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Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Bosnien begegnen

| 6 Lesermeinungen

In einem muslimischen Kloster bei Mostar kann man das Staunen lernen: über Pilgerinnen, Religionen, Nationalitäten, Kopfbedeckungen – und über sich und die Seinen.

###© privat 

Nicht weit von Mostar, der zwischen bosnischen Kroaten und bosnischen Muslimen geteilten, zerschossenen, immer noch mit Ruinen lebenden Stadt, liegt das alte Derwisch-Kloster: zart und würdig vor einer gewaltigen hellgrauen Felswand, die aus ihrer Tiefe einen Fluss entlässt, einen flaschengrünen Wasserstrom. Ein herzbeklemmend schöner und erhabener Ort, geschaffen für Gottsuchende aus aller Welt. In dem magischen Dreieck zwischen der wie ein Dom in die Höhe ragenden, schweigenden Wand, dem fließenden Wasser und dem architektonischen Kulturwerk des Klosters, das seinen Platz in der Natur ganz genau kennt, beten die Menschen und suchen ihre Identität.

Auch für das leibliche Wohl ist gesorgt. Auf beiden Seiten des Wassers haben sich Restaurants angesiedelt, die gebratene Forellen anbieten, und in dem Hof des Klosters wird in Gläsern Kaffee und Tee serviert.

Wer in das musealisierte Kloster möchte, wo in jedem Raum Teppiche liegen, muss seine Schuhe ausziehen. An einem Holzgerüst hängt eine Auswahl schön bestickter, bunter Tücher. Frauen, die kein Kopftuch tragen, wählen sich eines aus und legen es sich um die Haare, bevor sie eintreten. Ohne Kopftuch kommt eine Frau nicht hinein.

Unten am Wasser ist mit einem Kettchen an der Klosterwand eine messingne Trinkschale befestigt. Man steht auf den steinernen Stufen und schöpft und trinkt. Da es dort eng ist, können die, die weinen, unbeobachtet ihre Tränen in den Fluss tropfen lassen. Von der Terrasse aus sieht man nur die Rücken und die bedeckten Köpfe. Ein junges, elegantes Paar aus Istambul schöpft jetzt und trinkt, das blasse Grün des Kopftuchs und das feine Grau des Mantels harmonieren mit der Farbe des Flusses. Während ich das Paar betrachte, nimmt ihr bosnischer Begleiter, ein junger Mann aus Sarajevo, dem wir auf unserer Reise später wunderbarerweise wieder begegnen werden, an meinem kleinen Sohn Anteil, der seinen Stock im Wasser verloren hat.

Kurz bevor wir zu dem Kloster kamen, hatte uns eine andere Zufallsbekanntschaft, auch ein junger Mann mit muslimischem Namen, von einer historischen Phantasie erzählt, die in Bosnien eine Integration der verfeindeten Gruppen ermöglichen soll: Im Mittelalter, bevor die Osmanen ins Land kamen, einte die bosnische Kirche die Menschen – weder katholisch, noch orthodox, vielleicht nicht einmal im engen Sinn christlich, sondern den Bogumilen verwandt: antimaterialistisch und doch weltzugewandt, und dem Islam gegenüber nicht feindlich. Es gebe, sagt er, noch heute ein Bosnien, ein Bosnien unter der Oberfläche, das nicht nach Religionszugehörigkeit und „Ethnie“ unterscheide, sondern ein Bosnien, in dem die GUTEN MENSCHEN einander helfen und schützen.

Könnten wir nicht alle, auch wir im reichen Westen, in diesem Sinne Bosnier sein?

In einem Raum im ersten Stock des Klosters liegt ein mit Tüchern geschmückter Sarkophag, der die Gebeine eines muslimischen Missionars aus dem 16. Jahrhundert aufbewahrt. Meine Tochter und ich lesen gemeinsam das Schild: Er sei in das Land gekommen, um den Glauben zu verbreiten, mit der Auflage, „keine Herzen zu brechen“, wahrheitsliebend zu sein und sich an das Gebot der „Genauigkeit“ („accuracy“) zu halten. Meine Tochter findet das Missionieren in fremden Ländern problematisch. Ich finde ein aktives Leben im Zeichen dieser Gebote überall gut.

