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Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Aliens und Migranten

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Südafrikanische Künstlerinnen spielen mit fiktiven Zukunftsvisionen, um der grassierenden Gewalt gegen Migranten aus anderen südafrikanischen Ländern entgegenzuwirken. Dass dabei Besucher aus anderen Welten eine Rolle spielen, wirkt für das westliche Publikum exotisch, ist aber seit jeher ein Topos südafrikanischer Volkserzählungen.

Demonstrierende in Johannesburg© Marietta KestingDemonstrierende in Johannesburg

Südafrika: politisch relativ stabil und eines der reichsten Länder des Kontinents, ist Anziehungspunkt für Menschen aus den krisengeschüttelten Nachbarländern, ähnlich wie es die EU auch ist. Johannesburg: Es ist Herbstbeginn. Sieben Migranten wurden in Durban und Johannesburg getötet, weitere verletzt und viele vertrieben, wie es in größerem Umfang auch schon 2008 geschehen ist. In den betroffenen Regionen wurde die Armee eingesetzt. Letzte Woche waren 10.000 Teilnehmer_innen in Johannesburgs Innenstadt unterwegs, um gegen diese rassistischen Angriffe zu demonstrieren. Auf den Transparenten lese ich: „Remember 900 drowned in the Med. Xenophobia kills“ und „Borders are illegal“.

Am Abend besuche ich eine Veranstaltung über „Neue Kartographien“ des panafrikanischen Magazins Chimurenga, wo der postkoloniale Theoretiker Achille Mbembe über alternative Landkarten und Grenzen spricht. Er verbindet seine Thesen mit den aktuellen Ereignissen und deutet die hohe Beteiligung vor allem junger Südafrikaner_innen als Anlass zu vorsichtiger Zuversicht in Hinblick auf ein Ende der Gewalt und auf Südafrikas Zukunft. Gleichzeitig insistiert Mbembe: „South Africa has to think about what the ‚Africa’ in it means.“ Südafrika solle sich nicht als Territorium, sondern als „eine Idee“ verstehen. Überhaupt sei es angemessener, statt von Südafrika vom südlichen Afrika zu sprechen, welches als übergreifende Region Botswana, Zimbabwe, Namibia und Mozambique miteinschließt. Zugehörigkeit, Teilhabe und Vorstellungen von „Zuhause“ sind in der fragmentierten Megalopole komplex und kompliziert. Der lange Schatten der Kolonial- und Apartheidzeit fällt weiterhin auf Johannesburg, doch gleichzeitig wird die Stadt von allen ihren Bewohner_innen ständig neu erfunden, und z. B. durch informelle Siedlungen erweitert, die stetig zerstört und wieder aufgebaut werden. Diesen Auf- und Umbau bestimmen oft sehr unterschiedliche Visionen. Ständig kommen neue Ideen dazu – jetzt ist auch noch ein Raumschiff gelandet.

Dieses Raumschiff gehört nicht dem allseits beliebten Pionier des Afrofuturismus Sun Ra, der als Antwort auf die Diskriminierung Schwarzer in den USA eine alternative Genealogie im Weltraum erfunden hatte. Sun Ra behauptete, er selber sei ein Alien, ein Außerirdischer und proklamierte 1973 „Space is the Place“. Heute dagegen steuert „Disrupter X“ dieses Raumschiff, das nach früheren Stationen in Europa nun in Johannesburg angekommen ist. „Disrupter X“ ist eine weibliche Figur, erschaffen von den südafrikanischen Künstlerinnen Thenjiwe Niki Nkosi und Pamela Phatsimo Sunstrom. Beide beschäftigen sich mit dem Begriff der Zukünftigkeit und reflektieren, was es für sie bedeutet, genau jetzt „afrikanisch“, „schwarz“, „Frau“ und „Künstlerin“ zu sein – neben weiteren wechselnden Rollen, versteht sich. „Disrupter X“ ist die Heroine ihrer gemeinsam entwickelten afrikanisch-futuristischen Anti-Oper gleichen Namens, die es vor allem darauf anlegt, die lineare Geschichtsschreibung zu unterbrechen und aus der Gegenwart heraus eine andere Zukunft zu imaginieren.

