Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Parallelwelt in der ARD

| 15 Lesermeinungen

The past is a foreign country: they do things differently there. (L. P. Hartley)

###© Lars Plougmann, CC BY-SA 2.0  

Es gibt sie, die Parallelwelten. Das habe ich diese Woche wieder einmal ganz deutlich gespürt. Und ich meine damit nicht etwa das sächsische Paralleluniversum, in dem PEGIDA schwimmt, oder die schon länger viel geschmähten „Parallelgesellschaften“, die Migranten in Deutschland allgemeinem Konsens nach nicht bilden dürfen (in Amerika heißt so etwas „Chinatown“ und ist ein wichtiges kulinarisches Ausflugsziel, aber das nur am Rande).

Worauf ich hier abhebe, ist vielmehr das Gefühl, das mich am Montag Abend befallen hat, als ich mich auf einen öffentlich-rechtlichen Fernsehsender verirrte, wo eine „Story im Ersten“ namens „Papa, trau Dich!“ lief. Dieses Gefühl sagte mir: Ich lebe nicht in derselben Welt wie die Autorin eines Films, der mit dem Satz beginnt „Arne Brixel macht gerade Väterzeit und taucht ein in seltsame Welten“.

Nicht, dass das Dargestellte sich nicht mit den mir bekannten Fakten deckte: die Zahl der Väter, die Elternzeit nehmen, ist nach wie vor gering: Nur gut ein Viertel geht überhaupt für einen Moment aus dem Beruf raus, und nur 7% nehmen mehr als die minimalen zwei Monate (für die sich das scheußliche Wort „Vätermonate“ eingebürgert hat – kaum waren die im Prinzip frei aufteilbaren 14 Monate Elterngeld eingeführt, wurde in Deutschland breitenwirksam davon ausgegangen, das bedeute selbstverständlich 12 Monate mütterliche Babypause und eben zwei „Vätermonate“). Diejenigen Väter, die Elternzeit nehmen, sehen sich nicht selten dem Unverständnis ihrer Umwelt ausgesetzt, es gibt nach wie vor Chefs, Firmen und Firmenkulturen, die väterlichem Familienengagement mit offener Feindseligkeit begegnen und Extremfälle, wo Männer nach der Rückkehr und dem Verfall des Kündigungsschutzes aus den Betrieben rausgeekelt oder gar eiskalt vor die Tür gesetzt werden. Verhinderung von väterlichen Elternzeitwünschen durch verknöcherte Chefs mit Familienbild aus den 1950er Jahren – dafür haben Sie doch eine Frau! – ist mir auch in meiner unmittelbaren Umgebung schon zu Ohren gekommen.

Der Film war, das muss ich zugeben, durchaus gut gemeint, sein Titel war inklusive des Ausrufezeichens Programm. Gezeigt wurden lauter ausgeglichene Väter, die sich in Spielgruppen wohl fühlten und ihre Zeit mit den Kindern als wichtig und richtig empfanden, selbst diejenigen, die dafür – freiwillig oder unfreiwillig – berufliche Nachteile in Kauf nehmen mussten. (Am Schönsten dabei eine Gruppe von gepflegten Väterzeit-Bankern, die elegant und lustvoll einen Spielplatz bevölkerten.)

Soweit alles fein. Die Parallelwelt begann mit dem Tonfall. Und erstreckte sich weiter auf die Fragen. Und auf den gesamten Aufbau der Reportage, der zum Ausdruck brachte, wo sie ihre Zuschauer abholen zu müssen vermeinte. Nämlich ungefähr 1956. Maximal 1957.

Da waren die staunenden Nachfragen an die Väter (die dabei, das muss man ihnen lassen, würdevoll Contenance bewahrten), ob das Windelwechseln ihnen denn wirklich nichts ausmache, ob sie denn vielleicht in ihrer Elternzeit auch ein bisschen den Haushalt machen würden? Und ob ihnen auch dieses wirklich nichts ausmache? Wäsche waschen! Einkaufen! Kochen! Putzen! All diese Dinge, denen Männern anscheinend noch nie zuvor auch nur ansatzweise begegnet waren.

