Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Realitätsgewitter

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Julia Zanges Kurzgeschichte über eine bearbeitete Realität, in der Kleinanzeigen von Hundwelpen Trost spenden und als größte Gemeinsamkeit die geteilte Liebe zur Marke gilt. 

Copyright: Julia Burlingham for Arielle de Pinto

Wir gehen zu einem Vortrag über Hyper Acceleration in Art History. Auf dem Weg fragt niemand, worum es eigentlich geht bei der Diskussion, aber nachher, als wir beim Dinner in einem mittelmäßigen vietnamesischen Restaurant sitzen: „Was war eigentlich das Thema der Veranstaltung?“

Eine alternde Installationskünstlerin betont den Freiraum des Digitalen. Die sehr alte Kunsthistorikerin, in Tweedhosen und mit Kurzhaarfrisur, dass sie die kritische Distanz in der heutigen Kunstproduktion vermisse, wohingegen die jungen Künstler ganz und gar im eigenen Erleben untergingen, womit der Kunstgeschichte aber nichts hinzugefügt werde, das über sich hinausweist. Sie schwelgt heimlich in der guten alten Moderne. Und zerreißt eine junge Künstlerin, die YouTube-Tiervideos in Galerien bringt. Sie nennt das „heuchlerisch“ – was wiederum von den zwei jungen und insgeheim mächtigen New Yorker Kunst-Diskurs-Produzenten auf der anderen Seite des Tisches sehr kritisch aufgenommen wird.

Sie versuchen es mit Mini-Provokationen. Sie sagen zum Beispiel, dass „Prokrastination“ ein unterschätztes Element in der Kunstwelt sei. Weil jeder sie fürchtet, hafte ihr ein unausgeschöpftes, universelles Potential an.

Ich kann mich ab der 10. Minute nicht mehr konzentrieren und weiß, dass es Hel genauso geht. Ich lehne mich gegen ihre Knie und sie flüstert: „Theorie-Wolke. Referenzgewitter.“ Ich schaue mich um. Hier im Neonlicht der Galerie tragen maximal 30 Prozent der Leute Denim. Helena trägt heute nichts als Funktions-Ski-Unterwäsche.

Ihr neuer Freund sagt, während wir später Tofu-Kürbis-Curry essen, dass die Rückmeldungen aus Likes und Comments sein Schaffen durchaus beeinflussen, weil man ja als Künstler noch nie so direkte Rückmeldungen bekommen habe. Majas Blick verengt sich, sie schüttelt die dunklen Locken, während sie heftig zustimmt. „Instant. Es geht eigentlich darum, wer sich am schnellsten anpassen und somit verkaufen kann. Der Kunstmarkt funktioniert mittlerweile nur noch über das Prinzip der Schnelligkeit.“

Neben mir sitzt Emma, die in Frankfurt am Städel Kunst studiert. Sie spricht ein sehr spezielles polnisches Englisch, welches ich nicht wirklich verstehe und in dem Namen wie „Tom Mc Carthy“ klingen wie „Makaki“.

Ein Grafikdesigner hat sich unbemerkt zu uns an den Tisch gesetzt, er gehört zu Majas „Followern“, eine Reihe von mitteljungen Männern, die sehr still sind und sich durch Loyalität auszeichnen. Er fand den Hyper Accelaration-Vortrag interessant. Seine Spezialgebiete sind Typografie und Missoni-Produkte.

Maja ist ebenfalls ein großer Missoni-Fan, da ihre verstorbene, innig-geliebte Großmutter ihr eine ganze Missoni-Einrichtung sowie mehrere Sommer- und Winterkollektionen vererbt hat. Und am Ende verbindet nichts so elegant wie die Zuneigung zur gleichen Marke. Viktor, der stille Grafikdesigner, und Maja haben sogar vor, ein Missoni-Dinner zu organisieren, wo es nur gestreifte Gerichte geben soll und natürlich einen Kuchen mit Missoni-Glasur.

