Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Große Kunst braucht kein Happyend

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Am 8. April 1994 erfuhr die Welt, dass der 27-jährige Rockstar Kurt Cobain sich umgebracht hatte.  Vier Tage später erschien mit „Live trough this“ von Courtney Loves Band Hole eines der größten Alben der Rockmusikgeschichte. Ein Großteil der Alternative-Rock-Community empfand die Platte mit der abgekämpften Schönheitskönigin auf dem Cover aber eher als störend. Denn sie liebten es, die Cobain-Witwe zu hassen. Manche bis heute.

###© DCG Records 

Der Mädchenhimmel leuchtete ein letztes Mal altfeministisch-violett, im stürmischen Opener des zweiten Hole-Albums. Was fast ein bisschen seltsam anmutete. Denn die vorlauten Vertreterinnen eines neuen Feminismus mochten ihr Zeug doch lieber rosafarben. Die Farbe der Riot Girls war ja ein sehr helles Rosa: Zucker, Babyrosa, und manche, wie Hole-Sängerin Courtney Love und Babes-in-Toyland-Frontfrau Kat Bjelland hatten sogar noch ein bisschen billiges Platinblond dazu gemischt. 1994 war das, und die USA waren da schon auf einem Change-Trip: Sie hatten Bill Clinton zum Präsidenten gewählt und seine Frau Hillary gratis dazu bekommen. Denn nicht nur die Sterne am Rock-’n‘-Roll-Himmel, auch die Emanzipation brauchte dringend einen neuen Anstrich. Wir Riot Girls hatten Courtney Love gewählt und ihren Ehemann Kurt dazu bekommen.
Wir freuten uns so für sie! Dafür, dass sie, die kein Model war, den coolsten aller Rock-’n‘-Roll-Prinzen geheiratet hatte. Courtney, ein Mensch mit Herz und mit einem Plektrum in der Hand. Eine Gitarristin. Ein paar herrliche Jahre lang fühlten wir Schulkinder uns so, als ob wir Wein aus einem amethystfarbenen Becher getrunken hätten: Wir waren berauscht von Kurt & Courtney, den Prinzenkindern des Rock ’n‘ Roll. Angenehm angeheitert, aber nicht betrunken von all den verrückten Ideen, auf die sie uns brachten.

Die in Tränen aufgelöste Schönheitskönigin

Dann erschoss sich der Held mit einer Schrotflinte und wurde vier Tage vor Erscheinen des Heldinnenwerks Live through this gefunden. Und was hatten wir nun davon, dass auf dem Cover eine lachende und zugleich weinende Schönheitskönigin abgebildet war? Waren diese Songs jetzt überhaupt noch gültig, nach all dem Schlimmen? Dabei hatte Live through this doch unser Beweis werden sollen, dass auch Frauen nach den Sternen greifen und große Rock-Alben wie Nevermind schreiben dürfen! Dann kamen die Dummen, die Ewiggestrigen, die vielen Rockisten unter den Nirvana-Fans, die noch nichts wussten von unserer schönen, neuen, geschlechtergerechten Zeit. Sie fanden die Romanze nicht romantisch. Sie machten Courtney für den Selbstmord ihres Mannes verantwortlich. Sie fanden sie vulgär, sie sahen eine Schlampe, wo wir eine Songwriterin sahen. Sie begriffen nicht, dass Courtneys Look ein Zitat auf punkige Klassenüberschreitung war, eine große Umarmung. Die schimmernde Strahlkraft ihrer Lieder war schon am Tag der Veröffentlichung zu einer verloschenen Utopie geworden. „Amethyst“ klang beim Hören nun weniger nach Edelstein und mehr nach „enemies“, und „violett“ ist phonetisch sowieso nicht weit von „violence“ entfernt.
Aber ich liebte diese Lieder, und ich lebte nach diesen Liedern!

Und ebenso erging es der kanadischen Musikjournalistin Anwen Crawford: „Wahrscheinlich verstehen nur diejenigen Live through this, who lived through this.“ Diese Zeilen finden sich im Schlusskapitel ihres schlicht Live through this betitelten Würdigungs-Buchs. Auf 120 Seiten erbringt die 1982 geborene Crawford den Beweis, dass es uns damals wirklich gab (und immer noch gibt): diese gar nicht mal so kleine Hole-“Sekte“, die dieses Album liebt und um seine Größe weiß. Crawford, die bei Erscheinen 12 Jahre alt war und nach eigenen Angaben „übergewichtig“, schwelgt nun herrlich tief in jedem bedeutungsschwangeren Detail dieses Werks. Hach, genau so sollten Bücher über Pop-Musik sein! „Die viktorianischen Witwen trugen das Violet als Farbe der Halbtrauer“, weiß sie z.B. Denn wer nichts von Über-Interpretation versteht, versteht auch nichts von Interpretation.

