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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Sie heisst Tuğçe Albayrak

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Ein halbes Jahr nach dem Tod von Tuğçe Albayrak vor einem Offenbacher McDonald’s beginnt der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter. Doch Gericht und Medien diskutieren vor allem über das Verhalten des Opfers. Eine Polemik.

Erinnerung an Tuğçe Albayrak in Offenbach im November 2014. Unmittelbar nach ihrem Tod war die Solidarität groß. © Boris Roessler/dpaErinnerung an Tuğçe Albayrak in Offenbach im November 2014. Unmittelbar nach ihrem Tod war die Solidarität groß.

Fangen wir mal bei dem Namen an: Die junge Frau hieß Albayrak, Tuğçe Albayrak. Wie jeder erwachsene Mensch sollte auch sie mit ihrem Nachnamen bezeichnet werden, obwohl es in einem Patriarchat wie dem unseren gerne anders praktiziert wird. Ja, ich habe Patriarchat geschrieben. Und das, obwohl unser Land seit Jahren von einer Frau regiert wird – Angie, nennt man sie gerne. Auch ein Vorname. Schröder war Schröder, und Helmut Kohl Birne.

Doch von „Angie“ zurück zu Tuğçe Albayrak: Es handelt sich um jene 22-jährige Frau, die im November vergangenen Jahres in einem Offenbacher McDonald’s Schreie auf der Damen-Toilette hörte; sie lief hin. Mehrere junge Männer bedrängten zwei Mädchen, Albayrak ging dazwischen. Später traf sie diese Männer nochmals auf dem Parkplatz, es kam zu einem Wortwechsel, einer der Männer schlug Albayrak, sie ging zu Boden und starb an einer Kopfverletzung. Tausende Menschen hielten danach Mahnwachen für Albayrak ab und ehrten sie für ihre Zivilcourage. In diesen Tagen wird dem mutmaßlichen Täter (Anklage: Körperverletzung mit Todesfolge) in Darmstadt der Prozess gemacht.

Aus den aktuellen Presseberichten ist viel darüber zu erfahren, wie fest oder nicht-fest weibliche Schädelknochen sind und wann wer wen wie beschimpfte. Einige legen Wert darauf festzustellen, dass Albayrak nicht an der Ohrfeige selbst gestorben war, sondern am Aufprall. (Genauso versteht man gemeinhin „Körperverletzung mit Todesfolge“). Die Bild befragt sogar eine Expertin, ob Beschimpfungen unter Jugendlichen üblich seien – ja, das sind sie, informiert die Expertin.

Die Welt wiederum lässt sich ausführlich darüber aus, dass die für ihren Mut gelobte junge Frau vielleicht einfach nicht wusste, wann es besser ist, die Klappe zu halten, und das Deutsch-türkische Journal fasst die strittigen Punkte elegant zusammen: „War Tuğçe Albayrak in Wahrheit eine streitsüchtige, aufbrausende Diva, die sich gerne und überall einmischte? Ging sie oft feiern und sprach dem Alkohol zu?“

Von jemandem, der dem Prozess nicht selbst beiwohnt, lässt sich schwer beurteilen, wie viel Machismo in den Berichten auf die Kappe der Berichterstatter und wie viel auf die von Richter und Staatsanwalt geht. Aber so viel ist klar: Da begegnet uns jede Menge Machismo. Der Prozess, so wie er uns von dem ausführlichen Welt-Bericht geschildert wird, folgt offenbar zwei in unserer Gesellschaft weit verbreiteten Grundannahmen: dass sich, erstens, Frauen besser vorsichtig und leise zu verhalten haben, und zweitens, dass sie sich bei Missachten dieser Empfehlung selbst in Gefahr bringen.

Automatisch kommt der Charakter des Opfers als Ursache für dessen Tod auf den Prüfstand: „Ob sie oft Alkohol getrunken habe, fragte der Richter, und ob sie dann zum Disput geneigt habe. Wie sie grundsätzlich bei Streit reagiert habe. Ob sie sich schnell einmische und meine, schlichten zu müssen. Der Staatsanwalt schlug in dieselbe Kerbe: War Tuğçe Albayrak oft unterwegs zum Feiern? Gab es dann öfter Zusammenstöße mit anderen? So unverblümt hatte das die Familie noch niemand gefragt.“

Ist Schlichten-Wollen Charakterschwäche? Und wieso ist relevant, ob jemand feiert – wird jemand, der viel feiert, auch häufiger geschlagen? Bezüglich des konkreten Auslösers dieses Streits gibt es offenbar keine Meinungsverschiedenheit, keinen Zweifel: Eins der Mädchen auf der Toilette rief „Haut ab!“, und dies galt den jungen Männern, die schon vorher im McDonald’s aufgefallen waren. Trotzdem fragt der Richter Albayrak Begleiterinnen: „Warum sind Sie hinunter zur Toilette gerannt, wenn da pöbelnde Jungs waren?“

