Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Damals in Odessa

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Vier Jahre haben wir in Odessa gelebt, meine Tochter und ich. Hätte damals, vor zehn Jahren, jemand einen Krieg in der Ukraine prophezeit, ich hätte ihm einen riesigen Vogel gezeigt. Als der Krieg begann, habe ich ihn ausgeblendet, zu ungeheuerlich schien er mir.

Unser Freundeskreis war dreisprachig. Es gab zugezogene Ukrainerinnen wie Liana und Lesja, die am Odessaer Konservatorium studierten, erstere arbeitete zu Paul Hindemith, letztere wollte Dirigentin werden. Dann war da Lena S., die für einen Hungerlohn als Bibliothekarin am Lehrstuhl für Deutsche Sprache arbeitete. Sie lebte unweit des Hafens in einer winzigen Wohnung, die innen einer teuren Konfektschachtel glich und die man über einen heruntergekommenen Hof erreichte, den man nach Einbruch der Dunkelheit besser nicht mehr betreten sollte. Lena S. verließ Odessa ein Jahr vor uns, sie heiratete nach Deutschland. Lena N. unterrichtete Englisch und konnte wunderbar zeichnen; sie bezog in den Sommermonaten, wenn wir in Deutschland waren, mit ihrem holländischen Freund unsere großzügige Wohnung unweit der Deribasovskaja. In der engen elterlichen Chrustschovka pflegte ihre Mutter den kranken Vater, der als Seemann auf einer seiner Reisen den Verstand verloren hatte. Auch Lena N. verließ vor uns die Ukraine und ging nach Delft, wo sie heute noch lebt und ihre Tochter geboren wurde.

Unser Haus, damals in Odessa© Elke BredereckUnser Haus, damals in Odessa

Der Abschied von den Freunden und der Stadt fiel uns schwer. Die Platanen und Akazien, der Park am Meer, die zweistöckigen Häuser in fahlem Gelb oder Grün, mit verwilderten Höfen und Katzengeruch, der Kindergarten und seine Leiterin Tatjana Iwanowna, die Seilbahn zum Strand, das Eis, der in Marinade eingelegte Schaschlyk in Plastikeimern oder die Maifeiertage mit Fahrten ins Donaudelta …
– all das würden wir vermissen.

Die Seilbahn zum Meer© Elke BredereckDie Seilbahn zum Meer

An der Uni, wo ich als Lektorin Deutsch unterrichtete, hielt mich wenig. Dort schaltete die Dekanin nach eigenem Gutdünken, einer Königin gleich empfing sie das Volk, das vor ihrem Büro mit Plastiktüten voller Geschenke Schlange stand. Jede Dienstreise, jede Weiterbildung musste von ihr genehmigt werden. Wer sich durch Widerrede unbeliebt gemacht hatte, wurde trotz renommiertem Humboldt-Stipendium so lange gegängelt, bis er – oder meistens sie – sich freiwillig einen neuen Arbeitsplatz suchte.

Als meine deutschen Kollegen in Kiew und Lemberg im Herbst 2004 angesichts der Massen, die der Orangenen Revolution auf die Straßen gefolgt waren, euphorisch ins Telefon riefen: „Bei uns arbeitet niemand!“, sah man in Odessa einige versprengte Studenten mit orangefarbenen Schals, denen der Zutritt in die Uni verweigert wurde. Selbstverständlich gingen wir arbeiten, und die wenigsten am Lehrstuhl solidarisierten sich mit den Demonstrierenden.

Es herrschten ungeschriebene Gesetze. Zum Abschluss jedes Studienjahres hatten die Absolventen Geld zu sammeln, damit der Lehrstuhl einen Kühlschrank oder andere Kleinigkeiten bekam. Die Kollegen sprachen Russisch oder mit mir auch Deutsch. Wenn Germanisten aus Czernowitz anreisten, um ihre Dissertation zu verteidigen, hielten sie die Vorträge auf Deutsch und beantworteten russische Fragen auf Ukrainisch. Es herrschte sozusagen Dreisprachigkeit. Ukrainisch hörte ich von Lesja und Liana oder auf der Hochzeit unserer Freundin Inna, zu der wir in die Zentralukraine reisten, und vor allem auf dem Markt, wo Leute aus dem Umland ihr Gemüse verkauften.

Der neue Büchermarkt "Knizhka"© Elke BredereckDer neue Büchermarkt „Knizhka“

Über die Jahre hatten wir viele Kontakte, unsere Wohnung war groß genug, um Freunde zu beherbergen und Partys zu feiern. Wir fühlten uns beinahe heimisch, bereisten Krim, Westukraine, Karpaten. Nach Kiew kam ich berufsbedingt oft, aber auch nach Kherson und Mykolaiv, kleinere Universitätsstädte im Süden, wo mich die Lehrstuhlleiterinnen mit Neugier und Herzlichkeit empfingen. Im Osten waren wir nie.

