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Ich. Heute. 10 vor 8.

Ich. Heute. 10 vor 8.

Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Lasst uns Müllmänner sein

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Geld stinkt nicht, seine ungerechte Verteilung hingegen schon. Lüften wir also die Vorstandsetagen, Fördergremien und ganz Baden-Württemberg mal ordentlich durch.

###© HAL-Guandu  

Mein zehnjähriges Ich hatte Ende der Siebzigerjahre bei einem Streit zwischen meinen Eltern besorgt die Mutter gefragt, ob sie sich jetzt scheiden ließe. Ihre Antwort bestürzte mich auf eine unerwartete Art: “Das könnte ich doch gar nicht, ich könnte Euch allein nicht ernähren!”. Es war an jenem Tag, dass ich für den Rest meines Lebens beschloß, immer wirtschaftlich unabhängig sein zu müssen, von Männern, vom Staat, von wem auch immer – um in wesentlichen Entscheidungen frei von ökonomischen Zwängen zu sein. Wie weit sind wir inzwischen gekommen seit der Forderung von Virginia Woolf in ihrem Essay von 1929, “A Room of One’s Own”, nach wirtschaftlicher Unabhängigkeit von Frauen als Grundlage für ihre Freiheit?

Geld regiert die Welt, so heißt es. Leider haben Frauen in der Regel weniger davon.

Frauen stellen fast die Hälfte der Erwerbstätigen, aber materielle Gleichberechtigung bleibt trotzdem ein schöner Traum. Knapp über 20 Prozent beträgt immer noch der Gehaltsunterschied bezogen auf Bruttostundenlöhne – seit Jahrzehnten unverändert. Er steigt bei höheren Qualifikationen (Hochschulabschluss 27 Prozent, Hauptschulabschluss 11 Prozent), ist noch höher bei technischen Berufen und in Führungspositionen. Er wird astronomisch, wenn Leistungen überwiegend subjektiv bewertet werden. So stammten nur 8 Prozent aller Kunstwerke, die für mehr als eine Million Dollar verkauft wurden, von Frauen.

Regional gibt es merkwürdige Unterschiede: In Baden Württemberg ist das Pay Gap fast sieben Mal so hoch wie in Mecklenburg Vorpommern, wo es nur vier Prozent beträgt. Im Osten arbeiten mehr Frauen Vollzeit, sie haben im Durchschnitt höhere Qualifikationen als Männer, Kinderbetreuung gibt es flächendeckend, den Begriff “Rabenmutter” benutzt kein Mensch (ich habe ihn nach der Wende wie ein Fremdwort gelernt) und ostdeutsche Väter nehmen mehr und länger Elternzeit, sie bleiben auch häufiger zuhause, wenn ein Kind krank ist. Unternehmen in Ostdeutschland scheinen sich eher vorstellen zu können, dass eine Mutter auch Karriere machen kann – im Osten haben Managerinnen anders als im Westen nicht weniger Kinder als andere Frauen. Der Anteil von Frauen in Führungspositionen ist im Osten auch nennenswert höher als im Westen – auch das drückt den Gehaltsunterschied. Der positive Nebeneffekt: 40 Prozent Frauen in Ostdeutschland tragen zum Haushaltseinkommen etwa die Hälfte bei.

Gehaltsunterschiede akkumulieren sich im Laufe des Lebens, aus dem Gehaltsunterschied auf Stundenbasis werden über das Jahr 37 Prozent Gehaltsunterschied beim Bruttojahresverdienst und nach vielen Jahren entstehen so die 57 Prozent Rentenlücke bei gesetzlichen Rentenversicherungen und drastische Vermögensunterschiede im Alter. So überrascht es wohl kaum, dass der wohlhabendste Haushaltstyp in Deutschland ein allein lebender Herr über 60 ist, der über durchschnittlich mindestens 150.000€ verfügen kann. Der ärmste Haushaltstyp in Deutschland sind Alleinerziehende, 90 Prozent von ihnen sind weiblich, fast die Hälfte von ihnen besitzt rein gar nichts oder hat nur Schulden. Was kann der Staat dazu beitragen, dieses eklatante Mißverhältnis endlich zu beseitigen? Mir fallen da mehrere Optionen ein.

Erstens: Gehaltstransparenz gesetzlich regeln

Ich weiß noch sehr gut, wie erschüttert ich war, als einer meiner Projektleiterkollegen in einer Unternehmensberatung mir aus Versehen verriet, welches Jahresgehalt “ja so Projektleiter bei uns im Schnitt erhalten”. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon gekündigt, aber trotzdem brachte mich der Umstand in Rage, dass mein eigenes Gehalt mehr als 20.000 Euro unter dieser Summe lag.  Familienministerin Manuela Schwesig hat dazu gerade einen wichtigen Vorstoß gewagt. Sie will Löhne und Gehälter transparent machen. Wenig überraschend regt sich die Wirtschaft darüber auf. Ihre Vertreter sahen ja den Standort Deutschland schon gefährdet, nur weil in den nächsten Jahren ca. 40 Frauen in 108 Unternehmen in Aufsichtsräte einziehen sollen, um dort die neue 30 Prozent Frauenquote zu erfüllen. Ich wünsche der Ministerin einen langen Atem und dass am Ende von ihrem Vorschlag noch etwas übrig bleibt. Transparenz über Mißstände ist immer ein starker Beitrag zu ihrer Beseitigung. Wer weiß, wie groß die Gehaltsdiskriminierung im Einzelfall ist, hat schlicht eine bessere Verhandlungsgrundlage.

Zweitens: Einheitliche Bewertung von Arbeit sicherstellen

Nie vergesse ich die alleinerziehende Berliner Altenpflegerin, die sich darüber beklagte, dass ihre Arbeit genauso mit schlechten Gerüchen und schwerem Heben verbunden sei, wie bei der Müllabfuhr, aber ihre Arbeitsbedingungen wären viel schlechter, ihr Gehalt viel niedriger. Sie hatte sich deshalb erfolglos mehrfach bei der Müllabfuhr beworben – aber das war noch bevor Vera Gäde-Butzlaff dort eine Frauenquote einführte. Sie wurde nicht einmal eingeladen zum Gespräch.  Da frauendominierte Berufe  strukturell benachteiligt sind, würde eine objektivere Bewertung von Arbeitsleistung endlich dazu führen, dass Altenpfleger*innen nicht mehr schlechter bezahlt werden als Mitarbeiter*innen in der Müllabfuhr.

Drittens: Paygap im Staatsdienst beseitigen

Wie kann es sein, dass männliche Referatsleiter in Bundesministerien mehr verdienen als ihre Kolleginnen? Wodurch läßt sich rechtfertigen, dass in Banken der öffentlichen Hand der Frauenanteil unter den Vorständen kleiner ist als in DAX30 Unternehmen? Warum bevölkern Frauen im Staatsdienst die niedrigeren Lohngruppen, Männer aber die höheren? Vor der eigenen Tür zu kehren, ist längst überfällig. Immerhin, Ministerin Schwesig hat auch das angekündigt. Ich bin schon sehr gespannt!

Viertens: Öffentliche Gelder gerechter vergeben

Der Staat finanziert mit Millionen Kunst und Kultur – aber vor allem von Männern. Millionen Euro Steuergelder werden dabei einseitig vergeben und tragen so zum Gehalts- und Vermögensunterschied in der Gesellschaft bei. Staatliche Museen kaufen überwiegend Kunst von Männern an. Staatsorchester werden von Männern dirigiert. Nur bei 11 Prozent der Sendeminuten aus ARD und ZDF führte eine Frau Regie, obwohl seit über zehn Jahren über 40 Prozent der Regieabsolventen weiblich sind. 90 Prozent der Fördersumme des Deutschen Filmförderfonds gingen 2013 an männliche Regisseure. Großartige Produktionen, wie der preisgekrönte Film von Isabel Suba über das Filmfestival in Cannes: “Manner machen Filme, Frauen zeigen Brüste”, entstehen mit nur winzigen Budgets und notgedrungen durch Crowdfunding. Die Perspektiven von Frauen bleiben permanent unterrepräsentiert. Schweden macht das mit dem gerechten Verteilen von Filmförderungen vor, dort gilt eine 50/50 Quote. Bei uns fordern hunderte Regisseurinnen von Pro-Quote Regie ihren Anteil an der staatlichen Finanzierung. Ich wünsche mir, dass sie endlich Gehör finden, denn ich will mehr Filme von Regisseurinnen sehen!

