Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Rettet den Markt vor dem Kapitalismus!

| 17 Lesermeinungen

Wer den Kapitalismus kritisiert, lehnt meist auch die Märkte ab. Dabei sind gerade sie die Orte, die sich einer reinen Effizienz entziehen und unserem Bedürfnis nach Schwelgerei entgegenkommen.

Bunte Märkte© Hannes GrobeBunte Märkte

Schon lange frage ich mich, warum ich mit „linken Theorien“ nie so richtig etwas anfangen konnte, besonders nicht mit denen von linken Männern. Ich habe mich durchaus bemüht, aber diese Texte verursachen mir Langeweile, auch wenn ich auf einer rationalen Ebene verstehe, dass sie wichtig sind. Damit bin ich nicht die Einzige. Der italienischen Philosophin und Feministin Annarosa Buttarelli zum Beispiel geht es genauso. Die Linken, so erklärt es sich Buttarelli, wollen mit dem Kapitalismus auch den Markt abschaffen. Aber uns Frauen gefallen Märkte. Eine Welt ohne Märkte wäre langweilig.

Interessanterweise leuchtet mir die Erklärung ein, obwohl ich selber, ganz frauenuntypisch sozusagen, überhaupt nicht gerne auf Märkte gehe und auch nur sehr selten „shoppe“. Doch ganz unabhängig von den Vorlieben einzelner Frauen und Männer ist es ja offensichtlich, dass der „Markt“ nichts Geschlechtsneutrales ist.

Zunächst einmal ist das, was auf realen Märkten geschieht, in fast allen Kulturen und bis heute vorwiegend Frauensache. Es sind „Marktweiber“, die handwerkliche Produkte und landwirtschaftliche Erzeugnisse an ihren Ständen feilbieten, und auch ihre Kundinnen sind überwiegend weiblichen Geschlechts. Diese Frauendominanz des alltäglichen Handels ist durch alle Industrialisierung hinweg bis zu den modernen Supermärkten, Shoppingmalls und Internetbörsen so geblieben.

Trotzdem ist im Zuge der seit etwa zwei Jahrhunderten andauernden Streitereien zwischen liberalen und linken Wirtschaftsverstehern „der Markt“ zu einer symbolisch männlichen Angelegenheit geworden. Basis dafür war das Aufkommen der Zwei-Sphären-Ideologie im 18. und 19. Jahrhundert, also jener „Sexual Contract“, den Carole Pateman so wegweisend analysiert hat. Den Frauen wurde dabei der Platz des „Privaten“, der Familie, zugewiesen, während die Männer für sich die Alleinherrschaft über den Bereich des „Öffentlichen“ beanspruchten, wozu sie eben nicht nur die Politik, sondern auch den Markt zählten.

Innerhalb der Familie, so behaupteten die männlichen Theoretiker der bürgerlichen Gesellschaft, würden ganz andere Gesetze gelten als in der Öffentlichkeit – im Detail nachzulesen zum Beispiel in Hegels Rechtsphilosophie. Die Familie wurde als Ort phantasiert, wo Menschen, und insbesondere Ehefrauen und Mütter, in selbstloser Aufopferung für „ihre Liebsten“ agieren, anstatt Nutzen zu kalkulieren. Draußen, in der Politik und auf dem Markt hingegen, sollten persönliche Beziehungen keine Rolle spielen. Dort begegnen sich die Individuen angeblich als Ebenbürtige und verfolgen ihre eigenen egoistischen Interessen, wobei die „unsichtbare Hand“ des Marktes magischerweise bewirkt, dass Egoismus und Allgemeinwohl in eins fallen.

„Der Markt“ verwandelte sich auf diese Weise von einem realen Ort, wo sich Menschen aus Fleisch und Blut in all ihrer Komplexität tatsächlich begegnen, zu einem abstrakten Organisationsmechanismus. Das Geld als neutrales Tauschäquivalent wurde dabei eindeutig dem Markt zugeordnet – innerhalb der Familie und im Liebesleben galt es nun als verpönt, an Geld auch nur zu denken, geschweige denn, darüber zu verhandeln (über den materiellen Wert von Hausarbeit zum Beispiel). Diese Ideologie hatte natürlich fatale Folgen für bürgerliche Frauen, die in völlige materielle Abhängigkeit von ihren Vätern und Ehemännern gerieten. Sie prägte aber auch den kolonialistischen Blick auf andere Kulturen in der Welt, wo durchaus komplexe Arrangements in Bezug auf „Geld und Ehe“ existierten, zum Beispiel, aber nicht nur, in islamischen Gesellschaften.

