Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Wo Drogenbanden sicherer leben als Studenten

| 17 Lesermeinungen

Die Gewaltspirale in Mexiko hat apokalyptische Ausmaße angenommen. Täglich erreichen mich Hiobsbotschaften aus dem Land, in dem ich lange gelebt habe. Der Protest nimmt jetzt unerhörte Dimensionen an. Persönliche Eindrücke über ein Land im Aufruhr.

Wir sind viele© Santiago ArauWir sind viele

Diesmal wird es schwierig… Was schreiben, wenn das Grauen jeden Tag größer wird und jede Nachricht die Grenze des schon längst nicht mehr Ertragbaren noch mal überholt. Jeder Satz erstirbt einem im Gedanken des Formulierens.

So geht es mir seit Wochen mit dem Land, in dem ich bis vor kurzem viele Jahre gelebt, geliebt und gearbeitet habe.

Gräber und immer noch mehr Gräber voller Toten, deren Namen man nicht kennt. Verschwundene, deren Gräber man nicht findet. Ein Land, in dem Drogenbanden besser geschützt und scheinbar weniger bedrohlich sind als Studenten.

„Das Land Pedro Páramos,wo die Toten lebendiger sind, als die Lebenden“, so der Essayist und Autor Juan Villoro in diesen Tagen auf der internationalen Buchmesse in Guadalajara.

Jeden Tag ein weiteres Facebook-Foto meiner mexikanischen Freunde, das in Schwarz getaucht war und hinter einem eisernen Vorhang aus Trauer und Ohnmacht verschwand. Wie eine Verräterin kam ich mir hier vor, im wohlgenährten, sicheren Berlin.

Und dort Ayotzinapa: ein gottverlassener, winziger Ort, nicht weit entfernt vom ehemals mondänen Acapulco, wo am 26. September 43 Studenten auf dem Weg zu einer Protestveranstaltung verschleppt werden und seitdem unauffindbar sind.

Einer von ihnen, der mit ausgestochenen Augen und abgezogener Gesichtshaut in einer Blutlache demonstrativ am Straßengraben abgelegt wird. Und seine vermutlich erschossenen Kommilitonen, die auf einer Müllhalde verbrannt, dann in Plastiktüten gepackt und in einem Fluss versenkt werden.

Der mit der Untersuchung betraute Staatsanwalt, der in der ersten Presse-Konferenz erklärt, er sei’s jetzt leid das viele Gefrage.

Der Staatspräsident, der auf Staatsbesuch nach China entschwindet und sich über Tage nicht zu dem Vorfall äußert.

Eine exorbitante Villa mit riesigem Pool mitten in Mexico Stadt, die, fast zeitgleich als riesiger Medienskandal durch alle Nachrichtenkanäle glitzert. Brisantes Detail: sie wurde der Präsidenten-Gattin vom größten privaten Fernsehkanal unter dubiosen Umständen überschrieben. Hochrechnungen, die danach auf Facebook kursieren, wie viele Jahre ein Normalsterblicher arbeiten müsste, um das zu verdienen, was diese als Schauspielerin bei besagtem Fernsehkanal als Monatslohn gezahlt bekam: mindestens 1.000 Jahre.

Für all dies steht Ayotzinapa, eine weitere unfassbare Variante in Mexikos apokalyptischer Gewalt-Spirale.

Doch mit Ayotzinpa scheint die Geschichte Mexikos jetzt umgeschrieben.

Inmitten der sich täglich überstürzenden Nachrichten bleibe ich ausgerechnet immer wieder an diesem Scheitel hängen: unfehlbar penibel gezogen und mit viel Pomade befestigt – penetrante Koordinate im festgefrorenen Dauerlächeln von EPN.

Wer es noch nicht weiß: EPN (Enrique Peña Nieto) ist mehr als der amtierende Präsident Mexikos. EPN ist vor allem das Abziehbild des smarten Politikerzöglings aus der Traumfabrik Televisa, die über 80% des medialen Marktes kontrolliert und für viele Mexikaner nach wie vor einzige Informationsquelle ist.

Wen wundert es, dass EPN kurz vor der Präsidenten-Kür noch unter großem medialen Aufwand mit einem der hauseigenen Fernsehsternchen, alias „la gaviota“ (die Möwe) verbandelt worden war, um die Interessensgemeinschaft zwischen Macht und Medien perfekt zu machen. Seitdem gleicht jeder seiner öffentlichen Auftritte einer einstudierten Telenovela: „the mexican moment“, in Fortsetzung.

