Ich. Heute. 10 vor 8.

Ich. Heute. 10 vor 8.

Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Das Sichtbare und das Unsichtbare

| 16 Lesermeinungen

###© Philip Werner 

Kürzlich zeigte mir jemand ein Kunstmagazin, darin waren abgedruckt einige Fotos aus dem Projekt „101 vagina“. Man sah die so genannten Schamdreiecke der unterschiedlichsten Frauen – dickere, dünnere, hellere, dunklere, alte und jüngere, mehr und weniger behaarte… Frauen in ihrer ganzen Vielfalt.

Das einzige, was man nicht sah, war: eine Vagina. Wo ist die Vagina?, fragte ich. Die Frage wurde von der Kunstliebhaberin, die dieses super-gewagte super-feministische Projekt begrüßte, gar nicht verstanden. Ich habe „101 vagina“ später gegoogelt, anscheinend stammt es aus dem Frühjahr dieses Jahres und versucht Aufmerksamkeit zu stiften für allerlei Frauen-Belange. Das ist sicher sehr ehrenwert und auch viel differenzierter, als es sich mir bei dem Blick auf die Fotogalerie erschloss. Trotzdem würde ich sagen: Auch der erste Eindruck zählt. Und zwar der Blick auf eben diese Fotoserie, wie sie von vielen Leuten gesehen wird und was sie vermittelt.

Und was sie mit dem Titel „101 vagina“ vermittelt, ist eigentlich: Es ist egal, welchen Teil einer Frau du dir ansiehst, eine Frau hat zwar viele dem Geschlechtsleben zugehörige anatomische Teile, aber alles in allem ist die Frau: Vagina. Ihr Geschlechtsteil lautet: Vagina.

Und diese Aussage ist völlig daneben, ziemlich wörtlich. Gewiss ist die Vagina ein wichtiges Organ der Frau, viele Frauen ziehen viel Vergnügen aus ihrer Vagina, und natürlich kommen die Babys auf diese Weise auf die Welt. Aber eine Frau hat nicht nur mit der Vagina Sex. Sondern auch mit den „Scham“lippen und insbesondere mit der Klitoris.

Dass die Vagina in unserer Kultur gerne als pars pro toto für das gesamte weibliche Geschlecht genommen wird – von den „Vagina Monologen“ bis zu „101 vagina“ – ist schon oft kritisiert worden. Die Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanjal etwa hat vor einigen Jahren ihrem Buch über das weibliche Geschlecht ganz bewusst den Titel „Vulva“ gegeben. Nicht nur um den inneren, unsichtbaren Teil des weiblichen Geschlechts, das schwarze Loch, sollte es gehen, sondern um den äußerlich sichtbaren, um Schamlippen und Klitoris – eben die Vulva…

Aber die Sache mit der Klitoris ist komplizierter. Sie ist sowohl innen wie auch außen. Es hat mich schockiert, vor wenigen Jahren zu erfahren, dass die Entdeckung der Klitoris und ihres wahren Umfangs auf 1998 datiert! Damals erst entdeckte die australische Urologin Helen O’Connell die weitverzweigte Struktur der Klitoris, die eigentlich die gesamte Vagina umschließt und mit zwei tentakelähnlichen Ausläufern etliche Zentimeter tief in das Körperinnere vordringt. O‘Connell hatte bemerkt, wie man bei Männern nach Prostata-Operationen darauf achtet, keine fürs Sexualleben entscheidenden Nerven und Blutgefäße zu beschädigen. Bei Operationen an Frauen ließ man keine ähnliche vergleichbare Vorsicht walten, und O’Connell fand durch ihre eigenen Untersuchungen heraus, dass die Struktur der Klitoris bis dahin nicht mal entdeckt worden war.

Sicher werden die meisten Leserinnen jetzt nicken: Das mit der Klitoris-Entdeckung wussten sie. Und jetzt Preisausschreiben: Wer könnte die Klitoris – die volle, nicht nur die äußere Spitze – ad hoc zeichnen? Ungefähr? Ich wette, dass 95 % der Menschen, die dies lesen, keine Klitoris zeichnen können.

