Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Schaut auf diese Cafés!

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Wir diskutieren mit viel Getöse über digitale und soziale Parallelwelten. Im Internetcafé treffen diese Debatten auf die Lebenswelt der Betreiber und Nutzer. Eine Kiezreporterin hat sich dort umgesehen.

###© Alexander Goll  

„Internetcafés, gibt’s die noch?“, fragt ein Bekannter erstaunt, weil er solche Orte nicht einmal mehr auf Fernreisen aufsucht. Dabei säumen diese Läden die Hauptstraßen in postmigrantischen Vierteln in Frankfurt, Berlin oder London. Leute wie er – manche sprechen von der digitalen Elite – sitzen tagein tagaus vereinzelt vor ihren eigenen Geräten, wo auch immer sie sich gerade aufhalten, und speichern Daten in die Cloud. Das digitale Proletariat hingegen nimmt in den preiswert gezimmerten Cubicles der Internetcafés Platz, diese paar Kubikzentimeter private Arbeitszelle, die in der Moderne die amerikanischen Großraumbüros organisierten. Doch lässt sich die digitale Klassengesellschaft wirklich so klar aufteilen?Einige Tage lang verbringe ich Stunden in verschiedenen Internetläden. Das MacBook ist beim Arzt. Ein Bildschirmschaden. Die Aschenbecher, die an jedem der Computerplätze stehen, riechen muffig, und die Wand ziert eine verblichene Weltkarte. Ist schon eine Weile her, dass das World Wide Web dieser Metaphorik bedurfte. Ein Streunender fragt nach einer einzelnen Zigarette. Die Nächste will ihr Mobiltelefon mit Credits aufladen. Ins Internet will zu dieser Tageszeit außer mir niemand. Es ist Vormittag. Ich genieße die verwaiste Atmosphäre an meinem neuen Arbeitsplatz und freue mich über meinen lustigen Plastikkreisel, den ich hier gekauft habe, und der 20 Sekunden lang euphorisierende Trash-Disko-Töne erzeugt und im Dunkeln blinkt. Jeder Bibliothekar würde mich hochkant rausschmeißen.

Tele-Center, Call-Shop, Internetcafé – die Selbstbezeichnungen variieren immer etwas; meist wird aber derselbe Strauß an Kommunikationskanälen und die typische Spätkauf-Produktpalette aus Zigaretten, Krimskrams, Drinks und Süßem angeboten. Jede Menge knallbunte Süßigkeiten von Bebeto – einem südafrikanischen Fabrikanten mit Halal-Zertifikat – pflastern die Regale zwischen Theke und Computerplätzen. In der Vitrine: Essenzen und Bade-Öle aus dem altehrwürdigen Pariser Stadtteil Marais, die bislang noch den Status eines Ausstellungsstücks haben. Denn, so der flamboyante Geschäftsführer dieses Internetcafés, er wolle erst mal abwarten, ob die Kunden seine Leidenschaft für die pastellfarbenen Verpackungen, Düfte und schillernden Glasflakons teilen, bevor er sie ins Angebot nehme.

Sein Laden befindet sich in unmittelbarer Nähe der Deutschen Welle mitten im Weddinger Brunnenviertel in Berlin. „Wir haben fast nur Stammkunden“, sagt Bilal Agbalek, der Geschäftsführer von Call+More. Er beschäftigt zwei Mitarbeiter: Einer macht die Kasse, der andere sitzt meist hinten im Laden, an einem tief in die Ökologie des Raumes eingesunkenen Schreibtisch, dessen Konturen sich, überlagert von Paketen und Aktenordnern, kaum ausmachen lassen. Die Bestellungen aus Online-Shops stapeln sich auch in einer der drei Telefonzellen. Die Zellen seien ohnehin nur „symbolisch“, sagt der Betreiber. Ab und zu hat mal einer keinen Strom mehr und ist auf den Service angewiesen: „Vor zehn Jahren waren die Fernsprecher noch ein gutes Geschäft, aber das ist die Natur des Kapitalismus“, weiß er. Heute summieren sich die Einnahmen von „Internet-Fax-Call-Shops“ nur centweise – über den Transport von Paketen (Hermes), Geld (Western Union) und Daten (Internet, SIM-Karten).