Helena erzählt, dass sie letztes Wochenende Probearbeiten war, für 8 Euro pro Stunde, in einem Charlottenburger Molekular-Restaurant. Sie sollte dort assistieren beim Tische eindecken und Wasser nachschenken. „Da war so ein Haufen Start-up-Jungs zu Gast, die alle jünger als ich waren und so Familien mit teuren Winterjacken… Und die Chefin war offensichtlich bipolar. Sie hat mich nach einer Stunde wieder nach Hause geschickt… Ich wollte da sowieso nicht wirklich arbeiten. Eher mal so gucken, ob der Service-Bereich was für mich ist. Aber trotzdem war es irgendwie ein Schlag für mein Selbstbewusstsein…“

„Ey, wir können froh sein, dass wir nicht so ätzende Jobs machen müssen. Eigentlich müsste jede automatisierte Arbeit, die länger als vier Stunden dauert, verboten werden…“

„Ja, aber andere Leute machen diese Jobs auch.“

„Ja, aber guck dir mal an wie die aussehen… Todunglücklich und grau im Gesicht.“

Helena nickt. „Wir sollten wirklich wertschätzen, dass wir uns im kulturellen Bereich bewegen… Wir werden schon irgendwann Geld verdienen… Ich frage mich nur, wie lange das noch dauert und wie ich bis dahin überleben soll…“

„Alle machen Nebenjobs. Das ist ganz normal.“

„Ich kann das nicht. Ich bin dafür nicht gemacht…“

„Es gibt eben Menschen mit unterschiedlichen Konstitutionen…“, sage ich.

„Oh Mann, dieses Jahr ist echt so ein reality check.“ Helena weint jetzt fast. „Ich will eigentlich nur Kinder und heiraten und meine Ruhe.“

„Ich weiß von sehr vielen Frauen, dass das keine Lösung ist“, sagt Emma. „Ich sehe das ja immer beim Babysitten. Die Frauen, die dann den reichen Mann und die zwei Kinder haben, fühlen sich eingeengt und haben Angst, dass sie sich nicht genug selbstverwirklicht haben. Und Kinder brauchen echt enorm viel Zeit.“

Ich kann Helena verstehen, aber wenn ich mich einsam und überfordert fühle, schaue ich mir auf ebay-Kleinanzeigen Hundewelpen an. Jetzt gerade auf meinem iPhone unter dem Tisch einen kleinen, fetten Welpen aus einem spanischen Tierheim.

Helena schiebt ihr Handy über den Tisch mit einem Instagram-Foto von 2012. Maja, Hel und ich und ein amerikanisches It-Girl liegen uns in den Armen, wir tragen nichts als Schmuck. Sorglos und stolz sehen wir aus. Ein Werbe-Shooting für eine kanadische Designerin.

„Da waren wir noch unschuldig“, seufzt Hel.

„Da waren wir noch dumm wie kleine runde Kieselsteine“, sagt Maja. „Das Leben ist keine Werbeanzeige.“

„Wenn man sich den ganzen Tag nur gephotoshoppte Bilder anschaut, könnte es einem schon so vorkommen.“

„99% der Weltbevölkerung tun das aber nicht.“ Maja schüttelt wieder sehr bestimmt ihre Locken.

„Fotos sind eben nicht die Realität. Deswegen muss man sie ja bearbeiten.“

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13 Lesermeinungen

  1. Was war eigentlich das Thema der Veranstaltung?
    Exakt meine Frage, nachdem ich diesen Text las.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

  2. "Todunglücklich und grau im Gesicht".
    „…irgendwann Geld verdienen… Ich frage mich nur, wie lange das noch dauert und wie ich bis dahin überleben soll…“

    Wer sich zu groß fühlt, um seine kleinen Ernährungsaufgaben zu erfüllen, ist zu klein, um mit großem Glück betraut zu werden?

    Big bipolar gepixelte Parallelwelten?…Gehirn…Erde… Nahrungsquellen/Gewitterquellen jeglicher
    Zeiten-Realitäten-Arten/Künste?
    Selbst ist der kreative Human…sich sein persönliches/gesellschaftliches „Ernährungsverhaltenmusterglück“ aus „Zeiten-Geist-Pixeln“ zu „weben“…um im großen 7. Pixel-Glück zu sch“weben“?…
    s. Gegenwartrealitätsgewitter.

    M. f. G.
    W.H.

  3. Ja und ???
    Was wollte mir dieser Text sagen? Ich weiß es nicht.
    Auch ein zweites Lesen hat nicht geholfen. Wahrscheinlich ist es Kunst. Ich bin Handwerker. Mir fällt diese Art Kunst schwer. Ich arbeite täglich mit Bildern, bin Photograph, aber das ist zu hohe Kunst für mich. Sorry.
    Alles Gute noch
    P.