Klar, jede vernünftige Frau rennt in die andere Richtung, wenn von irgendwoher Hilfeschreie kommen. Aber wenn nicht, hat sie da nicht auch ein klein wenig „provoziert“…? Ich muss ja gestehen, bei mir geht jede Menge Alarm los, wenn ich nahegelegt bekomme, eine Frau habe „provoziert“. Nein, wenn wir jemanden anschreien, ist das keine Einladung dazu, dass der andere ausholt und zuschlägt, und zwar so fest, dass wir bewusstlos werden und auf den Boden stürzen. Könnte man annehmen, ist aber nicht so gemeint. Wenn wir sagen: Hau ab!, meinen wir tatsächlich: Hau ab. Nicht: Schlag zu! Obwohl es ja ganz ähnlich klingt und aus der Situation sicherlich schwer zu erschließen ist…

Übrigens war auch das nicht so dramatisch: „…wie der Staatsanwalt zusammenfasste, hatten sich die zwei zwar belästigt, nicht aber bedroht gefühlt…“ Alles im Rahmen dessen also, was eine Vierzehnjährige auf einer McDonald’s-Toilette aushalten muss?

Lieber Richter, lieber Staatsanwalt: Wissen Sie, was eine der verbreitetsten Ursachen dafür ist, dass die meisten Vergewaltigungen im persönlichen Nahbereich stattfinden? Weil Mädchen und Frauen die Bedrohlichkeit der Lage oft zu spät erkennen. Zu lange denken sie, man könne die ungewollte Annäherung freundlich abwehren. Zu spät schalten sie auf laute, brachiale Gegenwehr.

Wenn Männer Mädchen ungebeten auf die Toilette folgen, ist das ein Grund zu schreien. Wenn aus einer Damentoilette Schreie zu hören sind, ist das ein Grund nachzusehen. Wer dies tut, ist nicht notwendigerweise ein „Engel“, auch keine katholische Jungfrau, weder „Heilige“ noch „Hure“. Eine solche Frau beweist einfach die richtigen Instinkte und Zivilcourage. In diesem Fall musste sie mit dem Leben bezahlen. Und sie heißt Tuğçe Albayrak.

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23 Lesermeinungen

  1. @ Herr Hennig, Frau Bulmaz, Millenowitsch
    @ Herr Hennig:

    Sehr geehrter Hennig,
    ich stimme Ihnen in allen Punkten bezüglich der Inhumanität zu. Dies ist ein Punkt, der es meiner Ansicht nach wert wäre, vertieft zu werden. Ebenso Ihrem Beitrag, welches „Maß“ wir heute als geltend ansehen, stimme ich zu. Die Welt wäre ein bedeutend besserer Ort, wenn die von Ihnen dargestellten humanen Maßstäbe überall Gültigkeit genießen würden und alle Menschen diese verinnerlicht hätte. Jeden Tag erlebe ich für meinen Teil – ich kann im Hinblick auf die mir entgegengebrachte Kritik nur für mich sprechen – viele kleine Dinge, die ein Stück an der humanen Welt kratzen. Es sind teils nur Kleinigkeiten wie eine neue Kasse, die im Supermarkt aufgemacht wird. Ohne Rücksicht auf die vorherige Reihenfolge oder auf ältere Menschen, Schwangere oder Kinder stürmt die Masse an die neue Kasse. Um ja bloß der Erste zu sein… Wenn man bei solch belanglosen Dingen – und es sind hier nicht die Jugendlichen – keine Rücksicht mehr auf andere nehmen kann, sondern sich nur den eigenen Vorteil sichern möchte, wird eine globale humane Welt unerreichbar bleiben…

    @ Frau Bulmaz – In keiner Form greife ich in meinem Beitrag die mögliche Herkunft der Autorin an. Ich bin lediglich anderer Ansicht.

    Vor allem, wenn wie in diesem Fall geschehen, ohne neutrale und sachliche Überprüfung oder Beweisaufnahme von höchster, politischer Ebene über die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes sinniert oder bereits die Benennung einer Brücke in Erwägung gezogen.

    Vergessen Sie bei Ihrem Angriff daher bitte nicht, dass nicht ich es war, die diese junge Frau ohne neutrale Beweisaufnahme in der Öffentlichkeit „glorifiziert“ und somit erst eine spätere „Entglorifizierung“ ermöglicht hat. Dies hätten diejenigen berücksichtigen sollen, die sich zu Beginn und vor Prozess und Urteil an die Öffentlichkeit gewandt haben.

    Wie Sie richtig feststellen, wäre ich auch jeder Person dankbar, die sich für meine Kinder auf einer Toilette in einem Fast-Food-Restaurant eingesetzt hätte.

    Jedoch und diesbezüglich wende ich mich an Sie, Frau Millenowitsch, da ich die Berichterstattung mehr als genau verfolge. Tugce A. und ihren Begleiterinnen waren die beiden Mädchen bereits vor der Situation mit Sanel M. auf der Toilette aufgefallen.

