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Ich. Heute. 10 vor 8.

Ich. Heute. 10 vor 8.

Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

On my list…

| 7 Lesermeinungen

Mit der Königin der Liste, Susan Sontag, vielleicht doch noch das Matterhorn besteigen, Harfe spielen und Chinesisch lernen?

Susan Sontag in der Akademie der Künste in Berlin, 1976 © Renate von MangoldtSusan Sontag in der Akademie der Künste in Berlin, 1976

…so richtig kann man sich das eigentlich auch nicht vorstellen: zwei altkluge, 14-jährige Teenager aus Northern California, die schon zwei Stunden vor dem vereinbarten Rendezvous in einem geliehenen Chevrolet in Pacific Palisades, Los Angeles vorfahren, um nochmals zu „üben, wie man mit einem Gott spricht“; später beklommen mit eben diesem „Gott“ Tee trinkend in einem düsteren, mit deutschen Büchern vollgestopften Wohnzimmer sitzen, seinen „gletscherschweren Wortfluss“ über sich ergehen lassen, und sich dabei immer mehr wundern, dass dieser dünne, ältliche, weißhäutige Mann vor ihnen ausgerechnet derjenige sein soll, der Thomas Manns Zauberberg geschrieben hat.

Ebenso wie diese beiden auf der Sofakante bei Thomas Mann Ende der vierziger Jahre wundert man sich heute, dass einer der beiden Teenager ausgerechnet die gewesen sein soll, die schon bald anfing, Susan Sontags erste Essays zu schreiben und sich Jahre später an dieses Initiationserlebnis wie an einen irgendwie unpassenden, deplazierten und vor allem unendlich peinlichen Bordellbesuch erinnert. Lübecker Bürgertum und Northern Californian Highschool im unvorbereitetem Kultur-Clash! Keiner von ihnen dreien sei damals in Bestform gewesen…

Natürlich wolle man dann schon wissen, wie aus diesem Sumpf der tiefsten amerikanischen Provinz („Das war ja nicht Tübingen!“) so jemand „wie Frau Sontag“ entstanden sei, fragt sich Michael Krüger, der deutsche Verleger eben jener „Frau Sontag“ im Gespräch mit dem Filmhistoriker Ralph Eue bei dem Symposium Susan Sontag Revisited, das gerade anlässlich ihres zehnjährigen Todestages am Institute for Cultural Inquiry (ICI) in Berlin veranstaltet wurde.

Mit vier lesen gelernt, mit vierzehn sich schon nicht mehr zwischen Joyce, Kafka und Thomas Mann entscheiden können, mit sechzehn Highschool-Abschluss und Studienbeginn, mit siebzehn verheiratet, mit achtzehn ein Kind, „und plötzlich sitzt dann Marcuse bei ihr am Küchentisch“ (Michael Krüger), das ist tatsächlich ein Start in ein rasantes, ruheloses, unersättliches Leben, dem in all seinen so unterschiedlichen und vielschichtigen Flussläufen nachzuspüren diese zwei Tage am ICI gewidmet waren.

Sehr unterschiedliche Fragestellungen wurden aufgegriffen und in neue, spannende Kontexte gestellt, so etwa Sontags Reflexionen zu Stigmatisierung rund um Krankheitsbilder wie Tuberkulose, Syphilis, Krebs und Aids im Kontext der heutigen Queer-Bewegung (Andrea Breidt, Wien); ihre bisher wenig untersuchte Doppelgängerschaft mit der befreundeten Religionsphilosophin und ungarisch-jüdischen Autorin Susan Taubes im Spiegel der Auseinandersetzung von beiden mit Simone Weil (Christina Pareigis, Hamburg); ihre ungewöhnliche Kombination von “Gelehrsamkeit, Intelligenz und Empathie” (Steve Wassermann, Los Angeles) und eine Arbeitsweise, deren größtes Anliegen es gewesen sei, die Grenzen, die eine Kunstform von der anderen trennte, aufzuheben: „Wenn ich also zu einem Patti-Smith-Konzert gehe, dann genieße ich, habe teil und lasse mich ein, und das kann ich umso besser, weil ich Nietzsche gelesen habe.“

Vor diesem Hintergrund kann man verstehen, warum Sontag schon so bald und so vehement aus der akademischen Welt ausbrechen musste, und unbedingt zeigen wollte, dass sie auch Filme drehen und Romane schreiben konnte: „Ich hätte jedes Angebot angenommen, nur um zu beweisen, dass ich es kann.“