In unserem letzten Jahr lernte ich Galja kennen, die mit 15 adoptierten Kindern verschiedener Hautfarben, ihrer alten Mutter und mehreren Hunden und Katzen in einer baufälligen kleinen Wohnung neben dem Privoz lebte. Ich konnte es zuerst nicht glauben, dass sie, damals 48 Jahre alt, die kaum noch Zähne im Mund hatte, diese Kinder von der Straße aufgelesen und großgezogen hatte. Die ältesten standen kurz vor dem Studium. Galja war schwierig, eigensinnig und nicht besonders kooperativ, aber für ihre Kinder kämpfte sie wie eine Wahnsinnige. Sie konnte den Ärzten an den Hals springen, wenn sie sich weigerten, ein sehr krankes Kind ohne Honorar zu behandeln.

Galja mit Enkelin und Pflegetochter© Elke BredereckGalja mit Enkelin und Pflegetochter

Im Spätsommer 2014, wenige Monate nach dem Brand im Gewerkschaftshaus am 2. Mai mit über 40 Toten, war ich das letzte Mal in Odessa. Es hatten sich tatsächlich deutsche Touristen für eine Reisegruppe gefunden, die ich begleitete. In den Museen, Hotels und Restaurants empfing man uns freudig und dankbar, denn die Stadt lebt vom Tourismus. Vom Krieg war auf den ersten Blick wenig zu spüren. Aber als ich mit Freundinnen und ehemaligen Kollegen sprach, fingen einige gleich an zu weinen. Manche waren inzwischen in psychiatrischer Behandlung. Ich sah ukrainische Fahnen aus Fenstern und an Cafés hängen, das war früher undenkbar. Mädchen mit blaugelben Schleifen im Haar trugen Blumensträuße zur Schule. Aufgetakelte Menschen flanierten wie eh und je an der Oper entlang oder saßen im Café, während die Hospitäler voller verwundeter Soldaten händeringend Blutspender suchten. Viele Häuser in der Innenstadt waren renoviert. Odessa erschien mir noch schöner.

Wie immer besuchte ich Galja; die Familie lebt inzwischen auf dem Land mit einem Haufen Hunden und Katzen. Es waren gerade zwei halbwüchsige Mädchen hinzugekommen, die in ihrer Pflegefamilie misshandelt wurden – und das vierte Enkelkind, nicht einmal drei Monate alt. Ich gab ihr Geld, sofort schickte sie einen Sohn zum Umtauschen, denn es mangelte an allem. Sie klagte wie immer über Probleme mit den Behörden und Nachbarn, gesundheitliche Beschwerden, allmählich gingen ihr die Kräfte aus. Wir sprachen über die Kinder, den Krieg, die Sowjetzeit. Es war ein Vierteljahrhundert her, dass Galja das letzte Mal in der Westukraine war. Nach dem Ende der Sowjetunion gäbe es keine Moral mehr, war ihre feste Überzeugung. „Die Europäische Union?“ Sie lächelte fast kokett und wiegte den Kopf: „Ich selbst würde ja eintreten, aber meine Kinder … Nein, also die Homo-Ehe, das geht gar nicht. Und außerdem würden sie bestimmt meine Tiere einschläfern.“ Ich überredete sie, mit ihrer Familie an einem Begegnungsprojekt mit Lemberger Jugendlichen teilzunehmen, eine Gelegenheit, wieder einmal in die Westukraine zu fahren. Sie wird noch warten müssen. Letzte Woche wurde der Antrag für das innerukrainische Projekt abgelehnt. Galja schrieb mir daraufhin: „Vielleicht ist das gar nicht so schlecht, dass wir jetzt nicht nach Lemberg fahren. Die Zeiten sind verdächtig. Die Lebensmittelpreise sind katastrophal gestiegen. Oft haben wir noch nicht mal Geld für den Nahverkehr, deshalb können die Kinder weder ins Lyzeum noch ins Institut. Aber in unserem Garten blühen die Bäume und Blumen. Wir werden später nach Lemberg fahren.“

 

Weitere Texte aus Odessa im Blog Ich. Heute. 10 vor 8:

Brief aus Odessa. Liana

Brief aus Odessa. Olga

Brief aus Odessa. Natascha

Nachrichten aus Odessa

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2 Lesermeinungen

  1. Die Wettlauf-Geschichte vom Igel und dem Hasen...
    sie ist nicht verstanden, geschweige denn begriffen, bis heute.
    Und so rennt der Hase weiter…
    gegen sein eigenes „I(ch)““G“(eist)“E“(nergie)“L“(oop)“P“aar…
    bis er tot umfällt…anstatt mit seinem, dem Igelpaar, pari zu wandern.
    Die ganze Traurigkeit und Elendigkeit, dieses „Märchens“,
    ist als Wahrheit, als WELTLAUF-Geschichte (noch) zu erleben.
    Der Mensch hetzt sich selber zu Tode aus Wettkampflust…
    oder begreift seine Geschichte und lebt pari als humaner Human.

    MfG
    W.H.

  2. Ich war damals auch da...
    Odessa hat mich genauso verzaubert wie die Authorin. Die Stadt und besonders die Menschen darin. Allem aktuellen Unglueck und Leid zum trotz und ungeachtet aller Politik, sollte jeder mal nach Odessa fahren.
    Der Charme der Hinterhoefe und die Gelassenheit der Odessiter sind einfach wunderbar.

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