Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

In die 3. Liga hüpfen

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Der 1. FC Magdeburg kann aufatmen. Der einstige Europacupgewinner hat nach seinem Relegationssieg gegen die Kickers Offenbach endlich wieder Gegner mit Bahnhöfen.

 

Empfang der Spieler auf dem Alten Markt in Magdeburg© agroEmpfang der Spieler auf dem Alten Markt in Magdeburg

Seit mehr als drei Jahrzehnten habe ich meinen Lebensmittelpunkt in Berlin, aber es gibt drei Konstanten, die mich mit dem Ort, an dem ich aufgewachsen bin, Magdeburg, verbinden: Die Elbe ist mir der liebste Fluss, ich hasse es, wenn jemand Magdeburg mit langem a ausspricht, wie die Lautsprecherstimme auf dem Bahnhof Berlin-Alexanderplatz, und ich verfolge die Geschicke des 1. FC Magdeburg, egal in welcher Liga und Lage er sich befindet.

In meiner Kindheit war der Fußballclub das einzige, womit ein Magdeburger Kind im Ferienlager angeben konnte, seit 25 Jahren leide ich still. Man kann eben nicht einfach von der Fahne gehen, wenn der Verein im Keller rumkrepelt, Funktionäre ihn als Selbstbedienungsladen missbrauchen oder einem einige der Anhänger nicht gefallen. Peter Jung hat das mal mit der Leidenschaft seines Vaters, des Bohemiens, Wirtschaftsanalytikers, Schiffsentführers und Schriftstellers Franz Jung für den Berliner Fußballverein Minerva 93 zu erklären versucht: „Mein Vater hat zwar seine politischen Ansichten geändert, hat mit Freunden gebrochen, die Länder öfter gewechselt als die Schuhe, die Frauen verlassen, aber er ist Minerva 93 bis zu seinem Tod treu geblieben. Irgendwann hat er mir gesagt, ich glaube, mein Leben ist mit Minerva 93 verbunden. Immer wenn die Mannschaft oben ist, geht es auch mir gut, aber es geht auch wieder in den Keller.“ Ähnliches ließe sich auch über das Verhältnis der Stadt Magdeburg zu ihrem Fußballclub sagen. 1974, als der 1. FCM unter dem Trainer Heinz Krügel und mit einer Mannschaft, deren durchweg junge Spieler alle aus der Umgebung kamen, unter ihnen Jürgen Sparwasser, überraschend im Kuip von Rotterdam den Europacup der Pokalsieger gegen den AC Mailand gewann, hatte sich die Stadt nach der fast vollständigen Zerstörung des Zentrums einigermaßen wieder erholt, die Industrie boomte. Die meisten hatten sich irgendwie eingerichtet. Da kam der Sieg wie ein Triumph, und der Pokal wurde im Schaufenster des Centrum-Warenhauses ausgestellt. Ich fand ihn hässlich mit seinen Henkelohren, aber laut durfte ich das nicht sagen. „Sieben Tränen muss ein Clubfan weinen“, sangen die Fans damals. 15 Jahre und etliche Titel später kam mit der politischen Wende der Absturz und die Fans wechselten zu: „Wir sind die größten der Welt – FC Magdeburg.“ Die meisten waren arbeitslos oder mussten jede Woche Hunderte Kilometer zu ihren neuen Arbeitsplätzen im Westen pendeln.

Feier nach dem Aufstig© Carl Joscha GröschnerFeier nach dem Aufstieg

Magdeburg verlor die Schwerindustrie, an der Stadt und Verein – die Spieler waren pro forma in einem der Werke angestellt – wie eine Nabelschnur hingen. Dass Magdeburg Landeshauptstadt wurde, war die Rettung für die Region. In den neunziger Jahren kappte die Deutsche Bahn die ICE-Verbindung, der Magdeburger Hauptbahnhof wurde bahnintern sowas wie Viertligist. Aber die Stadt hatte wenigstens noch einen Bahnhof, anders als viele der Gegner, auf die der 1. FC Magdeburg nun traf. Sämtliche Qualifikationen und Relegationen wurden verpasst, während Mannschaften wie Cottbus und Rostock, die in der DDR-Oberliga eher Mittelfeld waren, zeitweise in der Bundesliga spielten. Bis auf ein paar gewonnene DFB-Pokalrunden blieb der 1. FC Magdeburg eine Souterrainmannschaft mit dem Hang, gern mal noch tiefer in den Keller zu schauen. 2002 musste der Verein Insolvenz anmelden und aus der Regionalliga zwangsabsteigen. Aufstiege wurden verpasst, Abstiege ohne Rückkehr gerade noch verhindert, Trainer, Spieler und Manager gaben sich die Klinke in die Hand. Unschöne Konflikte vergifteten das Klima. Wenigstens ein drittligataugliches Stadion gelang es zu vollenden. Der Telekommunikationsanbieter MDCC hat die Namensrechte dafür erworben, ein Blödsinn wie von David Foster Wallace ausgedacht. Jedesmal, wenn ich am Stadion vorbeifahre, frage ich mich, was mit diesem 1700 gemeint ist. Ich denke da an das 17. Jahrhundert, als Magdeburg bis auf die Grundmauern zerstört wurde. Vielleicht war dieser Name die letzten Jahre einfach ein schlechtes Omen. Wenn es nach den Fans ginge, würde das Stadion Heinz-Krügel-Stadion heißen, nach dem Trainer der Erfolgsmannschaft von 1974.