Susan Sontag bei den Dreharbeiten zu "Bruder Carl" in Schweden 1969© Stiftung deutsche KinemathekSusan Sontag bei den Dreharbeiten zu Bruder Carl in Schweden, 1969

Ein besonderes Erlebnis war für mich, ihre eigenen, selten gezeigten Filme jetzt parallel zum Symposium im Kino Arsenal zu sehen. Absolut entwaffnend und bezaubernd sie selbst in den jeweils vierminütigen Screen-Tests aus Andy Warhols Factory von 1964: sonnenbebrillt, leichtfüßig, selbstbewusst und einfach unendlich lässig… Überraschend aber auch etwas verstörend das Duett für Kannibalen (1969), es erinnert vielleicht an eine Art nordischen Ozu; und bei ihrem Bruder Carl (1971) dachte ich, wäre Bergmann eine Frau gewesen, weniger protestantisch und grundsätzlich etwas sinnlicher, hätte er vielleicht so etwas gefilmt…

Aufschlussreiche Einblicke in Sontags Kinohimmel gab das Ehepaar Gregor (Arsenal Berlin): während ihres DAAD-Aufenthaltes in Berlin 1989/90 stellte sie eine Filmreihe ihrer ganz persönlichen Götter zusammen – Ophüls, Renoir, Bresson, Ozu, Rossellini, Pasolini, Tarkovsky, Chantal Akermann, Fassbinder, Syberberg und Béla Tarr…

Ralph Eue mit Erika und Ulrich Gregor im Gespräch über Sontags Berliner Zeit, als sie in der Mommsenstraße in Charlottenburg an ‚The Volcano Lover’ schrieb;  im Hintergrund Susan Sontag vor dem Kino, „das ihr auf der ganzen Welt das Liebste war“.© Cordelia DvorákRalph Eue mit Erika und Ulrich Gregor im Gespräch über Sontags Berliner Zeit, als sie in der Mommsenstraße in Charlottenburg an ‚The Volcano Lover’ schrieb; im Hintergrund Susan Sontag vor dem Kino, „das ihr auf der ganzen Welt das Liebste war“.

Beeindruckend dann im weiteren Verlauf des Symposiums die Schilderung des Theaterdirektors Nihad Kreševljaković über Sontags Engagement in Sarajewo und ihre Godot-Inszenierung, wo während der Proben weder die Toiletten noch das elektrische Licht funktionierten, es kein Essen gab und der Theaterbesuch für alle nur unter akuter Lebensgefahr möglich war. Das beste Theater seines Lebens hätte er in dieser Zeit gesehen, sagt Kreševljaković – nicht, weil es unbedingt das beste Theater war, aber weil die Dauerpräsenz der Todesgefahr das Wesentliche im Leben geklärt hätte. Die Zusammenarbeit mit Sontag habe ihnen dabei wieder ein Gefühl für Würde gegeben, auch wenn sie alle, selbst Sontag, die „Hoffnung auf Godot“ und ein mögliches Ende des Horrors in Sarajewo längst aufgegeben hatten.

Wie sehr man heute, im Zeichen der kompletten Re-Vision von Europa oder dem europäischen „9/11-Schock“ nach den Attentaten auf Charlie Hebdo ihren so unbestechlichen, gänzlich unsentimentalen Blick, ihre leidenschaftliche Wortgewalt und ihre moralische Autorität vermisst, wurde besonders deutlich in den Beiträgen von Jörn Glasenapp und Carolin Emcke. Während Glasenapp sich nochmals mit Sontags profunder Skepsis gegenüber dem Medium der Fotografie (seiner trügerischen All-Verfügbarkeit, dem von ihr unterstellten „chronisch voyeuristischen Blick“ und dem Opportunismus des fotografischen Abbilds) beschäftigte, ging es Emcke unter dem Titel „Das Leid der anderen betrachten und dann beschreiben“ um die Komplexität der Zeugenschaft in Zeiten von Krieg, medialer Dauerberichterstattung und Medienskandalen wie den Folter-Fotos aus Abi Ghuraib.

