Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Gott und die Geheimdienste

| 10 Lesermeinungen

Wir wissen, dass unsere Privatsphäre zerstört wird, spüren aber nichts davon. Eine Meditation über Überwachung und andere Formen der Disziplinierung

Big brother doesn‘t need to be watching you© CC0 Public DomainBig brother doesn‘t need to be watching you

Schön ruhig ist es gerade, bei mir zu Hause. Vorhin klingelte es an der Tür, aber ich habe nicht aufgemacht. Eigentlich war ich verabredet, aber ich habe es mir anders überlegt und bin hier geblieben. Was ich hier treibe, nämlich einen Text für 10vor8 schreiben, wüsste niemand, wenn ich ihn nicht selbst veröffentlichen würde.

Jetzt noch ein Käffchen. Richtig gemütlich. Alle Kriterien von Privatheit scheinen für diesen Moment erfüllt: 1) räumliche Privatheit – dieses Zimmer betritt niemand ohne meine Zustimmung, 2) informationelle Privatheit – warum ich hier sitze, wie es mir dabei geht und was mich sonst so beschäftigt, ist ganz meine Sache; und 3) dezisionale Privatheit – ich kann an meinen Abenden tun und lassen, was ich will.

Gestern nutzten wir die dezisionale Privatheit des Feierabends, um uns im Kino „Citizenfour“ anzuschauen, den Film über Edward Snowden, und seit gestern weiß ich noch deutlicher, was ich davor auch schon wusste, dass nämlich der Genuss von Privatheit ein trügerischer Genuss ist und unter anderem davon abhängt, nicht auf eine „watchlist“ zu geraten. Unser Einfluss darauf, im Privaten sicher aufgehoben zu sein, ist weit geringer, als die Konzepte von Autonomie, mit denen wir aufgewachsen sind, es glauben machen lassen. Wenn der Sonntag uns gehört, verdanken wir das bis zu einem gewissen Grade dem Zufall.

„Privacy is liberty“, sagt Snowden an einer Stelle. Man muss sich selbst als freies und politisches Subjekt denken, um die Verletzung zu erkennen. Ich erkenne sie – und doch fühle ich sie nicht. Auch wenn auf irgendwelchen riesigen Servern gerade alles über mich gesammelt werden sollte: Es stört mich nur prinzipiell; tatsächlich fühle ich mich so unbeobachtet und in Ruhe gelassen wie eh und je.

Snowden und Greenwald sagen, dass die zerstörte Privatheit sich für die meisten von uns – diejenigen, die noch auf keinen Listen stehen – im Potentialis der Zukunft auswirkt: In der Gegenwart scheint es egal zu sein, was die Geheimdienste über uns wissen – nicht, weil wir nichts zu verbergen hätten, sondern weil das, was wir zu verbergen haben, die Geheimdienste nicht interessiert. Die Informationen, die den Seitensprung, die Steuerhinterziehung, die Erbkrankheit oder was auch immer verraten, versuchen wir vor der Ehefrau, den Steuerbehörden, dem Arbeitgeber zu verheimlichen, aber für die Geheimdienste scheinen sie uns, die wir doch in der Gegenwart harmlose Bürgerinnen sind, irrelevant. Was müsste sich ändern, dass ich ins Visier derjenigen gerate, die auf all die wahllos gesammelten Informationen zugreifen können und die Machtmittel haben, sie gegen mich zu verwenden?

Laura Poitras erklärt die schiefe Bahn, auf die die US-amerikanischen (wie die britischen) Geheimdienste geraten seien, mit den Irrtümern nach 9/11. Aber die Idee des wahllosen Datensammelns zur späteren Auswertung ist wohl zu unwiderstehlich, als dass sie die Terroranschläge des 11. September zu ihrer Entfaltung gebraucht hätte. Wir leben in einem Panspektrum, wo alle alles überwachen und das Objekt der Überwachung erst nachträglich aus gewissen Fragestellungen heraus bestimmt wird.

Wenn ich an das Wissen der Geheimdienste denke, muss ich immer an Gott denken.