  4. die frage nach der realität
    keine frage, wir befinden uns in etwas, das real ist und gleichzeitig können wir diese realität, oder unseren blick auf sie, auch befragen. wie kommen wir zu unseren empfindungen, einstellungen, haltungen, wahrnehmungen und was drückt sich nebenbei so alles aus in all den kleinigkeiten, nebensächlichkeiten, am rande unseres alltags. genau beobachtet, wird daraus eine geschichte, ergibt sich ein zusammenhang, eine struktur, eine atmosphäre. ja – und genau das beschreibt für mich dieser artikel, macht das transparent, stellt das lässig und auch poetisch in den raum. ist für mich wie ein gedicht, zum nachsinnen, ohne dass es diese form hat, aber die genauigkeit und präzision der worte, ihre schwingung und aura, ist dabei wichtig. so wichtig wie das gegenteil, die feine lockerheit und durchlässigkeit, die das hat. mir hat der text auf anhieb gefallen. keine frage.

  5. Döner Pegida
    Heidegger/Lacan im Gefilde des wilden Nichts einer zarten Sehnsucht aus nicht bestimmbaren Diskursverhältnissen.

  6. Get a...
    life.

    All dieses an Trivialitäten verschwendete Talent (mal unterstellt…)!

    Wenn interessieren diese Leben schon noch in dreizig Jahren. Leben die nicht gelebt wurden, da sie ja hätten anstrengend werden können. Nicht mal die – nicht vorhandenen – Kinder.

    Dabei hätten wir sie so nötig: Die Aufwecker, die Neuseher, die Sensoren der Zukunft.

    Was hoffen Diese also? Auf einen Eintrag auf der Preisliste eines Auktionshauses. Erinnert an Verkäufer von Finanzprodukten.

    Ein reiner Markt, der sich selbst an Stelle des gehandelten Objekts gesetzt hat. Beus, Joseph hat sich leider vertan: Nicht die Kunst neutralisiert das Geld, sondern das Geld die Kunst. Geld als die wahre Transzendenz des „Werks“.

    In den USA gibt es so einen schönen Ausdruck: „Get a life!“. Wär das nicht eine gute Alternative?

  7. Alltagshagel und Pöbelorkane
    sind die Kräfte, die den Gesellschaftsozean am vibrieren halten und kostbare Kunst die Polarsterne für entwurzelte Geister.

  8. Die kleine Geschichte zeigt, warum die zeitgenössiche Kunst so trivial und langweilig ist
    Die Protagonisten wollen Künstler sein, ihr Publikum will kunstinteressiert sein. Aber eigentlich hat man sich nichts zu sagen. Eigentlich wollen alle nun ihre Lebenszeit irgendwie herumkriegen bis sie eines Tages „endlich Erfolg haben“, berühmte Stars sind. Bis dahin machen sie irgendwelche Jobs und versuchen die geistlose Leere und Beliebigkeit ihrer Existenzen mit etwas Geblödel zu füllen. – Ja, so langweilig und anspruchslos wie diese „Generation Selbstverwirklichung“ in diesen Dialogen ist die zeitgenössische Kunst in Berlin tatsächlich!

  9. Titel eingeben
    Du hast ein paar gute Ideen. Aber viel vom Text ist so künstlich überhöht und zu selbstinszenierend. Als überspitzte persiflage der heutigen „pseudo kunst-kultur-medien genre-generation“, wenn dies so gemeint war, aber gut gelungen.

  10. Wertvolle Kunst
    kann nur entstehen wenn man tief abtaucht in den Ozean und Orkane und Hagel überlebt. Den Sog ertrinken zu wollen, um den Leid zu entgehen, widersteht und in der Not der innere, ohne Priester, selbst gespeiste spirituelle Fusionsreaktor entflammt. Ab diesem Moment wird für den wahren Künstler alles, durch und durch, durch Kunst durchdrungen sein. Kunst ist dann kein Mittel mehr Eitelkeiten oder materielle Sehnsüchte zu befriedigen, sondern ein Kommunikationsmedium zu sich selbst und allem anderem. Ein Weg zu tiefen Frieden und die Fähigkeit Leid und Freude gleichzeitig ertragen und genießen zu können. Sein Bewusstsein befindet sich nun in einem Zustand, indem etwas höchst unwahrscheinliches, unendlich kostbares geschehen kann, nämlich die Anreicherung der Umwelt mit einem Kunstwerk, das den Betrachter, Hörer oder Leser tief in sein Bann zieht. Aus den unendlich vielen Kombinationsmöglichkeiten aus Formen, Farben, Abständen, Klängen oder Wörtern gerade jene gewählt zu haben, die eben dies vermag, ist ein Wunder, das alle andere Seelen in der Dunkelheit des Ozeans daran erinnert, das sie sich auf einer Reise befinden, auf der noch viele Wendungen und Entwicklungsstufen warten.

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