Geld bedeutet Macht und Macht wird nicht freiwillig geteilt. Also braucht es Regelungen, die zu gerechterer Ressourcenverteilung führen. Denn nichts hat sich an der Analyse von Virgina Woolf geändert: Erst wirtschaftliche Unabhängigkeit schafft die Voraussetzung für die Freiheit von Frauen.

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Am 07.03.2015 erschien Anke Domscheit-Bergs zweites Buch: “Ein bisschen gleich ist nicht genug! Warum wir von Geschlechtergerechtigkeit noch weit entfernt sind” (Heyne)

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30 Lesermeinungen

  1. Im Ernst? Der Staat als Lohnwächter?
    Durch mehrfache Firmen- und Jobwechsel habe ich mit Lohn und Gehalt sowie deren Differenzen mannigfaltige Erfahrungen. Es wird die Autorin überraschen – aber auch die Gehaltsunterschiede bei Männern sind, für den gleichen Job, im Einzelfall gewaltig. Überall dort, wo nicht absolut strikt nach Tarif bezahlt wird, weil z.B. die Jobbeschreibung nicht genau passt, können die Gehaltsunterschiede (gleiches Alter, gleicher Job) leicht 30 oder 40% ausmachen.

    Die verlangte Lohntransparenz gibt es übrigens bereits und nennt sich „Tarifvertrag“. Für die aussertariflich Angestellten fehlt mir mit Verlaub vollständig die Einsicht in die Notwendigkeit, warum auserechnet die Gruppe der bestbezahlten Angestellten und Führungskräfte einen Schutz vor schlechter Verhandlungsführung braucht. Ich bin auch über das damit einhergehende Frauenbild ziemlich entsetzt (meine eigene Frau würde sich drastischer ausdrücken).

    Dumm, wenn ich schlecht verhandelt habe. Nur rufe ich dann nicht gleich nach dem grossen Bruder aka Staat. Warum machen sich die unter dem Banner „Feminismus“ versammelten Salonsozialisten nicht endlich ehrlich? Jobs und Gehälter gehören dem Staat, der sie nach den je aktuellen „Gerechtigkeits“parametern verteilt, und zack – perfekte Gerechtigkeit (und genügend Jobs für Verteilungsbürokratinnen). Ach ich vergass – wir hatten das Modell schon mal und es funktionierte nicht wirklich.

    Anstrengender ist es natürlich, selbst ein Unternehmen zu gründen, es erfolgreich zu machen und dann Frauen besser zu bezahlen. Es würde mir mehr Respekt abnötigen – und ich würde noch immer nicht nach dem grossen Bruder rufen. Oder selber zäh und energisch zu verhandeln – auch das würde mir Respekt abnötigen, selbst wenn ich dann feststellte, schlechter bezahlt zu werden als meine Nachbarin. Mein Problem, wenn es denn eines sein sollte.

    Last but not least – die Bezahlung von Arbeitskräften unterliegt (wie vieles) dem Gesetz von Angebot und Nachfrage. Was für Alten- wie Krankenpfleger eine gute Nachricht ist – die Nachfrage nach ihnen wird vorhersehbar steigen, also auch deren Löhne. Ganz ohne Staatseingriff.

    Über die Zahlenjongliererei der Autorin lohnt sich eigentlich die Debatte nicht. Die von Feministinnen mantraähnlich wiederholten Zahlen sind ausreichend häufig seriös und wissenschaftlich widerlegt worden – bei Betrachtung gleicher Jobs verringert sich der „Gender Pay Gap“ auf etwa 7%. Für diese 7% wird also ein massiver Staatseingriff verlangt, samt Melde- und Überwachungsbürokratie? Aha.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • Hallo Herr Haupts,

      Ja, es gibt Gehaltsunterschiede auch zwischen Männern. Aber um dieses Thema geht es gerade nicht sondern um strukturelle, geschlechtsbezogene Benachteiligung. Tarifverträge lösen das Problem aus verschiedenen Gründen bisher nicht:
      1) Frauen werden viel häufiger in niedrigere Lohnstufen einsortiert, bei gleichwertigen Aufgaben (das ist belegt).
      2) Berufe, in denen überwiegend Frauen arbeiten, werden überwiegend schlechter bewertet als Berufe, in denen überwiegend Männer arbeiten. Beispiel: unterschiedliche Erschwerniszulagen, Verantwortungszulagen etc.
      Beide Beispiele führen dazu, dass trotz Anwendung gleicher Tarifverträge und der durch sie vorhandenen Transparenz, Frauen strukturell unterbezahlt werden (im Durchschnitt der Erwerbsbevölkerung).

      Zu Ihrem Klassiker-Beispiel á la „Selbst schuld, wenn die Frauen schlechter verhandeln“ habe ich in meinem Buch ein ganzes Kapitel geschrieben. Richtig daran ist, dass Frauen seltener und wenn, dann weniger hart verhandeln (bei mir war das allerdings nicht der Fall und natürlich hat das Ursachen in der Sozialisierung). Leider ist die ganze Wahrheit aber, dass wissenschaftliche Studien nachwiesen, dass Frauen, die um ihr Gehalt verhandeln auf gleich mehrfache Weise benachteiligt werden:
      1) ihre Forderungen werden seltener und wenn dann geringer erfüllt (Verhandeln lohnt sich also weniger)
      2) man (Männer und Frauen) fand verhandelnde Frauen unsympatischer und wollte sie seltener einstellen (verhandelnde Frauen bekamen also seltener den Job als die, die ihre Klappe hielten).
      Diese Unterschiede waren geschlechtsbezogen. Bei einem Mann gab es keine Benachteiligung durch Gehaltsverhandlungen. Noch 2014 hat der Microsoft CEO sich vor eine Konferenz von Frauen in IT hingestellt und Frauen empfohlen, NICHT um ihr Gehalt zu verhandeln, weil das für ihr Karma besser sei… Dies ist ein typisches Beispiel der Wahl zwischen Pest und Cholera, die nur Frauen haben – also hier konkrekt die Wahl zwischen nicht verhandeln und dann eh weniger Geld bekommen, oder doch verhandeln und dafür abgestraft zu werden. Es zeigt auch, wie ein doppelter Standard gilt, denn gleiches Verhalten wird je nach Geschlecht unterschiedlich behandelt.

      Sie wünschen sich, dass mehr Frauen ein Unternehmen gründen? Das wünsche ich mir auch. Ich gründe übrigens gerade mein drittes Unternehmen. Aber belegt ist auch, dass Gründerinnen gegenüber Gründern benachteiligt sind, weil man ihnen seltener etwas zutraut und sie einen schlechteren Zugang zu Risikokapital haben. Beispiel (auch aus meinem Buch): Man hat Entscheidern einer Venture Capital Firma ein Video mit einer Geschäftsidee vorgespielt, mal sprach eine männliche, mal eine weibliche Stimme. Raten Sie mal, wie gleich die Beurteilung war! Sie kommen möglicherweise nicht drauf, aber ich verrate es ihnen: die identische Idee wurde für nennenswert förderungswürdiger gehalten, wenn eine männliche Stimme sie präsentierte… Es gibt etliche Untersuchungen, die den schlechteren Zugang von Frauen zu Gründerkapital belegen.

      Was Ihr Beispiel von Angebot und Nachfrage betrifft, kann ich Ihrer Argumentation nicht folgen. Sie werden doch wohl kaum sagen wollen, dass wir ein Überangebot an Pflegekräften und qualifizierten Kinderbetreuer*innen haben. Aber trotz der hohen Nachfrage bleiben die Gehälter niedrig. Es bleibt im Kern die Frage, welche Arbeit ist uns als Gesellschaft wie viel wert? Offenbar sind uns menschennahe Dienstleistungen einfach nicht mehr wert und das ist sehr traurig. Was durch Ihre Argumentation auch nicht abgedeckt ist: selbst in diesen menschennahen Dienstleistungsberufen verdienen Männer statistisch mehr als Frauen.