„Ich habe mich gefragt, warum alle Leute von Afrofuturism sprechen und wo eigentlich der African Futurism steckt?“, sagt Sunstrom im Gespräch, als ich die beiden in ihrem Studio treffe. Sie möchte die Unterscheidung zwischen dem US-amerikanischen Afro-Futurismus erster Generation, der stark auf Sun Ra Bezug nimmt, und einer neuen zeitgenössischen afrikanischen Künstlergeneration betonen, die ebenfalls mit fiktiven Zukunftsvisionen spielt. In letzter Zeit gab es in der Kunst- und Musikproduktion eine Neuauflage und massive Konjunktur des Afrofuturismus in Europa und in den USA. Sunstrom und Nkosi setzen das Label „Afrofuturismus“ manchmal strategisch ein, weisen es aber gleichzeitig entschieden zurück: Ihre Anti-Oper „Disrupter X“ könne genauso gut als eine Auseinandersetzung mit Geschichte/n, afrikanischer Mythologie, popkulturellen Einflüssen und einer Schärfung der Wahrnehmung an sich verstanden werden. Nkosi ist ausgebildete Malerin, Sunstrom Zeichnerin, Tänzerin und Video-Künstlerin.

Das „X“ im Titel speist sich übrigens aus der Obsession ihres Bruders für die Hip-Hop Gruppe Public Enemy, deren Songs beide als Teenager in New York hörten, wo ihre Familie zeitweise im Exil vom Apartheids-Südafrika lebte. „DJ Terminator X“ war ein wichtiger Teil dieser Hip-Hop-Formation, die der muslimischen Nation of Islam nahe standen, die das „X“ als markierte Ersetzung des Sklavennamens erfunden hat und damit auf die Auslöschung der Eigennamen von Afrikaner_innen verweisen. In diesem Sinne hatte auch Malcolm X sich umbenannt, der eigentlich Malcolm „Little“ hieß. Schließlich klingt auch das „xxx“ an, das nicht alphabetisierte Menschen als Unterschrift verwenden und das an orale Traditionen erinnert.

Die Anti-Oper, die durch die Bezeichnung „Oper“ auf ein Stück europäischer Hochkultur verweist, ist so konzipiert, dass Referenzen aus Theorie, Literatur und Popkultur wild und gleichberechtigt durcheinanderwirbeln: Zitate von Audrey Lordes, Kodwo Eshun, und Referenzen zu Donna Haraways Cyborg, afrikanische Mythologie und Literaturfragmente tauchen neben den Figuren aus Star Wars oder Michael Endes Unendlicher Geschichte auf. Dieser imaginäre Raum ist politisch. Es geht den Künstlerinnen um nicht weniger als eine positive Version einer Zukünftigkeit, „jenseits der europäischen Wahrnehmung von Afrika, als Kontinent der Krisen, Krankheiten, Katastrophen und der politischen Korruption.“ So entsteht in ihrer Arbeit eine Doppelbewegung – zurück in die afrikanische Geschichte, die auch die afrikanische Diaspora in den USA, Jamaika und Haiti, verursacht durch die Sklaverei und Plantagenwirtschaft, auf den Routen des Black Atlantic mit einschließt, aber ebenso in die Zukunft von Afrika, die zukünftige Erinnerungen – Future Memories – schafft. Diese Future Memories vergessen nicht die schwierige Geschichte des afrikanischen Kontinents, lassen sich aber nicht auf vergangenes Leid oder aktuelle Unterdrückung festschreiben, sondern imaginieren eine radikal andere und neue Welt, in der alles möglich ist und z.B. Afronauten in den Weltraum fliegen.