Nun mag man sagen, es sei völlig egal, was man wisse und wie man es nenne, Hauptsache, man beziehungsweise frau kann es fühlen. Aber genau das ist der Punkt. Eine Frau, deren innere Klitoris bei einer OP beschädigt wird, weil der Arzt von ihr nicht weiß, fühlt eben anders. Eine Transfrau, deren Krankenkasse bei der Rekonstruktion der Geschlechtsorgane nur die Kosten für die Vagina, nicht aber für den Kitzler übernimmt, fühlt auch anders!

Und auch wenn frau O‘Connells Grafiken studiert, kann man sexuelle Handlungen anders wahrnehmen, oder jedenfalls das Wahrnehmen anders deuten. Es ist nämlich nicht eins, ob man einfach keine Worte dafür hat, was „untenrum“ los ist – oder ob man falsche Dinge darüber lernt. Wir leben nun einmal in einer Kultur, in der das Geschlechtsleben der Frau mit der Vagina identifiziert wird. Immer noch wirkt Freuds Auffassung nach, die reife Frau erlebe Sex vaginal, die unreife klitoral – ohne zu wissen, dass auch die vaginale Empfindung oft eine klitorale ist. Ob mit der äußeren Spitze oder mit dem viel größeren Teil des Organs innerhalb des Körpers – wir erleben „101 Klitoris“.

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16 Lesermeinungen

  1. Titel eingeben
    Danke, Frau Sezgin, super, was Sie schreiben, freu mich immer sehr, wenn jemand genau diesen Punkt anspricht. Und das Buch „Vulva“ von Mithu Sanyal ist sowieso sehr empfehlenwert!! Die Scham, was die Vulva betrifft, ist wirklich groß und die Unkenntnis auch.
    Schöne Grüsse!

  2. Danke Frau Sezgin,
    Als ich das Kunstwerk 101 Vaginas betrachtete hatte ich spontan den gleichen Gedanken. Ich dachte: Was verstehst Du jetzt nicht? Eine Bekannte die mich darauf aufmerksam machte meinte schlicht „stimmt“ als ich sie darauf ansprach. Uns fehlt eine Kultur der Sexualität. Das dies so ist erkennt man schon an den Begriffen die wir für Geschlechtsteile verwenden – sie sind entweder sehr technisch oder kommen aus der Gosse. Mit wenigen Ausnahmen fehlt uns eine schöne Terminologie der Sexualität.

    • Leider wahr, aber auch einfach zu verstehen
      Deutschland ist ein Land in dem der Staat für eine Religion Steuern einzieht. Eine Religion, deren absurdes Geschwätz zum Thema Sexualität seit Jahrhunderten die Menschen verdummt und unfrei macht.

      Solange die Mehrheit der Bürger, schliesslich ist das eine Demokratie hier, sich nicht von dieser Organisation löst, sollten alle die Hoffnung auf grundsätzliche Verbesserung aufgeben.

      Dass Männer (und Frauen) mehrheitlich keine komplett anatomische Klitoris zeichnen ist allerdings nicht das Problem sondern nur ein Symptom.

      Oder können die Autorin und die meisten anderen deustche Bürger, den kompletten HodenProstata Apparat zeichnen?

  3. Das Universum ist mehr als nur die Summe seiner Teile.
    Der Mensch ist mehr als nur…
    Das Sichtbare und das Unsichtbare.
    Das Mögliche und das
    Unmögliche.
    Das Faßbare und das
    Unfaßbare.
    Geburt und Reifweg.
    Körper und Geist.
    Leben und Tod.
    Das „Wesen“ und das miteinander „Verweste“.
    Das Geistwesen und
    die Synthese.
    Das Unendliche und das
    Leb-endige, Begrenzte.
    Die „liegende“ „8“ und
    die „auferstandene“ „8“.
    Die Unendlichkeit „aufgeteilt“ in Ewigkeiten,
    Zyklen.
    Das Waagrechte und das
    Senkrechte.
    Das Schlafende und das Wachende.
    das „0“(nullräumige Unendliche) Singularität und
    das „O“(„oh-räumige“:=)
    Unendliche) Extremitäten.
    Das Bewußtsein und das
    Gegenbewußtsein (Unbewußtsein).
    Das Vereinbare und das
    (Unvereinbare)Gegenvereinbare.
    Das schwebend Kreisende und das wirkend Kreisende.
    „Die“ Evolution-Energie und
    ihr, „Der“ Geist…
    „Das“ Geistwesen…
    „Die“ Geistwesenheit…
    „Der“ Wesenheitgeist.