      Last but not least: wenn sich ein großer Teil des Paygaps erklären läßt, heißt das leider nicht, dass die erklärbaren Bestandteile Umstände völliger Gleichberechtigung reflektieren. Es heißt einfach nur: „wir kennen die Gründe“. Diese Gründe können sehr wohl geschlechtsbezogene Benachteiligungen beinhalten, z.B. dass Frauen seltener in Führungspositionen zu finden sind – durch die vielfältigen Bausteine gläserner Decken. Oder dass Frauen häufiger als Männer Teilzeit arbeiten, weil sie sich um die Familienarbeit überwiegend allein kümmern müssen – wenn eine Frau heiratet, steigt ihr Hausarbeitsvolumen signifikant, das von Männern sinkt durch die Heirat. Gerecht ist das nicht. Davon aber ganz abgesehen, finde ich selbst 7 Prozent inakzeptabel.

      mit bestem Gruß
      Anke Domscheit-Berg

    • Selbst, wenn ich ihrer Argumentation vollumfänglich folge (was ich nicht tue),
      ziehe ich in jedem Fall nicht die gleiche Schlussfolgerung, wie Sie. Der Staat kann für die volle rechtliche Gleichstellung sorgen, für gleichen Zugang zu Bildung. Er beginnt in Deutschland spät, flächendeckende ganztages-Kinderbetreuung zu organisieren. Alles in Ordnung und abgehakt. Was der Staat weder kann noch versuchen sollte – für absolute Lebens“gerechtigkeit“ sorgen. Wie auch immer man die gerade gesellschaftlich definiert. Das kann nur gesellschaftliche Veränderung. Wobei man sich meist nur die Abschaffung einer gerade veralteten Ungerechtigkeit gegen die Schaffung von neuen einhandelt. Ich darf übrigens auch darauf verweisen, dass für betriebliche Ungerechtigkeiten gegenüber Arbeitnehmern bereits Gewerkschaften existieren. Wir ersparen uns beide den Blick auf die Organisationsquote der aus Ihrer Sicht ja besonders benachteiligten Frauen …

      Und da 7% für Sie schon ein Grund zu staatlicher Regulierung sind – hmmm, interessante Idee. Sollte man den Staat nicht auch dazu verpflichten, uns alle davor zu bewahren, 7% höhere Preise zu zahlen? Oder davor, dass einige Frauen und einige Männer weit mehr als ihren „gerechten“ Anteil an Sex bekommen? Oder davor, dass intelligente Menschen es im Leben im Durchschnitt leichter haben, als dumme?

      Nicht vergleichbar, werden Sie sagen, schliesslich geht es um eine fundamentale Ungerechtigkeit gegenüber 50% der Bevölkerung? Ich liefere Ihnen aus dem Stegreif weitere mindestens 50% Beispiele, die ganz furchtbar ungerecht sind. Und fürchte mich wirklich vor den Leuten, die deshalb massive Staatseingriffe verlangen. Die am Ende des Tages, wenn sich die von Ihnen behaupteten Einstellungen nicht wirklich ändern, doch nur dazu führen, dass Unternehmen ihre unverändert weitergeführte Praxis dokumentär besser absichern. Fragen Sie mal Unternehmensmitarbeiter nach den Folgen der „gerechten“ Lohnserhöhungen nach Leistungsbeurteilungen oder den der „gerechten“ Beförderung nach den „objektiven“ Kriterien der Führungskräftedatenbanken.

      Vielleicht ist es auch Ihre DDR-Sozialisation, die dazu führt, den Staat als Vaterersatz misszuverstehen? Etwas, was ich nach der Wende erst von Ostdeutschen gelernt habe.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • Hallo Herr Haupts,

      ich kann aus Zeitgründen nicht ausführlich auf Ihre Argumentation eingehen, möchte aber darauf hinweisen, dass staatliches Handeln dem Grundgesetz verpflichtet ist und da steht nun mal seit 1949 drin, dass Frauen und Männer gleichberechtigt sind und seit den 90er Jahren steht auch drin, dass der Staat aktiv zur Gleichberechtigung beitragen muss, da wo sie nicht Lebenswirklichkeit ist. Daraus ergibt sich ein Handlungszwang für die Regierung, der für all Ihre zahlreichen Beispiele so nicht zutrifft. Ihr Vergleich mit dem Zugang zu mehr oder weniger Sex ist im übrigen ziemlich daneben. Auf so ein Niveau sollten wir uns in dieser Debatte nicht herablassen. Dass wir insgesamt einen umfassenden gesellschaftlichen Wandel brauchen, das sehe ich ganz genau wie Sie. Ich sehe nur eben auch den Staat in der Pflicht, seinen Anteil zu diesem Wandel beizutragen. Natürlich haben alle anderen – die Wirtschaft, Männer und Frauen, Sie und ich, auch einen Anteil zu leisten.

      besten Gruß,
      Anke Domscheit-Berg

    • Geehrte Frau D-B, nur um das klarzustellen: Wo genau war nochmal mein Interesse,
      eine Gesellschaftsordnung zu ändern, von der ich nach Ihrer Auffassung ja enorm profitiere, zu Lasten der armen, unterdrückten und wehrlosen Weiblichkeit? Ich seh das zwar – deutlich – anders, aber wir lassen Ihre These der Diskussion halber mal stehen. Klinge ich wie Jesus? Eben … Mit 52% der Wahlbevölkerung haben Frauen alle, wirklich alle, Waffen, die sie brauchen. Also macht mal, ich kommentiere von der Seitenlinie.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • Hallo Herr Haupts,

      ich verstehe nicht so richtig, was Sie alles ausdrücken wollen. Nur eins als Antwort: leider reicht einmal alle vier Jahre ein Kreuz machen nicht aus, um die Lebenswirklichkeit in Deutschland zu verändern. Weil es zu selten ist, weil Politik nicht ohne umfangreiche Einflüsse von außen funktioniert (Industrielobbyismus und so Sachen), weil es Sphären gibt, auf die Politik nur einen sehr begrenzten Einfluss hat, weil immer noch fast 65% der Abgeordneten Männer sind (und wie soll man bei bestimmten Parteien Frauen wählen, wenn sie dort nur auf hinteren Listenplätzen vorkommen?) – – – und aus noch einigen anderen Gründen. Ich bin ja auch eine grundsätzliche Anhängerin der repräsentativen Demokratie aber mein Optimismus ist nicht so groß wie der Ihre was die allumfassende Auswirkung meiner Wahlentscheidungen betrifft.

      besten Gruß,
      Anke Domscheit-Berg

    • Mit anderen Worten: Ich bin ein armes machtloses Hascherl,
      das nach dem grossen Bruder ruft. Nicht einmal Wahlrecht, Wählermehrheit und Organisationsfreiheit sind genug für mich, ich rufe trotzdem nach dem grossen Bruder.

      Liebe Frau Domscheid-Berg – die furchtlosen, engagierten und gleichberechtigten Frauen, die ich kannte, kenne und schätz(t)e, können mit diesem im Kern furchtbaren Frauenbild nichts anfangen.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • Hallo Herr Haupts,

      das interpretieren Sie dann doch ein wenig tendenziös. Ich kann Ihnen aber gern erklären, warum ich z.B. die Frauenquote gefordert habe und mich jetzt für Gehaltstransparenz einsetze: Weil ich es kann! Weil ich die Macht habe, hier auf dieser großartigen Plattform (und auf vielen anderen Plattformen, z.B. auch im Fernsehen oder im Radio oder in schon ganz vielen Zeitungen) meine Forderungen zu verbreiten und weil Männer, die das doof finden, rein gar nichts dagegen tun können. Weil ich damit Einfluss und Reichweite für meine Argumente schaffen kann. Nein, ich bin alles andere als ein armes, machtloses Hascherl. Ich rufe auch nach gar keinem großen Bruder, denn meine beiden großen Brüder haben Berufe, wo sie leider wenig für die Quote oder Gehaltstransparenz tun können, das würde also wenig helfen. Ich rufe genau genommen nach niemandem, sondern ich stelle Forderungen, auf die ich meine ein Recht zu haben, etwa auf Basis der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland. Dass die Frauenquote nun Gesetz geworden ist, und – ich wiederhole das sehr gern – einstimmig (!) im Bundestag verabschiedet worden ist, zeigt doch auch einmal mehr, dass wir Frauen mächtig sind und unsere Interessen durchsetzen wollen und können. Es dauert nur manchmal ein wenig länger. Offenbar wurden durch die repräsentative Demokratie die Voraussetzungen dafür geschaffen, Forderungen vieler Frauen per Gesetz umzusetzen. Das heißt, Wahlrecht, Wählermehrheit und Organisationsfreiheit haben sehr wohl einen Einfluss darauf gehabt. Das ist doch einfach großartig! Den Zusammenhang zwischen Wahlrecht und Wählermehrheit und dem Votum im Bundestag muss ich vermutlich nicht näher erklären, er liegt ja auf der Hand. Falls der zur Organisationsfreiheit nicht direkt erkennbar ist: bei den Anhörungen im Bundestag kamen auch jede Menge Expert*innen zu Wort, deren Argumente die Entscheidungsfindung beeinflussten. Unter anderem Vertrererinnen der NGO FidAR (Frauen in die Aufsichtsräte). Ich bin stolz, Gründungsmitglied dieses Vereins zu sein, denn er hat sehr viel erreicht bei diesem Thema, als eine prägende Stimme in der Debatte. Ja, sich zu organisieren, Kräfte zu bündeln, ist ein sehr weiser Ratschlag. Ich habe deshalb mehr als eine NGO gegründet und in bin in mehreren aktiv.