Denkmal für Heinz Krügel, den legendären Meistertrainer© agroDenkmal für Heinz Krügel, den legendären Meistertrainer

Unter seiner Ägide holte die Mannschaft neben dem Europapokal drei Meisterschaften und zwei Pokalsiege. Zwei Jahre später wurde Krügel von den SED-Funktionären wegen angeblicher Erfolglosigkeit als Trainer abgesetzt und zum Platzwart einer Betriebssportgemeinschaft degradiert, was faktisch einem Berufsverbot gleichkam. Die Gründe waren in Wirklichkeit politisch. Krügel galt als „Ost-West-Versöhnler“ und wollte mehr Mitsprache der Mannschaft in allen Belangen. Außerdem hatte er 1974 das Angebot der Stasi, die Kabine der Bayern abzuhören, um ihm die Möglichkeit zu geben, die taktischen Hinweise des Trainers Udo Lattek zu belauschen, als unlauteres Mittel abgelehnt. 1990 wurde er durch den DFB rehabilitiert.

Weder Krügel noch seine Meisterspieler konnten nach der Wende den Niedergang aufhalten. 2008 ist er gestorben. Im letzten Jahr haben die Fans mit Aktien zu jeweils 19,74 Euro ein Denkmal für ihn zusammengespart. Die Geste ist großartig, über die Ästhetik kann man streiten. Krügel in Bronze sieht aus, als wollte er, leicht angeschickert, seinen alten Feinden mit dem Pokal eins überbraten.

Mein Vater, der sich seit 64 Jahren in der fußballerischen Diaspora befindet, er ist Anhänger von Rot-Weiß Erfurt, hält die Magdeburger Fans für ein Phänomen. Durchschnittlich 8600 Zuschauer bei Heimspielen einer Viertligamannschaft: das dürfte einsame Spitze sein. Manche verstehen keinen Spaß und kämpfen lieber mit der Polizei. Andere haben es mit ihrem Humor bis in die internationale Fußballberichterstattung geschafft, wie jene FCM-Ultras, die 2012, nach fünf Spielen ihrer Mannschaft ohne Tor, ihren Stürmern von den Rängen aus mit Neonpfeilen den Weg zum gegnerischen Kasten wiesen.

Irgendwann gewöhnten die Fans sich an, auf den Rängen zu hüpfen.

Erst 2014, unter dem Trainer Jens Härtel, berappelte sich die Mannschaft. Nach 19 Spielen ohne Niederlage gelang der Sprung in die Relegation, diesem blutigen Hahnenkampf zur Belustigung von Sportfunktionären und Rechteverwertern. Der Sieger der Regionalliga Nordost, Magdeburg, musste gegen den Sieger der Regionalliga Südwest, Kickers Offenbach, um den Platz in der 3. Liga kämpfen. Frank Willmann, Fußballkolumnist des Tagesspiegel, sprach von einem „Aufeinandertreffen zweier Schlawiner vor dem Fußballgott“.

Spielunterbrechung in der 84. Minute des Relegationsspiels Kickers Offenbach gegen den 1. FC Magdeburg© Carl Joscha GröschnerSpielunterbrechung in der 84. Minute des Relegationsspiels Kickers Offenbach gegen den 1. FC Magdeburg