Im Westen mutierte der „Markt“ zum integralen Bestandteil des Kapitalismus; das reale Leben und wirkliche Erfahrungen spielte bei seiner Konzeption und Organisation keine Rolle mehr, mit den bekannten dramatischen Verzerrungen und Ungerechtigkeiten, die das nach sich zog. Deshalb sind die meisten Linken bis heute der Meinung, wer den Kapitalismus bekämpfen wolle, müsse auch den Markt bekämpfen – also die Logik des Tausches, des Geldes, der Wechselwirkung von Angebot und Nachfrage, oder auch das Feilschen, das Zur-Schau-Stellen, das Werben und Anpreisen, die Freude am „Schnäppchen“ und so weiter. Wer Kapitalismus nicht will, so wird behauptet, darf auch die „Marktwirtschaft“ nicht wollen, und für manche ist sogar schon der Tausch als solcher verdächtig.

In der Realität aber ist das alles miteinander vermischt. Innerhalb von Familien gibt es genauso Tauschhandel und Eigennutz, wie es auf dem Markt Empathie und Großzügigkeit gibt. Ebenso wie innerhalb der Familie das Geld, aller Ideologie zum Trotz, durchaus eine Rolle spielt, ist Geld auf dem Markt keineswegs der einzige Maßstab und das einzige Handelsargument – auch wenn Volkswirtschaftler sich über diese Tatsache, die ihnen inzwischen auch schon aufgefallen ist, die Haare raufen, weil man nur Geld so schön säuberlich als Zahl in Tabellen eintragen kann.

Aber auf Märkten zirkulieren auch Worte, Sympathien (und Antipathien), Zufälle, Begehren, Beziehungen und Geschenke. Märkte schaffen eine menschenfreundliche Balance zwischen Gleichheit und Ungleichheit, denn in der Realität gibt es immer beides zusammen. Indem auf Märkten Geld als neutrales Tauschäquivalent akzeptiert wird, sind die Marktteilnehmerinnen nicht ausschließlich auf persönliche Beziehungen verwiesen: Ich jedenfalls finde es super, dass ich bei jedem x-beliebigen Bäcker für 2 Euro ein Brot kaufen kann, ohne ihn auch nur kennen zu müssen.

Der Markt in seiner Komplexität lässt sich weder auf Geld reduzieren, noch auf Nützlichkeit und Effizienz. Der Markt ist ein öffentlicher Raum des Handelns, des Aus- und Verhandelns, wir verhandeln den Wert von Dingen, ihre Preise, die Verteilung von Gütern. Wir verhandeln das mit anderen, aber wir verhandeln das ständig auch mit uns selbst. Dabei sind unserer Erfindungs- und Überredungskraft keine Grenzen gesetzt. Märkte haben keine fixen Gesetze, denn sie sind Orte der Politik, nicht der Physik. Märkte stehen für Fülle und Überfluss, für Luxus und Wohlbefinden, für Freiheit. Sie sind Orte, an denen die gegenseitige Abhängigkeit aller greifbar wird, denn wenn jede nur für sich selbst (oder ihre „Familie“, wie genossenschaftlich erweitert man diese auch denken mag) produziert, sind wir alle ärmer.

Ist es ein Wunder, dass sich Wochenmärkte unter saturierten Großstadtmenschen so großer Beliebtheit erfreuen, dass es für viele Touristen nichts Schöneres gibt, als im Urlaub über Märkte oder durch Supermärkte zu streifen und über das Andere und Fremde zu staunen, dass Freundinnen zusammen Shoppen gehen, um die Fülle in den Schaufenstern zu genießen und rein zum Spaß die unwahrscheinlichsten Kleidungsstücke anzuprobieren? Märkte regen uns dazu an, uns nicht mit dem Effizienten und dem Nützlichen zufrieden zu geben, sondern uns ein Leben in Luxus vorzustellen. Märkte führen uns vor Augen, dass es noch „viel mehr“ gibt, das volle, pralle Leben eben.

Es ist vollkommen falsch, das alles unter das missmutige Verdikt des „Konsumismus“ zu stellen. Klar, der Kapitalismus beutet die menschlichen Bedürfnisse nach diesem „Vielmehr“ und nach dem Überschreiten der reinen Nützlichkeit aus, aber das tut er ja mit allen übrigen Bedürfnissen auch. Eine menschenfreundliche Wirtschaftspolitik zu machen, kann deshalb nicht bedeuten, den Markt abzuschaffen. Es muss vielmehr darum gehen, den Markt dem Kapitalismus zu entziehen.

