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Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Sie heisst Tuğçe Albayrak

| 23 Lesermeinungen

Ein halbes Jahr nach dem Tod von Tuğçe Albayrak vor einem Offenbacher McDonald’s beginnt der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter. Doch Gericht und Medien diskutieren vor allem über das Verhalten des Opfers. Eine Polemik.

Erinnerung an Tuğçe Albayrak in Offenbach im November 2014. Unmittelbar nach ihrem Tod war die Solidarität groß. © Boris Roessler/dpaErinnerung an Tuğçe Albayrak in Offenbach im November 2014. Unmittelbar nach ihrem Tod war die Solidarität groß.

Fangen wir mal bei dem Namen an: Die junge Frau hieß Albayrak, Tuğçe Albayrak. Wie jeder erwachsene Mensch sollte auch sie mit ihrem Nachnamen bezeichnet werden, obwohl es in einem Patriarchat wie dem unseren gerne anders praktiziert wird. Ja, ich habe Patriarchat geschrieben. Und das, obwohl unser Land seit Jahren von einer Frau regiert wird – Angie, nennt man sie gerne. Auch ein Vorname. Schröder war Schröder, und Helmut Kohl Birne.

Doch von „Angie“ zurück zu Tuğçe Albayrak: Es handelt sich um jene 22-jährige Frau, die im November vergangenen Jahres in einem Offenbacher McDonald’s Schreie auf der Damen-Toilette hörte; sie lief hin. Mehrere junge Männer bedrängten zwei Mädchen, Albayrak ging dazwischen. Später traf sie diese Männer nochmals auf dem Parkplatz, es kam zu einem Wortwechsel, einer der Männer schlug Albayrak, sie ging zu Boden und starb an einer Kopfverletzung. Tausende Menschen hielten danach Mahnwachen für Albayrak ab und ehrten sie für ihre Zivilcourage. In diesen Tagen wird dem mutmaßlichen Täter (Anklage: Körperverletzung mit Todesfolge) in Darmstadt der Prozess gemacht.

Aus den aktuellen Presseberichten ist viel darüber zu erfahren, wie fest oder nicht-fest weibliche Schädelknochen sind und wann wer wen wie beschimpfte. Einige legen Wert darauf festzustellen, dass Albayrak nicht an der Ohrfeige selbst gestorben war, sondern am Aufprall. (Genauso versteht man gemeinhin „Körperverletzung mit Todesfolge“). Die Bild befragt sogar eine Expertin, ob Beschimpfungen unter Jugendlichen üblich seien – ja, das sind sie, informiert die Expertin.

Die Welt wiederum lässt sich ausführlich darüber aus, dass die für ihren Mut gelobte junge Frau vielleicht einfach nicht wusste, wann es besser ist, die Klappe zu halten, und das Deutsch-türkische Journal fasst die strittigen Punkte elegant zusammen: „War Tuğçe Albayrak in Wahrheit eine streitsüchtige, aufbrausende Diva, die sich gerne und überall einmischte? Ging sie oft feiern und sprach dem Alkohol zu?“

Von jemandem, der dem Prozess nicht selbst beiwohnt, lässt sich schwer beurteilen, wie viel Machismo in den Berichten auf die Kappe der Berichterstatter und wie viel auf die von Richter und Staatsanwalt geht. Aber so viel ist klar: Da begegnet uns jede Menge Machismo. Der Prozess, so wie er uns von dem ausführlichen Welt-Bericht geschildert wird, folgt offenbar zwei in unserer Gesellschaft weit verbreiteten Grundannahmen: dass sich, erstens, Frauen besser vorsichtig und leise zu verhalten haben, und zweitens, dass sie sich bei Missachten dieser Empfehlung selbst in Gefahr bringen.

Automatisch kommt der Charakter des Opfers als Ursache für dessen Tod auf den Prüfstand: „Ob sie oft Alkohol getrunken habe, fragte der Richter, und ob sie dann zum Disput geneigt habe. Wie sie grundsätzlich bei Streit reagiert habe. Ob sie sich schnell einmische und meine, schlichten zu müssen. Der Staatsanwalt schlug in dieselbe Kerbe: War Tuğçe Albayrak oft unterwegs zum Feiern? Gab es dann öfter Zusammenstöße mit anderen? So unverblümt hatte das die Familie noch niemand gefragt.“