Die Szenarien, mit denen die Geheimdienste das wahllose Sammeln rechtfertigen, erinnern mich an spätmittelalterliche Darstellungen des Jüngsten Gerichts: Irgendwann steigen wir aus unseren Gräbern, und dann werden die Zusammenhänge zwischen unserem privat und nicht-privat geführten Leben offenbar sein. Gott sieht und sammelt alles, was wir an Handlungen und sogar an Gedanken hervorbringen, unser Sündenregister füllt sich, ohne dass wir es merken, eines Tages wird es hervorgezogen und dann wird uns die Rechnung präsentiert. Erst dann wird Gott uns mitteilen, wer gut war und wer böse. Eine Seele im Fegefeuer wird sich kaum auf Privatheit und informationelle Selbstbestimmung berufen.

Mosaik an der Westwand der Basilika von Torcello, 12. Jahrhundert© public domainMosaik an der Westwand der Basilika von Torcello, 12. Jahrhundert

Allerdings gibt es im Christentum Jesus, der vorsorglich am Kreuz gestorben ist, um der göttlichen Spekulation mit unserer Privatheit etwas entgegen zu setzen. Und im Judentum gibt es Jom Kippur, um symbolisch einmal im Jahr das Sündenkonto auf Null zu bringen. Vielleicht halten es die Religionen mit uns genau umgekehrt wie die Geheimdienste? „Hab ich Unrecht heut getan, sieh es lieber Gott nicht an“: Er soll darauf verzichten, unsere Daten und Metadaten zu sammeln. Aber dafür soll er uns anschauen, als Personen und mit größtmöglichem Wohlwollen: „Kennt auch dich und hat dich lieb.“

Und hier bei mir zu Hause? Gleich werde ich meine dezisionale Privatheit auf die Steuererklärung 2014 richten.

Eigentlich braucht es weder Geheimdienste noch die Informationstechnologien, damit es bei mir zu Hause nicht allzu gemütlich wird. Dafür sorge ich schon selbst. Oder wer ist es, der mich dauernd auch und gerade im Privaten auf Trab hält und mich funktionieren lässt? Was sind das für Instanzen? Meine protestantische Erziehung, die gesellschaftlichen Normen, die Zwänge der Konsumwelt? Ich will ja funktionieren und wäre schön blöd, es nicht zu wollen.

Letztlich muss diese massenhafte, wahllose Sammelei guterzogenen und selbstdisziplinierten Bürgerkindern, wie wir es sind, als eine primitive Geld- und Zeitverschwendung erscheinen. Haben die Mächtigen nicht geschicktere und subtilere Methoden, um uns zu beherrschen?

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10 Lesermeinungen

  1. Divina commedia
    Es gibt ein Buch Balzacs „Illusions perdues“,in einer herausragenden Übersetzung von Melanie Walz (Hanser),gerade nochmal gelesen/erlebt,dass hat viel mit Ihrer Gott und Geheimdienste zu tun.
    Da bleibt ja etwas für immer unlösbar :“ Der Gottesbegriff nach Auschwitz“ von Hans Jonas.
    Vielleicht ,vielleicht braucht ein Mensch immer einer sogenannte Gegenwelt der Geheimdienste: ein jeder seiner persönlichen Entwurf einer „gottlichen“ Überwachung ?

  2. Eine Meditation über Überwachung und andere Formen der Disziplinierung
    Mit den Menschen müssen wir rechnen, mit Gott können wir rechnen.
    The circle’s of evolution’s…circle’s of life’s…circle of ghost’s…circle’s of god!?…god is watching us…from a distance!:=)

    Gruß
    W.H.

    • „Kennt auch dich und hat dich lieb.“
      Die Bibel, das Buch mit den 7 Siegeln.
      Joh. Offb. Der Bruch des 7.Siegels.
      Das Harmagedon, ein sintflutartiges Human Geist-H(eil)-Armageddon?
      Anfang im Gegenwartgeschehen? Das letzte Kapitel der Bibel.
      Danach göttlicher Frieden, anstatt über-(be)wachte Sicherheit?