Deswegen auch dieser absolut makellose Scheitel, der sauber und brutal trennt, was nicht durcheinandergebracht werden darf.

Unter diese zynische Trennung fällt sehr vieles in Mexiko, z.B. auch zwei sehr unterschiedliche Sorten von Analphabetismus. Der eines Präsidenten wie EPN, der auf die Frage, welche drei Bücher sein Leben bestimmt hätten, nervös wird und nur auf die Bibel kommt.

Und der weiter Teile des ländlichen Mexikos, den zu beenden Studenten wie die 43 aus Ayotzinapa angetreten waren; und die – ausgebildet in einer hochpolitisierten Schmiede von Grundschullehrern aus prekären Verhältnissen – zwischen den beiden oft einzigen Zukunftsperspektiven Drogenkarriere oder Emigration auf einen dritten Weg gesetzt hatten: Bildung in den ärmsten und entlegensten Dörfern des Landes.

Jetzt sind ausgerechnet sie unter grausamen Umständen zu „Maestros“ eines ganzen Landes geworden. „Ihre Körper sind verschwunden, aber ihre Namen sind in aller Munde und lehren uns ihre Würde und die Bedeutung von Bildung als einziger Möglichkeit zum Wiederaufbau einer Gesellschaft von ganz unten in einem Moment vollkommener Auflösung“, so Diego Lizarazo, Philosophie-Professor in einem der Solidaritäts-Videos zu Ayotzinapa.

Oder Carlos Perez, ein anderer Akademiker, in der gleichen Quelle „Nicht nur 43 Studenten sind auf einer Müllkippe verschwunden. Unser Rechtsstaat ist dort verschwunden. Unsere politischen Institutionen sind dort verschwunden. Unser Land ist verschwunden. Alles, was uns noch bleibt müssen wir aus der Zivilgesellschaft heraus nun alleine aufbauen.“

 Seitdem: ein Mexiko in Aufruhr wie nie zuvor. Ein Land am Rande des politischen Ruins, am Abgrund. Und gleichzeitig: ein Aufbruch aus jahrelanger Resignation, zum ersten Mal durch alle sozialen Klassen im gemeinsamen Aufschrei vereint.9

Künstler und Landarbeiter, Studenten und Gewerkschaftler, Intellektuelle und Taco-Verkäufer, Priester und Taxifahrer, Kinder und indigena-Frauen, die sich alle mit den Angehörigen der 43 Studenten solidarisieren und ihre Wut gemeinsam hinausschreien: auf der Straße, im Senat, auf Facebook und Twitter, in politischen Kolumnen und in exponentiell Tag für Tag in Windeseile sich neu formierenden sozialen Netzwerken und Bürgerinitiativen. Eine Wahrheitskommission wird gefordert, der internationale Gerichtshof in den Haag soll sich Mexikos annehmen.

Anlässlich der wohl größten Demonstration, die das Land je erlebt hat, wird am 20. November auf dem Zocalo von Mexico Stadt EPN symbolisch verbrannt. Und mit ihm das gesamte politische System des Landes.

Das stand so nicht im Drehbuch von Televisa.

„The mexican moment“ wird jetzt gerade auf der Strasse weitergeschrieben.

20. November 2014© Cuartoscuro20. November 2014

 

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17 Lesermeinungen

  1. Traurige, schmerzhafte Geschichtsrealitäten auf der ganzen Welt...
    wenn ich meinen Geistfocus
    auf „Humanhandelwahrnehmung“ einstelle und diese „Reihengewaltweisen“ als klare
    Generationen übergreifende
    Bildungsmängelfolgen sehe.
    Die Geistatmosphäre des Human ist vollgestopft mit
    selbst zu verantwortender
    Hochspannung. Diese entläd
    sich jetzt in Form von
    „Geist-Handel-Gewitter“.
    Ich schreibe deswegen
    anklagend weil der Human nur partiell seine eigenen
    Leiden sieht und fühlt, nicht
    aber die der Erde insgesamt, auch das was er anderen antut…als Folgen seiner
    „Süchte“, „Besessenheiten“,
    „Eitelkeiten“…
    „Vernunftmangel-Lärmens“.
    Es leidet schon lange mehr
    „SEIN“ als nur das Humansein. Aber
    Wohlstandstreben und Erfolgstreben haben
    Vernunftwahrnehmung,
    und damit Vernunftbildung und Vernunfthandeln ausblendet, geistig blind gemacht.
    Wer, außer wenige Einzelfälle, sieht und fühlt
    genauso mit Erde, Flora und Fauna?!
    Haben Sie schon einmal von
    Reihen und Folgen gehört, fragte mich der Vorsitzende
    einer Mathematikprüfungskommission ca.1972. Was ich persönlich als Zynismus empfand. Ich mußte gehört
    haben, im Hörsaal, sonst würde ich nicht geprüft werden.

