Ich. Heute. 10 vor 8.

Muezzin Unplugged

Unruheherd oder Sehnsuchtsort – der Balkan birgt viele Wahrheiten. Eine Schriftstellerin begibt sich auf eine Reise zum Mittelpunkt der Missverständnisse.

© Edi Matić 

Vor der Abreise saß ich in der verrauchten Wohnung meines Bruders in der Adriastadt Split und verfolgte die Übertragung der Anti-Regierungs-Demo in Skopje. Ich wollte die Atmosphäre bei der größten Demonstration seit der Gründung des kleinen Staates zur Grundlage meiner Entscheidung machen, ob ich am nächsten Morgen das Flugzeug besteigen sollte. Im Internet tauchte eine Hiobsbotschaft nach der anderen auf: Die Russen seien besorgt, da sie davon ausgingen, dass Europa – wie im Fall der Ukraine – die Revolution nach Mazedonien exportiert habe. Die Amerikaner seien ebenfalls besorgt, da sie es beunruhigend fänden, dass sich die Russen auf dem Balkan einmischten. Die Serben seien besorgt, denn es sei doch klar, dass da gerade Großalbanien entstehe. Mazedonien, so äußerten sich einige übereifrige Bulgaren, sei sowieso ein künstlicher Staat ohne Daseinsberechtigung.

Eine E-Mail des Festivaldirektors Dejan Trajkovski half mir bei der Entscheidung: „Liebe Gäste“, schrieb er, „wir haben alle Anstrengungen unternommen, damit Sie sich sicher und wohl bei uns fühlen.“ Seit Monaten hatte er die dritte Ausgabe des Literaturfestivals PRO-ZA BALKAN  organisiert, und plötzlich drohte alles zu platzen, wenn Feiglinge wie ich im letzten Moment absagten. In Skopje wollte ich nicht nur die mazedonische Ausgabe meines Romans vorstellen, sondern auch Nikola Madžirov wiedersehen, der sich in eine Naturgewalt zu verwandeln pflegt, wenn er seine Gedichte vorträgt, und sonst der feinste und leiseste Mensch ist, den ich kenne; ich wollte Goce Smilevski treffen, den freundlichsten Romanautor des europäischen Kontinents, ich wollte Vladimir Martinovski sehen, der Essays in französischer Sprache schreibt und graphische Gedichte mit ironischen Reimen verfasst, ich wollte mit meinem Verleger, dem Schriftsteller Robert Alagjozovski sprechen, von dem ich viel über die Missstände im Land gelernt habe, und auch mit Liljana Dirjan, die genauso gut schreibt, wie sie kocht.

Es gibt viele Gründe, Mazedonien zu mögen: die Gerichte in einer orientalisch-mediterranen Tradition aus frischen und durch keine gekünstelte Modernisierung veränderten Zutaten; die Weine, die eine Seele haben – der bekannteste Rotwein trägt den Namen „Sehnsucht nach dem Süden“; die melancholischen Melodien gepaart mit ungewöhnlichen Rhythmen, die das Blut in Wallung bringen (oder ist es der Rotwein?). Die neue Architektur in Skopje, eine Mischung aus Disneyland, nationalistischem Größenwahn, Jahrmarkt und historischen Fälschungen, ist zwar zum Ziel der Reisenden geworden, die sich gerne über das verrückteste europäische Projekt nach dem Fall der Berliner Mauer lustig machen.  Doch dann ziehen sie zu dem wunderschönen und zum Glück noch nicht von der neuzeitigen Bauwut zerstörten Ohridsee weiter. Denn die Atmosphäre von Ohrid lässt den Albtraum der Neubauten in Skopje schnell vergessen.

Das Bau-Großprojekt „Skopje 2014“ ist das Gegenteil zur mazedonischen Feinfühligkeit, die aus der jahrhundertelang gepflegten Balance zwischen der orthodox-christlichen Geistigkeit und dem islamischen Fatalismus hervorgegangen ist. „Skopje 2014“ ist eine Faust ins Auge und ins Gehirn des Betrachters. Gefälschte historische Ereignisse verkleidet in Imitationen der Antike haben die Hauptstadt des kleinen Landes in ein bizarres Kabinett aus Wünschen und Projektionen verwandelt. Im neu gebauten Museum werden echte und vermeintliche historische Ereignisse mit Wachsfiguren nachgestellt. Auf einer Brücke erschaudert man vor der Hässlichkeit der Skulpturen, die neuzeitliche Politiker, Dichter, Schlagersänger oder Fußballspieler darstellen – hyperrealistisch in Bronze gegossen.