Agbaleks Laden, ein Familienbetrieb, lebt vor allem davon, ein Treffpunkt für die postmigrantische Nachbarschaft zu sein. Oft geht es darum, sagt er, dass die jungen Leute, die hier zur Schule gegangen sind, den anderen bei ihrem Papierkram helfen: mit Dokumenten fürs Amt, Formularen für das Jobcenter. Die neuesten Phablets – Hybride aus Telefon und Tablet, bananenförmig gebogene Kommunikationsgeräte –kann sich hier keiner leisten. Die Geräte hier kommen aus dem Discounter. In Internetcafés stehen immer PCs, oft grüßt eine Windows-Fehlermeldung.

###© Alexander Goll  

Zurzeit gibt es viel Getöse um das Thema Netzneutralität, um die „Gleichbehandlung von Daten bei der Übertragung im Internet“. Der sogenannte „Digital Divide“ scheint sich inzwischen vor allem in feineren Unterschieden zu zeigen: Datenraten und Megabytes spielen bei der Kommunikation eine entscheidende Rolle. Die Internetanbieter lassen sich dafür bezahlen. Frank Rieger vom Chaos Computer Club befürchtet, dass das „Internet der Dinge“ uns in verschiedenen „Tribes“ (itribe, Androidtribe…) organisiert und die einen Daten von den anderen Daten isoliert. Mit welcher Software und zu welchem Tarif ich surfe, beeinflusst meinen Zugang zu Informationen.

Doch der Alltag im Internetcafé handelt weniger von technischen als von sozialen Realitäten. „Diese deutsche Bürokratie macht die Leute unruhig“, sagt Agbalek mitfühlend. „Viele bekommen einen Schreck, wenn sie einen Brief sehen. Es liegt daran, dass sie die Sprache und die Gesetze nicht so gut beherrschen.“ „Dabei gibt es Alternativen für diesen ganzen Stress“, meint er, „man kann auch schöner leben.“ Während der Kapitalismus Shopping Malls als neue Kulturpaläste verkauft, nehmen die drängenden Bedürfnisse der “Arbeiterklasse“ im Internetcafé Gestalt an.

Am frühen Abend herrscht Rush Hour im Call+More-Shop. Mein Sitznachbar telefoniert für die Band „The Lord of Lightning“ Labels durch, gegenüber sucht einer nach Sommerreifen für sein Auto. Der Tigerkopf “muss mit Farbe gedruckt werden”, sagt die junge Frau, und der junge Mann mit gegeltem Haar hilft ihr voll geduldiger Hingabe, druckt das Tigermotiv mehrfach aus und versucht die richtige Größe zu treffen. Für das rechte Schulterblatt, das am nächsten Tag tätowiert werden soll.

Ein Internetcafé ist kein Start-up-Spielplatz, sondern ein öffentlicher Raum, in dem sich alle austauschen und nebeneinander her arbeiten können. So geht es auch in den fünf Internetcafés zu, die Eben Chu aus Kamerun für die Organisation „Refugees Emancipation“ in verschiedenen Flüchtlingsheimen in Deutschland eingerichtet hat. „Wir brauchen einen Ort, den wir selbst kontrollieren können. Der Gemeinschaftsraum wird für Gebete oder Gymnastik verwendet und steht unter der strengen Kontrolle der Heimleitung. Sie wissen, wer sich wann den Schlüssel ausleiht. Deswegen sind die Computer für uns ein Mittel zum Zweck.“ Die meisten wollen Nachrichten aus ihrem Heimatland lesen, mit Freunden und Verwandten e-mailen oder skypen. Über ihre Rechte und Gesundheitsfragen wollen sie sich auch mit anderen Flüchtlingen in Berlin austauschen. Denn die deutsche Amtssprache baut Blockaden. Das Betriebssystem ist Linux, einfach, weil die Computer dann weniger anfällig sind. Den Windows-Techniker können sie sich nicht leisten.

