Ich. Heute. 10 vor 8.

Das alberne Korsett

Der angesehene Verlag C.H. Beck senkt sein Niveau so weit ab, bis die weibliche Zielgruppe erreicht scheint. Das ist angesichts der Verlagskrise zwar verständlich, aber weder interessant noch gut für Frauen.

© Mathilda Samuelsson, CC BY-SA 2.0Wozu ein inneres Korsett, wenn ein äußeres seinen Zweck erfüllt?

Seit Monaten liegt dieses Buch bei mir zuhause auf dem Stapel der zu verarbeitenden Bücher. Hin und wieder nehme ich es in die Hand, blättere ratlos darin herum und lege es wieder zurück. Der Verlag C.H. Beck hat es mir geschickt. Heute hätte ich es fast mitgenommen, an meinen Arbeitsplatz, habe dann aber doch davon Abstand genommen, denn es wäre mir ein bisschen peinlich, wenn meine Kolleginnen und Kollegen mich damit sähen.

Der Beck Verlag ist ja nicht irgendein Verlag. Er gehört für Juristen wie für Historiker zu den allerersten Adressen, sein Name verbindet sich mit dem Guten, Gewichtigen, Gediegenen. Er lebt von der Reputation, über modische Eintagsfliegen, Pamphlete und billige Ratgeberliteratur erhaben zu sein. Das Traditionelle und Konservative rechtfertigt sich bei ihm durch die geprüfte, langlebige Qualität, durch seine eindrucksvolle „Backlist“. Deshalb macht es eigentlich Freude, Bücher von ihm geschenkt zu bekommen – diese Bücher halten sich im Regal eine Weile, auch wenn sie wenig innovativ und nicht wirklich aufregend sind und gerade deshalb kaum jemals richtige Klassiker werden können.

Also was erwartete ich, als ich die Buchsendung aus dem Briefkasten fischte? Die „Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert“ von Ulrich Herbert wäre zum Beispiel hübsch gewesen, gern gehabt hätte ich den Katalog des Münchner NS-Dokumentationszentrums. Oder meinetwegen auch irgendeine Biographie. Doch der Beck Verlag hatte mir etwas anderes zugedacht: ein aufreizend rotes Taschenbuch mit dem Titel: „DAS INNERE KORSETT. Wie Frauen dazu erzogen werden, sich ausbremsen zu lassen.“

Das innere Korsett! Um Himmels willen. Wie kommt der Beck Verlag darauf, dass mich das interessieren könnte, und warum interessiert ihn selbst das – ihn, der sonst immer nur das universalisierte „man“ kennt, den „Historiker (m/w)“, den „Professor (m/w)“ oder „Redakteur (m/w)“? Doch bin ich zugegeben eine Frau und habe selbstverständlich internalisierte Zwänge, so wie jeder Mensch sich hin und wieder selbst im Wege steht, und natürlich werden diese Zwänge auch geschlechtsspezifisch ausgeprägt. Und sogleich wirkte dieser unverschämte Titel: Er sprach mich an, obwohl ich es nicht wollte. Er löste sogar die ganz und gar paranoide Vorstellung aus, der Beck Verlag wisse etwas von mir, er habe sein väterliches Auge auf mir ruhen lassen, um mir und meinen Leidensgenossinnen zu helfen, und zaubere jetzt eine Analyse hervor, damit wir endlich verstehen, warum wir so dumm und so schwach sind.

Was immer er will oder weiß – beim zweiten Blick auf den Umschlag war klar, er meint es nicht nett: Blassrot steht der Titel zwischen den Umrissen eines Frauenleibes: des Leibes einer jungen Frau, der weniger durch ein Korsett geschnürt als wie durch ein Mieder zur Geltung gebracht wird. Unten herum ersetzt der Untertitel schwungvoll das Bündchen der Unterhose; und das Dekolleté oben herum bilden die beiden neckisch geschwungenen Namen der Autorinnen, die eine über dem linken und die andere über dem rechten Busen. Im Missy Magazin hätte ich diese Abbildung vielleicht lustig-ironisch gefunden. Aber unter dem Label des Beck Verlages traf mich der Anspruch einer geschlechterkritischen Untersuchung mit einer offen sexistischen Aufmachung ungefähr so, wie wenn sich ein Gentleman alter Schule, an dem ich bisher die guten Manieren schätzte, aus heiterem Himmel zum Feministen erklärt und gleichzeitig als grapschender alter Mann entlarvt.

 

Jeder weiß, dass es Historikerinnen, Soziologinnen, Philosophinnen, Verlegerinnen, Lektorinnen, Redakteurinnen, Juristinnen beim Beck Verlag noch etwas schwerer haben als sowieso schon. Ganz zu schweigen von den sich nicht auf „Frau“ oder „Mann“ festlegen wollenden Transmenschen, den Professorx, Historikerx und Redakteurx, denen gegenüber sich der Beck Verlag wie praktisch alle gediegenen und weniger gediegenen Leute in diesem Land mit betonharter Ignoranz verschanzt. Jeder kann in fünf Minuten die objektiven Zahlen zusammenrechnen: Bei den Neuerscheinungen des schöngeistigen Beck Verlags beträgt der Anteil männlicher Autoren zur Zeit 84 Prozent. Bei den historischen Titeln der letzten Jahre – die mich besonders interessieren – beträgt er über 90 Prozent. Unter den 15 „Empfehlungen der Redaktion“ auf der Verlags-Website findet sich eine einzige Frau, die Verfasserin eines Romans. Die zwölf Sachbuch-Empfehlungen nennen ausschließlich männliche Autoren, sie haben also eine Frauenquote von null Prozent. Ein Blick in die Programme und die Jubiläumsfestschriften des juristischen Beck Verlages zeigt, dass es dort nicht besser, sondern eher noch schlimmer aussieht.