Ist Schlichten-Wollen Charakterschwäche? Und wieso ist relevant, ob jemand feiert – wird jemand, der viel feiert, auch häufiger geschlagen? Bezüglich des konkreten Auslösers dieses Streits gibt es offenbar keine Meinungsverschiedenheit, keinen Zweifel: Eins der Mädchen auf der Toilette rief „Haut ab!“, und dies galt den jungen Männern, die schon vorher im McDonald’s aufgefallen waren. Trotzdem fragt der Richter Albayrak Begleiterinnen: „Warum sind Sie hinunter zur Toilette gerannt, wenn da pöbelnde Jungs waren?“

Klar, jede vernünftige Frau rennt in die andere Richtung, wenn von irgendwoher Hilfeschreie kommen. Aber wenn nicht, hat sie da nicht auch ein klein wenig „provoziert“…? Ich muss ja gestehen, bei mir geht jede Menge Alarm los, wenn ich nahegelegt bekomme, eine Frau habe „provoziert“. Nein, wenn wir jemanden anschreien, ist das keine Einladung dazu, dass der andere ausholt und zuschlägt, und zwar so fest, dass wir bewusstlos werden und auf den Boden stürzen. Könnte man annehmen, ist aber nicht so gemeint. Wenn wir sagen: Hau ab!, meinen wir tatsächlich: Hau ab. Nicht: Schlag zu! Obwohl es ja ganz ähnlich klingt und aus der Situation sicherlich schwer zu erschließen ist…

Übrigens war auch das nicht so dramatisch: „…wie der Staatsanwalt zusammenfasste, hatten sich die zwei zwar belästigt, nicht aber bedroht gefühlt…“ Alles im Rahmen dessen also, was eine Vierzehnjährige auf einer McDonald’s-Toilette aushalten muss?

Lieber Richter, lieber Staatsanwalt: Wissen Sie, was eine der verbreitetsten Ursachen dafür ist, dass die meisten Vergewaltigungen im persönlichen Nahbereich stattfinden? Weil Mädchen und Frauen die Bedrohlichkeit der Lage oft zu spät erkennen. Zu lange denken sie, man könne die ungewollte Annäherung freundlich abwehren. Zu spät schalten sie auf laute, brachiale Gegenwehr.

Wenn Männer Mädchen ungebeten auf die Toilette folgen, ist das ein Grund zu schreien. Wenn aus einer Damentoilette Schreie zu hören sind, ist das ein Grund nachzusehen. Wer dies tut, ist nicht notwendigerweise ein „Engel“, auch keine katholische Jungfrau, weder „Heilige“ noch „Hure“. Eine solche Frau beweist einfach die richtigen Instinkte und Zivilcourage. In diesem Fall musste sie mit dem Leben bezahlen. Und sie heißt Tuğçe Albayrak.

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23 Lesermeinungen

  1. Yep! Theoretisch alles richtig, logisch alles richtig, grundsätzlich alles richtig.
    Praktisch allerdings – nun, es gibt einen uralten (total patriarchalischen, obwohl er sich vor allem an Männer richtete) Spruch: Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um. Ich würde mir auch eine andere Welt wünschen, sie ist aber nicht so, wie ich sie mir wünsche. Und wird, solange Menschen existieren, auch nie so sein.

    Ich hoffe, der Täter wird so hart bestraft, wie das im Rahmen der Anklage überhaupt möglich ist. Direkt danach hoffe ich, dass sich nicht allzu viele junge Frauen Tugce als Vorbild nehmen, vor allem aber nicht Frauen aus Einwanderergruppen. Weil es bei Auseinandersetzungen dieser Art schon grundsätzlich einen Unterschied macht, ob ich Frau oder Mann bin. Und wer mir auf der anderen Seite als Ethnie gegenübersteht:

    http://www.fes.de/forumpug/inhalt/documents/bfg-nr-28.pdf
    Zitat:
    „Jungen4, männliche Jugendliche und junge Erwachsene mit Migrationshintergrund5 in Berlin werden gemessen an ihrem Anteil an allen Berliner männlichen Personen im Alter von 8 bis 21 Jahren über-proportional häufig im Bereich von Rohheitsdelikten polizeilich registriert und stellen den überwie-genden Teil der in Berlin bei der Staatsanwaltschaft registrierten Intensivtäter.“

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • Und wird, solange Menschen existieren, auch nie so sein.
      Vielleicht ist Ihre „Erkenntnis“ nur deshalb „wirksam“ weil
      unsere „Systeme“ es…nicht nie, wie Sie sagen…aber kaum
      zulassen. Geld-Wir(t)schaft-emotionslose Gesellschaftspersonenmacht-
      Wachstumsucht dieser in Wirklichkeit „Unpersonen“…die
      uns zu „nie“? veränderbaren System-(Verhaltenmuster-)Sklaven mach(„t“)en und halten?
      (Hu)man soll nie nie sagen…?!