    …Reihen und Folgen…
    Intelligenzen, Emotionen…
    Verstand, Verständnis…
    Liebe, Partnerliebe, Kinderliebe, Geschwisterliebe, Tierliebe, Blumenliebe…Empathie…
    Bildung…Vernunftbildung
    und die Handel-Folgen…
    Ich persönlich schwanke oft zwischen Wut auf die und Mitleid mit den Menschen.
    Ich schwanke nie mit
    meinem Leid, meiner Empathie, mit allem außerhumanem Leid.

    Es fehlt „Geist-rundsichtiges“ handeln und Human wäre kein Human wenn er das Gut der Vernunft nicht hätte.
    Das GUT-„E“ im Menschen,
    das „ES“ und die „E’s“, „E“rkenntnisfähigkeit,
    „E“insichtfähigkeit…also nicht nur das „ES“ = „E“motion-„S“pannung, sondern auch die „E’s“. Eine Generation-Geistreifefolge.
    Mein Wissen heute als Reihenfolgenwissen.

    Vernunft produziert keine
    zerstörerische Geist-Hochspannungsatmosphäre,
    weil sie Reihen und Folgen
    kennt.

    …wir ernten was wir säen
    …den Vernunftwirkungsgrad
    unseres Geisthandelns.
    …und der ist wohl erbärmlich
    gering so wie ich die Welt
    wahrnehme.

    …an ihren Taten sollst du sie
    erkennen, steht geschrieben…und ich erkenne großen Vernunftmangel und als Folgen große Leiden auf der ganzen Welt.

    Gruß
    W.H.

    P.S. …habe die Mathe-Prüfung
    mit der Note „Sehr gut“
    bestanden; weil ich noch viel mehr von Mathe. wußte als „nur“ von mathem.Reihen und mathem.Folgen.

  2. Diesem Aufbruch in die Zivilgesellschaft viel, viel Glück.
    Seine Teilnehmer werden das brauchen, neben Mut, Durchhaltevermögen, Geschlossenheit und vielem mehr.

    Es gibt Gesellschaften, die sind so unfassbar kaputt, dass man unwillkürlich versucht ist, einer höheren Instanz für die Gnade des eigenen Geburtsortes zu danken.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • Erstmal: Wie immer, Herzlichen Dank, Thorsten Haupts für Ihre Präsenz! Das wird sehr geschätzt! – zwei Anmerkungen erlauben Sie mir: in diesem Fall ist nicht „die Gesellschaft“ in Mexiko unfassbar kaputt, sondern das politische System, das durch jahrzehntelange unkontrollierte Korruption, Vetternwirtschaft, Eigenmächtigkeit, fehlende Bildung und, vollkommen erpressabar durch die bestens organisierten Drogenkartelle, aber auch durch Medienmonopole wie Televisa, jegliche demokratische Kontrolle und Rückkoppelung mit der Zivilbevölkerung verloren hat.
      Was die „Gnade“ des eigenen Geburtsortes betrifft: es ist ja nicht so, daß das alles nichts mit uns, Europa, USA etc. zu tun hätte: Mexiko hat sich jetzt zum weltgrößten Drogenzulieferer „entwickelt“ und darin Kolumbien abgelöst, und funktioniert aber nur im „Schulterschluss“ mit dem größten Markt an Dogenkonsumenten (USA + Europa). Was die Frage der Legalisierung von Drogen wirklich aktuell macht.
      Desweiteren wurden, ausgerechnet in dem Gebiet, wo jetzt die Studenten umgebracht wurden, deutsche Waffen (heimlich an Zollausfuhrgenehmigungen vorbeigeschmugelt) in nicht zu diskreten Mengen entdeckt … – ein Riesen Skandal, umso mehr, als Merkel & Co. dieser Tage auf höchster Ebene das sehr umstrittene Sicherheitsabkommen mit Mexiko verhandeln.
      Das mal so zu uns hier im „sauberen“ Deutschland …

    • Da will ich mich einmal dezidiert nicht streiten :-).
      Und schon kann ich gar nicht anders.