Mein Mann sitzt im Hof mit zwei Studenten aus Sarajevo, die ihn für ein Forschungsprojekt um ein Interview gebeten haben. Sie sprechen kaum Englisch, die Verständigung ist schwierig. Es gebe Versuche, das Derwisch-Kloster christlich zu vereinnahmen. Würden wir, als Christen, glauben, dass der oben aufgebahrte Missionar eigentlich ein christlicher Missionar sei? Hätten wir von irgendeiner Seite Informationen in diese Richtung bekommen? Nein. Nein, wirklich nicht.

Es kommen Busladungen von türkisch sprechenden, jungen Leuten in den Hof. Die meisten Frauen tragen ein Kopftuch, aber nicht alle. Sie lachen, sie schwatzen, sie beten, im Vorraum der Damentoilette stehen sie vor den Spiegeln, schminken sich und binden ihre Kopftücher neu. Eine Gruppe spricht deutsch. Sie ist aus Ingolstadt angereist, eine Pilgerfahrt organisiert von ihrer Moschee, aber bezahlt vom türkischen Religionsministerium. Die Ingolstädter und wir erkennen uns als Landsleute. Mit einigen kommen wir in ein munteres Gespräch; andere wenden sich ab.

Während wir unsere Forellen essen, setzt sich eine Familie an den Nebentisch, die vielleicht eher einen arabischen Hintergrund hat. Die Frau ist, als eine von ganz wenigen unter den vielen Pilgerinnen, vollständig verschleiert. Sie quatscht und macht Fotos, wie alle. Um ihr i-phone zu bedienen, legt sie ihre schwarzen Handschuhe ab. Aber wird sie hinter ihrem Schleier essen können? Wird sie hungrig bleiben?

Der Eingang des Klosters wird bewacht von einer alten, runzligen Frau. Auch sie trägt ein Kopftuch, aber anders gebunden als das der Jungen, und aus festem, orangenem Stoff. Die Schuhe, die wir achtlos ausgezogen haben, räumt sie säuberlich in das dafür vorgesehene Regal. Als wir das Kloster verlassen, hängen wir die Tücher, mit denen wir uns bedecken mussten, wieder an das Gerüst, zu den anderen Tüchern, die dort sorgfältig drapiert sind. Meine Tochter hat nicht so viel Erfahrung mit dem Zusammenlegen von Wäsche. Aber es fällt ihr auf, dass die alte Frau das von ihr benutzte Tuch neu faltet. So wie es ihr auch auffällt, dass an dem Freiheitsbegriff ihrer Freundinnen und Freunde, die in Mostar in den Cafés ihre nackten Beine auf die Stühle legen, etwas faul ist.

Die alte Frau beobachtet uns, so wie wir sie beobachten. Sie sieht meine andere Tochter, die nicht in das Kloster eintreten will und auch ihre Haare bedeckt hält, aber mit einer Kapuze. Sie sieht, dass ich den Tränen nahe bin. Sie lächelt mich an.

Wir wissen nichts, überhaupt nichts, über diese Frauen, die ein Kopftuch tragen, so oder so gebunden, oder auch kein Kopftuch tragen. Ich weiß nicht, ob die Hüterin des Klostereingangs jemals ihr Kopftuch gerne abgelegt hätte und daran gehindert wurde; was sie mit diesem Kopftuch verbindet, ob es ihr nur eine Gewohnheit ist oder ob sie denkt, dass der Koran es ihr befielt; ob sie unterdrückt wird oder selbst andere unterdrückt. All das weiß ich nicht und würde mir niemals ein Urteil darüber erlauben, wie frei oder unfrei sie ist.

Aber ich weiß, dass ich es für mich als passend empfand, mir den schönen Stoff umzulegen, an den Grenzen zwischen dem Profanen und dem Heiligen, dem Inneren und Äußeren, dem Zeitlichen und Ewigen, und dass ich eine Verbündete dieser alten Frau werde, wo diese Grenzen ignoriert, instrumentalisiert, missachtet und verletzt werden. Bekäme sie die Chance – ein rein hypothetisches Gedankenspiel – in Deutschland Staatsexamen zu machen, sich zum Grundgesetz zu bekennen und als Lehrerin zu arbeiten – sie, oder ihre Tochter, oder ihre Enkelin – und würde ihr das Kopftuch dann noch etwas bedeuten, wäre ich froh, wenn sie es weiter tragen würde. Sie ist eine Bosnierin. Und von den Bosnierinnen und Bosniern gibt es viel zu lernen.

