Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Verkohltes Popcorn im Kinderballett

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Wer schwarz ist, muss immer noch aus der Reihe tanzen. Warum eigentlich fragt sich eine afrodeutsche Journalistin.

###© privat 

Vor einer Weile war ich mal wieder im Ballett. Die erste Dreiviertelstunde war richtig nett. Aufgeregte kleine Tänzer auf der Staatsballettschulbühne, mittendrin meine Patentochter, rotwangig und bezaubernd. Ausbildungsdrill hin oder her, an diesem Schulfesttag schwelgten wir alle in Pas de deux. So was von niedlich. Und fast hielt der Zauber bis zum Schluss…

Alles wäre gut gewesen. Wäre nicht auf einmal eine Gruppe gelb gekleideter Kinder umeinander gehüpft und hätte Popcorn gespielt. Hätte nicht die fröhlich schrille Stimme aus dem Off gerufen: „Hey, da ist ja einer total verkohlt! Holt den da schnell mal raus.“ Sofort packten zwei weiße Tänzer den afrikanischstämmigen Jungen, der bis eben vorne am Bühnenrand gestanden hatte, unter den Armen und geleiteten ihn hinaus. Huch! Ein, zwei bestürzte Blicke im Publikum, ein offen stehender Mund, weitertanzen. Kurz vor Schluss trippelt der Kleine dann grinsend wieder herein, Gestik und Mimik stark an US-amerikanische Minstrel-Shows erinnernd. In clownesker Pose ertanzt er sich den Weg zurück in die Gruppe. Als absurder Fremdkörper im vermeintlich harmlosen Kinderballett.

Wirklich jetzt? Kinderbuchdebatten, Blackfacing-Diskussionen, all das hatten wir doch vor einer Weile. Und zumindest die Auseinandersetzung damit schien ein bisschen Verständnis für Positionen abseits des kulturellen Mainstreams zu wecken. Zum Beispiel dafür, dass eine Minderheit sich nicht von der Mehrheit sagen lassen muss, was sie als kränkend, verletzend und rassistisch empfindet. Doch die Schwierigkeiten des interkulturellen Alltags stecken natürlich nicht allein in den Seiten eines Kinderbuches. Sie lauern überall, im ganz gewöhnlichen Umgang mit Andersartigkeit. In der Instrumentalisierung eines Kindes zum Beispiel, dessen Hautfarbe an einer staatlichen Kulturinstitution zum billigen Lacher wird.

Ich schreibe sonst selten aus der expliziten Perspektive der afrodeutschen Journalistin. Texte über Zugehörigkeit, Identität und das Spannungsfeld, in das sie eingebettet sind, sollten für sich sprechen, finde ich. Doch bei dieser Geschichte erinnere ich mich an meine eigene Kindheit. An eine Zeit, als mir jeder x-beliebige Supermarkteinkäufer den vermeintlich wilden Wuschelkopf knetete, weil ich das Exotischste war, was ihm bislang begegnet war. Nur war das Ende der 70er Jahre. In einem kleinen Hamburger Vorort. Ungelenke und unsensible Gesten kultureller Annäherung.

35 Jahre später wird ein schwarzes Kind auf Berliner Bühnen zum dramaturgischen Störfaktor stilisiert. Und es wundert mich, dass niemand in der Ballettschule interveniert hat; dass ein Kind derart zur Schau gestellt wird. Alles nur Spaß, Schwamm drüber, kann man doch mal machen? Sollte man aber nicht und muss man vor allem auch nicht.

Natürlich stürmt niemand auf die Bühne, wenn das eigene Kind gerade den Abschluss eines anstrengenden Ballettschuljahres feiert. Aber etwas man kann auch im Nachhinein: Sich daran erinnern, wie wichtig es ist, mit den Augen anderer zu sehen. Empathie für Menschen aufbringen, die nicht zur Mehrheit gehören. Darüber diskutieren, ob sich so ein diskriminierendes Popcornballett nicht vielleicht beim nächsten Mal vermeiden lässt.

Denn die „anderen Deutschen“ – schwarze Friesen, Brandenburger Muslime oder japanische Schwaben – prägen unsere Gesellschaft längst mit. Kinder mit hybriden Identitäten, die heute mit weißen deutschen Kindern Ballettunterricht, Schulzeit, Ponyhof und irgendwann vielleicht den ersten Kuss teilen. Wäre doch schön, wenn sich ein vorurteilsfreier Umgang mit Diversität, jenseits der Stereotypisierung, entwickeln könnte. Selbst wenn die Erwachsenen noch in stetiger Verhandlung darüber stecken, wie gemeinsames Leben funktionieren soll: Die nächste Generation muss nicht genau dieselben Ausgrenzungsstrukturen nachleben, wie wir einst und heute noch.