Sontags Verdikt, dass die „Allgegenwart von Fotos eine unberechenbare Auswirkung auf unsere Fähigkeit, ethisch zu empfinden“ habe, bekommt angesichts der Bilderflut des Netzes nochmals eine ganz andere Relevanz.

Besonders brennend hätte mich hier eine aktuelle Auslotung von Schrift- und Bildwirkung (die bei Sontag immer zugunsten der Schrift ausfiel) angesichts der politischen Brisanz der Charlie-Hebdo-Karikaturen interessiert: Was ist da Text? Wo fängt das Bild an und hört der Text auf? Wo und warum wird hier grundsätzlich die Empathie verweigert? Was leisten dabei Humor und Satire auf einer Metaebene, das Fotos nie leisten können?

Auf alle Fälle aber habe ich jetzt bis zum nächsten Susan-Sontag-Marathon erst mal wieder genug neuen Gedanken- und Wort-Proviant eingepackt, der vielleicht hilfreich sein könnte bei ähnlich ultimativen, letzten Lebensprojekten wie – mit Sontag – das Matterhorn besteigen, Harfespielen und Chinesisch lernen („Ich, etc.“):

„Die Wahrheit ist immer etwas, was gesagt wird, nicht, was bekannt ist. Wenn es kein Sprechen oder Schreiben gäbe, gäbe es auch keine Wahrheit. Die Dinge wären einfach nur, was sie sind.“

„Übersetzen heißt Fährdienste leisten: über-setzen.“

„Ich möchte meine Sehnsucht nicht stillen, sondern schärfen.“

„Statt einer Hermeneutik brauchen wir eine Erotik in der Kunst.“

Und zum Abschluss, ganz pragmatisch und unbescheiden, wie alles bei Sontag:

„I haven’t been everywhere, but it’s on my list.“

 

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7 Lesermeinungen

  1. 1947
    1947 konnte man in den USA (resp. in California) mit 14 Jahren schon einen Führerschein haben und ein Auto leihen und fahren? Glaub‘ ich nicht.

    • Sie haben ja Sorgen ….. – wenn man, wie die beiden, plötzlich und per Telefon eine Audienz bei Thomas Mann ergattert hat, macht man nicht erst vorher noch den Führerschein.

  2. Die Kunst der Selbstüberschätzung(en)...
    führt zu „Götzenbildern“, „Kunstbildern“, „künstlichen Bildern“, die dann als „Vorbild-?!“Götter angebetet werden.
    Das ist nicht „Vernunft-Kunst-natürlich“, humane Vernunft!?:=)

    Es fällt uns sehr schwer, denjenigen, der uns bewundert, für einen Dummkopf zu halten.
    Marie von Ebner-Eschenbach

    L.G.
    W.H.

    P.S. …die Kunst des (Geist-)Fläzens oder nicht mehr bei Trost?

  3. Kunst und Wahrheit?
    Wer so tut, als bringe er die Menschen zum Nachdenken, den lieben sie. Wer sie wirklich zum Nachdenken bringt, den hassen sie.
    Aldous Huxley

  4. "Wollen Sie mich produzieren"...
    schrie ein Unteroffizier mich, ohne Dienstgrad, an; weil ich „dachte“…
    über Befehle laut nachdachte.
    Sie haben heute viele Kommentare zum Thema Kunst von/in mir produziert, danke dafür:=)
    Dies ist der letzte zum Thema Kunst und Gott und Königin.

    On my list…I learn from the best.

    L.T.G.
    W.D.H.

  5. Mythos
    @cordeliad:
    Sie haben nicht gemerkt, was ich damit sagen wollte, also sag ich’s deutlich: Den unglaubwürdigen Anfang der Geschichte (zwei 14jährige Mädels leihen und fahren 1947 einen Chevrolet) haben Sie sich ausgedacht oder irgendwo ungeprüft abgeschrieben.

    • Sehr wohl verstanden, was Sie so besorgt … – lesen Sie’s einfach selbst nach in Susan Sontags: ‚pilgrimage‘. Es gibt einfach Menschen, die machen einen Führerschein mit 18, leihen sich Autos bei Sixt & Co., und sehen dann, was die Welt so bieten könnte – oder welche, die rufen an bei Thomas Mann, fragen nach einem Termin, bekommen ihn ganz „unwahrscheinlicherweise“, schnappen sich ein Auto und fahren los…. – Sie haben, glaube ich, nicht gemerkt, was ich damit sagen wollte.

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