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17 Lesermeinungen

  1. Geschichtsvergessenheit und ökonomische Unkenntnis in einem Beitrag?
    Geschichtsvergessenheit: Die Trennung zwischen Privat- und öffentlicher Sphäre stammt aus den Städten des Mittelalters, in denen idealtypisch der Mann jedes Recht verlor, wenn er die Schwelle seines Hauses übertrat, weil die Frau Haushaltsvorstand war und auch das vom Mann zu verdienende Geld verwaltete. Eine andere Form von … Gleichberechtigung.

    Ökonomische Unkenntnis: Es ist theoretisch wie praktisch völlig unmöglich, den Markt vom Kapitalismus allgemein zu trennen. Letztlich ist „der Kapitalismus“ auf genau zwei Mechanismen zurückzuführen – Angebot und Nachfrage, Entlohnung verliehener Produktionsmittel aka Verzinsung von Geld. Beide beruhen nicht nur auf unausrottbaren Menschheitskonstanten, darüberhinaus würde die Abschaffung beider Mechanismen theoretisch UND praktisch in eine Spirale zunehmender Ineffizienz und damit abnehmenden Wohlstandes führen.

    Es muss vielmehr darum gehen, den Markt dem Kapitalismus zu entziehen. Das ist in etwa analog zu dem Wunsch, es möge genau immer dann Sonnenschein herrschen, wenn ich an den Strand will. Reines Wunschdenken – und wie immer in solchen Fällen als allgemeine „Muss“-Forderung ins Nirgendwo formuliert.

    Weiterhin schönes Träumen wünscht,
    Thorsten Haupts

    • Träumen
      Märkte gibt es auch in nicht-kapitalistischen Gesellschaften, Märkte gibt es schon viel länger als den Kapitalismus. Dass man beides praktisch nicht trennen kann ist erstmal nichts anderes als eine Behauptung, der ich eben die Behauptung entgegenstelle, dass man sie doch trennen kann.

      Allerdings ist die Frage mit dem Sachen Trennen Können durchaus interessant, denn dieses „Es ist alles vermischt“ ist ja gerade mein Punkt in dem Artikel. In der Realität kommt fast immer alles vermischt vor, was aber nicht bedeutet, dass man es nicht begrifflich trennen könnte (und auch müsste, um etwas zu verstehen). Und es bedeutet auch nicht, dass alle Komponenten dieses „Vermischten“ jederzeit und überall gleich stark sind.

      Deshalb schrieb ich ja, wir müssen den Markt dem Kapitalismus „entziehen“. Nicht ihn davon abtrennen oder abschneiden. Das „Entziehen“ geht auch stückchenweise oder temporär oder kontextbezogen. Und jeder dieser Versuche ist meiner Ansicht nach politische sinnvoll, auch wenn er nicht unmittelbar dazu führt, dass das post-kapitalistische Paradies auf Erden ausbricht.

      Apropos träumen: Die so scharfsinnigen theoretischen linken Theorien zur Überwindung des Kapitalismus haben bisher auch noch nicht so richtig viele Erfolge gezeitigt, von daher können wir uns gegenseitig beim Träumen die Hand geben.

    • Jede Form von Marktwirtschaft kann ohne grosse Verrenkungen als Kapitalismus
      Beschrieben werden und läuft ohne Sklavenwirtschaft automatisch auf diesen hinaus. Das ist einfach der unterschiedlichen Fähigkeit von Menschen geschuldet, produktiv zu wirtschaften und/oder produktiv zu handeln. Venedig war um 1100 nach Christus so kapitalistisch, wie es die damaligen Produktionsmögluchkeiten und Handelswege überhaupt zuliessen.

      Weshalb die Behauptung, Märkte seien schon viel länger existent, als Kapitalismus, natürlich richtig ist. Im Sinne von „Auch die Steinzeitmenschen hatten schon Kultur“. Alle etwas dichter besiedelten Nach-Sklaverei-Gesellschaften mit arbeitsteiliger Spezialisierung waren kapitalistisch, beschränkt nur durch die vorhandene Technik.