    • Jesus, der vorsorglich am Kreuz gestorben ist?
      Das Gegewartgeschehen bestätigt diese geistunreife Interpretation.
      Jesus Kreuzigungstod, ewiger „Menschen-Sünden-Ablaßschein“?
      Jegliches, inhumanes Verhalten ist schon gesühnt. „Schöne“? Begründung für ein Leben wie wir es führen. Die Folgen der Fehlinterpretation erleben wir ja zur Zeit.
      Jesus Tod dient der Selbsterkenntnis und Einsicht wie wichtig Vernunftbildung des Human, der Menschenmasse, ist. Ansonsten führt ihn sein Vernunftbildungsmangel zur Selbstkreuzigung. Die Dornenkrone besagt, bezeugt, daß der Mensch sich nicht selbstgefällig als Krone der Schöpfung betrachten und unmäßig, inhuman, wie ein König walten soll, sondern als Spezies Human eine humane CORONA(nicht Krone!)-Schöpfung-Verantwortung trägt, SICH BILDEN SOLL, darauf achtend, daß er nicht zur Dornenkrone für alles Vernunft-Sein auf der Erde wird, ein Zerstörer! 2014, sind wir wirklich noch so blö…sorry, unreif?
      Ja! Glauben heißt Bilden…Vernunft-Bildung aller Menschen!
      NUR Vernunftbildung schützt vor unreifen Sündentaten, Selbst-Zerstörungen, Schöpfungszerstörungen.
      BILDUNG BEDEUTET „GLAUBEN“ UND IST QUINTESSENZ DER BIBEL.
      Humaner Human mittels Bildung, Vernunftbildung,
      Menschen-Massen-Humanbildung.
      Der Kreuzweg Jesu, Leidensweg der Menschen, bis Vernunftreife
      ihn selbst das Fegefeuer als Leben-Reife-Feuer, Vernunftreifefeuer,
      Selbsterkenntnis und Einsicht-Weg, einsichtig erkennen läßt.

    • Gott und die Geheimdienste...seiner "3 Alternativgnadewege".
      Der Mensch hat dreierlei Wege klug zu handeln: durch Nachdenken ist der edelste, durch Nachahmen der einfachste, durch Erfahrung der bitterste.
      Konfuzius

    • Gott und die Geheimdienste?
      Mensch-Geld-Politik-Überwachung-Sicherheit-Gesellschaft jenseits der Vernunftgrenze?
      Liebe Menschen, haben wir uns schon einmal gefragt auf welcher Basis wir „Vernunft“ überhaupt denken? Unsere Vernunft-Argumentation(en), die unveränderliche? „Pro Geld-Argumentation“, beruht auf der letztlich Menschenwürde verachtenden Annahme, das unser „Welt-Geldflußsystem“ DIE BASIS der „Vernunft“ ist. Wer also das generell instabile und ich behaupte inhumane, „Welt-Geldflußsystem“ in Gefahr bringt, handelt außerhalb der Vernunft. Auf dieser „Denkbasis“ wird Humanität, in dem von uns als Vernunftbasis definierten und also zu denkenden „Gesellschaft-Raum“, exekutiert, hingerichtet, ein bischen hart formuliert. Vernunfthandeln ist Folge von Vernunft-Denken. Vernunft/denken/handeln, ist aber „(Geist-)Gen(etisch)!?unwiderruflich unveränderbar, „absolut definiert“, als ständiger, integrativ dynamischer, Syntheseprozess/ausdruck von Intelligenz und Emotion; denn nur so kann der Humanität-Gedanke überhaupt entstehen und existieren. Geld überhaupt und somit alle davon betroffenen, damit zusammenhängenden „Räume“, „Geld-System-Gesellschaft-Räume“, sind somit zunächst inhaltlich „seelenlose“, „inhumane“, zur Empathie unfähigen, „Sklavenräume“. Ohne Emotion überhaupt. DAS alles erklären, definieren wir, als/zum menschliche(s) Vernunft(denken-handeln)!?
      Beziehen, gründen, unsere Leben-Existenz auf eine von Geldsystem(e)vernunft abhängige, aber letztendlich doch „schizophrene“, selbstzerstörerische Geistbasis.
      Wir denken/handeln gegengenetisch behaupte ich. Deswegen Krieg und Elend, Selbst-Kreuzigung, (Überwachung-)Zerstörung, Vernunft-Wahrnehmung-Verlust.

      Gruß,
      W.H.

