack-Anlauf und in neonfarbenem Spandex jedem Bösewicht eins auf die Nase geben können und nie wieder Angst im Dunkeln haben müssen.
  5. Ich möchte, dass Selbstverteidigung zum Pflichtfach in der Schule wird und jedes Mädchen (egal welchen Alters) dieses Jahr die Gesamtausgabe „Buffy the Vampire Slayer“ unter dem Weihnachtsbaum liegen hat.
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6 Lesermeinungen

  1. Das mit der Selbstverteidigung ist eine richtig gute Idee. Haut sie!
    Nur könnte das leider wenig nützen. Eine Zusammenfassung dessen, was unabhängig voneinander eine Kampftrainerin und ein Polizeiausbilder mir zu dem Thema sagten:

    Frauen nützt auch die beste Selbstverteidigungausbildung nur dann etwas, wenn sie die nötige Menge an physischer Aggressivität aufbringen, diese Ausbildung gegebenenfalls umzusetzen. Und nach deren Auffassung ist die bei Frauen (im Schnitt) klar zu gering.

    Ob sich das mit einer anderen Erziehung ausgleichen liesse, weiss ich nicht. Biologie scheint in diesem Bereich einen nicht unerheblichen Einfluss zu haben.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • "Die beste Selbstverteidigungsausbildung"...
      … sollte schon weit vor dem Punkt anfangen, an dem es um physische Aggressivität geht. Da geht es dann darum sich schon im Vorfeld zu überlegen, welche Risiken man eingeht und welche nicht und darum, die eigene Wahrnehmung der Umgebung zu schulen und einfach aufmerksam zu sein, was um einen herum passiert. Dadurch lassen sich die meisten Gefährlichen Situationen wohl schlicht und ergreifend vermeiden bevor sie entstehen. „Kämpfen können“ (und eben auch wollen), ist erst gefragt, wenn man schon ziemlich tief „in der Scheiße“ steckt und mit dieser Art von geistiger und körperlicher Ausnahmesituation sind ggf auch gestandene Kampfsportler überfordert.

  2. Selbstverteidigungskurse
    Ich fürchte das die meisten Selbstverteidigungskurse sich mehr damit beschäftigen, den Teilnehmer(innen) ein gutes Gefühl zu vermittelt, als das sie sich tatsächlich mit der Frage beschäftigen wie man sich davor schützt das Opfer einer Gewalttat zu werden. Aus den gleichen Gründen verehren wir auch Tugce A. und Dominik Brunner als Helden (was auch gut und richtig ist), verweigern uns aber der Frage wie die beiden ihr tragisches Schicksal hätten abwenden können, weil ihr Angst haben dadurch dem Opfer die Schuld zu geben. Juristisch und moralisch ist es natürlich richtig, alle Schuld dem/den Tätern zu geben, aber aus einer Selbstverteidigungsperspektive ist die Frage der Schuld nunmal ohne jede Bedeutung.

  3. Zitat
    aus dem Evangelium, dem Herrn zugeschrieben: „Ich bin der gute Hirt. Ein guter Hirt setzt sein Leben für die Schafe ein. Ein bezahlter Hirt, dem die Schafe nicht selbst gehören, läuft davon, wenn er den Wolf kommen sieht. Dann fällt der Wolf über die Schafe her und jagt die Herde auseinander.“

    Natürlich Auslegungssache: Der Hirt wehrt den Wolf ab. Der Hirt verteidigt die Schafe – auch wenn er seine eigene Wange möglicherweise dem Aggressor hinhält. Die Schafe verteidigt er.

    Ergänzend zu Herrn Haupts möchte ich die psychische Komponente einbringen. Verletzungen des Angreifers müssen Sie nicht nur in Kauf nehmen, sondern anstreben. Falls es nicht mehr möglich ist auszuweichen oder zu fliehen oder Hilfe zu rufen heißt es überleben. Sie sind nicht John Wayne, sie kämpfen nicht fair. Sie kämpfen um heil zu bleiben. Kehlkopf, Auge sind Ihre Ziele.
    Und wenn Sie viel Glück haben, dann heißt ihr richter nicht Götzl und verurteilt Sie wegen gezieltem Einsatz eines Taschenmessers gegen vier Angreifer.
    Den Vergifter Ihres Getränkes mögen Sie und Ihre Freunde bitte beschämen und nennen und prügeln bis er keine Frau mehr anschaut.

  4. Tut mir leid für die Autorin
    Es tut mir leid, was die Autorin erlebt hat. Und Buffy war fürher eine meiner Lieblingsserien.

    Entschuldigt aber nicht die schlampige Recherche. DVDs? Wir leben im Jahr 2014. Blanc verkauft keine DVDs. Auf dem Niveau geht’s dann weiter.

    Wer einen Artikel mit Interviews von Kunden und Kollegen (Recherche halt) lesen möchte, der bitte schaut bei The Daily Beast, früherer Besitzer von Newsweek Magazine, vorbei.

    http://www.thedailybeast.com/articles/2014/12/01/the-secret-world-of-pickup-artist-julien-blanc.html

  5. Selbstverteidigung ist tatsächlich nicht wirklich zu empfehlen!
    Es sei denn sie haben ein sehr hohes Niveau erreicht, also wenigstens 1. Dan aufwärts. Und dann hätten sie gelernt, dass der beste Kampf der ist, den man nicht gekämpft hat. In der geschilderten Situation hätte eine Kampfkunstausbildung auch nichts gebracht. Sie hatten schließlich noch nicht mal mehr die Chance sich auf den Beinen zu halten.

    Alphatiere sind Tiere die innerhalb einer Gruppe, die Leittiere sind. So gibt es bei vielen in Gruppen lebenden Tieren Alphaweibchen und Alphamännchen. Die Männer die Julien Blanc- Kurse besuchen sind sicher keine Alphamänner (auch keine beta). Sonst hätten sie den Besuch der Kurse ja nicht nötig. In ihrem feministischen Eifer beleidigen sie so aber dominante Männer. Diese müssen aber weder gewalttätig oder sonst wie negativ für ihr Umfeld sein, genauso wenig wie dominante Frauen.

    Der 4. aktuelle Wunsch liest sich auch wie ein Wunsch nach mehr Körperkraft. Aber auch diese bringt leider gegenüber gewalttätigen Artgenossen recht wenig. Sonst wären Männer ja nicht öfter Opfer von Gewalttaten als Frauen.

    Das einzige was wirklich hilft, Erfahrungen die sie leider gemacht haben zu vermeiden, ist Aufklärung von Mädchen und Jungen über existierende Gefahren. Z. B. dass man nie sein Getränk alleine läßt etc.

    Und nein, Gewalt ist nie eine Lösung.

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