      Gruß
      W.H.

    • Lieber Herr Hennig, je mehr uns die Wissenschaft über den Menschen sagt,
      umso geringer wird jede Hoffnung auf das Paradies auf Erden. Halbwegs erträglich reicht mir inzwischen. Popper hatte mit seinem berühmten Diktum völlig Recht: Jeder Versuch, den Himmel auf Erden zu errichten, führt geradewegs in die Hölle.
      Wenn Geschichte Menschen überhaupt etwas lehren kann (hallo Frau Detjen), dann, in welcher eineinmaligen Ausnahmesituation wir in Europa, Nordamerika und Japan seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges leben.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • Sie haben zu wenig Vertrauen in die Evolutionsenergie...
      und keine „Evolution-Richtungserkenntnis“…
      was kein Vorwurf ist, die nicht vorh. „E.-Richtg.erkenntnis“.
      Es gibt „Evol.-Alternierungzyklus“, „Evol.-Reifezyklus“ Human,
      der nicht so ohne weiteres erkennbar ist…weil er über viele zig Generationen hinweg wirkt und außerdem an
      „außerordentliche Wahrnehmungsfähigkeit“ geknüpft ist.
      Wir erleben vielleicht keine für uns wahrnehmbare
      „Humanisierung“, aber dennoch ist sie real wirkend, wirksam.
      Und die „Paradies“weg“vorstellung“ des Menschen muß nicht
      zwangsläufig die der Evolution sein…was sie auch nicht ist.
      Deswegen schrieb ich…nie nie sagen…als Menschen mit begrenzter
      Wahrnehmung, die wir nun mal sind.

      Schönes Wochenende,
      W.H.

  2. Titel eingeben
    Liebe Hilal Sezgin,
    Sie haben dem“ Übeltäter“ einen Namen gegeben, mutig, selbstbewusst,Fragen aufwerfend,nach Lösungen suchend,Hilflosigkeit ausdrückend,authentisch,verbindent,emotional.
    Der Name lautet:Patriarchat.
    Es gibt mir zu denken,mehr aber noch bestärkt es meine Hoffnung,dass in dieser Woche schon der zweite Beitrag über das Verhältnis von und zwischen Frau und Mann,wohlgemerkt in der westlichen Welt,in diesem Block veröffentlicht wurde.Und Öffentlichkeit ist meines Erachtens der Weg das bestehende System in Frage zu stellen.Wobei die Frage aufkommt,ob es sich nicht schon selbst in Frage stellt.
    Die Frauenrechte,die gleichzeitig Menschenrechte sind, und die Menschenrechte,die auch die Männerrechte beeinhalten werden gerne mal aus der Perspektive des Abendlandes betrachtet.Verschleiherung von Frauen in muslimischen Länder stellen sich für uns als diskriminierend dar.
    Es stockt sich allerdings bei mir der Atem,wenn ich mich mit Parolen wie:sie ist doch selbst schuld vergewaltigt worden zu sein,warum zieht sie sich auch so aufreizend an!Mir stockt der Atem,weil es sich um einen normalen Reflex handelt:ich fühle mich bedroht!
    Zum Schutz der Männer,nicht zum Täter zu werden sollte man schlussfolgernd eine Verschleiherungspflicht auch hierzulande einführen.Wenn da nicht gleichzeitig der Reiz des Unbekannten(man sieht nichts hinter der Textilen Fassade und schon reizen einen die Fantasien)wäre.
    Fällt da gerade etwas auf?Wie leicht ist es doch die Tatsachen zu verdrehen,wie es auch die Möglichkeit gibt,das Wort eines anderen im Munde umzudrehen.Und zu welchem Zweck? Um die Machtverhältnisse zu sichern,und zwar die eigenen.
    Das beherzte Eingreiffen von Frau Albayrak wird vielerorts“beklatscht“.(beherzt im Sinne von menschlich).
    Das ist sicherlich tröstlich für die Familie der jungen Frau.Es ist aber auch ein sehr spätes Hinsehen,erst als das Kind schon in den Brunnen gefallen ist.Und es ist und bleibt ein passiver Akt.
    Nun, die Unsicherheit, die sich in Äusserungen der zuständigen Behörden widerspiegelt,weist für mich darauf hin,dass sich die Frage nach Notwendigkeit und Nützlichkeit unseres bestehenden patriarchalischen Systems stellt.Und es ist keine Sinnfrage.Es ist eine Existentielle Frage.Fragen müssen laut gestellt werden.Es gibt keine falschen Fragen.Es gibt nur falsche Antworten.