Aber wer war Courtney Love bevor sie „die verwirrte Cobain-Witwe“ wurde? Dieses geheimnisvolle A5-Bändchen (ohne Bilder!!) aus der Reihe 33 1/3 des Bloomsbury Verlags, das dieser Tage nun auch hierzulande erscheint, steigt in alle Ecken und Enden der Hole-Lieder ein, lässt Fans zu Wort kommen, beschreibt die wirklichen Themen von Courtney Love – anstatt sich in Pseudo-Schlagzeilen zu ergehen, die der Sängerin auch auf der diesjährigen Berlinale wieder entgegenschlugen. Crawford schreibt sachlich und leidenschaftlich, subjektiv und faktenreich, genau wie solche Close Readings eben sein sollten. „Ich weiß nicht, was Live through this bedeutet, aber ich weiß, dass es bedeutend war, und nicht nur für mich. Es ist eine Platte, die viele Dinge (Stolz, Trotz, Fehler, Wut, Überleben) für viele Menschen möglich machte.“ Sie weiß es eben doch! Die Musikjournalistin wollte keine endgültige Version dieses Albums aufschreiben, denn es geht nicht auf in einer endgültigen Version.

Vorweggenommene Issues des Netz-Feminismus

Hole erkannten schon vor über 20 Jahren, dass sich der raue und aufpolierte New-Wave-Sound der 1980er Jahre wunderbar zur Grundierung von moderner Rockmusik und zum zackigen Geschichtenerzählen eignet. Aber noch bemerkenswerter: Eine Menge Issues des aktuellen Netz-Feminismus fanden sich bereits auf Live through this. Courtney zwängte sich damals in Kleidchen, die zu eng für ihre Statur waren. Und persiflierte damit das körperfeindliche Magerideal. „Sie war die, die sich immerzu schämen sollte, und die sich über zwei Dekaden lang einfach nicht geschämt hat“, fasst Crawford etwas zusammen, das Feministinnen heute „Slut-Shaming“ nennen.
Dafür steht auch der Song Asking for it! Er benennt die Vergewaltigungsmythen, über die junge Feministinnen heute besser denn je Bescheid wissen. “Was she asking for it, was she asking nice?“, spottete Courtney bereits vor 20 Jahren. „Vergewaltigung, Missbrauch, Belästigung: alles war impliziert.“ Auch eine Mehrfachdiskriminierung bekam sie zu spüren: Klassismus. „Courtney war nicht white trash, aber die Leute dachten, sie sieht so aus und sie verhält sich so. Viele bekamen die Ironie nicht mit.“ Als ob Frauen aus unteren Schichten nicht das Recht hätten, die Bühne als Genie zu betreten.

Und dann war da ja noch, love but not least, Courtneys wundervolle Dekonstruktion des Prinzessinnentraums. „Sie spielte die Prinzessin. Sie hatte den Wohlstand, sie hatte die Juwelen und sie hatte den Mann.“
Aber sie wollte kulturelle Macht! Sie war keine stille, keine selbstlose Prinzessin. Und das Märchen von Kurt und Courtney endete auch nicht bei der Hochzeit. Aber geben wir der großen Love doch trotzdem den Respekt, den sie verdient hat, auch als Musikerin. Und geben wir ihr auch gleich noch die Props für die vier anderen genialen Hole-Alben und das Soloalbum. Denn große Kunst braucht ja bekanntlich kein Happy End.

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1 Lesermeinung

  1. Große Kunst braucht kein Happyend...aber Wasser...für die Wasserwaage?
    Eine „Runde“ Wasser für alle bitte…geht auf mich:=)

    MfG
    W.H.

    P.S. Große Kunst braucht kein Happyend…
    because of the big bang theory…the fine art of balance energy…the level of spirits is like a measurement with spirit level…the never ending evolution „water“ history…also „gender balance“ energy history?…“Water“ in the sky…Norman Greenbaum…
    Live through this…energy spirit evolution melodies?

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