Zurück zum Buch. „Frauen dürfen heute alles – und kommen trotzdem nicht voran“, steht auf dem Rücken des Buchs und des Frauenleibes. Nein, das stimmt nicht, es ist empirisch falsch. Frauen dürfen einerseits heute durchaus nicht alles und kommen andererseits doch immer wieder ganz gut voran, wenn auch nicht unbedingt beim Beck Verlag. Vielleicht sind ja auch die beiden Autorinnen, zwei Journalistinnen, mit ihrer Veröffentlichung bei einem renommierten Verlag gerade dadurch beruflich voran gekommen, dass sie sich typisch weiblich nicht gegen die Gestaltung und den Klappentext gewehrt haben, obwohl die Gestaltung und der Klappentext vielleicht im Widerspruch zu ihren Aussagen in dem Buch stehen? Könnte ja sein. So wie in autoritären Regimen unter Zensurbedingungen Buchumschlag und Klappentext auf falsche Fährten führen, damit der subversive Inhalt überhaupt verbreitet werden kann.

Was Gabriela Häfner und Bärbel Kerber zu den internalisierten Zwängen der Frauen zu sagen haben, ist allerdings auf 180 Seiten ausgebreitet auch nicht mehr als das, was der Klappentext schon sagt: Die Frauen ergreifen die Chancen nicht, die ihnen in einer Welt der objektiv erreichten Gleichberechtigung dargeboten werden. Schuld daran sind die Rollenklischees und Geschlechterstereotype, denen sie von klein auf folgen, weil einige „(un)heimliche Erzieher“ (Medien, Werbung usw.) sie darauf abgerichtet haben. Lillifee, Germany‘s Next Topmodel, Frauenbratwürste, „Sei heiß, Baby“, Kino und Fernsehen bieten den Mädels Frauenbilder an, die ihrem Selbstbewusstsein schaden, die sie in die Irre führen und dazu treiben, ohne äußere Not selbst ihre Karrieren zu verpfuschen. Den Mädels obliegt es, den Rollenklischees eine Absage zu erteilen und sich endlich zu nehmen, was ihnen doch längst gegeben wird.

Wäre ich eine Ratgeber-Rezensentin, würde ich den Mädels raten, diese Ratschläge nicht allzu ernst zu nehmen. Wer Karriere machen will und marktkonform denkt, weiß doch genau, dass die Investitionen, die Frauen in ihre Schönheit, Anschmiegsamkeit, Mütterlichkeit und sonstigen weiblichen Tugenden machen, fast immer gut angelegt sind.

Ich bin aber keine Ratgeber-Rezensentin. Mich interessieren gute Bücher und Analysen. Mich interessieren die Zirkelschlüsse, die all diesen Diagnosen der erreichten oder nicht erreichten Gleichberechtigung zugrunde liegen. Die Frauen werden mit dem Erfolgsversprechen auf Trab gehalten, dass es sich lohne, sich über ihr inneres Korsett zu grämen, das ihnen abverlangt, sich darüber zu grämen, dass sie sich über ihr inneres Korsett grämen. Der Beck Verlag rutscht in die Frauenratgeber-Sparte ab, weil er sich Erfolg davon erhofft, sexistisch die sexistischen Einstellungen anzuprangern, die sich nur ändern werden, wenn sich die sexistischen Einstellungen ändern werden. Die Wurstindustrie umwirbt Wurstkonsumentinnen mit Frauenbratwürsten. Der Beck Verlag umwirbt Buchkäuferinnen mit Büchern zum „Thema Frau“, wo Frauen auf typisch weibliche Art ihr typisch weibliches Versagen mit ihren typisch weiblichen Rollenvorstellungen sich selbst zuschreiben. Was für ein Leerlauf! Was für eine wahnsinnige Zeitverschwendung!

Internalisierte Zwänge sind nur interessant, wenn man sie auf die äußeren Zwänge zurückführt, die die Internalisierung notwendig gemacht haben. Dazu fehlt Forschung, dazu fehlt gute Literatur. An einigen, wenigen, schlecht ausgestatteten Lehrstühlen in Deutschland arbeiten ein paar Leute dazu und produzieren provozierende, unsere Ordnung in Frage stellende Texte, die dann zum Beispiel so klingen: „(Re)Konstitution der ›Ausnahmefrau‹ zur Stabilisierung des heteronormativen Feldes der Ingenieurwissenschaften.“ Oder: „Geschlechterkonstruktionen und Körpergeschichten. Überlegungen zur Rekonstruktion leiblicher Aspekte des ‚doing gender‘ in biographischen Erzählungen.“ Ich gebe zu, das liest sich sperrig und unbequem und irritiert unsere sprachlichen Konventionen. Aber wäre es nicht eine würdige und lohnende Aufgabe für Verlage wie den Verlag C.H. Beck, mitzuhelfen, dass sich aus diesen Forschungen eines Tages geprüfte, gewichtige, langlebige Traditionen bilden? Dass daraus interessante, gut lesbare, einem breiteren Publikum zugängliche Bücher werden und nebenher vielleicht eine bessere, gerechtere Welt entsteht? Wäre das nicht würdiger, als sich an diesen Popanz anzubiedern, der zur Zeit als vermeintlicher Feminismus oder neue Frauenfrage oder was auch immer wie eine Sau durchs Dorf getrieben wird?

Und jetzt muss leider sein Geschenk an mich den Weg in den Papierkorb nehmen. Auf dem Stapel hat es lang genug gelegen, und mein Regal hat dafür keinen Platz.