  3. Doppelstandards im Feminismus?
    Sehr geehrte Frau Sezgin

    Vorab: Es tut mir Leid, dass Frau Albayrak ihr Einmischen mit dem Tode bezahlt hat.

    Ich möchte dennoch auf ihre, in meinen Augen verschobene Wahrnehmung in einem Punkt hinweisen: „Der Prozess … folgt offenbar zwei in unserer Gesellschaft weit verbreiteten Grundannahmen: dass sich, erstens, Frauen besser vorsichtig und leise zu verhalten haben, und zweitens, dass sie sich bei Missachten dieser Empfehlung selbst in Gefahr bringen.“

    Es wird gerne und laut darauf hingewiesen, wie hoch der Anteil unter Frauen ist, die schon Gewalt erfahren haben. Was meinen Sie, wie hoch der Anteil unter Männern ist? Und wenn ein junger Mann sich einen Aggressor in den Weg stellt, was meinen Sie, glaubt die Gesellschaft, passiert dann? Vermutet sie, der Aggressor würde auf einmal zahm und der junge Mann wäre nicht in Gefahr? Jeder Mensch begibt sich in Gefahr, wenn er oder sie oder es sich einem aggressiven Menschen in den Weg stellt und mit ihm oder ihr streitet. Und eigentlich ist es ein Zeichen von erreichter Gleichberechtigung, wenn das Geschlecht des Eingreifenden keine Veränderung in der Gewalterwartung hervorruft.

    Die Gesellschaft meint zu Recht, dass sich jemand in Gefahr begibt, der sich einem aggressiven Menschen in den Weg stellt (das würde auch im Matriarchat gelten, denn es ist eine Schlussfolgerung des gesunden Menschenverstands). Und die Schwere der Folgen dieser Konfrontation korreliert vermutlich stark mit dem Unterschied in der physischen Leistungsfähigkeit des Menschen, der sich in die Gefahr begibt und dessen, von dem die Gefahr ausgeht. Daraus eine Manifestation patriarchaler Unterdrückung und Machismo zu diagnostizieren halte ich für ideologische Verblendung.

    Viele Grüße
    Günther Werlau

  4. Für Fr. Tuğçe Albayrak R.I.P. ...und uns.
    Der Mensch ist mehr als nur die Summe seiner phys. Teile.
    Jede gute Idee kann mittels Maßlosigkeit ad absurdum geführt werden.
    So auch hier die Idee „humane“ Gerechtigkeitfindung?
    Das „Human-Reife-Idee-Maß“ muß der Maß-Fels, die Maß-Basis
    unser aller Leben, unser aller Bildung, Denken und Handeln, sein.
    Die Relativität ist kein Maß, sondern maßlos, ohne Maß.
    Wenn wir aggressive, pöbelnde Atmosphären, hier Jugendatmosphäre,
    als „normal“ akzeptieren, dann haben wir die Human-Idee
    relativiert…ins ad absurdum geführt.
    Wie sollen junge Menschen human gebildet leben lernen, wenn wir inhumane Gesellschaftsreifeatmosphären zulassen, als „normal“,
    als „Maß-Normal“?
    Aber nicht nur da, die „Relativierungskunst“ als „ÜBER“-Zeugung-
    Quelle für „Siegen und Gewinnen“ beherrschen viele, besonders die Intelligenzschichten…hier Richter, Staatsanwälte, Anwälte?
    Wir leben mehr in einer relativierten Wirklichkeit, als in einer
    human maßvollen Realität. Relativität und Realität…schnell zu verwechseln, auch zu mißbrauchen…wenn wir nicht aufpassen.
    Das „Human-Idee-Reife-Maß“, die „Humanitätreife“, ist für die
    Menschen gemacht, nicht der Mensch für die Maßlosigkeit der
    unendlichen Relativität auf maßbegrenzter Erde…
    Erdmaß…Humanmaß, auch Selbstbegrenzung.
    Human(e)-Maß-Bildung als Lebenwegbasis muß im Geistfocus
    aller sein.
    Wem nützt ein Leben in „grenzenloser?!“ Freiheit, mit maßlosem, inhumanem handeln? Die „Schmerz-Aufschreie“ können auch
    grenzenlos, unendlich werden…Waffen tragen USA?…
    Freiheitqualität?
    Dann lebt man besser einsam, auf einer kleinen einsamen Insel.
    Humane Gesellschaftsatmosphären sollten „Normal“…
    „Norm für alle“ sein…aus humaner Reife-Einsicht heraus, zwanglos.
    Nur so geht’s.