    Das Machbare und das
    Unmachbare, Gegenmachbare…bis es einer macht.

    Gott…Geistwesenheit der
    Universum-Energie und
    Geistmaß…
    1 Gott ist absolutes Geistmaß für 1 Universum.
    1 Mensch ist absolutes Geistmaß für 1 Mensch.

    „1“ = ein“S“ = „S“ein…
    Die „Potenzen“ der „1sen“
    machen den Unterschied.
    Produkt und Potenz bleiben
    zahlenmäßig „1“ und sind
    doch „erlebnisbar“ graduiert
    different.
    Das Vagina“feld“ und das Penis“fällt“…:=)
    Das Glaub“liche“(hafte) und das Unglaub“hafte“(liche),
    Gegenglaubliche/hafte.

    Die Dualität der „0“(Nullen)
    und der „O“H’s.

    Das Universum und
    „Die Geschichte(n)
    der „O“(h’s).

    Danke für den Beitrag Fr. Sezgin, er hat mich schlauer
    gemacht und inspiriert, wie Sie vielleicht lesen können.

    Gruß
    W.H.

  4. ""Mit wenigen Ausnahmen fehlt uns eine schöne Terminologie der Sexualität.""
    So so, Ihnen fehlt diese Terminoligie. Okay, das mag so sein. Unter dem „uns“ subsumieren Sie bitte nicht mich. Wenn Sie also die Gesamtheit der meschen meinen, dann sagen Sie künftig diesbezüglich: “ … uns, außer Gerhard Grell, fehlt …..“ Begrifflichkeiten gibt es genügend. Nur wenige Sparchen sind derart vielfältig, wie Deutsch. Das gilt für Männer- wie für Frauenkörper, vom Elektroauto bis zur Sexualität. Wer sich daran aber in besonderer Weise berauschen möchte, der muss in der Tat aufpassen, nicht in Pornographie abzurutschen. Um es kurz zu machen: Was soll dsas ganze Projekt – außer Verklemmungen der Protagonisten kaschieren?

    • Hallo Herr Grell
      Was soll dsas ganze Projekt – außer Verklemmungen der Protagonisten kaschieren?

      …vielleicht dient es den Selbsterkenntnissen und Einsichten…
      damit „geistige Rundsichten“ generiert werden können…für den
      einsichtigen, humanen Human.

      ….ich finde Ihren Beitrag „unhöflich“ und anmaßend „beurteilend“.

      Gruß
      W.H.

  5. Das starke Interesse gebildeter Frauen an der öffentlichen Diskussion ihrer Lust-
    organe fasziniert mich alleine deshalb, weil ich dasselbe von gebildeten Männern überhaupt nicht kenne. Der öffentlich gepflegte Mythos besagt, es sei aber umgekehrt …

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • interessante Beobachtung...
      …aber werden Männer nicht je höher ihr Bildungsgrad desto ätherischer?

    • Und Frauen umso gewichtiger?
      Ätherisch kannte ich bisher nur im Zusammenhang mit Ölen. Und rätsele jetzt, was die Absenderin mir mit dieser wohlriechenden Steigerung sagen wollte :-).

      Gruss,
      Thorsten Haupts

  6. Titel eingeben
    Interessanter >Artikel – ich würde sage – für Mediziner. Dem normalen Bürger erweitert er sein Wissen, aber auf seine Geschicklichkeit im Umgang mit Frauen haben solche Artikel ganz wenig Einfluss. Entweder man ist geschickt und sensible oder man ist es nicht. Entweder man ist egoistisch im Liebesleben oder man kümmert sich mehr um den Partner.

  7. Warum um alles in der Welt, soll es wichtig sein, eine Klitoris
    zeichnen zu können? Warum darf nicht mehr geheimnsivoll sein, was hunderttausende von Jahren geheimnisvoll war?
    Nitzsche sagte übrigens einmal: der Verlust der Schamlosigkeit ist das erste Anzeichen für Wahnsinn!