      Was Ihr Hinweis über die „scharfsinnigen linken Theorien“ ausgerechnet an mich soll, weiss ich nicht. Ich kenne erstens keine und werde mich zweitens erst dann um eine Alternative zum Kapitalismus kümmern, wenn dessen Voraussetzungen (prinzipielle Resourcenknappheit) obsolet geworden sind. Das kann durchaus in jetzt absehbarer Zeit mittels Automatisierung passieren, dann wird es Zeit für etwas Neues. Bis dahin bleibe ich prinzipieller Kapitalismusbefürworter.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

  2. Rettet den Markt vor dem Kapitalismus!...um unserem Bedürfnis nach Schwelgerei entgegenzukommen.
    Der Mensch nutzt seinen freien Geist und seine angeborene Freiheit, um sich gesellschaftlich,
    mittels „Kapitalismus-Geld-Markt-Daten-Verharmlosung“, immer intelligenter versteckt, komplexer verstrickt, zu versklaven.
    Die damit verbundenen „Vernunftfragen“, löst er dann gewissenhaft intelligent im Rahmen und
    im Namen der schrumpfend verbleibenden „Würde-Freiheit-Würde“…und das seit Menschengedenken.
    Masochismus und Sadismus auf intelligenteste, schizophrene Weise realisiert.

    Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit.
    Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916)

    …die satten und zufriedenen „Intelligenz-Schichten“…
    „Parallelgeseilschaften“?

    Der Grad der Vernunft der Menschheit, bestimmt den Grad ihres humanen Sein…Erde-Paradiesgrad…Erde-Höllengrad.
    Wolfgang Hennig (1951-?:=)

    L.G.
    W.H.

    P.S. …diesen bösen Kommentar mache ich morgen wieder gut…
    „Valentinstag“:=)

    • "Valentinstag" :=)
      Ich bin kein direkter Rüpel aber die Brennnessel unter den Liebesblumen.
      Karl Valentin

  3. Der Markt
    Das fühlt die Bauchregionder Autorin ganz richtig, ist unersetzbar. Neben allen beschriebenen Funktionen ist das wichtigste: Nichts versorgt die Menschen besser als der Markt. Alle linken Schnapsideen versagen diesbezüglich.

  4. Lust
    Sie führen die Lust ein. Die Lust am Markt in seiner ganzen Entgrenzung, die der Mann nicht beherrschen kann und deshalb in Systemen verwaltet. Der Mann liebt nur, was er kontrollieren kann. Der rechte wie der linke Mann. Märkte sind aufregend. Kontrolleure nur bei entsprechender Disposition, welche zur Zeit einen Markt für die Bescheidenen ausbildet. Eine Schattierung. Eine Wattierung.

  5. Pingback: Den Markt dem Kapitalismus entziehen | Aus Liebe zur Freiheit

  6. Titel eingeben
    @Antje Schrupp (nicht zum Valentinstag)
    zugleich
    @Peter Keul 13. Februar 2015
    Ob „die Linken“ nun „den Markt“ (welchen?) abschaffen wollen,bezweifle ich.
    Wer das so sieht, hat sich wohl nicht mit „dem Markt“, nicht mit „den Linken“ beschäftigt, oder versteht unter „Markt“ eben nur den „Wochen-, Fisch- und Gemüsemarkt“, den städtischen Marktplatz.
    Wer dann auch noch meint, daß Markt „vorwiegend Sache von Frauen“ sei, bestätigt diese Feststellung, denn auf lokale „Wochen-, Fisch- und Gemüsemarkte“ mag dies zutreffen: Wer nur diese „Märkte“ kennt, könnte schnell zu dieser Ansicht der „femininen Dominierung von Markt“ kommen …

    Falsch ist, daß „die Welt ohne Märkte sehr langweilig“ sei, denn eine solche wäre gar nicht, dabei sind wohl eben nicht nur die örtlichen Gemüse- und Trödelmärkte zu meinen.

    „Rettet den Markt vor dem Kapitalismus!“ – das geht nicht.
    Weder „der Markt“ vor „dem Kapitalismus“, noch „der Kapitalismus“ vor „dem Markt“ ist „rettbar“, denn im Kapitalismus ist (inzwischen) dieser „der Markt“, rsp. ist „der Markt“ schon der Kapitalismus, womit wir beim eigentlichen Problem angekommen sind.
    Denn:
    Markt ist primär keine NATürliche sondern eine KULTürliche (menschgemachte), sprich soziale (gesellschaftliche) Kategorie und Basis jeder Gesellschaft, bezeichnet Platz und Regelwerk gesellschaftlicher Verabredungen zum Austausch der Leistungen und Güter, über den menschliche Gesellschaften ihre Existenz erstellen, sichern, entwickeln.
    Nur als so verstandene soziale Primärkategorie ist Markt funktional auch als ökonomische (und finanzielle) Kategorie überhaupt verständlich, aber auch als völlig unverzichtbar für jede Gesellschaft.
    Besonders auch mit seinen an und durch ihn hervorgebrachten Marktinformationen, als grundsätzlich sozial geprägte Informationen im ökonomischen Bereich.