Videostill: Detail aus "Disrupter X"© Thenjiwe Niki Nkosi und Pamela Phatsima Sunstrom Videostill: Detail aus „Disrupter X“

Wie wird es sein, wenn sie ihre Anti-Oper diesen Monat in ihrer Stadt Johannesburg aufführen? Anders als in Europa, wo die beiden Künstlerinnen, wie sie selbst sagen, als vermeintlich exotische „Rarität“ angerufen und begehrt werden, befindet sich hier in Johannesburg der Hub des African oder Afro-Futurism. Alles glitzert und blinkt hier – die junge afrikanische Kunstwelt erfindet fiktive, neue Technologien, visualisiert Roboter oder Cyborgs und setzt Hologramme, Laser und andere Science-Fiction-Elemente in ihren Arbeiten ein. Auch in der Anti-Oper kommt ein Hologramm und eine magische Technologie, der „Geomancer“, mit dem Zeit- und Raumsprünge möglich sind, zum Einsatz. Den Zuschauern in Johannesburg werden einige der aufgeführten Szenen vertrauter sein als dem europäischen Publikum. Reisen in Raum und Zeit, Besucher aus anderen Welten, Mensch-Maschine-Verbindungen und Objekte, die auf zukünftige Technologien verweisen, sind Topoi, die seit jeher in südafrikanischen Volkserzählungen, Märchen und Liedern vorkommen. In seinem Buch „Indaba, my Children“ hat Vusamazulu Credo Mutwa einige von ihnen versammelt; sie erscheinen ebenso im afrikanischen magischen Realismus von Ben Okri. Die Oper bedient sich bei diesen Narrativen.

Die Erinnerung an die gemeinsame Geschichte – Südafrikas Exilanten fanden während der Apartheid Unterstützung in Mozambique, Zimbabwe und weiteren afrikanischen Ländern – wird in diesen Tagen auch eingesetzt, um der Gewalt gegen Migranten entgegenzuarbeiten: „Metro FM“, die Radiostation aus Soweto, sendet stündlich Aufrufe auf Englisch und Zulu, in denen die Einheit des afrikanischen Kontinents beschworen wird, und die Zugehörigkeit zu ein- und derselben panafrikanischen Familie: „We are all one, we are all migrants, brothers and sisters – even if some of us are brothers from another mother.“ Achille Mbembe spitzt es in seinem Beitrag für das panafrikanische Magazin Chimurenga zu: Kein Afrikaner könne jemals als „Ausländer“ auf dem afrikanischen Kontinent angesehen werden. Und auch die Aliens from Outer Space sind hier willkommen – nicht nur in Nkosis und Sunstroms Anti-Oper „Disrupter X“.

###© Marietta Kesting 

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2 Lesermeinungen

  1. Die offene Gewalt wird in Südafrika hoffentlich schnell und entschieden beendet.
    Die Hoffnung auf „Alle Menschen sind Brüder“ dagegen wird umso schneller sterben, je grösser auf Dauer der Wohlstandsunterschied zwischen Südafrika und seinen Nachbarländern ausfällt. Dann bekommt Südafrika nämlich as europäische Problem – Magnet für alle Menschen in erreichbarer Entfernung (heutzutage also auch sehr weit weg) mit der Hoffnung auf ein besseres Leben zu werden. Man muss wirklich kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass die Reaktionen der Menschen ähnlich ausfallen werden. Kein, absolut kein Land auf dieser Erde verträgt unbegrenzte Zuwanderung, case closed.

    Und nein, die USA sind kein Gegenargument. Hätte man deren Ureinwohner vor 2 Jahrhunderten zur europäischen Zuwanderung befragt, wären die USA noch heute ein dünn besiedelter Nomadentraum. Der Widerstand musste mit roher Gewalt und Massenmord physisch beseitigt werden.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

  2. EIN WUNSCH DER KEINE FLÜGEL HAT...
    „Ich-Du“alien“-„Ich-Dualitäten“-Kunstsalat?…s. Weltgeschehen.
    Erkenne Dich….

    MfG
    W.H.

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