      besten Gruß,
      Anke Domscheit-Berg

  2. NICHTS gehört in die Mülltonne!...ALLES dient dem..."ERKENNE DICH"...auch dem "HUMAN"!
    Nicht nur in Ihrem Beitrag, sondern letztendlich die gesamte
    Gegenwartgeschichte mit ihren offensichtlichen großen, aber auch
    mit ihren nicht offensichtlichen großen Problemen, kommt
    mangelndes “Gleichgewicht” zum Ausdruck.
    Freiheitqualität in Abhängigkeit von Vernunftdenken und Vernunfthandeln. Der humane Gedanke als Quelle unseres Vernunftdenkens und daraus resultierend freies, humanes, Leben erleben. Allein die durch das Individuum bestimmte Vernunftdifferenz
    und Reifeentwicklung macht Gesellschaftqualität auf Bais Humandenken
    schon komplex genug. Da aber Geld die lebensnotwendige Basis
    und “nur” die Auswahl der “Gesellschaftsarbeit” und damit
    schon Zwang, Erpressbarkeit seitens Gesellschaft “normal” ist,
    wird die “Sache” Gerechtigkeit, Freiheit, Frieden nicht einfacher.
    Einer für Alle…Alle für Einen…ohne jeglichen Zwang, auf Basis Humanität, nur so eliminieren wir unseren schizophrenen Selbstzerstörungsgang,
    den ich wahrnehme. Zerstörungsfreie, Beweglichkeit- Gleichgewichte,
    möglichst gleiche und steigende Vernunftlevel auf Basis Humangedanke
    und “Geld als Diener” des Menschen und nicht umgekehrt, wie es jetzt
    ist und unser aller Bewußtsein dadurch spaltet, sehe ich als notwendig.
    Der Vernunftlevel bestimmt alle Qualitäten wie Freiheit, Frieden,
    Humanität…notwendige Freiheit zwischen Mensch und Gesellschaft.
    Warum sind nicht Männerlebenzeiten und Frauenlebenzeiten
    gleichzeitig, oder beliebig nach Wunsch, ohne Rückfrage oder gar
    Erlaubnis der Gesellschaft, frei wählbar?
    Also beliebige Gesellschaftsauszeiten für jeden real?
    Dieser Freiheit, die hohen Gesamtvernunftlevel fordert, gilt es entgegenzustreben, sage ich:=)
    Das freie Gleichgewicht, Mensch-Gesellschaft, ist schief,
    sehr schief. Und wenn die Gesellschaft nur auf Basis dieser Schieflage
    “Psyche-Seelen-Sozial-Geld-Zwang” existieren kann, dann ist sie inhuman.

    Die “Menge” der Gesellschaft(en) erhaltenden und Not wendenden?! Gesetze, Regeln, Soldaten…
    ist umgekehrt proportional dem humanen Vernunftlevel als Resultierende.
    Das Weltgeschehen, Gesellschaftengeschehen, ist “Qualität-Spiegel” unser aller “Vernunftqualität”.

    Kant’s Philosophie von Mein und Dein, Handel und Recht im Zusammenhang mit Frieden…
    seine Gedanken, mitverantwortlich für Krieg…s. Gegenwart!
    Mein und Dein bedeutet „M“(ental(es)“EIN“, humanes Ich, wenn die „D“(ualität) Emotional-Ich und Intelligenz-Ich „EIN“(ig)…
    gleichwertig(es) „SEIN“ sind. Vernunft, Ratio, = Herz und Verstand. Aus Synthese Emotion und Intelligenz entstanden. Das „Vernunft-Ich“. Dieses „Vernunft-Ich“ „HANDELT“ als „Ich“ im „Wir“, in Gesellschaft, human…humane
    „WIR-(LEBENZEI)“T“-(GESELL)“SCHAFT“, WÜRDE-GESELLSCHAFT bilden. Alles Sein der Erde, human, ausgleichend „Leben-Not-wendende-Erd-Güterverteilung“, Lebensraum, Nahrung, Bildung,.. beachten. Die Wahrnehmung der Gleichwertigkeit ist Basis des „HUMAN-SEIN“, VERNUNFTGEDANKEN. Ich…Du…Ihr…Wir…“HANDELN“ uns allen gegenüber human. Humane Vernunftbildung ist der Wert der ausgleichenden Gerechtigkeit. „RECHT“…“R“atio-„ECHT“, „GE(ist)“R“atio“ECHT“. VernunftHANDELN ist „Reifegrad“abhängig und Evolution-Weg des HUMAN.
    NICHT INHUMANES BESITZWIRTSCHAFTEN…sondern „VERNUNFTBILDUNG“!
    so, das sollte jetzt reichen:=)

    Mit freundlichem Gruß,
    W.H.

    P.S. Als ich vierzehn war, war mein Vater so unwissend. Ich konnte den alten Mann kaum in meiner Nähe ertragen. Aber mit einundzwanzig war ich verblüfft, wie viel er in sieben Jahren dazugelernt hatte.
    Mark Twain

    …Human 14!?

  3. Müllabfuhr, DDR und Gender Pay Gap
    Sehr geehrte Frau Domscheit Berg

    Ich möchte zunächst bedanken, dass Sie auf die zentrale Rolle der Müllabfuhr beim Funktionieren der urbanen Gesellschaft hinweisen. Neben dem Gesundheitswesen für mich d e r Bereich mit zentraler Bedeutung. Das Sie es negativ konotieren – auf der einen Seite die hingebungsvolle Pflege von Menschen, auf der anderen Seite „nur“ die Beseitigung von Müll – ist allerdings schade. Müllbeseitigung ist hingebungsvolle Pflege am Menschen. Insbesondere am Stadtmenschen.

    Wenn Sie „Rabenmutter“ nach dem Anschluss der DDR als Fremdwort lernen mussten, sind Sie, wie ich, in der DDR sozialisiert worden. Ihren Schock über die Aussage Ihrer Mutter in allen Ehren. Aber eine Frau in der BRD zur gleichen Zeit, in vergleichbarer Situation hätte ihr Kind, bei gleicher Aussage, wohl angelogen. In der DDR gab es keinen Unterhalt, keinen Ausgleich von Versorgungsansprüchen, etc. Die Ehe wurde geschieden und beide gingen ihrer Wege. Die BRD ist erst nach 2000, und auch dann nicht vollständig, auf diesen Weg eingeschwenkt. Von der Notwendigkeit des Fortführens einer Ehe, aufgrund der sonst drohenden Armut – wirtschaftliche Potenz des ursprünglichen gemeinsamen Haushalts vorausgesetzt – konnte in den fetten Jahren in meinen Augen nur sehr selten die Rede sein (z.B. bei ungünstigem Ehevertrag).

    Gender Pay Gap:

    Wieder mal bin ich überrascht, dass es Männer im öffentlichen Dienst geben soll, die bei gleicher Besoldungsgruppe, gleichen Dienstjahren und gleichem Dienstgrad mehr verdienen als Frauen. Gibt das Bundesbesoldungsgesetz eine solche Ungleichbehandlung überhaupt her? Wäre das nicht ein Fall für die Gerichte? Warum bleiben die überwiegende Mehrzahl der Frauen in den niedrigen Besoldungsklassen und bleiben nicht auch die überwiegende Mehrzahl der Männer in diesen Besoldungsklassen?

    Schön finde ich Ihr Beispiel vom Projektleiter einer Unternehmensberatung, der deutlich mehr verdiente als Sie. Sollte es nicht gerade in einer Unternehmensberatung klar sein, wie der Hase läuft? Wenn Sie Umsatz bringen, sind Sie wertvoll. Wenn Sie viel Umsatz bringen, sind Sie noch wertvoller. Wenn Sie diesen Wert nicht einfordern, bekommen Sie ihn nicht. Oder zumindest nicht vollständig. Warum auch? Das würde der Gegenseite (Geschäftsführung / Partner) einen unnötigen monetären Nachteil bringen. Sich in diesem Umfeld zu bewegen und auf Verteilungsgerechtigkeit zu hoffen mutet mir, Sie mögen mir das verzeihen, naiv an.