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6 Lesermeinungen

  1. bezauberte und irgendwo oder
    nirgendwo geführte Phantasie erzeugt ,könnte erzeugen,illusorische fortwährend neue Verlockungen ,imaginierte Konfigurationen : religiös gestalteter Hierarchien.
    POUR LA CUISINE

    Tout ce que Dieu a fait
    Pour la cuisine
    Le cuisinier maître du feu
    Le refait
    Pour que la bouche soit heureuse

    Pierre Albert-Birot

    Worum schreibe ich diese Worte:ganz einfach wenn man beschäftigt sein muß mit alltägliche Nöten ,tagtäglich,da wo ich arbeitete in Asien,dann ja dann ist alles darüber ein Luxus,wie Blogs,mein schreiben,mein Abonnement undsoweiter.
    Oder religiös gedeutet : Wörter der Liber Ecclesiastae[קהלת].

  2. Lieber wandern und verwundert die Lebenwanderer bestaunen, als "stoned" rasen...
    und selbst verwundet, über die schwer verwundeten und toten Raser
    staunen.
    Wandern erlaubt Tiefatmung. Rasen erfordert zunehmend Schnappatmung. Die meisten Menschen atmen zunehmend flacher…
    s. Weltgeschehen.

    L.G.
    W.H.

    P.S. Rasen berauscht Menschen…zu rasenden Zerstörern…zu Psychopath(suchend)en.
    Wandern bewandert Menschen…zu „Wonderern“…zu „Psyche“OK“pathfindern“:=)

  3. Na, wenn das kein Satz zum Sterben ist:
    „Könnten wir nicht alle, auch wir im reichen Westen, in diesem Sinne Bosnier sein?“

    Nein, liebe Frau Detjen, tut mir wirklich leid, Sie enttäuschen müssen, aber so lange ich hier lebe, können wir „im reichen Westen“ leider nicht alle „in diesem Sinne Bosnier“ sein, da müssen Sie Ihren „Westen“ leider nach Bosnien verschieben. Ich bin nämlich ein deutscher Mensch, gelegentlich auch ein guter deutscher Mensch (behaupten Dritte) und muss und mag für´s Gutsein wirklich nicht pauschal auf Bosnien rekurrieren. Würde ich das wollen – im guten Sinne Bosnier sein – würde ich nämlich: Ganz genau, nach Bosnien ziehen und mit den Menschen dort leben!

    Dass ich das nicht tue, ist weder irgendeiner Feindlichkeit geschuldet, noch ist das ein reines Zufallsergebnis. Ich lebe hier, weil ich ganz einfach hier zu Hause bin und bleibe und meine eigene Identität habe, die auch nicht schlechter ist als eine bosnische; überhaupt sind solche Wertungen schwierig, finden Sie nicht? Als Berlinerin der 4. Generation lebe ich hier – und im übrigen als Deutsche, weil Deutsch eben meine Muttersprache ist. Ich schätze an dieser meiner deutschen Berliner Heimat auch, dass und wenn man hier kein Kopftuch zu tragen braucht und junge Frauen gelegentlich auch in der Öffentlichkeit kurze Röcke tragen und nackte Beine haben dürfen. An dem Privileg habe ich ja selber noch nach Gusto teil; wobei ich zugegebener Maßen mit fortschreitendem Alter weniger kurze Röcke trage; aber immerhin gebieten noch keine Krampfadern die schamhafte Verhüllung bis zu den Knöcheln; ich hoffe, dass das die nächsten Jahrzehnte dabei bleibt, drücken Sie mir mal die Daumen!

    Daran ist jedenfalls nichts falsch, weil weder an mir, noch an der Tatsache, dass ich ein eigenes Zuhause habe, irgendetwas falsch ist. Im Gegenteil: Das ist gut, dass auch ich ein Zuhause habe – als gute Deutsche aus Berlin und nicht als guter Mensch im bosnischen Sinne (oder wie herum Sie das lieber mögen)!