      Ich meinte mit Gnade der Geburt tatsächlich einfach nur den genetischen Lotteriefall, nicht in Mexiko auf die Welt gekommen zu sein.

      Zu den beiden Argumenten, warum wir doch betroffen sind. Fangen wir mit den Drogen an. Ich kaufe das Argument nicht, man müsse Drogen wegen des organisierten Verbrechens, das sonst entsteht, flächendeckend legalisieren. Mit dem Argument müsste man zum einen alles legalisieren, was sowieso gemacht wird – und das lässt beim Menschen absolut nichts aus.

      Zum anderen – korrigieren Sie mich, wenn ich falsch liege – aber wir reden im Falle Mexiko doch in erster Linie über Kokain, Heroin und synthetische chemische Drogen? Und da kenne ich überhaupt keine ernsthafte Initiative, die die vollständige Legalisierung fordert, was bei dem Schadenspotential dieser Drogen auch kein Wunder ist.

      Was die Waffen angeht – tja. Kommen Sie nicht von uns, kommen Sie von anderen, Verbote fördern wegen der Verdienstspannen nur das organiserte Verbrechen. Das Argument kennen Sie ja :-). Etwas ernsthafter – der letzte grosse Völkermord dieser Erde wurde in Ruanda mit Arbeitsmacheten verübt. Nicht der Waffenverkäufer macht sich schuldig (schon gar nicht, wenn der betrogen wurde), sondern der Waffenbenutzer. Ich kann (und will) erwachsene Menschen wie Gesellschaften nicht vor sich selber schützen, sprich, ich lehne bei (legalem) Handel ganz prinzipiell eine Mitschuld von Käufer oder Verkäufer für dadurch tatsächlich oder vorgeblich unterstützte, unsägliche, Verhältnisse in der Produktion oder beim Gebrauch ab.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • Auf ein Weiteres, Herr Haupts! – zur Frage der Diskussion der Aktualität der Drogenlegalisierung: bitte genau lesen und bitte wie immer differenzieren: niemand spricht von „flächendeckender“ all-round-Legalisierung: es geht als allererstes vor allem um die Diksussion als solches, wo man sich dann eben auch hier in Europa und dem „glücklichen“ Deutschland mal mit der Mitverantwortung in diesem „Krieg“ auseinandersetzen müßte, und nicht nur „von weitem“ auf diese fernen, wildgewordenen Kriminellen herabschauen würde, …. – und es geht dann auch um Alternativen zum schnellen Drogengeschäft als oft einziger Zukunftsperspektive! Und es geht um die Bigotterie amerikanischer und europäischer „Drogenbekämpfung“. Und Vieles mehr, das endlich mal ehrlich betrachtet werden müßte.
      Zu Ihrer Argumentation der Nichtverantwortung von Waffenliferanten: „tja, kommen sie nicht von uns kommen sie von anderen“ … – huhh, das ist ja richtig gruselig. „Verdienstpannen“ nennen Sie das? – sehr einfach, wie man sich da aus der Verantwortung stehlen kann, und dabei noch richtig viel Geld verdient. Ich kaufe Ihnen den „betrogenen Waffenverkäufer“ nicht ab! Und auch hier wieder: wirklich ernsthaft an Massnahmen zur Vermeidung von Konfliktlösung einzig mit Waffengewalt nachdenken! Das müßte es doch sein.

    • Ich stimme Ihnen zu Fr. Dvorac...bezügl. sauberes Deutschland...Vernunftmangelgeschäfte.
      Wie Sie an Herrn Haupts Antwort sehen nimmt verantwortungsvolles,
      erwachsenes handeln, mit mangelnder Gefahr selbst getötet zu werden
      ab. Da reicht „Grat-denken“, auf des Messers Schneide denken und
      Mord und Totschlag billigend in Kauf nehmen…zu Gunsten Geldsucht.
      Sind ja erwachsene Menschen die kaufen…betrügen…erwachsen pauschal, nicht graduiert be-und ge-dacht.
      Bei Atomwaffen sieht das schon anders aus, weil der Verkäufer selbst
      in große Gefahr kommt. Da wird das „Erwachsensein“, das geistige,
      schon wesentlich graduierter betrachtet und Verantwortungskonsequenzen für das eigene handeln beim Handeln bedacht.
      Unreifes, aber einfaches Argument zum (relativ) gefahrlosen Geschäftemachen und auch
      Diebstahl-Mißbrauchssicherheit nicht zu gewährleisten…auch wieder Gelddenken…pauschales erwachsenseindenken.
      Erwachsen sein…was bedeutet das, mit Blick auf alle Möglichkeiten die die Intelligenz bietet und reflektieren im Zusammenhang mit der Weltrealität?
      Verantwortung (ein)sehen übernehmen und dementsprechend handeln
      beim Handeln ist Wirkungsgrad(ige) Vernunftreife.
      Erwachsen sein als Folge von fein graduiertem Geist-denken.