Magdeburg hat das Duell mit zwei Siegen und trotz einer zwanzigminütigen Spielunterbrechung wegen austickender Kickers-Fans gewonnen: 50 Jahre nach Gründung des Vereins – und 25 Jahren „Weg nach unten“ (Franz Jung) – gelingt dem 1. FC Magdeburg der Einstieg in den bezahlten Fußball. 41 Jahre nach dem Empfang der Europapokalsieger stehe ich wieder auf dem Alten Markt und erwarte zwischen blau-weißen Fahnen, Schals und bengalischen Feuern die Mannschaft auf dem Balkon des Rathauses. Diesmal ist der Sicherheitsabstand zwischen Mannschaft und Fans, der 1974 noch durch drei Reihen Uniformierter mit Musikinstrumenten ausgefüllt war, leer. Aber ich komme mir vor, als sei ich Teil eines Déjà-vus mit satteren Farben und athletischeren Spielern mit kürzeren Haaren. Die beinharten Fans in den ersten Reihen hüpfen, und ich reibe mir die Augen. 10 000 feiernde und heulende Menschen wegen der 3. Liga? Und noch nicht mal ein Pokal? Was den Fußball im Osten Deutschlands angeht, sind wir aus Erfahrung bescheiden geworden. „Der 1. FC Magdeburg wird niemals untergehn“, singen die Fans, und bis auf weiteres haben sie damit wohl recht.

 

 

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1 Lesermeinung

  1. Fans wechselten zu: „Wir sind die größten der Welt – FC Magdeburg.“
    Fan…Leidenschaftler…Fanatic?…Fanatismus?…
    fanatische Leiden-schaf(f)t-le(e)r(e)…Euphorie?…
    wird meist mit Glück verwechselt…
    „nur kognitives (Resonanz-)Spiel“…aber in Realität zu erleben.
    Wenn die Lust, Sehnsucht, der Fähigkeit „Liebe“ zur Leidenschaft wird…
    dann schämen wir uns manchmal, z. B. in Feriencamps,
    nur 3.klassig zu sein, weil „Liebe“ 1. Klasse sein muß?… Weltbahnhofklasse? Die Sehnsucht der Liebe nach Glück.
    Wohl dem der weiß was Glück bedeutet und gegen
    Fanatismus-Euphorie und somit auch gegen Depression,
    3. Klasse(n)?, immun ist? Liebe…Euphorie…Depression…Glück?
    Liebe…Übermaß…Untermaß…Mittelmaß…Glück?
    Lieben: Beruf, Berufsgruppen, Sport, Kinder, Familie, Gesellschaft,
    Politik,…Bildung, Geld, Wohlstand, Macht…
    Elitärgesellschaft(en)-(Fußball-…)?
    „Wr sind die größten der Welt“? Maß-Glück?…
    s. Weltgeschehen…kognitive Massendissonanz?
    Sehnsucht, Liebe, Leidenschaft, Maß, Glück…
    Verbundenheit bis in den Tod?…die Suche, Sehnsucht nach
    dem Glück-Maß-Bahnhof…DER Bahnhof?
    Das „Mittelmaßprodukt“ von Intelligenz und Emotion ist Vernunft?
    Liebe X Verstand…euphorieloses und depressionsfreies Glück?
    Vernunftbildung=Glück? Maß-Glück? Mittlere Reife?
    Das Maß ist für die Menschen gemacht, nicht der Mensch für
    die Maßlosigkeit?…Über…Unter…Euphorie…Depression?
    Reichtum, Krieg…Armut, Elend…Gleichheitmaß…Gendermaß…
    Glückmaß?
    Die Sehnsucht der „Seele“…“Seh-halle“…“Geist“…Bildung…
    Liebe…Glück?…Fußballbahnhöfe 1.Klasse?…Klassenglück?…
    Lebenglück?…klassenlose Vernunftbildung…Vernunftglück?
    Vernunft = Glück = schließen der „G“(eist)LÜCKE(N)?!

    Glück ist Selbstgenügsamkeit. …Bescheidenheit aus einsichtiger
    Vernunft?
    Aristoteles

    Wer die Freiheit…Vernunftbildung?…aufgibt, um Sicherheit…
    Maßloswohlstand?…zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren…
    in Selbstzerstörung?
    Benjamin Franklin

    „Wenn du damit beginnst, dich denen…und DEM?…aufzuopfern,
    die/daß du liebst, wirst du damit enden, die/daß zu hassen,
    denen/dem du dich aufgeopfert hast.“?
    George Bernard Shaw

    Fußball:
    kognitive Massenresonanz der „Glücksuche“ mittels Euphorieanreiz
    Spiel…und Spaß?
    Kann auch zu weltgrößten Spiele-Messen führen…Milliarden
    warten gewonnen zu werden…mittels Spiele für Erwachsene?
    Eine Erwachsenen?-Markt-Idee…Spiele-Messe-Glück…in 2015.
    Arme Welt.

    MfG
    W.H.

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