    Falsch kann es aber sein, andere in ihrem Zuhause aufzustöbern und ihnen zu erzählen, wie sie dort zu leben hätten, und zwar sogar dann, wenn man dabei auf´s Herzen brechen verzichtet und die Wahrheit sagt. Es bleiben nämlich wirklich noch genügend unangenehme Formen der Missionierung übrig; hätten Sie die Leute vor Ort doch mal gefragt, was sie vom Krieg hielten! Deswegen – weil Menschen eben zu Hause sein wollen – hat man sich in Bosnien, da, wo es üblich und angemessen ist, eben zu bedecken; dass das auch vollkommen klargestellt wird, ist sehr richtig. Als Ostdeutscher ist man indirekter Bevormundung (ganz modisch: Nudging!) gegenüber recht empfindlich; ich möchte wetten, dass das ehemaligen Jugoslawen ganz genauso geht. Bittere Erfahrung führt nämlich zu Respekt; vor sich und genauso vor anderen.

    In diesem Sinne kann ich mir kaum vorstellen, dass eine Bosnierin nach Berlin käme mit dem Ziel, hier mit einem Kopftuch zu unterrichten? Wenn sie das täte – mit dem Kopftuch unterrichten – würde es mich bekümmern zu sehen, dass man so wenig aus den Jahrzehnten der Unfreiheit gelernt hat, dass man sich nun eine andere (deutsche und religiös zunehmend neutral geprägte) Autorität anmaßt – nur um seine eigene religiöse Identität anderen mit Unterstützung des staatlichen Zwangs zu präsentieren, den ein Lehrer auf schulpflichtige Kinder nunmal ausübt. Auch für mein Kind würde mich das bekümmern, wenn es gezwungen wäre, von der Autorität des Lehrers Abstriche zu machen, wenn und falls dieser Anlass zu der Vermutung gäbe, dass er ggf. nicht zwischen Religionsausübung und Lehrauftrag zu unterscheiden vermag!

    So, wobei bin ich eigentlich noch „gestorben“? Na, beim „reichen Westen“ selbstverständlich! Mir ist das nämlich zunehmend peinlich. Es gibt so einige Orte auf der Welt, die einen „reichen Eindruck“ machen; bestimmt gehört Dubai dazu; auch Singapore und Hongkong (man muss ja nicht in jede dreckige Ecke linsen). Aber „der Westen“, auch noch so in Bausch und Bogen? Müsste ich vor Krieg und Verfolgung fliehen und käme beispielsweise im thüringischen Eisenberg an, würde ich bestimmt nicht vermuten, nun endlich den „reichen Westen“ gefunden zu haben! Ich würde weiterziehen – nach Bosnien beispielsweise, wo wenigstens niemand wähnt, man sei dort im materiellen Sinne reich, sondern man gleich einen geistigen Reichtum in den Vordergrund stellt. Vielleicht können wir also davon lernen? Ja, ich denke, das würde sich für alle lohnen.

  4. Das Derwischkloster: Ein Kraftzentrum
    Ich verstehe die Begeisterung von Frau Detjen für dieses Ausflugsziel an der Quelle der Buna. Das Kloster liegt nicht nur idyllisch. Man muss erlebt haben, mit welcher Macht das Wasser aus dem Felsen stürzt. Eine Gewalt, die in Trance versetzt. Der Anblick und das Getöse des Wassers heben das vertraute „Zeit-Gefühl“ auf. Allerdings ist das Kloster, das wirklich ein liebevoll gepflegtes Kleinod ist, eine Rekonstruktion. Es gehört neben der Altstadt von Mostar und dem „Museumsdorf“ Počitelj zu den Dingen, die man in der Herzegowina gesehen haben muss.

  5. Kopftücher und Bosnien
    Man sollte schon erwähnen, dass Kopftücher in Bosnien allgemein eher unüblich sind (und vor dem Krieg noch viel unüblicher waren). Ein Kopftuch gehört für die übergroße Mehrheit der „muslimischen“ Bosnierinnen keineswegs zum Alltag und sollte hier nicht als Normalfall dargestellt werden. Ihre Liebe zu Bosnien teile ich, aber wenn Sie gerne „Bosnier sein“ wollen, können Sie sich natürlich nicht nur die imaginierten Vorteile herauspicken. Dann gehört eben auch der ganze Rest dazu, nicht nur „die guten Menschen“, wer auch immer das sein soll.

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