Ich. Heute. 10 vor 8.

Die Kunst des Fläzens

Halb zieht es sie, halb sinkt sie hin. Warum hängt man eigentlich rum, wenn man Prüfungen, Informationen und Zukunft vor sich hat? Über die Anziehungskraft des Sofas auf eine 16jährige Denkerin.

© https://www.flickr.com/photos/hfb/108018721/in/photostream/Hunde fläzen…

Ich bin 16 Jahre alt. Bis gerade eben wollte ich noch über etwas Politisches schreiben, über Idealismus vielleicht, aber meine Gedanken schweiften ab und mir fiel nichts anderes ein als: fläzen. Ich fläzte mich also mit meinem Computer auf dem Bauch auf das Sofa, starrte in die Luft und ließ langsam die Idee in mich einsickern, dass ich einen Text über das Fläzen schreiben könnte. Über die Frage, warum ich so viel fläze, während die politische Lage um mich herum explodiert, und ich eigentlich darüber nachdenken sollte, was ich mit meinem Leben anstellen will. Und während ich so regungslos da lag, begann ich zu überlegen, was das Fläzen mit der heutigen Welt, meinem Körper und der Zeit zu tun hat.

Das meiste, was ich anfange, endet damit, dass ich auf dem Sofa in die Luft starre. Liegt das an meinem Alter? Hat man biologisch bedingt mit sechzehn Jahren einfach eine fläzanfällige Phase? Viele von uns haben diese Entscheidungsangst, dieses Nicht-wissen-was-man-will, viele von uns hängen nach dem Abitur erst einmal vollkommen durch. Eine Freundin hat mir neulich erzählt, dass sie Wochen, ja, Monate damit verbracht hat, auf der Couch zu hocken und unkonzentriert in Studienratgebern zu blättern.

Geht Fläzen denn immer mit Prokrastination einher? Fläze ich anstatt meine Hausaufgaben zu machen, den Meerschweinchenstall zu putzen oder diesen Artikel zu schreiben? Nicht unbedingt. Ich fläzte in den langen Weihnachtstagen mindestens genauso viel wie in der Prüfungszeit vor ein paar Monaten.

Ich dachte immer, Fläzen sei ein Zustand wie Sitzen oder Liegen. Doch im Wörterbuch steht, das Perfekt werde mit „haben“ gebildet – nicht mit „sein“. Irgendwie muss Fläzen also doch eine Beschäftigung sein. Eine Beschäftigung, bei der man nebenher auch noch andere Dinge tun kann: fernsehen beispielsweise (besonders geeignet: Frauentausch, H2O-Plötzlich Meerjungfrau, Shopping Queen), Kugelschreiber auseinander bauen oder Regentropfen beim Fallen zusehen.

Tatsächlich bedeutet „fläzen“ weit mehr als nur „sich halb setzen, halb legen“, wie der Duden vorschlägt. Fläzen symbolisiert eine Lebenseinstellung. Gerade als sich mein eigener Körper entwickelte, häufig so viel schneller und dann so viel langsamer als es mir lieb war, war Fläzen unheimlich wichtig für mich. Fläzen, das hat etwas mit mir selbst zu tun, mit meiner Selbstwahrnehmung. Als Kind habe ich nicht darüber nachgedacht, ob und warum ich fläze; ich habe es einfach getan. Heute schaue ich mir beim Fläzen zu.

Und spätestens, als ich merkte, dass die Minuten im Matheunterricht nur im Schneckentempo vorankrochen und die Stunden am freien Nachmittag an mir vorbeiflogen, erkannte ich, dass Zeit etwas Kostbares ist. Beim Fläzen kann ich das zelebrieren. Beim Fläzen sickert die Zeit in mich ein. Ich halte sie nicht an, ich lasse sie aber auch nicht fließen, ich strecke sie sanft. Die Zeit sickert beim Fläzen zusammen mit mir selbst in meinen Körper, und mein Körper sickert durch die Zeit.

Beim Fläzen habe ich gelernt, allein sein zu können. Allein nur mit mir und meinem Körper und meiner Zeit. Wenn ich fläze, fühlt sich mein Körper schwer an, präsent, denn ich bin in ihm drin und nicht darüber und nicht daneben. Zugleich kommt er mir aber auch schwerelos vor – er hat schließlich kein Ziel und keine Aufgaben mehr. Beim Fläzen habe ich keinen Körper, ich bin Körper – schwere, schwerelose Körpermasse, die auf dem Sofa fläzt und nichts tut.