    Wenn Männer aggressiver und fordernder verhandeln – wie häufig im Rahmen eines Nachweises der Überlegenheit weiblichen Führungsstils kolportiert wird: Ist ein Kumulieren des höheren Verhandlungserfolgs in deutlich besserer Bezahlung dann nicht mathematisch zwangsläufig? Gibt es einen wissenschaftlichen Nachweis des diskriminierenden Hintergrunds der Bezahlungslücke? Das statistische Bundesamt spricht übrigens von einem nicht erklärbaren Unterschied der Bezahlung von Männern und Frauen von durchschnittlich 7%.

    Ich bin sehr gespannt, welches Resultat Frau Schleswig erzielen wird. Insbesondere, ob es mehr bringen wird, als Neiddebatten und überbordende Verwaltung. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich werde potenziell davon profitieren, weil ich eher dazu neige, meine Forderungen zu niedrig anzusetzen. Ich habe das nur bislang als mein persönliches Problem angesehen. Schön, dass ich gar nicht dafür verantwortlich war.

    Viele Grüße
    Günther Werlau

    • Hallo Herr Werlau,

      Ihre Fragen zur ungerechten Besoldung im öffentlichen Dienst sind völlig berechtigt. Vielleicht stellen Sie sie einmal an einen Minister… Ich habe darauf keine Antwort, aber dass die Fakten so sind, kann man selbst in offiziellen Berichten der Bundesregierung nachlesen.

      Ich habe 11 Jahre in Unternehmensberatungen gearbeitet, ich weiß nicht, was Ihre Erfahrungsbasis ist, aber nur sehr selten werden Berater auf Projekten nach Umsatz bezahlt. Sie sind ja keine Vertriebler sondern Berater. Davon abgesehen, werden Berater zu einem Tagessatz an Kunden „verkauft“, der für Männer und Frauen gleich ist. Das heißt, für mich hat die Firma immer das gleiche bekommen wie für einen Mann, der die gleiche Rolle ausübte (z.B. Engagement Manager). Der Umsatz, den ich durch meine tägliche Arbeit brachte, war also völlig gleich. Bei der Einstellung habe ich sehr hart verhandelt, das hat aber leider nur sehr begrenzt zum Erfolg geführt. Meine Verhandlungspartner meinten, ich würde zu viel verlangen. Wie sich später herausstellte, war das offenbar falsch.

      Zum Thema besser Verhandeln habe ich bereits eine Antwort an Herrn Haupts geschrieben, bitte lesen Sie dort nach, wenn Sie wissen möchten, warum Frauen für Gehaltsverhandlungen bestraft werden. Dort steht auch, warum es nicht reicht, Gehaltsunterschiede erklären zu können und warum einige der erklärbaren Faktoren ebenfalls für Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern stehen.

      besten Gruß
      Anke Domscheit-Berg

    • Unternehmensberatungen und Bezahlung
      Hallo Frau Domscheit Berg

      Die tagesbezogende Vergügung (geschlechterunabhängig) in Unternehmensberatungen ist mir durchaus klar (wir könnten noch die Risiken von Festpreisprojekten in die Überlegung einbeziehen). Dennoch ist der Wert insbesondere von Projektleitern nicht allein durch den Tagesumsatz bestimmt, sondern auch durch den Vertriebserfolg. Wenn Sie also ein Projekt mit einem Volumen von 1000 BT erfolgreich (in time, quality and budget) nach Hause schaukeln und nebenbei noch 500 BT an Folgeprojekten aquirieren, dann wird der zuständige Partner das sehr wohl zur Kenntnis nehmen und Sie nur ungern an die Konkurrenz verlieren. Dementsprechend kompromissbereit wird er sich in Gehaltsverhandlungen zeigen. Wenn Sie nur Ihre 220 BT im Jahr abreißen, dann sind dem Gehalt wirtschaftlich engere Grenzen gesetzt: Jahresumsatz * (1-Verwaltungsquote-Gewinnvorstellung des Partners). Und warum sollte Sie ein Vorgesetzer oder eine Vorgesetzte dann unbedingt halten wollen, viele junge, gesunde Menschen können das leisten.

      Was die Wahrnehmung von verhandelnden Frauen angeht: Dazu kann ich keine Studien befügen. Allerdings kommen auch längst nicht alle Männer mit ihren Forderungen durch. Und nur die wenigsten schaffen es zum Topverdiener.

      Was die Verhaltensmuster des Topmanagements angeht (mit Stallgeruch und so weiter): Da stimme ich Ihnen sogar zu. Allerdings glaube ich nicht, dass es zu schaffen ist, das Großbürgertum per Gesetz zu zwingen ihr Verhalten zu ändern. Und warum die Großbürgerinnen sich nur in seltenen Fällen in den Chefsessel setzen, das müssen Sie die fragen. Haben wir ein Chauvinismusproblem in der Upper Class? Oder ein zu lukratives Freizeitangebot? Wer weiss das schon.

      Viele Grüße
      Günther Werlau

    • Hallo Herr Werlau,

      Viele Berater sind überhaupt nicht an vertrieblichen Aktionen beteiligt, jedenfalls nicht bei den Großprojekten in der IT, die ich kennenlernte. Das sind Aufgaben für die Projektleiterebene. Meine Benachteiligung erklärt das jedenfalls nicht, denn ich war sogar (und zwar erfolgreich) an Business Development Aktivitäten beteiligt. Weil ich das recht gut konnte, war ich in einer anderen Beratung sogar eine zeitlang Business Development Manager und habe nichts Anderes gemacht (bis ich selbst gekündigt habe, um zu wechseln). Ich habe jedoch unzählige Male die plattesten Vorurteile und Benachteiligungen erlebt, wo z.B. Kundenmanager explizit der Meinung waren, als Frau könnte ich keine gute IT Projektleiterin sein. Dieser Kundenmanager hatte mich noch nie gesehen, er kannte nur meinen Lebenslauf, der makellos war. Er hat übrigens später im Projekt seine Meinung geändert. Aber das Vorurteil war da. Solche Barrieren sind es, die ich meine.

      Besten Gruß
      Anke Domscheit-Berg

    • Ist das nicht Gesinnungsschnüffelei?
      Hallo Frau Domscheit Berg

      Sie haben geschrieben „Projektleiterkollege“, woraus ich geschlossen habe, Sie hätten ebenfalls die Projektleiterfunktion innegehabt. Da hat in den IT-Häusern, die ich kenne, bereits ein variabler Erfolgsanteil als Gehaltsbestandteil Einzug gehalten. Und Aquise ist nach meiner Erfahrung ebenfalls Bestandteil der damit verbundenen Aufgaben (quasi nebenbei – durch Augen-und-Ohren-offen-Halten). Aber sei es drum, die Welt ist ja bunt.

      Ich kann ja nachvollziehen, dass Sie Vorurteile Ihnen gegenüber ungerecht finden. Andererseits haben Sie erlebt, was aus dem Versuch erwachsen ist, die Leuten zu den „richtigen“ Gedanken zu zwingen. Dahin möchte ich wirklich nicht zurück. Und diese Gesinnungsschnüffelei, die immer mehr Einzug hält, die mag das Gute wollen, sie wird aber Entmündigung erreichen.

      Viele Grüße
      Günther Werlau

      PS: Schöne Menschen werden ebenfalls als kompetenter wahrgenommen ohne es zwingend zu sein. Wie lösen wir dieses Dilemma?