Gezeigt wurden Gruppen von Elternzeit-Vätern, die sich zusammengeschlossen hatten, um den „normalen“ reinen Müttergruppen zu entkommen, in denen nur vom Stillen und vom Babybrei die Rede ist. Was Männer natürlich langweilt. Was nicht ansatzweise zur Sprache kam: dass viele Mütter das alles spätestens nach dem ersten Stillrausch auch nicht mehr hören können. Zumindest ist das in meiner Parallelwelt so. Oder dass es doch möglicherweise auch Paare gibt, die sich zumindest vor dem ersten Kind den Haushalt auch ein klein wenig teilen (dass es nach Geburt des ersten Kindes häufig zu einer „Retraditionalisierung der Geschlechterrollen“ kommt, eben aufgrund der vorherrschenden Verhältnisse – 12 Monate Muttervollzeit, maximal zwei Monate Väterurlaub – ist soziologisch schon oft beschrieben worden). Von „Männerwelten“ und „Frauenwelten“ war die Rede – erstere zeichnen sich anscheinend durch Technik und Fußball aus, letztere durch Säuglingspflege und Waschmaschinen-Kompetenz. Es fehlte einzig noch die Suggestiv-Frage, ob sich die Männer nicht vielleicht doch auch sexuell entmannt fühlten beim Windeln wechseln. Vielleicht fiel sie auch in einem Moment, in dem ich mich gerade schaudernd abwandte. Wie ich überhaupt den ganzen Film über immer wieder innerlich aufstöhnte, von „unfassbar – das ist nicht das Land, in dem ich lebe!“ zu „unfassbar – das ist das Land, in dem ich lebe…“

Was mich wieder zu den Parallelwelten führt. Ja, ich weiß, auch das belegen viele Studien, Statistiken und Anekdoten – jüngst etwa dieser lustige Hinweis auf deutschen Werbemachismo –, Deutschland ist was Geschlechterrollen, weibliche Berufstätigkeit und Artverwandtes betrifft im westlichen Vergleich eher rückständig. Und ja, ich selber lebe in Berlin, noch dazu umgeben von lauter Freiberuflern, Schriftstellerinnen und Journalisten, und klar, das ist etwas Anderes als westdeutsches Bürgertum. Bin ich es also, die in einer seltsamen Parallelwelt lebt? Oder tut es das Publikum, das dieser Film anzusprechen sich bemüht (sofern es existiert)?

Vielleicht leben wir ja alle gefangen und frei zugleich in unserem je eigenen kleinen Soziotop, in unserer kleinen, vielleicht nur um Millimeter verschobenen Parallelwelt. Zwei Fragen blieben mir dann trotzdem noch: Wo kann ich die „seltsamen Frauenwelten“ besuchen? Und: was, bitte, ist dann die „Mehrheitsgesellschaft“?

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15 Lesermeinungen

  1. Antwortfragmente für einge Fragen:
    Frauenwelten könnten Sie – wenn sich nichts dramatisches geändert hat – in den prosperierenden Kleinstädten z.B. in BaWü oder Bayern finden, in deren Mittelschicht das Modell „Hausfrau“ Anfang der neunziger durchaus noch verbreitet war und vermutlich heute noch ist. Diese Frage ist absolut typisch für Menschen aus dem Medienzirkus in Grosstädten (einer der vielen Gründe für das stetig gesunkene Ansehen von Journalisten, aber das nur nebenbei).

    Mehrheitsgesellschaft ist einfach die Gesellschaft, die die Rechtsordnung Deutschlands anerkennt und für bindend hält. Das entscheidende Kennzeichen für Parallelgesellschaften ist genau die Abwesenheit dieser Anerkennung samt ihrer praktischen Folgen.

    Was den Film angeht, mein Beileid. Nur – wann und wo ist eigentlich Ihre Erwartung entstanden, liebe Frau Newmark, Medien seien zu mehr in der Lage als zur Abbildung der jeweilig gültigen Herdentriebe der in ihnen tätigen Menschen? Wenn das mal ausnahmsweise passiert, haben alle (auch Print-) Medien eine Sternstunde.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

  2. Titel eingeben
    Lieber Herr Haupts,
    danke für die Bestätigungen – und für die regionalenspezifischen Erläuterungen…

  3. Titel eingeben
    „Mehrheitsgesellschaft ist einfach die Gesellschaft, die die Rechtsordnung Deutschlands anerkennt und für bindend hält. Das entscheidende Kennzeichen für Parallelgesellschaften ist genau die Abwesenheit dieser Anerkennung samt ihrer praktischen Folgen.“

    An diese Aussage würde ich mal ein fettes Fragezeichen dranmalen. Ich unterstelle der überragenden Mehrheit der deutschen Wohnbevölkerung ein Bekenntnis zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung – egal, ob es sich dabei um die vielzitierte schwäbische Hausfrau, die Freiberuflerin im Prenzlauer Berg oder den türkischen Gemüsehändler in Gelsenkirchen handelt. M.a.W.: Die Welt ist nicht nur in der Provinz in Ordnung. Anderswo mag sie zwar anders sein, aber daraus gleich auf eine Abkehr von der Rechtsordnung zu schließen, halte ich für gewagt. Oder habe ich Herrn Haupts da falsch verstanden?