      Wer in Ungleicheit, „in Schiefheit“…
      hineingeboren wird, der kann auch nur, schief wahrnehmen, schief denken, schief handeln, schief gerecht sein, schief gebildet sein. Von Generation zu Generation schief und schiefer…die geist-soziale „Bildungs-Schieflage“. „Schieflagenwahrnehmungsmangel“…führt zu Bildungsmängel…führen zu Handlungsmängel…führen zu „Generationen-Kreislauf-mängel“.

      Erwachsenenschieflage…geist-soziale Schieflage…Human-Gender-Thema, geistsozialer Ausgleich hat seinen Anfang genommen. Gut so,
      auch wenn es schmerzhaft ist und wohl noch schmerzhafter wird.

    • Ein Mexikaner antwortet
      Erstmal, Frau Devorák, danke für den Artikel.

      An Herrn Thorsten Haupts,

      Wie Frau Devorák richtig sagt, es ist nicht “die Gesellschaft” in Mexiko unfassbar kaputt. Es sind viel mehr Mexikaner, die gute Menschen sind, als diejenige die das Land in so eine komplizierte Lage wie jetzt führen. Wir haben es wriklich satt von Korruption auf alle Ebenen.
      Ich selbst habe ich in Deutschland zehn Jahre gelebt, dort studiert und promoviert. Ich mag Deutschland sehr; habe viele Freunde dort. Nach meinem Abschluss hatte ich die Wahl in Deutschland zu bleiben oder nach Mexiko zurückzukehren. Ich habe einfach nur gedacht: Am Ende meines Lebens möchte ich nicht zu mir selbst sagen, Du hast gesehen, wie die Lage in Mexiko war und hast nichts gemacht und bist in Deutschland geblieben. Ich habe mich entschieden nach Mexiko zurückzukommen. Natürlich ich werde das Land von heute auf morgen nicht ändern aber ich bin einer von den vielen Mexikaner, die ein besseres Land wünschen und dafür hart und mit Anständigkeit arbeitet. Vom Beruf her bin ich Entwicklungsökonom.

      Herr Thorsten, vielleicht waren Sie noch nicht in Mexiko aber ich kann Ihnen versichern, dass die gute Mexikaner noch da sind… und wir sind viele.

      Viele Grüsse aus Mexiko oder wie man hier so sagt: Muchos saludos desde México,

      Nicolás Corona

    • Ausserdem....
      Ausserdem Mexiko ist ein sehr schönes Land und ich bin sehr glücklich hier geboren zu sein. Wir, die gute Mexikaner geben nicht auf.

      Beste Grüsse aus Mexiko!

      Nicolas Corona

    • Gracias, Nicolas! Vale la pena acercar México un poco a la „consideración“ del „comodo“ Europa – Vielen Dank Nicolas für diese Bekräftigung!

    • Herr Corona, viel Glück und Erfolg.
      Das Ändern eines solchen politischen Systems ist eine Herkulesaufgabe ohne Erfolgsgarantie.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • Frau Dvorak, ich verstehe den Wunsch danach, die Nachfrage nach illegalen
      Produkten zu reduzieren, durch deren Legalisierung, durchaus. Aber ein Produktverbot aus gesundheitlichen Gründen begründet eben keine Mitverantwortung für die Entstehung und Verbreitung von organisiertem Verbrechen anderswo, sorry.

      Wir sollten die Diskussion um die Legalisierung von Drogen in Europa durchaus führen. Aber selbst an ihrem besten denkbaren Ende wird noch immer ein Verbot übrig bleiben, nur wird es weniger Produkte umfassen, als bisher. Der Nährboden für organisierte Kriminalität bleibt.

