Ich. Heute. 10 vor 8.

Wenn die Auster zweimal klemmt

Schwangerschaft ist keine Krankheit und Mutterschaft kein Dilemma. Auch wenn unsere Gesellschaft das oft so sieht. Das Mutterschutzgesetz jedenfalls ist ein Plage, die den Geist der 50er atmet

© Christian WernerAuster? Jacobs-Muschel?

BONK! Ich erinnere mich an das Geräusch. Die Fruchtblase platzte, nur wenige Sekunden, nachdem ich endlich den Computer zugeklappt hatte, zwei Wochen zu früh. Da ich als selbstständige Journalistin und in der Phase zwischen dem Ende des Studiums und der geplanten Promotion schwanger wurde, einen Mutterschutz scheinbar gegenüber Niemandem geltend machen konnte, hatte ich eine Abmachung mit mir selbst: zumindest drei Wochen vor der Geburt eine Pause einzulegen.

Der Mutterschutz fiel also für mich aus. Ich wusste nicht einmal, dass ich als Selbstständige, angenommen ich wäre gesetzlich versichert und hätte freiwillig den Zusatz „Anspruch auf Krankengeld“ mit abgedeckt, 14 Wochen Anrecht auf Mutterschutz gehabt hätte, also finanziell geschützt wirklich eine kleine Pause hätte einlegen können.

Ich bin jedoch nicht die einzige, der der Mutterschutz entgangen ist. Auch Leiharbeiterinnen, befristest Beschäftigte, Geschäftsführerinnen, Schülerinnen, Studentinnen, Praktikantinnen, Soldatinnen, privat versicherte Selbstständige und Frauen, die eine Fehlgeburt erlitten haben, fallen nach der geltenden Gesetzeslage aus dem Mutterschutz raus. Das Mutterschutzgesetz ist nicht nur aufgrund der Orientierung am Normalarbeitsverhältnis gnadenlos veraltet und unzureichend.

Es geht auf ein Gesetz von 1952 zurück, das als Ersatz für das vom Geist des Nationalsozialismus vergiftete Gesetz zum Schutz der erwerbstätigen Mutter aus dem Jahre 1942 bis heute umgesetzt wird. Auch wenn das Mutterschutzgesetz eine der großen Errungenschaften des Arbeits- und Arbeitsschutzrechts für Frauen ist, wäre eine Novellierung dringend notwendig, denn seit den 50er Jahren ist doch so einiges passiert, möchte man meinen.

Heute ist meine damalige Situation, selbstständig von Zuhause arbeitend und nicht abgesichert, für viele Frauen Realität. Ich verpasste meinen Mutterschutz. Eine „richtige Schwangere“ wollte ich sowieso partout nicht sein. Die größte Angst hatte ich davor, dass meine vorherigen Interessen in der Schwangerschaft unmerklich, aber unwiderruflich verschwänden, dass ein Vakuum entstehen könnte, welches im Umkehrschluss durch die totale Konzentration auf das Kind kompensiert werden müsste. Also spielte ich überzeugend die Rolle der Anti-Mutter.

Kein Wunder, dass ich, während ich erschrocken der Dinge harrte, abends, nach getaner Arbeit, wie besessen Adornos „Dissonanzen“ und „Absicht“ von Elizabeth Anscombe las, um dem ominösen „Ammennebel“ nicht anheimzufallen. Doch die Falle, in die ich nicht tappen wollte, ließ in der Konsequenz ein ganzes Bündel anderer Fallstricke baumeln.

“Sehen wir also zu, wie Sie, so angetan, im Regen der Floskeln standen und lächelten, immerzu lächeln und leise brillieren. Das ist die Gegenwart.” Monika Rincks Satz hat sich mir eingebrannt. Sein Echo klingt auch rückwärts. Denn auch wenn ich die Schwangerschaft und die Verschiebung der Anforderungen an mich sehr bewusst beobachtet habe, habe ich erst im Nachhinein wirklich verstanden, dass alle werdenden Mütter gute Miene zum bösen Spiel machen. Das „Stellt-euch-nicht-so-an“-Mantra, das als gesellschaftlicher Imperativ besonders für schwangere Frauen gilt, muss niemand laut aussprechen. Es ist gänzlich internalisiert.

Mutterschutz ist kein individuelles Problem, das wir weglächeln können, es gehört auf die politische Agenda. Im Gleichstellungsbericht ist das Thema unter den Tisch gefallen, obwohl eine schwangerengerechte Arbeitswelt ein Kernthema der Gleichstellungsdebatte sein sollte. Denn die Probleme beginnen nicht erst im Kreißsaal; die Auswirkungen auf die gleichberechtigte Teilhabe, die Einschnitte in die Lebensläufe von Frauen nehmen bereits in der Schwangerschaft ihren Anfang.