    Im übrigen: Wer sich als Frau heute noch darauf verlässt, das Leben friedlich bis ans Ende ihrer Tage als Hausfrau und Mutter verheiratet mit einem Hauptverdiener verbringen zu können, sollte sich schleunigst mit dem (mittlerweile gar nicht mehr so) neuem Unterhaltsrecht auseinander setzen.

    • Ja, leider eindeutig falsch verstanden - ich beantwortete die beiden Fragen von
      Frau Newmark ebenso vollständig voneinander getrennt, wie ich sie gemeint verstanden habe.

      Mit anderen Worten – es gibt in Deutschland eigentlich nur in einigen wenigen Grosstadtbezirken echte Parallelgesellschaften unter Einwanderern. Möglicherweise.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

  4. Parallelwelt(en) in der/den? als? beides? reifegraduierte(n)...
    „A“(nalogwelt(en)“R“(atiorealistischer)“D“(ualitäten)-Gegenwart?
    Parallele Analogien, analoge Parallelitäten aus der Vergangenheit, in schwebender Zukunft gereift, als neue, „runderneuerte“, Gegenwart?

    Genderdilemma?
    „Es waren „EINS“t 2 Königskinder, die hatten der Liebe viel, aber sie
    konnten zusammen nicht kommen…autsch,
    denn „R“(atio-„R“eifebegrenzung) kam immer zu früh“?:=)

    Hoffnungsfröhlicher Gruß
    W.H.

  5. P.S ...
    Und „Selbstbegrenzung“ kam immer zu spät?…Die „richtige“ Idee
    zur „richtigen“ Zeit am „richtigen“ Ort?…oje oje, da kann „man“ sich
    schwindelig denken…und „der“-?…“die“-„EINS“t werden wir uns
    fragen warum wir „EINS“t nicht MEHR bei Trost waren:=)

    Schönes Wochenende,
    W.H.

    P.S. …richtige = reife?…echt(e) menschliche „Mehrheitsfragen“…
    „Wahrnehmungsfragen?…der Anfang braucht wohl…

  6. Seltsame Frauenwelten
    Die seltsamen Frauenwelten können Sie in der seltsamen und mit dem Hang zum fremdfinanzierten finanziellen Gönnerhaftentum versehenen Paralellwelt bestaunen, in der Sie leben, Frau Newmark. Glinkastraße 24. Familienministerium. Weibliche, feministische Familienpolitik. Zuverlässig seit Jahrzehnten. Und auch nicht interessiert an der Mitwirkung von nicht-feministischen Männern. Die Ansage der Partei, die derzeit die Familienministerin stellt, war deutlich:

    „„Die antifeministische Männerrechtsbewegung wird, wenn wir in Regierungsverantwortung sein sollten, keinerlei Zugang bekommen. Wir werden dafür sorgen, dass progressive und profeministische Kräfte in der Männerpolitik gestärkt werden.““

    http://man-tau.blogspot.de/2013/08/die-spd-als-gender-streber-und.html

    Mann muß also Feminist sein, um an der Männer- und Familienpolitik teilzunehmen. Familienpolitik als Gesinnungspolitik. Wie ist die Bezeichnung in den USA dafür? In einem Land, in dem die Worte „automatisches Sorgerecht für Ledige Väter“ Empörung bis in die höchsten feministischen Kreise auslöst, in dem Männlichkeit im Hamburger Programm der SPD mit Unmenschlichkeit gleichgesetzt wird und in dem Familienpolitik gleich Frauenpolitik ist, muss Sie so eine Reportage nicht wundern. Der Mann als zu domestizierendes Haustier, für den kaum Familienpolitik gemacht wird. Sie haben schon Recht, an manchen Stellen wirkte die Reportage wie aus einer anderen Zeit. Wie aus einer Zeit, in der Frauen, Mütter und Feministinnen Männer und Väter nicht für fähig hielten, sich um ihre Kinder zu kümmern. Nur: Wir haben 2015. In dem Ministerium, was den Namen „Männer“ nicht in seiner Bezeichnung tragen will, ist die Zeit vor 50 Jahren stehengeblieben.