      Auch mit einem umfassenden Drogenverbot ist Mexikos spezifischer Weg ja weder erklärt noch begründet. Warum ausgerechnet Mexiko und nicht andere Länder in die Hände des organisierten Verbrechens gefallen sind, scheint mir nur aus Mexikos besonderen Verhältnissen heraus (die ich nicht kenne) zu erklären sein.

      Was den Waffenhandel angeht – we agree to disagree? In Europa waren zwischen 1815 und 1866 wie zwischen 1945 und heute viele Staaten schwer bewaffnet, ohne dass das zu Kriegen geführt hat. Es kommt nicht darauf an, wer wen mit Waffen beliefert, sondern, was der Empfänger damit macht. Und die Idee gewaltloser Konfliktlösung ist das, was sie in der Menschheitsgeschichte schon immer war – eine reine Wohlfühl-Schimäre ohne jede Chance auf Verwirklichung. Der Mensch ist, wie er ist.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

  3. Danke fuer den Artikel
    Sehr guter Artikel und einer der trotz allem noch Hoffnung macht. Ich druecke die Daumen, dass diese Gesellschaft es schafft sich selber zu reinigen. Noch ist es moeglich. Ich hoffe, dass dabei der mexikanische Nationalstolz zurueck- und das Menschliche nach vorne tritt.

  4. Es bedurfte etwas über 40 toter Studenten um in Europa eine
    Diskussion loszutreten. Das ist traurig, denn zwischen 2006 und 2012, dem Sexenio von Felipe Calderón gab es über 65.000 Tote im direkten Zusammenhang mit und in der Bekämpfung des Organisierten Verbrechen. Daneben noch einige Tote aus „normalen“ Gewaltverbrechen. Mexikanische Städte wie Monterrey, Mexiko Stadt, Acapulco u.v.a. mehr, waren und sind jeden Tag mit abgehackten Köpfen und an Brücken hängenden Körpern gespickt und mit Abrechnungen zwischen Kartellen unter Kriegsschusswaffengebrauch. Man fährt über die Stadtautobahn über tausende Patronenhülsen.
    Das Land wird seine Bevölkerung bewaffnen müssen und diese wird dann aufräumen. Ein Bürgerkrieg gegen das OV und teilweise gegen korrupte Regierungsmitarbeiter. Dann ist wieder einige Zeit Ruhe! Und wir, der Westen müssen so hohe Strafen auf den Besitz, den Handel und den Konsum von Drogen ausloben, dass es sich für alle Seiten nicht mehr lohnt.

    • Nein! Nicht Waffen und immer noch mehr Waffen und diese endlose Spirale vom Kampf um Goliath! Die Lösung fängt woanedres an, und das passiert gerade in Mexiko und macht wirlich Hoffnung: in der Genese eines zivilen Bewusstseins, der Verantwortlichkeit als „Staatsbürger“, – einer Katharsis von ganz unten, und ausgerechnet mit denen, auf die die mexikanische Klassengesellschaft immer noch so despektierlich herabsieht: indigene Landbevölkerung, die im Fall der Lehrer und Studenten von Ayotzinapa von nicht sehr viel mehr als einem unbezwingabren Idealismus, nationalem Bewusstsein und Stolz, und der absoluten Notwendigkeit, weiter zu kommen und Veränderung zu schaffen lebt. Und dafür auch bereit ist zu sterben.

    • Ist die Gegenseite skupellos genug, hilft nicht einmal die Bereitschaft zu sterben.
      So traurig das auch ist.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

  5. Endlich mal die Wahrheit !
    Danke, dass Sie uns zeigen, dass Sie das Problem erkannt haben und unmissverständlich darauf hingewiesen, dass das ganze Problem ohne den amerikanischen Krieg gegen Drogen gar nicht entstanden wäre…

    Auf die Hintergrund Recherche bei der FAZ ist halt immer Verlass….

    • Ich verweise in diesem Zusammenhang noch auf das phantastische Interview des spanischen Journalisten José Luis Pardo dieser Tage im El UNIVERSAL mit Roberto Saviano, dem italienischen Mafia-Experten: „Mexico domina el comercio mundial de drogas“ / „Inzwischen beherrscht Mexiko den internationalen Drogenmarkt“) <a href="http://www.eluniversal.com.mx/…/iguala-muestra-de-narcoterrorismo"

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