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4 Lesermeinungen

  1. "Hybride",Weiß,.....Unsensibel?
    wie soll man die Realität „lesen“ und deuten,und Ihrer Meinung nach zeigt sich wie wenig erfreut man sein könnte über die Freiheit der anderen,wie manche Parabel de la Fontaines illustriert ,wie erklären und gleichzeitig sich davor postieren,so daß ein jeder nicht selber zu sehen beginnen soll ,und ja jeder Epoche erweist sich in der Fähigkeit und Wille Begriffe zu zerbrechen,oder Epoche wo man lieber zerkaut ,aber immer ist die Hoffnung da,ständig ändert sich jeder Gesellschaft,was ich meine immer Vorsicht betrachten mit die Betrachtung der Mensch ,wie einfach man selber die Falle darstellt von Stereotypen!
    Und wenn man Humanität anhängt soll verlieren lernen dazu gehören,da Arroganz ein Weg in Gewalt sein könnte.

  2. Warum eigentlich fragt sich eine afrodeutsche Journalistin.
    Der Human muß seine „inhumanen Realitäten“ so lange ertragen,
    bis sein „Ratioreifeweg“(Human-Reife-Bildung) ihn in
    „humane Realität“ (hi(r)n)trägt…
    er seine „ER“Lösung…in seiner humanen „R“atiobildung…
    erkennt, einsieht und genügend human reif, vernunftgebildet, handelt.

    MfG
    W.H.

  3. Den Eiertanz, der jede Diskriminierung vermeidet, kann kein Mensch aufführen.
    Ich erinnere mich noch gut an meine Kindheit. Sohn eines Offiziers – Hänselei, dauernde. Nichtparkaträger – Hänselei, dauernde. Rothaarig- Anlass shäufiger schlechter Witze. Und ich habe mich selbstverständlich selbst an einer Reihe von Hänseleien aller Art aktiv beteiligt, die ebenso auf Vorurteilen oder Stereotypen beruhten. Wir alle an der damaligen Schule haben es nicht nur überlebt, es sind auch nach meinem Eindruck keine bleibenden Schäden entstanden.

    Ja, ich weiss – wegen struktureller Unterdrückung aller nichtweissen, nichtheterosexuellen, nichtmännlichen und nichtalten Menschen nicht vergleichbar. Überzeugt micht nicht, ist aber auch gar nicht wichtig. Ich halte es nicht nur für menschlich ebenso unmöglich wie unzumutbar, nicht zu diskriminieren, weil das Abgrenzen und Werten im Menschen selber angelegt sind. Ich halte es darüber hinaus für den Tod einer freien Gesellschaft, wenn jede Gruppe oder sogar jede/r einzelne darüber enzscheiden kann, was er/sie als diskriminerend empfindet. Und damit anderen vorschreiben, über was sie wie zu sprechen und wie sie sich wo zu bewegen haben.

    Ein „vorurteilsfreier Umgang mit Diversität“ ist nur theoretisch vorstellbar. Im Paradies und mit völlig anderen Menschen. Bis dahin geht es mit freundlichem Verlaub nur darum, welche Diskriminierung gerade gesellschaftlich akzeptabel (für PoC-Aktivisten z.B. die gegen „alte weisse Männer“) und welche gesellschaftlich geächtet wird. Nicht mehr und nicht weniger.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

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      Es hat sicherlich etwas Wahres, dass Diskriminierung dann überwunden ist, wenn entspannt Witze von den und über die einst Diskriminierten gerissen werden können. Wie z.B. über Rothaarige, die zum Glück nicht mehr auf Scheiterhaufen verbrannt werden. Auch über Frauenwitze kann ich lachen, fühle ich mich weder in der Minderheit noch als schwächeres Geschlecht. Mein Mann bügelt seine Hemden, ich meine. Und die gleiche Gelassenheit erwarte ich auch von den sogenannten „alten weißen Männern“. Da hält sich mein Mitleid in Grenzen.

      Es gibt jedoch einen Unterschied zwischen Hänseleien Minderjähriger auf dem Schulhof, dem Austausch von Gehässigkeiten zwischen gleichstarken ohnehin privilegierten Gruppen und vorbereiteter Diskriminierung an staatlichen Institutionen. Wenn mir als Privatperson das N-kuss Wort aus dem Mund rutscht, ist das hochnotpeinlich, und ich werde mir bewusst, dass ich mit dieser menschenverachtenden Wortwahl vor nicht allzu langer Zeit groß geworden bin. Ich entschuldige mich, und dann ist – hoffentlich – gut. Frau Merkel darf das in einer Rede nicht passieren. Und ebenso wenig einer staatlichen Ballettschule, an der Stücke monatelang einstudiert und vor sämtlichen Mitarbeitern geprobt werden.

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