Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Die Quadratur des Begehrens

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Spontanfick oder Liebe lebenslänglich – unseren Geräten ist egal, welche Partnerfunktion wir in ihren Portalen suchen. Solange wir nicht mit der Wirklichkeit fremdgehen.

Fluff Pad übernehmen Sie!© fleshlight internationalFluff Pad übernehmen sie!

In dem von Josef Goebbels 1939 ersonnenen „Wunschkonzert für die Wehrmacht“ verbanden nicht nur die Lieder von Lale Anderson oder Zarah Leander die Soldaten in den Schützengräben mit den Frauen an der Heimatfront. In der äußerst beliebten Radiosendung wurden im Rahmen von Tombolas  Feldpostnummern von ledigen Ostfront-Soldaten unter ebenfalls ledigen, schreibwilligen Frauen verlost.  Die kriegswichtige Korrespondenz führte gelegentlich auch  in während des Heimaturlaubes geschlossene Ehen. Die waren zwar nicht der unmittelbare Sinn der Schreibsache – das war ja das Durchhalten – immerhin aber ein nicht unerwünschter Nebeneffekt.

Vergleichbar verhielt es sich ab 1974 bei dem WDR-Format „Spätere Heirat nicht ausgeschlossen“, in der sich pro Sendung drei „heiratswillige Rheinländer“ jeweils 15 Minuten den Fragen des Moderators nach ihren Lebens- und Liebesvorstellungen öffneten. Das  neuartige Format zielte ebenfalls weniger auf das Liebesglück seiner Protagonisten  als vielmehr auf die Etablierung von kostengünstigen Gesprächssendungen nach US-Vorbild und ebnete damals den Weg für die heutige Allgegenwart von Talk-Shows im deutschen Fernsehen.

In den Kontaktanzeigen der Printmedien ging es hingegen in den siebziger Jahren vorrangig ums Heiraten an sich. 1976 ersetzte das Zerrüttungsprinzip die Schuldfrage im Scheidungsrecht. Trennungen zerlegten Paare zumeist in neuerlich heiratswillige Einzelteile: „Magst Du mich, auch wenn ich nicht tanzen kann?“ lautete  die oft gestellte, so kokette wie bange Frage, zu der sich über dem Anzeigentext bisweilen unscharfe schwarzweiß Bilder gesellten. Ähnlich jener kalkulierten Unschärfe, mit der die kostenpflichtigen Dating-Portale heute Traumpartner auf den ersten Klick verschwimmen lassen. Ähnlich auch jenen aus den Katalogen für Thai-Bräute, in denen sich Männer, die die feministischen Faxen dicke hatten, Asiatinnen zum Festpreis mit Rücknahmegarantie aussuchen konnten.

Mai Ling mit Gerhard Polt mit Katalog© YoutubeMai Ling mit Gerhard Polt mit Katalog

„Bist du Feministin?“ fragt Charisma 99, dem die Bilder von Alexandraplatz auf „Finya“ gefallen haben. Die Erwiderung „Ja“ pariert er mit einer orthographisch bedenklichen Hasstirade und dem sofortigen Blockieren. Abkotzen kostet ja nichts, Finya, eine Art eBay Kleinanzeigen unter den Dating Portalen, kostet auch nichts. Bei „Parship“ wäre das nicht passiert. Die F-Frage wird in den ellenlangen Multiple Choice-Fragebögen – „Wie sieht ihr Traumurlaub aus?“ „Wie wichtig ist Ihnen Treue?“ … – ohnehin ausgespart. Hier wird nach Größe, Gehalt und anderen markttauglichen Gemeinsamkeiten vorsortiert. Ich könnte auf den Zufall warten – mach´ ich aber nicht. Wer verschwendet sich ans optische Prekariat, wenn es sich bei „Tinder“ mit einem Wisch nach links eliminieren lässt. Die Hunde, die in unseren Geräten bellen, sollen auch zubeißen. Wer kauft schon für 49 Euro im Monat die Katze im Sack. Menschen suchen ein Zuhause in der Möglichkeit des sicheren Gelingens, ob Einmalgebrauch oder  ewige Liebe.

Es bedurfte des Internets, um das Kupplerwerk der klassischen Medien zu vollenden und  die Liebe endgültig zur reinen Ansichtssache verkommen zu lassen. Um sie und uns ins Rechteck der sich stetig verkleinernden Bildschirme zu verkleinern. In die noch kleineren Bilder hinein  –  Listen- oder Kachelansicht –, die wir uns von unserem luftdicht ins Plexiglas der Displays versiegelten Begehren machen. Dort, wo die Bilder von Selbstbeschreibungen in Floskelform umrankt werden. Wo das Leben ein Wunschkonzert ist, die Verfügbarkeit den Ton angibt, der spätere Umtausch nicht ausgeschlossen ist.

In der längst zerrütteten Beziehung zwischen Leben und Gerät ist die Schuldfrage ebenfalls abgeschafft: Der One-Night-Stand, der einen Nachschlag will, hat falsch geklickt. Der Fuckbuddy, der sich verliebt, unterläuft das Unverbindlichkeitsmatch. Und der Treuesucher soll seinen Punkt gefälligst an der Supermarktkasse machen. A swipe can change your life. Wisch und weg der falsche Mensch, entfernt wie die Spermareste in den Verrichtungsboxen an den Rändern unserer Großstädte mit der obligatorischen Zewa-Rolle.

Wenn sie gelingt und weil sie gelingt, ist angeblich alles gut mit der Liebe in den Zeichen der Geräte. Siehste, klappt doch, sagen die bis auf weiteres glücklichen Paare. Ist doch egal, wo wir uns kennengelernt haben. So verliebt man sich heute. Wir haben doch den Beliebigkeitsstecker gezogen, die Profile gelöscht. Mag sein. Aber „so“ verliebt man sich weniger in den anderen, als in die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse, die uns algorythmisch besorgt wurde. Die sichert allein das Gerät, das uns diese Befriedigung auf ewig bereithält, bis ans Ende unserer Tage in ständig aktualisierten Versionen, als haptischer Beleg unserer digitalisierten Allmacht.

Der Schoß ist fruchtbar noch© SamsungDer Schoß ist fruchtbar noch…

Was das Gerät zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden.
Viele Schauerfilme haben ein Happy End. Pünktlich zum Abspann  jedoch geht so regelmäßig wie genrekonform der Sargdeckel noch einmal auf, erzittert die Erde aufs Neue, dräut ein weiterer Nebel des Grauens. Hasta la vista, Baby.

Wir halten die Fortsetzung  in der Hand. Das Gerät juckt in unseren Fingern. Wir umschließen den erregenden Horror des Möglichkeitsstromes, der es durchpulst. Der Mensch an unserer Seite ist diesem Strom genauso entsprungen wie unser Miteinander. Liebessucht ist das Gleitmittel, mittels dessen die Virtualität in uns eindringt. Unsere Körper sind ihr kriegswichtigstes Gerät. Willkommen. Wir kommen. Wieder und wieder.

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2 Lesermeinungen

  1. Die Quadratur des Begehrens.
    Es gibt zum Glück noch die Quadrantentour des Geistes…
    mit dem 3. sieht man besser:=)

    L.G.
    W.H.

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