    • ja, es gibt wirklich viele Parallelwelten, manche seltsamer als andere… diejenige mit dem Mann als Haustier stelle ich mir gerade recht possierlich vor…

  7. Die heile Welt der gutsituierten Eltern
    Ja, es gibt sie tatsächlich, jene Paare, die beide in gehobener Stellung und bestem Einkommen das Sagen haben und anordnen können, wie sie die Elterzeit auszufüllen wünschen.
    Es gibt die Frauen, die dort auch noch besser verdienen wie ihre Männer, unabkömmlicher sind oder die mehr riskieren, wenn sie die Mütterkarenz in Anspruch nehmen.
    Elitäre Kindergärten sind auch zu bestaunen, wo es von Erzieherinnen nur so wimmelt, wo eine parkähnliche Fläche den Kleinen zur Verfügung steht, eine Ausnahmeerscheinung in der Kindergartenlandschaft und selbstverständlich nur besserverdienenden zugänglich.
    Typisch war dieser Bericht wohl weniger für so manchen alleinerziehenden Haushalt, wo die Mutter mit Hartz 4- Transferleistungen genötigt wird, neben HAUSHALT UND KINDERERZIEHUNG einen sinnlosen Kursus der ARGE zu besuchen, von wegen , damit sie besser gerüstet ist für den Arbeitsmarkt….
    Mit nicht nur zweierlei Maßstäben wird gerechnet.
    Dort gibt es sogenannte Luxusprobleme, welche, die nicht einmal wert sind, erwähnt zu werden. Heile Welt und Sonnenschein auf der einen Seite- Stress und auch finanzielle Engpässe auf der anderen, dazwischen Varianten. Sollte dieser feine Bericht etwa als Anreiz gesendet worden sein, damit nicht so vom Schicksal begünstigte sich auch ja anstrengen, damit sie Ehrgeiz entwickeln, selbst sozial aufzusteigen? Solche Flausen in die Köpfe zu setzen ist nicht mehr gesellschafttauglich, meine sehr verehrten Damen und Herren.

    Fest im unteren Drittel der Hierarchie eingewebte Menschen wissen, daß sie ihre Situation nicht mehr verändern können und das Leben der Kinder auch vorprogrammiert ist. Schon werden neue Niedriglohngruppen generiert in der Paket- und Postzustellung, in der Betreuung, nicht der Pflege von alten Menschen. Die lieben kleinen werden da später wohl mehr oder weniger mal zwangsweise arbeiten für das Existenzminimum.

    Und die luxusbetreuten Kinder der Elite werden diese unter Druck setzen- so, wie es immer gewesen ist.

    • Titel eingeben
      Niemand ist fest in das untere Drittel der Gesellschaft eingewebt. Reich sind in Deutschland irgendwas von 100.000 Leute, im althergebrachten Sinne: Müssen für ihren Lebensunterhalt nicht mehr arbeiten. Alle anderen müssen für ihren Lebensunterhalt arbeiten – und können dabei sowohl ab- als auch aufsteigen. Einige tausend können, egal aus welcher Schicht, mit Unternehmensneugründungen selber reich werden.

      Aber ich verstehe schon, warum man diesen Blödsinn den Leuten einredet: Opfer brauchen natürlich Opfervertreter …

      Gruss,
      Thorsten Haupts

  8. Alles in allem war es eine gelunge Dokumentation
    und auch wenn Väter in Elternzeit eine Minderheit sind – warum soll über diese Minderheit nicht berichtet werden? Über zig andere wird auch berichtet, niemanden störts.

    Im Gegenteil: nachdem wir medial seit Jahren mit der Vereinbarkeitsproblematik Frau/Beruf immer und immer wieder konfrontiert werden, war das mal eine wohltuende Abwechslung. Endlich mal der Fokus auf den Vätern, die entweder – wenn sie Elternzeitwünsche äußern – nicht selten diskriminiert werden oder aber, wenn sie im Beruf bleiben, eben auch das Problem haben, Vaterrolle und Job zu vereinbaren. 60/70-Stunden Woche – um das Familieneinkommen zu sichern – und eben auch die Kinder sehen und erziehen wollen, oft ein Dilemma für viele Väter.

    Es ist eben mitnichten (nur) ein Frauenproblem.

  9. Vielleicht...
    schaffen wir, die Gesellschaft, es ja bald, aus „selt-Sam(en)“…
    „self-Sam(en)“…Gesellschaft geistreif zu „kreieren“ und „11“ (all even) zu leben. „11“ Parallelfamiliengesellschaften mit analogem, Generationen übergreifendem, „11“-Vernunftbildungssystem auf
    „11“-sozial(seele-psyche)basis; wenn (Hu)“man“ human denkt und
    handelt?
    „Gendergeistreife“, geistreife Gender“Absicht“…die Wahrheit einer Absicht… an die Macht!?:=)

    L.G.
    W.H.

  10. Pingback: “Wie ist das denn für sie, wenn Mitarbeiter mehrere Monate aussteigen? Sie sind ja nicht die Arbeiterwohlfahrt.” | makellosmag

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