Um Einfluss auf die Gesetzesänderung des Mutterschutzgesetzes zu nehmen, das im Koalitionsvertrag für diese Legislaturperiode vereinbart wurde, hat sich jetzt ein breites Bündnis formiert. Ver.di und der DGB mit der Arbeitnehmerkammer Bremen, dem Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft, die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe haben Verbesserungsvorschläge zusammengetragen, die vor allem darauf abzielen, den Mutterschutz als Arbeitsschutzrecht und nicht als familienpolitische Leistung ernst zu nehmen. Die dringend notwendigen Modernisierungen des Gesetzes sollten an die Arbeitswelt 2.0 und an die Gefahrenlage angepasst werden, die ebenfalls andere geworden sind.

Der Arbeitgeber ist verpflichtet, den Arbeitsschutz für Schwangere und die Teilhabe am Arbeitsleben zu gewährleisten, und zwar vorbeugend. Bislang ist es allerdings so, dass viele der abhängig beschäftigten schwangeren Frauen auf Anraten des Arbeitgebers um ein individuelles Beschäftigungsverbot bitten – das jedenfalls ist die Erfahrung der niedergelassenen Gynäkologinnen, mit denen das Netzwerk im Gespräch ist. „Meine Chefin hat gesagt, Sie sollen mir ein Beschäftigungsverbot ausstellen“, ist der Satz, den sie immer wieder zu hören bekommen. Oft werden die Gynäkologinnen auf diese Weise subtil „gezwungen“, ein letztlich falsches Attest auszustellen, denn die Frau ist – trotz Schwangerschaft – gesund und arbeitsfähig.

Die Schwangere ist auf diese Weise schnell aus dem Job raus, die Lohnfortzahlung wird vom Umlagesystem übernommen und der Arbeitgeber ist seiner Pflicht enthoben, den Arbeitsplatz an die individuellen Schutzbedürfnisse anzupassen. Das ist fatal, denn es verdeutlicht nicht nur den Druck, unter dem Frauen stehen, wenn sie ihrem Arbeitgeber mitteilen (müssen), dass sie schwanger sind, sondern auch für den generellen Umgang der Arbeitgeber mit Schwangeren.

Von einer „gigantischen Fehlleistung“ sprechen auch Expertinnen, die in den Landesbehörden oder Berufsgenossenschaften für den medizinischen und sozialen Gesundheitsschutz von Frauen zuständig sind. Denn die Mutterschutzumlage macht es für Arbeitgeber attraktiv, die Kosten des Beschäftigungsverbots abzuwälzen und sich die Ausgaben für eine schwangerengerechte Gestaltung des Arbeitsplatzes zu sparen. Der Arbeitgeber sucht sich lieber Ersatz, statt Wege zu finden, wie er die Schwangere, an ihre individuelle Situation angepasst, einsetzen könnte.

Damit Frauen nicht schon vor der Geburt des Kindes aus dem Arbeitsleben hinausgedrängt werden, müssten sich präventive Maßnahmen für den Arbeitgeber lohnen. Effektiv wären Sanktionen für allgemeine Beschäftigungsverbote ohne sachlichen Differenzierungsgrund und ein Boni-System für diejenigen Arbeitgeber, die den Arbeitsschutz umsetzen. Andernfalls „verkehren sich die Schutzabsichten der Mutterschutz-Regelungen ins Gegenteil und werden zum Anlass genommen, Frauen aus der Erwerbstätigkeit herauszudrängen“, heißt es in der Mutterschutzbroschüre des DGB.

Eine schwangerengerechte Arbeitswelt, die auf eine Teilhabe von Frauen setzt, solange diese für jede Einzelne gesundheitlich möglich ist, stünde am Anfang einer Kette von arbeitsmarkt- und sozialpolitischen Maßnahmen, welche die Risiken abmildern, sich für Kinder zu entscheiden. Der Kündigungsschutz des Mutterschutzgesetzes, der etwa bei befristeten Stellen nur eine eingeschränkte Schutzwirkung entfaltet, muss verbessert werden. Probleme, die sich bei der Rückkehr aus dem Mutterschutz an den Arbeitsplatz stellen, sollten bei einer Gesetzesnovellierung behoben werden.

Weibliche Lebensläufe sind von diesen Unterbrechungen geprägt, und die gravierenden Konsequenzen, die daraus entstehen, sind langwierig und gut dokumentiert – von Lohneinbußen beim Gesamteinkommen im weiteren Berufsverlauf bis zu den Auswirkungen auf die Rentenansprüche. Benachteiligungen von Frauen, die mit einem retraditionalisierten Familienmodell einhergehen, beginnen also, um mein Mantra zu wiederholen, nicht erst mit der Geburt des ersten Kindes, sondern schon in der Schwangerschaft.

Spätestens für ein Kind hat man sich gefälligst anzupassen, mitzuspielen, das war die große Lektion, die ich während meiner Schwangerschaft erteilt bekam. Bei jedem Schritt, den ich tat, signalisierte mir meine Umwelt, wie eine richtige Familie auszusehen und wie man sich entsprechend zu verhalten hat. Abseits dieser unverhüllten Normierungen ließe sich aber formulieren, wie wir leben und arbeiten wollen, ohne alle Konsequenzen der Unterbrechungen durch Care-Arbeit selbst zu tragen. Schlecht gelaunt, fordernd, und vielleicht für ein paar Wochen wirklich mal faul.

© Christian Werner