    Leider geriet zwischen diese beiden Wesensmarkmalen von Markt mit seiner Aneignung und Domestifizierung durch den Kapitalismus zur ökonomischen Dominanz über die soziale (gesellschaftliche) Funktion etwas so durcheinander, daß in die sich eigentlich über „freie“ soziale Marktinformationen systemisch selbssteuernden Austauschprozesse nun ständig destabilisierende Ungleichgewichte und Störungen plaziert wurden.

    Diese Prozesse spielen sich weder auf den Marktplätzen vor den Rathäusern, noch in femininer Dominanz, noch in politischen Konzepten, sehr wohl aber in allen gesellschaftlich relevanten (sozialen) Bereichen ab.

    So wird verständlich, daß die im Kapitalismus eingeübte Dominanz der ökonomischen Funktion über die soziale (gesellschaftliche) Funktion von Markt nun der permanenten Systemeingriffe, Begrenzungen, Korrekturen und uneffektiven Ausgleiche durch Systemadministration bedarf, um sytemstabilisierende Gleichgewichte zu produzieren.
    Es gibt im (bekannten) Kapitalismus weder einen „freien Markt“ noch ist eine „soziale Marktwirtschaft“ möglich.

    Das erklärt sich daraus, daß die primär funktional soziale Kategorie Markt schlecht erneut als „sozial“ bezeichenbar ist, (sinngemäß Tautologie) – es sei denn, man meint einen „asozialen Markt“, der seiner ursprünglich funktional dominierenden Sozialität wieder zugeführt werden soll – das einzig mögliche Verständnis für das Unwesen, von einer „sozialen Marktwirtschaft“ zu schwadronieren, zumal bereits „Markt“ und „Wirtschaft“ im Wesen so gut wie identische Bereiche meinen und selber bereits sozial gebundene weil funktional wirksame KULTürliche (Mensch gemachte) Dinge sind, worunter auch die gleichberechtigte feminine Teilhabe zu verstehen ist, „Mensch“ meint auch die weiblichen.

    Damit, nur über diesen Denkweg, sind auch Antje Schrupps „Marktweiber“ TeilhaberInnen am Markt …
    Der Markt ist also mitnichten nur Spielwiese und Domäne von „Marktweibern“.

    Die Betrachtung Antje Schrupps
    „Im Westen mutierte der „Markt“ zum integralen Bestandteil des Kapitalismus“
    ist wohl etwas hausbacken und daneben, da nicht „der Markt mutierte“, sondern „die Kapitalwirtschaft mutierte die Funktion von Markt“: Von seiner primär sozialen Funktion zur nun primär ökonomischen, besser „kapitalbestimmten“.
    So ist die „Integriertheit des Marktes“ (integriert in jedes gesellschaftliche System!), die von Anbeginn bereits vor dem Kapitalismus als eine soziale existiert, keinesfalls erst eine „Mutation des Kapitalismus“.

    Antje Schrupp meint auch noch
    „Märkte regen uns dazu an, uns nicht mit dem Effizienten und dem Nützlichen zufrieden zu geben, sondern uns ein Leben in Luxus vorzustellen. Märkte führen uns vor Augen, dass es noch „viel mehr“ gibt, das volle, pralle Leben eben.“

    Nein, keinesfalls, im Gegenteil!
    Das tun so bestenfalls die oben zitierten Wochen-, Gemüse- und Trödelmärkte.
    Nicht „Märkte regen an“, sondern Marktinformationen (sofern sie frei, sprich unverfälscht als soziale Information nutzbar sind), und zwar sehr wohl zur Orientierungen auf Notwendiges in Effizienz, Effektives, Nützliches, und natürlich nicht zuletzt auf den (gesellschaftlichen) Gewinn an Lebensqualität, was auch immer darunter verstanden werden will.
    Allein aus dieser Effizienzorientierung der (freien, ungestylten) Marktinformationen können Ressourcen für höhere Lebensqualität erwachsen, was allerdings mit einem Zeigen „auf Leben in Luxus“ nichts zu tun hat.