    MfG
    W.H.

  5. Patriarchat Deutschland?
    Auszug aus dem Text: Das Deutsch-türkische Journal fasst die strittigen Punkte elegant zusammen: „War Tuğçe Albayrak in Wahrheit eine streitsüchtige, aufbrausende Diva, die sich gerne und überall einmischte? Ging sie oft feiern und sprach dem Alkohol zu?“

    Sie, Frau Sezgin, führen u.a. diese Fragen auf ein in Deutschland angeblich herrschendes Patriarchat zurück und unterbewerten, ja vergessen hierbei geradezu, dass die Tat selbst einem patriarchalischen Motiv entsprang. Es wird nur zu selten erwähnt, aber der Täter war Moslem, und Frau Albayrak traute sich als wohl liberal handelnde Alevitin, ihn, der sich als Mann fühlte, zurechtzuweisen. Das war mutig von ihr, leider aber im Kulturkreis des Täters ein No-Go und deshalb zugleich mit tragischem Ausgang.
    Die Körperverletzung hatte den Tod zur Folge und muss nun hart bestraft werden. Dafür sollten sie sich jetzt einsetzen, statt ein in Deutschland angeblich herrschendes Patriarchat anzuprangern. Noch ist es nicht so weit, dass wir vollständig islamisiert sind!

  6. Der Strafprozeß hatte einen Ablauf, um dem Angeklagten und dem Opfer gerecht zu werden
    Sehr geehrte Fr. Sezgin,

    die Staatsanwaltschaft beschäftigte sich doch zuerst mit dem Angeklagten und seinem Verhalten beim Verlesen der Anklageschrift am ersten Prozeßtag.
    Erst danach kam das Verhalten beider, des Angeklagten und des Opfers, zur Sprache. Am achten Prozeßtag stand wieder verstärkt das Verhalten des Angeklagten in der Vergangenheit – mit dem Verlesen seiner Vorstrafen – und dem Bericht eines Mitarbeiters des Jugendamts Offenbach im Fokus, auch wie er sich nach der Tat in der U-Haft verhielt.
    Am neunten Prozeßtag am kommenden Freitag werden die Plädoyers der Staatsanwälte, der Nebenklagevertreter und der Verteidiger erwartet.

    Dies (Zitat) ist eben doch eine wichtige Frage für den Prozeß und das Gericht:
    „Wenn wir sagen: Hau ab!, meinen wir tatsächlich: Hau ab. Nicht: Schlag zu!“

    Und auch das (Zitat) muß das Gericht doch intensiv prüfen:
    „Eine solche Frau beweist einfach die richtigen Instinkte und Zivilcourage.“

    Und das Gericht arbeitet m.E. sehr sorgfältig in diesem Prozeß, so daß ich Ihre Vorwürfe nicht nachvollziehen kann.

    MfG GR

  7. Liebe Hilal,
    ich freue mich, von Dir wieder etwas zu lesen. Ich denke, Du hast all die Punkte angesprochen, die auch mir ein Dorn im Auge waren, nur mit dem Unterschied, dass ich die Ursache dieses Verhaltens nicht auf das Patriarchat zurückgeführt hatte. Nicht, weil es falsch ist, sondern weil ich wahrscheinlich immer noch ein Teil davon bin.

  8. Danke
    mir sind die Fragen auch aufgekommen.

    Es wird gefragt: „Warum bist du in die Toilette gegangen, als von dort Schreie kamen?“

    Hat man mal die beiden Männer, die in der Frauen Toilette standen gefragt, was die in der Toilette gemacht haben?

    Es wird gefragt: Hat Tugce Sanel M. etwas hinterhergerufen und warum?
    Er stieg aus.

    Die Motivation, warum er ausstieg, wird nicht hinterfragt.

    Hat auch nur einer mal gefragt: Warum er zugeschlagen hat? Was er auf der Toilette machte? Warum er rumbrüllte?

    Nein. Das ist normal. Muss man nichts fragen.
    Nicht jedoch normal ist es, wenn man nachschaut, was ruft, Frau was trinkt und eben kein liebes kleines Mädchen ist. Das muss gleich dreissigmal hinterfragt werden, wie es zu so etwas kommen kann.

