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Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Hunde, wollt ihr ewig chatten

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Erst durften im Netz alle Alles sein, jetzt sollen sie ihr optimiertes Selbst mit Klarnamen zu Markte tragen. Die digitale Schizophrenie frisst ihre User.

Quelle: Flickr© Flickr, CC BY-SA 2.0 Quelle: Flickr

Es gab eine Zeit, in der das Internet als praktisch gleichbedeutend mit Anonymität verstanden wurde. Am 5. Juli 1993 veröffentlichte der New Yorker einen Cartoon, auf dem zwei Hunde vor einem Computer zu sehen waren. Die Bildunterschrift lautete: „On the Internet, nobody knows you’re a dog“. Wenn man die Utopien betrachtet, die in dieser Zeit ihre kurze Blüte hatten, möchte man sich fast schämen, dass die Erhaltung der Privatsphäre heute einer solchen gleicht. Das politische Projekt, das damals angeregt wurde, hatte höhere Ansprüche. Eine Welt, in der es allen möglich sein würde, ihre Identität frei zu wählen – unabhängig von Klasse, Herkunft und Geschlecht – schien in greifbarer Nähe. Unter den ersten online-Gemeinschaften, die wir heute wohl soziale Netzwerke nennen würden, befanden sich sogenannte Multiple User Domains, virtuelle Räume, in denen die Mitglieder ihre Handlungen per Chat beschrieben. Die Tatsache, dass keine visuelle Darstellung dieser Handlungen erforderlich war, dass es genügte, einfach einzutippen, was man tat, ermöglichte eine Art der Selbstdarstellung, die – gelinde gesagt – fantasievoll war. In guter Nerd-Manier ließ man sich von Fantasy und Science-Fiction inspirieren und stellte sich als Monster, sprechendes Tier oder Märchenfigur dar. Ob vor dem Bildschirm ein Mann, eine Frau oder eben ein Hund saß, war völlig egal.

Im Februar 2004 fand Mark Zuckerberg den ultimativen Weg, mit sozialen Netzwerken Geld zu verdienen: den Verkauf von Daten. Er erkannte aber auch, dass diese Daten nur dann von Wert sein würden, wenn sie tatsächlich mit der Person vor dem Bildschirm korrespondierten: Die Daten eines Hundes, der sich als Mensch ausgibt, oder die eines Menschen, der sich als Drache ausgibt, sind weder für die Werbeindustrie, noch für die NSA von Interesse. Also galt es, die Benutzer davon zu überzeugen, Anonymität sei gefährlich. Oder, wie es Mark Zuckerbergs 2010 formulierte: „Zwei Identitäten zu besitzen, ist ein Beispiel von mangelnder Integrität“. Im Gegensatz zu Foren und älteren Chatroom-Modellen liegt der Schwerpunkt in der Struktur von Facebook nicht auf dem gemeinsam kreierten Inhalt, sondern auf den Nutzerprofilen. Es wird erwartet, dass sie sich mit ihren Klarnamen anmelden, ihren Beziehungsstatus, ihr Geschlecht und ihre sexuelle Identität angeben. Seit 2012 gibt es die Timeline, eine Chronik, in der „Lebensereignisse“ eingetragen werden sollen. Damit wird dem Nutzer eines der wichtigsten monetären Aspekte für Facebook, die Datenspeicherung und -archivierung, als mehr oder weniger freiwilliges Vergnügen verkauft.

Es ist kein Zufall, dass in Marketinghandbüchern immer wieder das Wort Authentizität auftaucht. Die unvermeidliche Folge der Instrumentalisierung eines ohnehin fragwürdigen Begriffs ist seine Abnutzung: Kaum jemand glaubt noch tatsächlich, dass man sich im Internet authentisch darstellen kann, und doch bleibt der Anspruch bestehen. In diesem Widerspruch gefangen, reagiert der durchschnittliche Nutzer darauf, indem er immer mehr von sich preisgibt, um so eine möglichst vollständige, und deshalb glaubwürdige Darstellung seiner selbst zu erreichen. Das Interesse des Konzerns Facebook wird zum Interesse des Nutzers,  dem glaubhaft vermittelt wird, die eigene Person sei eine Marke, die sich nur durch unendlich differenzierte Nuancen der eigenen Individualität vermarkten ließe.

Das sogenannte „Deep Web“ trägt zu der Vorstellung bei, alles, was im Internet anonym passiert, sei Kinderpornographie, Drogenhandel oder zumindest an der Grenze der Legalität und des Anstands. Aber man muss nicht einmal in die Tiefen des alternativen Internets vordringen, um Gemeinschaften zu finden, die anonym funktionieren. 4chan, ein 2003 gegründetes Internetforum, hat über 11 Millionen Besucher monatlich, die am Tag durchschnittlich 700 000 Kommentare in 48 verschiedene Unterforen schreiben. Bei 4chan muss man sich nicht registrieren, man muss nicht einmal ein Pseudonym verwenden, ungefähr 90% aller Besucher tragen die Standardbezeichnung: „Anonymous“. Es gibt kein Archiv, ältere Posts werden gelöscht, sobald die Kapazitätsgrenze erreicht ist, was in der Regel alle vier Tage passiert. 4chan war die Idee des damals 15-jährigen Christopher Poole, der seit der Gründung der Webseite zwar ein paar Unterforen hinzugefügt, an der grundlegenden Struktur aber nichts geändert hat. Auch Geld hat er damit nie verdient: Es gibt nur eine Handvoll Werbekunden, und die Erlöse reichen gerade einmal aus, um die Server-Bandbreite zu finanzieren. Der Guardian nannte die Webseite einmal: „irrsinnig, alarmierend und brillant“. Es wimmelt nur so von Beleidigungen, Insider-Witzen und anstößigen Bildern. 4chan bewegt sich an der Grenze des guten Geschmacks und manchmal sogar an der zur Kriminalität – das Forum war eines derjenigen, auf denen im September gestohlene Nacktbilder von Hollywoodstars auftauchten. Das macht es auch so kompliziert, sich uneingeschränkt für die Anonymität im Internet stark zu machen. Doch wer schon mal einer Facebook-Diskussion gefolgt ist, kann mit Sicherheit sagen, dass Klarnamen zumindest vor schlechtem Benehmen nicht schützen.