    Die soziale Kategorie Markt orientiert auf stabile Gesellschaftssysteme (Ganzheiten) in hoher Lebensqualität und gesicherter Breitenvielfalt und Teilhabe und hat funktional nichts zu tun mit dem Streben nach „Luxus“, bestenfalls mit der verfremdeten weil ökonomisch dominierenden (kapitalorientierten) Form, nur dann eben nicht für die Gesellschaft, die um so gesünder stabiler systemisch selbststeuernd funktioniert, je breiter und vielfältiger persönliche Teilhabe gesichert und befördert wird.

    Eventuell meinte Antje Schrupp, sich in eigener Widersprüchlichkeit verfangend, damit wohl doch wieder nur den Markt

  7. Mir hat Ihr Beitrag Spaß gemacht, liebe Frau Schrupp,
    selbst wenn ich hier und da nicht mitgehe; aber träumen muss erlaubt sein! Im wesentlichen wurde mir in VWL übrigens genau das beigebracht: Der Markt ist ein tendentiell vorübergehender Zustand und ein erstaunlich sensibles Pflänzchen. Ist es erstmal verdorrt, folgen Monopolisierung, Verödung des Sortiments und Wucherpreise im Schlepptau; kein schöner Platz mehr für Kundenkönige! Deswegen gibt es ja das Kartellrecht, um den Markt zu schützen. Aber gleich darauf benutzte man auch den Begriff „Papiertiger“. – Alles lange her …

  8. Titel eingeben
    Danke für den schönen Text.
    Ja, es stimmt: Auch im Familienleben existieren ökonomische Tauschbeziehungen, genau so wie auch die großen ökonomischen Märkte (familiäre) Werte mit einpreisen.
    Die Trennung zwischen rein moralischen (privaten) und rein rationalen (ökonomischen) Beziehungsgeflechten ist hoch ideologisch und vermutlich tatsächlich ein KUltruprodukt des 19 Jh.s, das nicht zufällig auch das viktorianische war.
    .
    Aber auch das muss man respektieren: Die leidenschaftliche Sehnsucht dieser MÄnner des 19. Jh., die mit ihren Zyilinderhüten, Backenbärten und Kneifern nach der maximalen Abstraktion, den von allem abergläubischen und emotionalen Schmutz gesäuberten Raum von absoluter logischer Reinheit strebten. Das war nicht nur schädlich, sondern eben auch: großartig und schön! Insofern waren auch die postreligiösen Reinheitsobsessionen dieser Ökonmen ein ein Kulturprodukt und sind Teil unserer Identität geblieben, ganz genau wie die Barockkirchen mit nackten Puttos oder die indischen Räucherstäbchen vom Weihnachtsmarkt. Eine Kultur, die Marx und Milton verbinden konnte — weil logisches und abstraktes Denken eben zur kontroversen Kommunikation taugt, wo esoterischer Schwurbel versagen muss.
    .
    Eine unausrottbare Menschheitskonstante ist aber auch der innere moralische Widerstand gegen Ökonomisierung und Berechnung. Man will zwar symbiotisch zusammenleben, auf nichtparasitäre Weise, mit einem GEben und Nehmen – aber man will es nicht ganz genau ausgerechnet haben, und schon gar nicht: profitmaximiert. INsofern ist die Ablehnung der Märkte nicht „links“ und „modern“, sondern uralte Normalität: Man ahnt instinktiv, dass sich hinter anonymen Märkten immer der Wunsch verbirgt, sich auf Kosten anderer zu bereichern — durch Betrug und Ausnutzung von Notsituationen.

  9. Kaufen wollen und kaufen können
    „Ich jedenfalls finde es super, dass ich bei jedem x-beliebigen Bäcker für 2 Euro ein Brot kaufen kann, ohne ihn auch nur kennen zu müssen.“

    Weniger super fändest du das vermutlich, wenn die 2 Euro nicht hättest und deshalb hungern müsstest — wie es heute für Millionen von Menschen tägliche Realität ist.

    • Ja.
      @Christian Siefkes –

      Ja, sicher, wolltest du das einfach nur ergänzen oder hat es inhaltlich etwas mit meinem Text zu tun?

  10. Pingback: Literaturkritik oder der Eigensinn von Kunst (1) | AISTHESIS

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