Wer ein Internetcafé betreibt, der bringt entweder eine dicke Portion Leidenschaft oder Langmut für die kleinsten Geschäfte mit. „In Wirklichkeit lohnt sich dieses Geschäft überhaupt nicht“, meint Bilal Agbalek. Er spricht von einem „Cent-Krieg“ zwischen SIM-Karten-Anbietern. Ich lerne: Lebara, Lycra, Ortel und Ay yildiz sind Unternehmen, die sich auf „international communities and migrant workers“ spezialisiert haben. Alle diese in den letzten zehn Jahren überwiegend in London gegründeten Firmen funktionieren nach dem gleichen Prinzip: Sie nutzen weltweit jeweils die D-Netze anderer Betreiber. Mal Vodafone, mal Telekom, dann O2. Ihr Geschäft besteht aus günstigen Auslandsgesprächen. Die Uhren über der Kasse im Call+More zeigen die Destinationen an: Addis Abeba, Kapstadt, Trabzon oder Bukarest.

Internetcafés bilden eine leicht zu übersehene soziale Nische zwischen Online und Offline, lokalem Alltag und verstreuten familiären Banden, physischer Infrastruktur und globalen Netzen. Manchmal sind sie auch das Amalgam zwischen Bürokratie und Verzweiflung, damit nicht jeder Brief vom Amt einen Schrecken auslöst und der Tigerkopf nicht hintüber fällt.

Spenden an Refugees Emancipation sind übrigens immer willkommen. Vor allem Mäuse, Webcams, Kopfhörer und Hard Drives kann es gar nicht genug geben.

 

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1 Lesermeinung

  1. Schaut auf diese Cafés!
    Schaut auf diese Stadt…Städte…Stätten…
    schaut auf diese Erde…
    schaut auf diese Krone der Schöpfung…

    Wenn das „Wunder“ der „R“eflektion nicht wahrgenommen wird,
    dann wird aus dem Wunder der Selbsterkenntnis und Einsicht,
    die „Wunde“(Dinosaurus-)“R“(ex-Verhaltenmuster).
    Königliche Selbstverachtung, Selbstzerstörung… Lebensraumzerstörung.
    (Dinosaurus-)Rex(-Mensch), der mit der „Technik-Kunst-Dornenkrone“ tanzt und
    damit geschmückt, nicht nur seinen „Geist-Lebensraum“ zerstört.
    Als unbelehrbares „Selbst-Opfer-Wunder“ seiner Lebenbasis
    „Geld-Wirtschaft-Familien-Technik-Cafes“ Techniken…
    der alltägliche „Wett(en)-Brot-Erwerb-Bewerb“…Wetten das…bald das Maß voll ist?
    Carpe Diem…nutze deine Wunder-Kunst des Geist-Licht-„tag“ „R“und nicht deine Technik-Kunstlichter bei Tag…es bewirkt deine
    (Geist-Licht-)Dunkelheit, wenn es permanent eingeschaltet ist,
    (Technik-Cafes-Betreiber-)Mensch.
    Aus maßvoll, kann schnell das Maß ist voll werden…oder ist es schon?!
    Technik-Müllhalde Erde…Umwelt…Naturkreisläufe…Lebensräume… Welt-Elend ist schon „normal“…nicht mehr bei Trost.
    Wie innen, im Kopf, so außen, die Erde…mit all ihren „Cafes“?!
    Human blühende „Leben-Landschaften“ bei/mit mehr Trost sehen anders aus.

    Mit freundlichem Gruß,
    W.H.

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