    In diesem Punkt kann ich mich leider nur wiederholen. Echte Zivilcourage hätte für mich persönlich in diesem Moment mit der Frage nach dem Verbleib der beiden Mädchen, der Frage nach ihrer Begleitung und Frage nach dem Alter angefangen, möglicherweise der Benachrichtigung von Polizei oder Mitarbeitern der Filiale, dass sich zwei junge, wohl alkoholisierte Mädchen auf der Toilette aufhalten, die nicht den Anschein machten, als würde ihnen ihr Alter erlauben, nachts allein in Begleitung bei McDonald’s zu sitzen.

    In diesem Punkt, Frau Bulmaz, bin ich wahrscheinlich stur und bleibe bei meiner Ansicht, dass ich mir ein solches Verhalten – besonders von einer angehenden Pädagogin / Lehrerin – wünschen würde. Ebenso würde ich mir eine andere Form der Streitschlichtung als die laut Aktenlage ausgesagten Worte „Haut ab, Ihr Pisser“ wünschen. Sollten derartige, sicherlich menschliche Äußerungen Ihrer Ansicht nach deeskalierendem, umsichtigen und vorbildlichem Verhalten entsprechen, kann ich diesem leider nicht zustimmen. Ebenso wenig wie bereits erwähnt dem Blog von Frau Sezgin. In dieser Hinsicht würde ich mich der Ansicht Herrn Wehrlaus anschließen.

    Ein Punkt, der mich innerhalb der ganzen Situation auch bedenklich stimmt, ist die derzeitige Kritiklosigkeit der Massen an den vor Gericht getätigten „Falschaussagen“. Dieses überaus bedenkliche Verhalten wird meiner Ansicht geflissentlich übergegangen und diesem sollte in einer humanen, gerechten Welt weit mehr Bedeutung zugemessen werden als die Fragen von Staatsanwaltschaft und Richter, welche möglicherweise „patriarchalisch“ anmuten.

    Die unverzügliche öffentliche Darstellungen der Freundinnen um Tugce A. ohne inhaltliche Verifizierung hat dazu geführt, dass nicht nur ein junger Mensch massiv bedroht wurde, sondern auch die Mitarbeiter dieser McDonald’s Filiale, welche in öffentlichen Netzwerken auf übelste Weise beschimpft und diffamiert wurden. Ebenso die Ansicht, die durch die Freundinnen des Opfers Tugce A. medial angeheizt wurde und welche Sie, Frau Bulmaz, beschreiben.
    Unverzüglich nach dem öffentlichen Auftritt der Freundinnen wurden die beiden jungen Mädchen mit dem Aufruf „Für Euch hat Tucge A. ihr Leben gelassen, nun meldet Euch wenigstens“ gesucht. Meines Empfindens nach tragen diese beiden Mädchen in keiner Form eine Mitschuld an dem Tod von Tugce A. sowie an der vorangegangenen Eskalation. Ebenso wenig hat Tugce A. ihr Leben für diese gelassen. Das ist nach der derzeitigen Beweislage eine für mich hanebüchene Aussage und es war eine solche bereits durch die Freundinnen von Tugce A., die als Einzige Kenntnis von der wahren Situation hatten. Trotzdem haben diese es zugelassen, dass die beiden Mädchen öffentlich unter Druck gesetzt und medial „angefeindet“ wurden.

    Diese Tatsachen sowie die Tatsache, dass der junge Mann meiner Einschätzung nach hier in Deutschland nach der unverzüglichen medialen Hatz durch Medien, Freunde und Öffentlichkeit ohne neutrale Beweisaufnahme keine fünf Minuten auf offener Straße überlebt hätte, haben mich beunruhigt und beunruhigen mich noch heute… Ich dachte, dass wir aus unserer Vergangenheit gelernt hätte und aus diesem Grund – und nicht wegen möglicher Wurzeln der Autorin – der aktuellere Vergleich zu der heutigen IS. Diese Überlegung beunruhigt mich nach wie vor weit mehr als die angeprangerte Fragestellung von Richter und Staatsanwaltschaft…

  2. @ Herrn Schultz
    Sie waren schneller mit Ihrem Beitrag, den ich leider vor meiner Antwort nicht gelesen habe. Auf dieses erste Zusammentreffen bezog ich mich und ich danke Ihnen, dass Sie dies so verstanden und bewertet haben.

  3. Pingback: Sie heisst Tuğçe Albayrak | Kreaktivisten.org

  4. Verantwortung von Mc D?
    Es war Richtig, dass Tuğçe Albayrak nachgeschaut hat.

    Ich frage mach allerdings, was 14jährige Mädels nachts um 2 in einem Burger-Restaurant ohne Begleitung ihrer Erziehungsberechtigten verloren haben. Es heisst ja nicht umsonst „Gesetz zum Schutz der Jugend“.

  5. Pingback: Selber Schuld. | ZweiMäderlHaus

  6. Deeskalation?!
    Auch am letzten Prozeßtag hätte ich mir mehr Deeskalation gewünscht, in der Warteschlange der Besucher m/w im Gerichtsgebäude, im Gerichtssaal selber und auch vor dem Gerichtsgebäude.

    Es fehlte der RESPEKT vor anderen Menschen und Meinungen.

    Quo vadis, Bundesrepublik Deutschland?

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