    Aua.

  9. Als Frau...
    Sehr geehrte Frau Sezgin, sehr geehrte Redaktion,

    mich persönlich haben die in Ihrem Blog vertretenen Ansichten ein wenig erschüttert. Ich kann in keiner Form einen Zusammenhang mit dem von Ihnen angeprangerten Patriarchat erkennen. Und ich bin eine Frau.

    Ich bin im Gegensatz erleichtert.

    Erleichtert darüber, dass ich als Frau in einem Land lebe, bei dem das Rechtssystem nicht von Social Media und Blogs, Medienberichterstattungen oder Vorverurteilungen bestimmt wird, sondern in welchem die herrschende Gesetzgebung von (hoffentlich) neutralen, juristischen Instanzen angewandt und ein Verbrechen aufgeklärt wird, bevor der Beschuldigte verurteilt wird.

    Erleichtert, dass die Verurteilung eines Beschuldigten erst NACH eingehender Prüfung vorgenommen wird – auch wenn Fehlurteile leider nicht vollständig ausgeschlossen werden können.

    Zu Beginn der Berichterstattung im November war ich jedoch verunsichert.

    Verunsichert darüber, dass ein „Social Media- und Medienmob“, einen jungen Menschen ohne ordnungsgemäßen Prozess oder irgendeine Form der neutralen Beweisaufnahme gnadenlos zum „Abschuss“ freigibt.

    Verunsichert und verängstigt habe ich diese „rechtlose“ Stimmung vernommen, diese „mittelalterlich anmutende Hexenverbrennung“, die „Geburtsstunde der deutschen Scharia“, bei der die Worte „Gerechtigkeit“, „Rechtsstaat“, „Aufklärung“ oder „fairer Prozess“ keine Rolle mehr spielten.

    Für eine juristische Aufarbeitung und die Festsetzung eines angemessenen Strafmaßes sollte es in einem Rechtsstaat unumgänglich, den Tathergang genau zu ermitteln – auch wenn diese leider unangenehme Fragen mit sich bringen.
    Eben diese von Ihnen kritisierte Fragen unterscheiden unser Rechtssystem beispielhaft von den derzeitigen „Kalifaten der IS“, bei denen niemand mehr Fragen stellt, sondern Menschen ohne ordentliche, neutrale Prozesse gesteinigt, verbrannt und gefoltert werden.

    Zumal diese Fragen hierzulande ebenso gegenüber jedem männlichen Opfer gestellt würden, welches bei einem vergleichbaren Fall zu Tode gekommen wäre!

    Ich habe einen 16-jährigen Sohn und eine 10-jährige Tochter. Beiden, aber vor allem meinem jugendlichen Sohn, erkläre ich, dass man aggressiven, pöbelnden und alkoholisierten Jugendlichen oder Erwachsenen aus dem Weg gehen, in gefährlich anmutenden Situationen andere Menschen um Hilfe bitten oder die Polizei rufen sollte. Bitter böse könnte ich hier sagen und als Mutter verlangen, dass eben diese Haltung besonders eine angehende Pädagogin, die sich berufen sah, möglicherweise ebensolche Jugendlichen im späteren Leben zu unterrichten, verinnerlicht haben sollte.

    Diese Möglichkeit haben jedoch leider alle Beteiligten verpasst und zwar lange bevor die Situation eskalierte.

    Meiner Ansicht nach bereits zu dem Zeitpunkt, als zwei junge, wohl alkoholisierte Mädchen (13 und 14 Jahre alt) nachts OHNE BEGLEITUNG auf der Toilette einer Fast-Food-Kette von Tugce A. und ihren Begleiterinnen erstmalig vorgefunden wurden.

    „Warum lässt man zwei so junge Mädchen unbekümmert nachts auf der Toilette eines Fast-Food-Lokals sitzen…?“ Böse könnte ich erneut anmerken „als angehende Lehrerin…?“

    „Warum lässt man diese beiden so jungen Mädchen nachts in einem Gewerbegebiet allein von dannen ziehen, ohne dass diese gefragt werden, wo sich die Eltern befinden, wie diese gesichert nach Hause kommen, ob sie Begleitung brauchen…?“

    Dies wäre für mich ein Zeichen viel größerer Zivilcourage gewesen, als sich im späteren Verlauf mit einer laut Aktenlage wohl offensichtlich alkoholisierten, pöbelnden Gruppe von „Halbstarken“ anzulegen…