    • Hallo Herr Werlau,

      Ich war in der Tat Projektleiterin, und zwar etliche Jahre, in unterschiedlichen Unternehmen. Ein Umsatzziel hatte ich in der Zeit jedoch nie. Bei McKinsey haben das nicht einmal Partner, der Umsatz pro Berater*in wird dort nicht einmal erhoben. Offenbar kennen wir unterschiedliche Unternehmen.
      Weshalb Sie Gesinnungsschnüffelei und Stasiandeutungen erwähnen, ist mir immer noch völlig unklar. Gehaltstransparenz hat weder mit Gesinnung zu tun noch mit Überwachung. Diese Vermischung finde ich sogar gefährlich, weil sie staatliche Überwachung verharmlost. Ich sehe nämlich durchaus Gefahren durch einen digitalen Überwachungsstaat und wenn Sie ein wenig im Internet herumsuchen, werden Sie zahlreiche Reden und Texte von mir zu diesem Thema finden. Aber das Ausschnüffeln von Mails, Telefonaten und Internetverhalten hat rein gar nichts mit Gehaltstransparenz zu tun. Gehälter sind dem Staat über die Steuererklärungen ja sowieso vollständig bekannt, der Staat erhielte also NULL neue Informationen. Hier geht es darum, Arbeitnehmer*innen mehr Macht durch mehr Informationen zu verschaffen, denn wer weiß, wo und wie er oder sie konkret benachteiligt wird, kann sich viel effektiver dagegen wehren – verhandeln mit dem Arbeitgeber oder im Notfall auch klagen. Im übrigen ist geschlechtsbezogene Gehaltsdiskriminierung keine Gesinnung sondern illegal. Wir brauchen daher effektivere Mechanismen, solche Sachverhalte aufzudecken.

      Ja, schöne Menschen – große übrigens auch und solche mit tieferen Stimmen – werden als kompetenter wahrgenommen, und ja, das ist auch ein Dilemma. Aber es ist für die Lösung eines bestimmten Problems (hier: fehlende Geschlechtergerechtigkeit) wenig hilfreich die Debatte abzulenken durch Kommentare á la „aber guck mal, da ist doch auch noch ein anderes Problem!“. Außerdem erwähnte ich schon in einem anderen Kommentar, dass der Staat durch die Verfassung (Artikel 3…) dazu verpflichtet ist, geschlechtsbezogene (!) Nachteile zu bekämpfen. Sie können sich aber selbst sehr gern gegen andere Benachteiligungen stark machen und diesbezügliche Bewegungen unterstützen. Da gibt es ja überall viel zu tun und Engagement ist immer lobenswert. Nutzen Sie nur bitte nicht diese Art Argumentationen, um Engagement für andere Problembeseitigungen zu diskreditieren oder zu behindern.

      besten Gruß
      Anke Domscheit-Berg

    • Vorurteile und der Kampf dagegen
      Hallo Frau Domscheit Berg

      Was ich mit Gesinnungsschnüffelei meine, ist der Ansatz, dem Mann, den Sie annektotisch erwähnten, seine Vorurteile per Gesetz austreiben zu wollen.

      Natürlich kann man ein Problem nicht durch den Verweis auf ein anderes Problem lösen. Aber es zeigt, wie problematisch der Ansatz ist, messbare kognitive Muster auflösen zu wollen, weil man sie für ungerecht hält. Ich hege so meine Zweifel, ob die Muster dadurch verschwinden.

      Darüber hinaus stimme ich Hrn. Haupts zu: Die Frauen sind in Deutschland in einer deutlichen Überzahl und wahlberechtigt. Sie könnten – meinetwegen durch die Gründung einer Frauenpartei – aus dem Stand alle Forderungen politisch durchsetzen, solange sie nicht verfassungsändernd sind. Sie brauchen meine Unterstützung nicht. Ich versuche dann, für meinen Teil, die Jungen zu unterstützen, die nach einer Studie der OECD bei gleichen Leistungen in deutschen Schulen die schlechtere Noten im Vergleich zu den Mädchen erhalten.

      Viele Grüße
      Günther Werlau

    • Hallo Herr Werlau,

      da haben Sie mich wohl mißverstanden. Ich will nicht nur einem einzelnen Mann seine Vorurteile austreiben, sondern idealerweise allen Männern (und Frauen, denn die haben auch welche) – nicht mehr und nicht weniger :-). Mit dem Werkzeug der Gehaltstransparenz möchte ich aber vor allem dann, wenn Vorurteile (oder auch platte Diskriminierung) zu unterschiedlichen Gehaltszahlungen an Männer und Frauen führen, den Betroffenen das Wissen darüber zuteil werden lassen, damit sie sich erfolgreich dagegen wehren können. Und ja, ich glaube tatsächlich, dass der Umstand, dass Gehaltsdiskriminierung öffentlich werden kann dazu führt, dass sie abnimmt.

      Ich kämpfe dafür mit allen Mitteln, die mir zur Verfügung stehen, das sind ja zum Glück mehr als nur alle paar Jahre mal wählen zu dürfen. Aber es stimmt natürlich, dass ich mein Wahlverhalten davon abhängig mache, wie gut eine Partei auch das Thema Geschlechtergerechtigkeit vertritt. Weil Frauen heute nicht nur das Wahlrecht genießen, sondern auch ihre Meinung äußern und fleißig für ihre Meinung Argumente verbreiten dürfen, schreibe ich Bücher, Texte und Kommentare wie diesen hier. Das geht sogar ohne einer Frauenpartei anzugehören. Ich hoffe damit, die Allgemeinheit ein wenig beeinflussen zu können, darunter auch Menschen, die im Bundestag Entscheidungen treffen, selbst wenn sie (wie die aktuelle Regierung) ohne meine eigene Wählerstimme in Verantwortung gewählt wurden. Auch das gehört ja zur Demokratie, dass man das darf. Das Aufdecken illegaler Verhaltensweisen ist übrigens nach wie vor keine Gesinnungsschnüffelei. Von den Bedeutungen dieser Begriffe haben wir ganz offensichtlich stark voneinander abweichende Auffassungen.

      Wenn Sie meine Vorschläge, diskriminierende Muster zu beseitigen, nicht gut finden, welche Vorschläge hätten Sie denn? Sie machen mich neugierig… Wobei Ihr Interesse wohl eher bei den Jungen liegt. Deren ganz objektiv geringerer Schulerfolg (seit ca. 100 Jahren belegt, lange bevor der Begriff „gender“ aufkam und Frauen die Mehrheit der Lehrerinnen in Grundschulen stellten) tut mir auch leid und zeugt von einem Versagen des Bildungssystems als Ganzes und ist definitiv Ihr Engagement wert. Wir können es uns als Gesellschaft nicht leisten, auf die Talente bestimmter Gruppen zu verzichten. Dazu gehören auch Kinder mit Migrationshintergrund oder aus finanziell schwächer gestellten Familien. Ein Trost ist Ihnen aber hoffentlich, dass der mangelnde Bildungserfolg der Jungen am Arbeitsmarkt keine Folgen hat, denn dort sind sie ja nachweislich trotzdem erfolgreicher als Frauen, es zahlt sich also für sie unterm Strich immer noch mehr aus, ein Junge zu sein, als gute Noten zu haben.

      besten Gruß,
      Anke Domscheit-Berg

    • Verdrehungen
      Hallo Frau Domscheit-Berg

      Vorurteile bei anderen austreiben zu wollen erfordert eine Suche nach diesen Vorurteilen beim Einzelnen. Nicht mehr und nicht weniger habe ich ausgedrückt. Kriminelle Machenschaften werden dadurch nicht oder maximal indirekt aufgedeckt. Viel höher ist die Gefahr von Hexenjagden.

      In der von mir erwähnten Studie steht laut FAZ: Jungen werden bei gleicher Leistung schlechter benotet (was wohl analog zur Gehaltsdiskriminierung betrachtet werden kann und mir deshalb einer Erwähnung wert schien). Wahrscheinlich kämpft das Ministerium für alles außer Männer bereits dafür, dass dieser Mißstand abgestellt wird.

      Ich habe noch keine Frau diskriminiert und fühle mich, obwohl ich Mann und Vater bin, nicht schuldig an dem was „den Männern“ vorgeworfen wird. Und ich halte Frauen für stark genug, um meine weiße Rüstung ohne Scham im Schrank zu lassen.

      Ansonsten freue ich mich über Ihre Freude an Ihrer Selbstwirksamkeit, habe keine Angst vor Gehaltstransparenz und wünsche Ihnen eine reiche Ernte bei der Bekämpfung der Gegner, die Sie so effektvoll aufblasen.

      Viele Grüße
      Günther Werlau

  4. Immer die selben Parolen und Beispiele
    wenn Frauen „wirklich“ 20% (und noch) weniger verdienen würden, dann würde jeder Arbeitgeber seine Männer rausschmeißen und die billigen Damen anheuern. Das gebietet die marktschaftliche Logik. Feministinnen müßten den Markt praktisch aufrollen. Aber nichts außer „heißer Luft“ und gesetzlichen Zwang zu „Qoutenfrauen“. Weibliche Logik lässt den unfehlbaren Schluss zu: es MÜSSEN ja die bösen Männer sein.