© Ernst Ludwig Kirchner - http://www.bruecke-museum.de/pressebild_gemaelde_plastik.htmMädchen fläzen…

Nur Andere will man nicht beim Fläzen sehen. Vor allem nicht die Eltern. Ich erinnere mich noch, als ich dreizehn Jahre alt war und sie zum ersten Mal bewusst beim Fernsehen beobachtete: Bauch und Beine in die Luft gereckt, den Mund halb offen und schwer atmend auf dem Sofa liegend, erinnerten sie mich an Wale. Zum ersten Mal in meinem Leben kam es mir unwürdig vor, auf dem Sofa zu liegen. Sehe ich auch so aus, wenn ich einfach nur bin? Und wenn nicht jetzt, werde ich in dreißig Jahren so aussehen? Die Erwachsenen behaupten, sie bräuchten das Fläzen als Ausgleich zu ihrer Arbeit, sie betrieben es zur Regeneration, nicht als Selbstzweck.

Mich aber erschreckte die Antriebslosigkeit meiner Eltern. Vielleicht war das pubertär – in diesem Alter kann ja alles, was die Eltern tun, plötzlich peinlich, komisch oder einfach nervig werden, aber es führte mich zu der Erkenntnis: So wichtig privates Fläzen als eine Spielwiese der Intimsphäre sein kann, so unangemessen ist es gerade deshalb, sein eigenes Fläzen mit anderen zu teilen.

Obwohl, das stimmt nicht ganz. Es gibt einen, bei dem das Fläzen Kunst ist und das Zuschauen ein Genuss. Das Vorbild aller Faulenzer und Fläzer ist natürlich: „der Dude“, auch genannt „Seine Dudeness“ oder „El Duderino“ aus dem Coen-Brothers Film „The Big Lebowski“. Wenn der Dude auf seinem Perserteppich liegt und über Kopfhörer Walgesängen lauscht, erkennt jeder Laie: Hier ist ein Meister am Werk. Wie der da fläzt, da könnten wir uns alle eine Scheibe von abschneiden.

Aber meine Eltern sind eben nicht der Dude.

© https://www.flickr.com/photos/cote/158082293/Der Dude fläzt…

Und ich bin leider auch nicht immer der Dude.

Wie viele Gleichaltrige fläze ich manchmal auch aus einer Lähmung heraus, aus Überdruss, Bewegungslosigkeit, um dem Zuviel und dem Zuwenig zu entkommen. Wir fläzen, weil wir Prüfungen und Informationen und Zukunft vor uns haben, ohne zu wissen, wohin es gehen soll. Wir haben so viele Möglichkeiten wie nie zuvor, sind aber nicht im Stande zwischen ihnen zu wählen. Wir sind andauernd beschäftigt, ohne etwas zu tun.

Dann denken wir: Warum soll ich denn überhaupt noch irgendwas machen? Da kann ich ja gleich fläzen. Und dann fläzt man und fläzt und fläzt, bis einem die Glieder steif werden, das Gehirn vernebelt und man plötzlich vom schlechten Gewissen gepackt wird: Was fläze ich hier eigentlich herum, wo ich doch Klavier üben, meine Zukunft planen, die Welt erleben sollte!

© Yolandaund selbst die Erdmännchen fläzen.

In diesen Momenten erwacht in mir plötzlich eine furchtbare Hektik, während mein Körper in vollkommener Regungslosigkeit verharrt. Dann denke ich panisch darüber nach, mich in Zumba-Klassen anzumelden, fertige Lese- und To-do-Listen an, entwerfe Lebenspläne und philosophische Theorien. Selbstverständlich ohne mich vom Sofa zu erheben.

Manchmal kann man beim Fläzen schließlich sehr produktiv sein: Während ich vorhin auf dem Sofa herumgefläzt habe, ist mir tatsächlich ein Thema für diesen Text eingefallen. Das ist das Verzwickte beim Fläzen: Es ist nicht zielgerichtet, kann aber gerade deshalb zum Ziel führen. Das Fläzen ist fast genauso zwiespältig wie das Jungsein selbst. Es kann alles und muss nichts sein.