    Denn verzeihen Sie, Frau Sezgin, einer Frage hat sich bei der ganzen Berichterstattung um Zivilcourage bisher niemand gewidmet –
    der Frage, ob es nicht möglicherweise hätte viel schlimmere Folgen für die beiden Mädchen nachts hätte haben können, dass man sie unbekümmert und anscheinend ohne Nachfrage in die Nacht „entlassen“ hat…

    Welche Artikel hätten Sie und Ihre Kollegen wohl verfassen müssen, wenn die beiden jungen Mädchen, die laut meinem Verständnis durch den Streit von der Toilette vertrieben wurden, mitten in der Nacht auf dem Nachhauseweg in einem Gewerbegebiet vergewaltigt, ausgeraubt oder getötet worden wären?

    Meiner Ansicht nach waren die beiden Mädchen auf der Toilette sicherer als nachts allein im Gewerbegebiet. Diese Tatsache schien meines bisherigen Verständnisses jedoch niemanden zu stören oder beunruhigen… Bitte korrigieren Sie mich, wenn ich diesbezüglich falsch liege…

    Ich persönlich komme daher im Gegensatz zu Ihnen zu dem Fazit, dass mir der nie wieder gut zu machende Verlust für die Eltern und Familie von Tugce A. unendlich leid tut. Niemand sollte sein eigenes Kind zu Grabe tragen müssen und sollte die Familie von Tugce A. in ihrem Schmerz den Täter auf das Übelste verfluchen, so hätte ich vollstes Verständnis.

    Unsere Gesellschaft hat jedoch meiner Ansicht nach eine andere Aufgabe bei solchen Prozessen – die Aufgabe „Recht und Gesetz“ zu wahren und sich für deren Einhaltung einzusetzen – auch wenn sich dadurch manchmal Urteile oder unangenehmen Fragen ergeben, die wir im ersten Moment als unbefriedigend oder patriarchalisch empfinden.

    Diese dienen schlussendlich einer korrekten Aufklärung und Gerechtigkeitsfindung.

    • Bemühung und "unangenehme Fragen"...zum Wohle bestmöglicher Gerechtigkeit.
      Wenn Sie, Fr. Müller, den „Strom“ der Zeit verfolgen, Anzahl Delikte…
      auch ähnlicher Art, Gesellschaftsatmosphäre,…und als
      „i“-„Tüpfelchen“ des Weltschehens die „IS“ nennen…
      dann muß unser „Gesellschaftssystem“ hinterfragt werden…
      denn wieso kommt es überhaupt so oft…und warum ist es
      notwendig all die „Sicherheitsvorkehrfragen/beachtungen“ zu
      stellen…die Sie ausführlich beschrieben haben. In einer human-
      reif gebildeten Gesellschaft ist so etwas nicht notwendig.
      Das nehmen Sie wortlos in Kauf. Das verwundert mich…
      angesichts des Weltgeschehen.
      Wo ist die „Not wendende“ humane Bildungs(-reife-)gesellschaft
      in unserer Gesellschaft?
      Das ist eine Systemfrage. Über bestmögliche Gerechtigkeit
      braucht keiner zu streiten…warum brauchen wir so oft
      bestmögliche Gerechtigkeit…warum so wenig human einsichtiges
      Alltagsverhalten und wer bildet es gezielt?…die „Human-Reife“?
      Unser System ist Human-Bildung schwach und wir streiten
      um „Gerechtigkeit-Handlungen“ nach viel zu vielen inhumanen
      Vorkommnissen. Der viel zu hohe Inhumanitätgehalt ist
      im System und sollte eliminiert werden.

      MfG
      W.H.

    • Sehr geehrte Frau Müller,
      sehen Sie es mir bitte nach, dass Ihr Beitrag mich nicht ein wenig, sondern enorm viel erschüttert hat. Nicht deswegen, weil Sie dazu tendieren, Ihre Ansichten als absolute Wahrheiten darzustellen. Auch nicht, weil Sie anscheinend auf die religiösen Überzeugungen der Autorin anspielend von der „Geburtsstunde der deutschen Scharia” und „Kalifaten der IS” sprechen. Sondern in erster Linie deswegen, weil sie uns allen, die die Argumente der Autorin teilen, unterstellen, dass wir den Beschuldigten am liebsten ohne einen ordnungsgemäßen und rechtsstaatlichen Prozess hinter Schloss und Riegel bringen möchten.

