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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

In Kairo herrscht der Widerspruch

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Im Jahr Vier nach der „Januar-Revolution“ ist der Nationalismus in Ägypten wieder erstarkt. Er bringt eine ganze eigene (Un)Logik mit sich. Eine deutsch-ägyptische Politikwissenschaftlerin wundert sich.

###© Dina El-Sharnouby 

Ein paar Tage nach dem 15. Februar 2015, an dem 21 ägyptische Kopten in Libyen von ISIS-Milizen geköpft worden sind, saß ich in meinem Auto und fuhr durch Kairo nach Hause. Auf dem Weg hörte ich RadioMasr – einen der staatstreuen Radiosender.

Gerade in diesen Tagen höre ich diesen Radiosender mit besonders großer Aufmerksamkeit, weil ich wissen will, wie die Leute auf den Tod der 21 Ägypter, aber auch auf die prompte Reaktion des ägyptischen Militärs nur einen Tag später reagieren. Bei dem Militäreinsatz auf die von ISIS-Milizen besetzte libysche Stadt Derna wurden ca. 50 ISIS-Anhänger getötet.

Kaum hatte ich RadioMasr eingeschaltet, fielen auch schon die Schlüsselworte, die immer fallen, wenn der Staat maximale Unterstützung von seinem Volk benötigt: „Nationalismus“ – verkörpert durch die Rolle des Militärs, „Religion“ und „Terrorismus“. Und was ebenfalls zu erwarten gewesen war: Die Bedeutung des Angriffes auf die libyschen Territorien wurde mit keinem Wort hinterfragt.

Eine kürzlich gehaltene Rede unseres Präsidenten Abd al Fattah al Sisi zu dem Ereignis hatte das Thema Nationalismus schon vorgegeben, und so wurde diese Rede in den Pausen des Radioprogramms auch ständig wiederholt. In der Rede hatte der Präsident dem Volk versichert, dass das Militär Ägypten beschütze und immer beschützen werde. Der Tod, hatte er gesagt, sei dem Militär lieber als der Verlust des Landes. Ägypten habe außerdem das Recht, sich zu jeder Zeit, mit den für das Land rechten Mitteln zu schützen. Nationalismus wird hier als Liebe zum eigenen Land verstanden.

Ich schaue aus dem Fenster und sehe erneut ein ”Tahia Misr“-Plakat. Es ist eines der Plakate aus Sisis Präsidentschaftskampagne und symbolisiert den erstarkten Nationalismus: „Es lebe Ägypten“.

Für die Moderatorin von RadioMasr ist vollkommen klar, dass die Bekämpfung des Terrorismus zwei wichtige, wenn auch gegensätzliche Faktoren beinhaltet: der eine ist die Befürwortung des Kampfes gegen den Terrorismus (vor allem gegen ISIS) und die Festigung des Nationalismus durch ein starkes Militär; und der zweite ist das Ziel, die Mächtigkeit des ISIS-Terrorismus zu unterminieren. Nur passt das leider nicht zusammen.

Denn wie soll man dem Volk erklären, dass das eigene Militär so stark und kampfbereit ist, dass es einen Tag nach der Enthauptung die Stadt Derna bombardieren kann, während man gleichzeitig versucht, dem Volk beizubringen, dass ISIS nicht so stark ist, wie alle glauben.

Um das Bild von ISIS zu schwächen, hat die Radiomoderatorin also einen „Experten“ eingeladen, der das Enthauptungs-Video von ISIS analysieren soll. Seine Hauptthese lautete, dass der Film keine wahren Begebenheiten zeige, sondern in einem Studio hergestellt worden sei. Ob er damit behaupten wollte, dass die 21 Ägypter noch am Leben seien, blieb ungeklärt. Und was diese Hypothese in Bezug auf den Angriff des ägyptischen Militärs in Libyen bedeuten soll, blieb ebenfalls offen.