© Edi Matić 

Auf den Hauptplätzen erschrecken den Besucher die martialischen Krieger und Könige, die zum materialisierten Aufschrei einer von den benachbarten Staaten verleugneten Nation geworden sind: Die Griechen verweigern der Republik Mazedonien den Namen des Landes, die Bulgaren streiten den Mazedoniern die Existenz einer eigenständigen Sprache ab, die Serben erkennen ihre Kirche nicht an, die Albaner machen ihnen das Territorium streitig. Die lieben Nachbarn! Und man wäre nicht auf dem zauberhaften Balkan, wenn die Zurschaustellung des Stolzes und des Widerstands, die einen aus all diesen Brunnen, Säulen, Portalen und Triumphbögen anschreit, nicht zugleich auch eine günstige Gelegenheit gewesen wäre, öffentliche Gelder zu unterschlagen und sich an den Bauvorhaben zu bereichern.

„Aus unserer Geschichte kann man immer Schlüsse für die Gegenwart ziehen“, sagt Dejan Trajkovski müde, als ich ihn nach der Eröffnung des Festivals auf seine Romane anspreche. Er ist dennoch glücklich, denn wir sind alle da: Autoren, Agenten, Verleger aus Slowenien, Albanien, aus der Türkei, aus Serbien, Kroatien, Italien und Deutschland. Dejan hatte ein logistisches Wunder vollbracht: Wir sind pünktlich zur Eröffnung im Festsaal des mazedonischen Kulturzentrums eingetroffen, und obwohl das Publikum kleiner ist als erwartet, sind doch viele gekommen. Für den Abend ist die Gegendemonstration angesagt: Die Regierungstreuen wollten nationale Fahnen schwenken, orthodoxe Kreuze in die Höhe strecken, den Premierminister Gruevski hochleben lassen. „Die sind alle bestellt“, raunt uns jemand in einem Café zu, „sie haben einen freien Tag und Proviant bekommen.“ „Und sie fürchten um ihre Stellen“, sagt seine Frau düster.

Über die Stadt wacht ein Riesenkreuz, von innen weiß beleuchtet. Grellgrüne Neonlichter schmücken das Minarett, das zu einer schönen alten Moschee direkt neben unserem Hotel gehört. Morgens, gegen 5 Uhr, fallen alle Gäste aus ihren Betten, die Lautsprecher krächzen metallen, sie sind sehr laut eingestellt. Jemand sollte dem Muezzin diskret erklären, dass seine Stimme unplugged sehnsüchtig und magisch klingen könnte, so aber eher einem Kampfruf ähnelt. Doch das traut sich wohl niemand. Der fragile Frieden in einer multikulturellen Gesellschaft wird durch die geduldige Praxis von Höflichkeit und Flexibilität geschützt. Der Festivalproduzent und Verleger Nikola Madeshovski seufzt kurz auf: „Ich habe alle Kalender genau studiert: den orthodoxen, den katholischen, den muslimischen, damit ich den Termin des Festivals auf solche Tage lege, die für alle akzeptabel sind, aber die Demos konnte ich nicht vorhersehen.“

Am zweiten Festivalabend gehen die slowenischen Kollegen in die Zelte der Regierungsgegner, um ihnen Grüße slowenischer Aktivisten zu überbringen.“Wir wollen soziale Gerechtigkeit, Chancengleichheit und einen Staat, in dem alle Bürger die gleichen Rechte haben. Wir sind für das friedliche Zusammenleben aller Ethnien und gegen jede Diskriminierung“ – wiederholen alle, die wir nach der derzeitigen Situation befragen. Regenbogenfarbene Flaggen schmücken die Zelte. Russen? Amerikaner? Serben? Bulgaren? Griechen? Großalbaner? „Ich seh was, was du nicht siehst“, flüstert mir das Internet in der Nacht ins Ohr. Ich kann nicht schlafen, denn der Muezzin hat mich wieder aus dem Bett geworfen. Sein Ruf vermischt sich mit dem Rauschen des Wassers, das unten im Hotelschwimmbad auf die ersten Spa-Besucher wartet.

© Edi Matić