      Es ist sehr zu begrüßen, dass Sie Ihren Kindern Verhaltensweisen beibringen, die Sie richtig halten und die Sie selbst wahrscheinlich ebenfalls praktizieren. Es wäre jedoch auch sehr begrüßungswert, wenn Sie einsähen, dass Sie der Person, die sich an die von Ihnen propagierten Verhaltensweisen nicht einhält und Ihnen oder Ihren Kindern in einer lebensbedrohlichen Situation zu Hilfe eilt, sehr dankbar wären. Eine Gesellschaft, in der sich jede und jeder zuerst an die eigene Vorteile, zuerst an die eigene Unversehrtheit denkt, ist eine Gesell-, aber keine Gemeinschaft mehr. Ich will damit nicht sagen, dass wir uns alle in Gefahr bringen sollten. Ich will nur sagen, dass wir vor Menschen, die sich vor Gefahr bringen, um andere Menschen zu schützen, zu großem Dank und zu großem Respekt verpflichtet sind und ihnen den Platz zuweisen sollten, die sie verdienen. Ihre Beweggründe, die Sie veranlassen, Frau Albayrak als eine Person darzustellen versuchen, die sich falsch verhalten und als angehende Lehrerin versagt hat, kenne ich nicht. Es ist auch nicht wichtig, dass ich sie kenne. Wichtig ist, dass Sie sie kennen und sie sich eingestehen.

      Ich finde es unerhört, Frau Müller, dass Sie sich anmaßen, einer jungen Frau, die lediglich deswegen ihr Leben lassen musste, weil sie zwei jungen Mädchen helfen wollte, unterstellen, dass sie „als angehende Lehrerin“ versagt hat, weil sie die beiden Mädchen nicht Hause begleitet hat. Das Leben draußen entspricht nicht immer, Frau Müller, Ihrem oder meinem Leben zuhause. Da sind junge Mädchen, die im Kindesalter schwanger werden, da sind Kinder, die verwahrlost aufwachsen, da sind Kinder, die misshandelt werden und da sind auch Jugendliche, die zu späten Stunde und alkoholisiert unterwegs sind. All das gehört zu unserem gemeinsamen Land. Und unsere Aufgabe ist dafür zu kämpfen, dass solche Missstände, Fehlentwicklungen und Verbrechen möglichst überschaubar bleiben. Denn völlig beseitigen können wir sie nicht. Sie nicht. Ich nicht. Und Frau Albayrak ist leider auch nicht mehr unter uns.

  10. @anja Müller

    Meiner Ansicht nach bereits zu dem Zeitpunkt, als zwei junge, wohl alkoholisierte Mädchen (13 und 14 Jahre alt) nachts OHNE BEGLEITUNG auf der Toilette einer Fast-Food-Kette von Tugce A. und ihren Begleiterinnen erstmalig vorgefunden wurden.
    „Warum lässt man zwei so junge Mädchen unbekümmert nachts auf der Toilette eines Fast-Food-Lokals sitzen…?“ Böse könnte ich erneut anmerken „als angehende Lehrerin…?““

    Sagen sie, kann es sein, dass sie den Tatverlauf nicht kennen? Tugce war die einzige die die ihr fremden Mädchen auf der Toilette NICHT alleine gelassen hat. Der Richter stellt genau das in Frage.

    Bitte informieren sie sich doch.

    • Titel eingeben
      Frau Ludmilla Millenowitsch,

      bezogen auf Ihren letzten Satz, möchte ich Ihnen sagen, dass Sie nicht ganz richtig informiert sind. Tugce war laut jetzigen Kenntnisstand 2 x bei den Mädchen und daher auch die Bemerkung von Frau Müller: „…Warum lässt man zwei so junge Mädchen unbekümmert nachts auf der Toilette eines Fast-Food-Lokals sitzen …?“ Böse könnte ich erneut anmerken „als angehende Lehrerin …?“ Und genau hier gehe ich auch mit Frau Müller mit. Denn als Tugce erkannte, dass es sehr junge Mädchen sind und diese sich dort alleine in der Toilette aufhielten, hätte sie die Mädchen auch mit nach oben nehmen können an ihren Tisch. Sie wären dann sicher gewesen. Aber Tugce ist ja erst wieder runter zu den Toiletten gerannt, als die Clique um Sanel sich nach unten begeben hat und etwas gerufen wurde. Ob da doch Streitlust mit im Spiel war ? Denn bedroht haben sich die Mädchen ja nicht, also gab es auch keinen Grund gleich zu brüllen „Verpisst Euch !“ Deeskalation geht anders …

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