    • Warum es wichtig sein sollte?
      Weil, dem Zeitgeist folgend, zur Zeit alles, was das Etikett „weiblich“ trägt, toll ist oder sein muss……Das Zeichnen einer Vagina ist quasi die Frauenquote für den Kunstunterricht. :=)

    • Titel eingeben
      Eine Klitoris im Aussehen gut zu kennen, hat m.E. nichts mit Schamlosigkeit zu tun. Mediziner müssen sie kennen. Sind Mediziner schamlos? Für alle anderen ist es eine Geschmacksfrage, ob sie die intimen Teile ihrer Partner eher im Dunkeln lassen oder nicht. Scham hält den Dialog zwischen fremden Menschen auf gutem Niveau, Scham braucht man im Alltag mit anderen, da gebe ich Ihnen vollkommen Recht. Nur sollte man nicht auf muslimisches Niveau landen, bei dem alles bedeckt ist. Aber im Grunde ist die Bekleidungsart der Muslime nicht auf deren Glauben zurückzuführen, sondern auf die klimatischen Bedingungen ihrer ursprünglichen Heimat und werden dann als „schamhaft“ ausgelegt.

  8. Freiwillige Ent-Sexualisierung
    Schön auch, dass da die Frauen wieder mit Schamhaaren dargestellt werden. Ich empfinde die Schamhaarlosigkeit der Frau keineswegs als erotisch, schon gar nicht als schön. Von den gesundheitlichen Bedenken gegenüber der Enthaarung der Scham mal ganz abgesehen. Das Schamhaar erst verleiht der gereiften Schönheit die erforderliche Mitte, gibt den übrigen sexuellen Attributen den letzten Pinselstrich. Für mich wäre, wäre ich Frau, die nackte Vulva ein Ausdruck meiner freiwilligen Ent-Sexualisierung, bzw., mein Einverständnis für des Mannes pädophile Gelüste. Mag sein, dass nicht wenige Männer auf kleine Mädchen stehen, will heißen: dass diese Männer im Bett einer richtigen Frau keinen hoch bekommen. Aber will Frau sich wirklich in Konkurrenz zu ihrer eigenen Kindheit begeben? Will Frau wirklich den Kastraten? Dann braucht sie sich nicht zu beschweren, wenn die blanke Vagina als ihr letztes besonderes (sexuelles) Attribut wahrgenommen wird.

  9. @Herold Binsack
    Ich bin nicht einer derjenigen, die andere wegen ihres Geschmackes be- oder gar verurteilen. Wer Frauen mit voller Schamhaarpracht toll findet, bitte sehr. Aber ihr Beitrag ist an mindestens zwei Stellen unmöglich. Erstens sind Frauen mit rasierter Scham für sie also keinen „richtigen Frauen“. Dies ist nach meiner Meinung nicht nur grenzenlos arrogant und unverschämt, sondern vor allem unsagbar dumm. Und Männer, die ihre Partnerin lieber mit rasierter Scham lieben, sind also für sie pädophil. Finden sie dass nicht auch, nicht nur an Dämlichkeit nicht mehr zu überbieten, sondern beleidigend? Sie qualifizieren die Männer ganzer Nationen so als pädophil ab. Nicht zu fassen! Ob das rasierte Geschlecht der Frau optisch mehr oder weniger schön, erregend oder was auch immer ist, als das unrasierte, darüber kann man wie immer bei Geschmacksfragen sicher streiten. Aber dass die Intimrasur bei sexuellen Praktiken, die ihnen vielleicht fremd sind, die aber durchaus weit verbreitet sind, von ganz praktischem Vorteil sein könnte, dass überfordert wohl ihre Phantasie.

  10. Für mehr Vulva...
    statt Vagina, lohnt sich ein Blick auf das Skulpturen-Projekt „The Great Wall of Vagina“.

    Und zu den irgendwie unpassenden Begrifflichkeiten gibt es ein sehr schönes Youtube-Video mit dem Titel „Vulvina“.

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