Die Strukturen von 4chan bilden eine bemerkenswerte Antithese zu Facebook. Weil der einzelne Nutzer nicht identifizierbar ist, hat er auch keine wiedererkennbare Persönlichkeit. Seine Aktivitäten werden weder gespeichert, noch können sie in seine individuelle Geschichte eingeordnet werden. Im Februar 2010 sagte Christopher Poole bei einer TED Konferenz über 4chan: „Die Leute verdienen es, einen Ort zu haben, an dem sie auch mal etwas Falsches sagen können“. An diesem Ort ist das Risiko des persönlichen Versagens nicht mehr gegeben. Wer einmal scheitert, kann es immer wieder tun, denn das Scheitern ist nicht an seine Person gebunden. Die 47 Regeln des Forums wurden in einem dynamischen Prozess von Nutzern erstellt. Neben unsinnigen Aussagen wie „Es gibt keine Mädchen im Internet“ wird dort auch das Scheitern thematisiert. Regel Nummer 15 lautet: „Je mehr Du Dich anstrengst, desto wahrscheinlicher ist Dein Versagen“; Nummer 16: „Wenn Dein Versagen monumental ist, könnte es glatt ein siegreiches Versagen werden“; und schließlich, Nummer 17: „Jeder Sieg wird irgendwann eine Niederlage“.

Ob es nun der Wunsch nach einem Ort ist, an dem man ohne Konsequenzen scheitern kann, oder tatsächlich das Bedürfnis, die eigene Privatsphäre wiederzuerlangen, ist schwer zu sagen, aber die öffentliche Nachfrage nach Anonymität im Internet steigt. Selbst die Marktforschungsmaschine von Facebook muss das erkannt haben. In einer öffentlichen Telefonkonferenz zur Finanzlage des Unternehmens sagte Mark Zuckerberg vor kurzem: „Im Moment konzentrieren wir uns vor allem darauf, private Räume zu erschaffen, wo Leute Sachen teilen können und Interaktionen möglich sind, die woanders nicht möglich wären.“

Das Internet ist zwiegespalten, heute mehr denn je, und das gilt nicht nur für die sozialen Netzwerke. Auf der einen Seite stehen die Internet-Giganten Facebook, Twitter, Instagram, das Silicon Valley und die Start-Up Kultur und auf der anderen Seite 4chan, WikiLeaks, Pirate Bay und nicht zuletzt die Open Source Bewegung, die sich bei der Entwicklung neuer Soft- und Hardware mit radikaler Transparenz auf die Intelligenz der weiteren Gemeinschaft verlässt. Die Grenzen sind jedoch fließend.

Wer mit welchen Intentionen hinter welchem Produkt steht, bleibt schwierig nachzuvollziehen. Die Angst vor der Anonymität begründet sich hauptsächlich in der Vorstellung, niemand würde mehr Verantwortung übernehmen. Dabei demonstrieren die Internet-Giganten doch sehr anschaulich, dass es keinerlei Anonymität bedarf, um Intransparenz herzustellen.

 

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3 Lesermeinungen

  1. Wenn Internet und (bald?) Drohnen-Net anonymnamiges und klarnamiges...
    „Gift-Gas(Geist-Gift!?)“ versprühen.

    Heute FAZ:
    Die gemeine Waffe
    Warum halten wir Giftgas für die schrecklichste aller Waffen?

    Der Mensch ist doch noch näher am Tier als ich dachte…mehr T-Rex, Gift-und Würgeschlange…
    (Diese Lesermeinung wurde vom Moderator noch nicht freigegeben.)
    aber auch Affe, diebische Elster und Spinne. Tja, irren ist menschlich. Stolz trägt er seine Geisthaus-Gift-Dornenkrone als goldglänzende Krone der Schöpfung…und ist doch nur ein zynischer Selbst-und Erde-Zerstörer. Bleibt zu hoffen daß er die „Evolutions-Kurve“ (Vernunft)kriegt und sein Geist möglichst schnell gen Human reift, die (Zukunft-)Vision der Evolution…human handelnder Mensch. Dieser Weg wird kein leichter sein, denke ich. Erst recht, nach dem ich diesen Artikel gelesen habe. Die Evolution frißt suizid sich und ihre Kinder…wenn sie nicht zur „R“(atio)Evolution“ wird.
    Alles „kranker“ als ich zunächst wahrnahm…die „Entpuppung“…
    Transparenz des „Raub-Tier-Geistes“ im „N“ebe“L“…“L“ebe“N“… „Anonymität“…s. Weltgeschehen.

    MfG
    W.H.

    P.S. Auch FAZ: Dreijähriger erschießt Einjährigen
    In Cleveland hat ein drei Jahre alter Junge aus Versehen einen Einjährigen erschossen. Die Pistole lag offenbar ungesichert im Haus.
    Und unreifer (Gift-)Geist schreit nach noch mehr Freiheit…
    Nach Vernunft-Bildung sollte er schreien…
    seine „R“(atio)LÖSUNG“ vom schizophren tierischen handeln.

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