Doch scheinbar hatte mit dieser Unlogik nur ich, nicht aber die Moderatorin ein Problem. Erschöpft schaute ich auf den Nil und sah die vielen funkelnden Lichter der Häuser in der Ferne.

Nach dem Expertengespräch folgte eine Diskussionsrunde mit dem Titel „Der Verlust eines Menschen bedeutet den Gewinn eines anderen.“ Komischer Titel, seltsamer Gedanke, dachte ich, ging es der Moderatorin doch vor allem darum, klarzustellen, dass die gegenwärtige Situation Kopten und Muslime zusammenbringe. Man verliert also einen Kopten in Libyen und gewinnt einen trauernden Moslem in Ägypten!

Alle Anrufer unterstützten diese Meinung und erzählten eifrig, wie sehr sie ihre koptischen Bekannten nach dem schrecklichen Ereignis unterstützten. Nur ein einziger Muslim sprach von der Unterdrückung eines koptischen Freundes. Einen Einwand, den die Moderatorin gleich entkräftete: Der Freund müsse schon selbst anrufen, wenn man seine Aussage ernstnehmen solle. Wenn er nicht selbst anriefe, dann sei ja wohl zwischen Muslimen und Kopten alles in bester Ordnung.

Was mich frappierte, war, dass in der Radiosendung nicht nur die innenpolitische Bedeutung der ägyptischen Militäraktion offenblieb, sondern auch jene, für das Land ungemein wichtige Fragen nicht einmal genannt wurden: Befindet sich Ägypten nun im Krieg mit jenen libyschen Territorien, die von ISIS besetzt werden? Bedeutet das dann Krieg in Libyen, mit Libyen oder gegen Libyen? Und was heißt all das für Libyen, ein Land, in dem es zurzeit zwei Regierungen mit je einem Parlament und einem Militär und vielen weiteren Milizen gibt? (Es gibt die Koalition der „Dämmerung“, die in Tripolis regiert, und die international anerkannte Koalition der „Würde“, die in Tobruk und Bayda regiert.)

Ich parkte, stellte das Radio aus und dachte mir: Tja, das Volk macht eben aus einer Un-Logik seine ganz eigene Logik, um ja der Logik der Machthaber folgen zu können. Das ist einfacher, als die Machthaber daraufhin zu überprüfen, wie demokratisch bzw. diktatorisch sie handeln.

Es ist nicht lange her, da gab es eine Revolution in diesem Land, doch vor allem seit dem letzten Jahr ist davon immer weniger zu spüren: Revolutionäre werden eingesperrt und Hosni Mubarak und seine Unterstützer freigelassen. Dass sich unter den Freigelassenen auch sein ehemaliger Innenminister befindet, ist besonders bitter, entfachte sich die „Januar-Revolution“ 2011 doch am ‚Tag der Polizei‘ im Protest gegen den Polizeistaat.

Der Polizeistaat ist nun mit dem Demonstrations-Gesetz und dem letzten Mittwoch erlassenen Terroristen-Gesetz wieder auf dem Vormarsch. Beide Gesetze regulieren die Möglichkeiten für freies Denken und Handeln immer stärker.

Ich stieg aus meinem Auto aus und war zu Hause.

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2 Lesermeinungen

  1. In Kairo herrscht vor allem eine brutale Militärdiktatur.
    Die doch tatsächlich vom „Westen“ gegenüber der zumindest formal frei gewählten Moslembrüder-Autokratie bevorzugt wird und wurde. Moralischer Selbstmord aus Angst vor dem Tod.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

  2. In Kairo herrscht der "weltweite" Widerspruch..."Human-Sein" "UN(D)"GLEICH "Human-handeln"?!
    Das „11“ Gebot…in Griechenland in Stein gemeißelt…ist Orakel… „Erkenne dich selbst, Human und handele einsichtig human“…
    sonst bleibt das uneinsichtige Leben „Krieg-Therapie-Leben“…
    bis du „Human-Sein“ begreifst… oder dich selbst auslöscht.

    Gruß
    W.H.

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