      P.S …für Geld und Geldsysteme können Sie auch „Fehl-Glauben“ und „Fehl-Glaubensysteme“, Religionen einsetzen, der real existierende
      „Geldglaube Gegenpart“, aber wegen ebenfalls „schizophrener“ Wirkung des“halb“(und halb:=) nicht besser. Unsere Realität ist also logisches
      Ergebnis von „Halb und Halb Fehlglauben Geld(systeme) und Religionen“. „Heilung“ könnte die Vernunfterkenntnis und Einsicht
      der von mir beschriebenen Zusammenhänge bedeuten…könnte.

  3. Wenn Sie die Totalüberwachung nicht spüren sollten Sie sich einfach vorstellen das
    … immer jemand hinter Ihnen steht – egal was Sie gerade machen, immer beobachtet jemand Ihre Handlungen, verzeichnet jedes Telefonat, jedes geschriebene Wort, jede Nachricht, jede flüchtig oder intensiv angeschaute Webseite.
    Stellen Sie sich vor das dieser Jeamand sie nicht beobachtet weil er denkt sie seien ein Terrorist. Es geht bei der Totalüberwachung nicht um Terrorismus, das ist nur eine vorgeschobene Begründung. Es geht um Macht über Sie, über die Firma in der Sie arbeiten, Macht über das Land in dem Sie leben. Nur für den Fall das es einmal „Unstimmigkeiten“ gibt und man diese Macht ausüben muß, will man alle Informationen.
    Stellen Sie sich vor das diese Informationen mißbraucht werden können und sei es in der Zukunft Ihrer Kinder – wenn die Ethikkommission eines neuen Regieme prüft ob man Ihre Kinder mit einer Leitungsstelle in einem Unternehmen betrauen kann.
    Wenn Sie die Totalüberwachung immer noch nicht spüren lesen sie „1984“ von George Orwell und lesen Sie „Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley, sehen sie sich den Film Equilibrium an …
    Das wird Ihnen helfen zu spüren.

  4. Schön gemacht...
    …und ohne die übliche Hysterie aufgezeigt, dass wir dabei sind, unseren Rechtsstaat zu zerstören, indem wir ihn beschützen wollen. Schön auch das Einbringen der Idee, dass Gott die Totalüberwachung benutzen könnte aber wohl eigentlich nicht will, durch seine Gnade.

  5. Ja, die Kirchen halten sich erstaunlicherweise zurück!
    Es ist Zeit, einmal Zwischenbilanz im NSA-Skandal zu ziehen. Was haben wir bisher erreicht? Die Politiker irrlichtern unsicher und unentschlossen umher. Immerhin will die Bundesregierung weiterhin mit der US-Regierung über den Skandal sprechen (Cyber Dialog). Die IT-Fachleute diskutieren vorwiegend auf der technokratischen Ebene. Der Generalbundesanwalt will mangels Beweisen keine Ermittlungsverfahren einleiten. Gleichzeitig gehen die amerikanischen Spionagedienste in den bekannten deutschen Standorten unbehelligt weiter ihren Spionagetätigkeiten nach. Ich frage mich: Wer vertritt denn in unserem Staat noch die hier relevanten Grund-, Freiheits- und Menschenrechte? Die Politik scheint ja auszuscheiden. Was hört man eigentlich von unseren Kirchen in Anbetracht des massenhaften, auch staatlich gelenkten Verstoßes gegen die 10 Gebote (vgl. hierzu die hervorhebenswerten, wenn auch singulären Stellungnahmen von Frau Käsmann und Bischof Schick). Selbst die deutsche Industrie, die ja aufgrund der Industriespionage u.a. um ihre Innovationen und damit um ihre Überlebensfähigkeit bangen muss, scheint auf Tauchstation zu sein. Der DGB thematisiert den Skandal vorwiegend als Angriff auf die Pressefreiheit. Einzige Lichtblicke: der EuGh sowie das Verfassungsgericht. Müssen die freiheitsliebenden Bürger das eben bis auf Weiteres selbst in die Hand nehmen. Doch was tun?
    Mein Tip: Hören Sie mal, was Sigismund Ruestig auf YouTube für konkrete Vorschläge hat:

    http://youtu.be/_a_hz2Uw34Y

  6. Pingback: Kirche heute, 14.Januar 2015 | Christliche Leidkultur

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