    Viel sexistischer ist, dass jegliche Männerförderung in den (schlecht bezahlten) sozialen Berufen abgeblockt wird.

    • Hallo Herr (?) Krug,

      ihre Frage ist berechtigt. Ich habe auch im BWL Studium gelernt, dass der typische Manager ein „Homo Oeconomicus“ ist, der rein rational entscheidet. Aber leider habe ich in den 20 Jahren nach meinem Studium in der Praxis gelernt, dass dem nicht so ist. Viele Faktoren beeinflussen Entscheidungen, z.B. gute Beziehungen und Netzwerke. Sie kennen das bestimmt aus den Medien, ein Beispiel ist der Skandal im Bayerischen Landtag, wo Abgeordnete reihenweise Familienangehörige einstellten und hoch bezahlten. Diese Einstellungen waren ganz bestimmt nicht immer die beste und billigste Besetzung… So ähnlich ist es in der Großindustrie. Da werden Vorstände und Aufsichtsräte selbst bei völligem Versagen (siehe Thomas Middelhoff) immer noch von einem Posten zum anderen rumgereicht, weil man vielleicht seit Jahren im gleichen Golfclub spielt oder der Onkel im eigenen Aufsichtsrat sitzt. Starke Einflüsse hat aber auch die Auswahl nach dem Ähnlichkeitsprinzip, die dazu führt, dass männliche Manager lieber männliche Manager einstellen – in den meisten Fällen ganz unbewußt und ohne explizite Absicht, ihr eigenes Geschlecht zu bevorzugen. Sozialforschung zeigte auf, dass man stereotype Vorstellungen hat von bestimmten Geschlecht-Kompetenz-Kombinationen, wonach z.B. Männern eher Führungsqualitäten zugeschrieben werden als Frauen. Außerdem fühlen sich Menschen wohler in der Umgebung ähnlicher Menschen, sie sind eher risikoscheu und erwarten weniger unangenehme Überraschungen von ähnlichen Menschen. Männerrunden beschrieben schon häufig eine Art „Störgefühl“, wenn da plötzlich eine Frau auftauchte. Nein, es geht definitiv nicht darum, immer die beste Kombination von Leistung und Gehalt einzustellen. Dazu passen übrigens Untersuchungen, die zeigen, dass bei Einführung von Geschlechterquoten das Qualifikationsniveau steigt. Denn plötzlich spielt die fachliche Eignung eine viel größere Rolle als vorher. Hervorragend qualifizierte Frauen ersetzen dann die mittelmäßigen Männer. Im Team bleiben also hoch qualifizierte Männer und Frauen – ein win win für jedes Unternehmen. Schlecht für mittelmäßige Männer. Aber mein Mitleid hält sich in Grenzen.

      Was meinen Sie eigentlich mit abgeblockter Männerförderung in schlecht bezahlten sozialen Berufen? Mir ist nicht bekannt, dass es strukturelle Barrieren gegen Männer in solchen Berufen gibt. Ich kenne nur Pflegeheime und Kitas, die sich sehr über männliche, qualifizierte Kräfte freuen würden. Einstellungshürden kenne ich keine. Sie wollten doch bestimmt nicht andeuten, dass Männer einen Männerbonus bezahlt bekommen sollen, wenn sie in einem schlecht bezahlten „Frauenberuf“ arbeiten?

      besten Gruß
      Anke Domscheit-Berg

  5. Keine Lösung
    Der Zustandsbeschreibung kann ich weitgehend zustimmen. Nicht allerdings Diagnose und Therapie. In der Tat habe ich erlebt, dass Frauen auch in meiner alten Firma zunächst weniger verdienten, der Witz war das daran lag, das sie seltener um mehr pokerten.
    Ich denke das nicht Überwachung sondern Transparenz die größere Zurückhaltung von Frauen kompensieren würde.
    Gehaltshöhe gilt in Deutschland als vertrauliche Angelegenheit. Wenn jeder weis was der andere verdient, kann auch jeder ggf. beim Chef argumentieren, warum er das Selbe verdient. Das hat auch bei uns funktioniert. Unterschiede, die sich aus Brüchen in Lebensläufen ergeben sind nicht so leicht auszugleichen.
    Aber auch hier gibts Besseres als Quoten und Überwachung, die nur neue Privilegien schaffen.
    Die höheren Quoten im Osten ergeben sich einerseits durch eine deutlich bessere Kinderbetreuung andererseits durch eine deutlich verminderte Familienbindung.
    Bei der Altersversorgung ist es ein reines Verteilungsproblem. Eine Frau die Kinder groß gezogen hat, die einer ordentlichen Arbeit nachgehen, hat ihre Rente immer verdient. Das gilt für Männer mit ordentlichen Gehältern aber ohne Kinder nicht. Die zahlen für ihre Elterngeneration aber nichts für ihre eigene Rente. Die stehen nur deshalb so gut da, weil sie im Gegensatz zu vielen Frauen sich ihre Rente von der Erziehungsleistung anderer finanzieren lassen können.

    • Hallo Herr Grabe,

      ich habe in meinem Kommentar an Herrn Haupts bereits zum Argument „Frauen verhandeln schlechter – also selbst schuld“ geschrieben, bitte lesen Sie bei Interesse dort nach.
      Ich weiß nicht genau, was Sie mit Überwachung meinen, denn in meinem Artikel war ja auch von Transparenz die Rede und genau wie Sie glaube ich, dass Transparenz ein wirksamer Hebel sein kann, Gehaltsunterschiede zu beseitigen. Von Überwachung sprach ich selbst nicht, den Begriff finde ich auch etwas deplaziert, wohl weil ich mich sehr intensiv mit dem Thema Überwachungsstaat auseinandergesetzt habe. Ich teile Ihr Argument zu den Verschwiegenheitsklauseln, daher steht in meinem Buch auch die Forderung, Unternehmensvorgaben, die das Reden über Gehaltshöhen sanktionieren, zu verbieten. Kein Chef sollte verbieten dürfen, dass Mitarbeiter*innen über Gehaltshöhen reden.

      Zur Rente: ja, das ist unter anderem ein Verteilungsproblem…

      besten Gruß
      Anke Domscheit-Berg

  6. Kein Paygap...
    Im öffentlichen Dienst entstehen Gehaltsunterschiede nur aufgrund unterschiedlicher Beförderung und die ist abhängig von der Verfügbarkeit des Mitarbeiters, noch weit vor seiner Leistungsfähigkeit.
    Da Frauen, die keine Auszeiten nehmen oder auf Teilzeit gehen, machen schon heute die gleiche Karriere im öffentlichen Dienst wie Männer.
    Allerdings ist der Anteil von Frauen, die wegen Familie Auszeiten nutzen, wegen der komfortablen Situation im öffentlichen Dienst höher als anderswo.

    • Psst, das passt nicht in die Argumentation
      Herr Grabe, Sie sind mir einer. Jetzt torpedieren Sie einfach den sorgsam aufgebauten Popanz. Ihr Argument mag zutreffen – zumindest halte auch ich diese Erklärung für die wahrscheinlichste – aber sie passt doch überhaupt nicht in die Argumentationslinie.

      Besser wir erwähnen das nicht.

      Viele Grüße
      Günther Werlau

    • Hallo Herr Grabe,

      ich kann nicht erkennen, warum Ihre Argumente hinreichend erklären, dass männliche Referatsleiter in Bundesministerien im Durchschnitt in höhere Besoldungsgruppen eingestuft werden als weibliche. Die Aufgabe ist völlig identisch, also muss auch gleich bezahlt werden. Mir ist nicht bekannt, dass diese Positionen nennenswert Teilzeitpositionen sind und deshalb eine niedrigere Einstufung erfolgte. Ich halte das für Spekulation.
      Es gibt im übrigen nicht nur in der Wirtschaft sondern auch im öffentlichen Dienst jede Menge Frauen ohne Kinder oder mit erwachsenen Kindern, oder mit Kindern, deren Betreuung anders geregelt ist als durch längere Auszeiten, die kompetent und karrierewillig sind, aber an denen trotzdem massenhaft Männer vorbei ziehen. Zählen Sie doch mal, wieviele Abteilungsleiter es in beiden Geschlechtern in den Bundesministerien gibt. Auch im öffentlichen Dienst spielen Stereotype und Netzwerke eine große Rolle und machen es kompetenten Frauen schwerer, Karriere zu machen.

      besten Gruß,
      Anke Domscheit-Berg

  7. Der Umgang mit der Bezahlung ist auch ein Kulturphänomen. Das in Deutschland
    übliche Verbot, im Arbeitsvertrag (mi Kollegen) über sein Gehalt zu reden, liegt ganz offensichtlich allein im Interesse der Arbeitgeber, nämlich zu verhindern, daß die Angestellten konkret ihr Gehalt vergleichen-

    In den USA und in Dänemark habe ich anderes erlebt. In den USA wird man schnell gefragt, was man denn so verdient und der kulturelle Hintergrund ist dabei der Gedanke, wer viel verdient, ist eben viel wert …
    In Dänemark wird man nach dem persönlichen Einkommen mindestens ebensoschnell gefragt und es werden viele andere persönliche Fragen gestellt, über die man als Deutscher leicht irritiert ist, weil man das in Deutschland gewöhnlich nicht fragt. Das hängt damit zusammen, daß in Skandinavien der persönliche Umgang miteinander, das Interesse füreinander ein „höheres“ ist. So ist dort das persönliche Gehalt kein Geheimnis und es hat offensichtlich dem enormen wirtschaftlichen Erfolg Dänemarks nicht geschadet.

    Dies als Argumentzulieferung, falls ernsthaft in Angriff genommen würde, die arbeitsvertraglichen Verbote, über den Verdienst zu reden, zu verbieten: Das Zeter-und-Mordio-Geschrei, daß die deutsche Wirtschaft zusammenbricht, wenn man das Verbot verbietet, hat ja schon angefangen – wie sich ja das Geschrei, die deutsche Energieversorgung bräche zusammen, wenn man die AKWs abschaltet, und sofort total am Ende sei die deutsche Wirtschaft, wenn man eine Mindestlohnregelung einführt, ja auch „voll bewahrheitet“ haben.

  8. 1 Vermutung, 1 Frage
    „Wie kann es sein, dass männliche Referatsleiter in Bundesministerien mehr verdienen als ihre Kolleginnen?“

    Es KÖNNTE an folgendem Mechanismus liegen: ReferatsleiterIn wird man in der Regel, während man in der Besoldungsgruppe A15 ist. Dann wird man irgendwann nach A16 und dann nach B3 befördert. Diese beiden Beförderungen werden vor allem nach „Wartezeit“ vorgenommen und dauern – je nachdem wieviele ReferatsleiterInnen gerade in Pension gehen – zusammen etwa 5 bis 10 Jahre. Wenn ich davon ausgehe, dass in den letzten 5 Jahren prozentual mehr Frauen Referatleiterinnen wurden als z.B. zwischen 1990 und 1995, dann bedeutet das, dass Referatsleiterinnen in den Beesoldungsgruppen A15 und A16 überrepräsentiert sind, während sie in der höchsten Besoldungsgruppe B3 noch unterrepräsentiert ist. Es würde sich also um einen temporären Effekt handelt, der sich aufhebt, wenn mal für 20 Jahre die Wahrscheinlichkeit, mit der eine neue ReferatsleiterIn weiblich ist, konstant bleibt.

    Ganz anderes Thema: Sie sprechen über die gerechte Verwendung staatlicher Gelder: Würden Sie auch dafür pädieren, dass öffentlich-rechtliche Fernsehanstalten für Fußballübertragungsrechte mit männlichen Spielern nicht mehr ausgeben dürfen als für solche mit Spielerinnen? Oder würden Sie insoweit dem Faktum, dass sich – sehr ungerechter Weise – mehr Menschen für Männer- als für Frauenfußballspiele interessieren, normative Relevanz zumessen?

    • Hallo „phaeake“,

      …vielleicht stimmt ja Ihre Vermutung, wir beide wissen es nicht. Was ich aber weiß: dieser Effekt (mehr Frauen in niedrigeren Lohngruppen, mehr Männer in den oberen) ist in ALLEN Branchen der gleiche, obwohl diese Erklärung für andere Branchen nicht anwendbar ist. Ich weiß auch, dass man seit vielen Jahrzehnten davon redet, dass wir doch nur ein paar Jahre warten brauchen, dann erledigt sich das Problem von selbst (dazu habe ich daher auch ein eigenes Kapitel geschrieben in meinem Buch). Zum Beispiel im Zusammenhang mit Führungspositionen, da heißt es schon ewig, Frauen fehlten früher halt die Qualifikationen und die tollen Studienabschlüsse haben sie doch noch nicht so lang. Da muss man jetzt noch 20 Jahre warten, bis diese gut qualifizierten Frauen sich die Hierarchien nach oben gearbeitet haben, dann ist alles gut. Aber wenn man sich Länder in Europa (auch Deutschland) anschaut, wo Frauen schon vor 20 Jahren die Hälfte der Absolvent*innen ausgemacht haben, und vergleicht die damaligen Absolventenzahlen mit den heutigen Frauenanteilen in Führungspositionen, dann versteht man sehr schnell, dass es mit warten nicht getan ist. Auch der Gehaltsunterschied hat sich genau NULL verändert. Bildungsfortschritt hin oder her. Noch weiter warten heißt deshalb nur, den Prozess der notwendigen Veränderung weiter aufzuhalten. Dazu bin zumindest ich nicht mehr bereit und offenbar viele andere auch nicht, sonst hätte der Bundestag nicht einstimmig für die Frauenquote gestimmt.

      Zum Fußball: Sie haben ganz richtig vermutet, dass ich sehr gern mehr Frauenfußball oder andere Sportarten als Fußball im TV sehen würde (ich interessiere mich z.B. sehr für Geräteturnen, weil ich das 10 Jahre selbst mal gemacht habe). Ich finde die für Fußball ausgegebenen öffentlichen Gelder in der Tat unverhältnismäßig hoch. Ich würde gern davon einen Teil in andere Sportarten investiert sehen (also als Sendezeit) und einen weiteren Teil in hochwertigere Programme, gern von Regisseurinnen. Wie Sie vielleicht nicht wissen, ist nur jede 11 Sendeminute in ARD und ZDF in den letzten 10 Jahren unter der Regie einer Frau entstanden, obwohl seit 20 Jahren (sic!) Frauen mehr als 40 Prozent der Regieabsolvent*innen stellen. Das Vorabendprogramm ist grottenlangweilig, immer die gleichen Soap-Krimis, da wären ein paar öffentlich rechtlich finanzierte gute Filme sehr wünschenswert. Mit einem Teil der für Fußballübertragungen ausgegebenem Gelder könnte man sicher eine ganze Reihe schöner Filme finanzieren, die mal andere Plots haben als „tote Frau in Plastik gewickelt am Hafen/in der Baugrube gefunden – wer war der Mörder?“.

      besten Gruß
      Anke Domscheit-Berg

  9. Geld frißt Herz und Seele auf.
    Wie soll der eigene Geist in Ruhe zur Vernunft reifen, wenn er sich, ständig unruhig,
    ausschließlich mit dem Leben anderer Menschen in und als Gesellschaft beschäftigt?

    Viele Menschen wissen genau wer und wie die anderen Menschen sind, wie sie sein sollten und was sie dazu brauchen.
    Dabei wissen die meisten noch nicht einmal wer und wie sie selbst sind und was sie selber brauchen.

    Die Überschätzung dessen was wir meinen zu sein und zu brauchen, führt uns zum Gegenteil von dem was wir haben sollten, Vernunft.

    Vernunft ist das Gütesiegel reifer Menschen, weise Bescheidenheit ihr Erkennungsmerkmal.

    L.G.
    W.H.

    • Hallo W.H.,

      Aus Ihrem Kommentar spricht eine tiefe Weisheit und Bescheidenheit. Offenbar sind Sie längst darüber hinweg, sich mit dem Tun anderer Menschen in und als Gesellschaft zu beschäftigen. Dergleichen würde ja (wenn ich Sie richtig verstanden habe) auch die weitere Reifung des Geistes beeinträchtigen. Das will natürlich niemand. Deshalb wird diese Antwort auch nur sehr kurz. Ich konnte sie mir nur nicht ganz verkneifen, weil mein Geist mit der Reifung noch nicht so fortgeschritten ist. Er mischt sich immer noch viel zu sehr in die Gesellschaft ein. Ich ahne, dass ich noch 50 Jahre älter werden muss, um das abzulegen.

      besten Gruß
      Anke Domscheit-Berg

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