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Laurie Penny wird in Deutschland zum Star

Eine britische Feministin kommt, und die Leute kommen hinterher. Es wird viel gelacht und einmal auch geweint, aber nur vor Rührung. Was ist da los? Eine Erkundung von Margarete Stokowski

© Martha Dörfler, Rosa-Luxemburg-Stiftung, CC BY 2.0  

Dass es anstrengend wird mit der Revolution, das hat sie geahnt. Laurie Penny schreibt in ihrem neuen Buch „Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution“, die jungen Frauen von heute wüssten sehr gut, wie viel Arbeit noch vor uns liege, wenn wir über Macht, soziale Klasse, Arbeit, Liebe, Hautfarbe, Armut und Genderidentität reden wollen. „Dieses Buch steht am Beginn einer solchen Diskussion, und wenn diese Diskussion nur Frauen anspricht, die eine ähnliche Vorgeschichte haben wie ich, dann lohnt sie sich nicht.“

Dass es eine derartige Party wird, wenn sie mit diesem Buch nach Deutschland kommt, das hat sie nicht geahnt. Nach Hamburg, Köln, Leipzig und Frankfurt ist sie am Mittwoch in Berlin gewesen. Auf Facebook hatten 1.016 Leute zugesagt, das SO36 war überfüllt: Nicht alle kamen rein – genauso wie in Köln. Die Vorverkaufskarten waren schnell weg, danach gab es „nur noch“ 200 Karten an der Abendkasse. Absurde Zahlen für eine Buchpremiere.

Alle wollen Laurie Penny hören. Was ist da los?

Laurie Penny, britische Journalistin, Bloggerin, Feministin, ist 28 Jahre alt. Sie ist klein und zierlich und in jedem anderen Text würde jetzt der Satz folgen: Sie wirkt zerbrechlich. Tut sie aber nicht. Laurie Penny ist nicht zuletzt deswegen die wichtigste junge Stimme des englischsprachigen Feminismus geworden, weil sie radikal ist und weiß, an welche Stellen die „Fuck you’s“ gehören. Verletzlich: ja. Sie erzählt sehr viel vom eigenen Kaputtsein. Zerbrechlich: nein.

Laurie Penny verbindet Feminismus, Antirassismus und Kapitalismuskritik an den Stellen, wo sie dringend zusammengehören. Sie schreibt darüber, wie Frauen lernen, ihren Zorn zu fürchten und ihre Aggressionen gegen sich selbst richten. Sie weiß, dass Feminismus nicht darin bestehen kann, Frauen noch mehr Regeln für ihr Verhalten und Aussehen zu geben: „Mir ist eure Körperbehaarung scheißegal.“

Damit durchbricht sie auch viele der Bilder, die oft über „den Feminismus“ verbreitet werden. Nicht alle Feministinnen jubeln über Frauenquoten für Aufsichtsräte:

„Die Art Feminismus, die seit Jahren in den Medien eine Rolle spielt und die Schlagzeilen beherrscht, nützt in erster Linie den heterosexuellen, gut verdienenden weißen Frauen der Mittelschicht und der oberen Mittelschicht. Öffentliche ‚Karrierefeministinnen‘ sind damit beschäftigt, ‚mehr Frauen in die Vorstände‘ zu bringen, dabei besteht das Hauptproblem darin, dass es schon viel zu viele Vorstandszimmer gibt und keins von ihnen brennt.“

Am Abend vor der Lesung in Berlin sitzen wir auch schon zusammen, Lauries deutscher Verlag die Edition Nautilus hat eine Handvoll Leute eingeladen, zum Reden und Trinken. Wir sind zu Hause bei Katharina Florian, die im Verlag für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Katharina erzählt, wie gut besucht all die Lesungen sind und wie sie mit Laurie von Interview zu Interview hoppt. „This is completely nuts“, findet Laurie Penny. Sie lacht und vergräbt ihr Gesicht in ihren Händen. Zu ihren englischen Lesungen kommen lange nicht so viele Leute. Bei der Premiere ihres ersten Buchs, „Meat Market“ („Fleischmarkt“ in der deutschen Übersetzung) kamen 15 Leute, erzählt sie, “inklusive meiner Mutter.“ Bei „Unspeakable Things“ seien es vielleicht hundert gewesen.

Nun, im SO36, hören ihr Hunderte zu. Locker 90 Prozent Frauen, meist jung, aber nicht alle. Die Frau vor mir trägt ein Kleid mit Katzenköpfen, die schräg rechts hat grüne Haare, hinten quengelt ein Baby. Es ist auch eine Art Netzfeministinnen-Klassentreffen.

Die Schauspielerin Iris Boss liest aus dem aktuellen Buch. Sie beginnt mit dem Kapitel über Schlampen, und allein dafür, wie sie das Wort „Schlampe“ ausspricht, hat es sich gelohnt, sie für diese Veranstaltung zu buchen.

„Immer wieder verblüfft mich der hohe Anteil ansonsten höflicher Männer und Jungs, denen es einen Kick gibt, wenn sie Frauen im Bett als Miststück, Hure und Schlampe bezeichnen. Angeblich feministische Männer und Verfechter eines sex-positiven Feminismus fragen vorher, die weniger aufgeklärten spucken es einfach nur aus. […] Schlampe. Es ist ein machtvolles Wort. Ich hole es mir zurück.“

Sie liest aus dem Kapitel über romantische Liebe. Darüber, wie falsch es ist, wenn Frauen sich ihr Leben lang nur um eins bemühen: die Liebe von Männern. Über Rebellion und Fantasie. „Wir müssen aufhören, uns unsere Träume von ranzigen alten Männern vorbeten zu lassen.“ Über das Geschichtenerzählen und neue Technologien : „Ich bin überzeugt, dass eines Tages zu viele Menschen ihre Geschichten vortragen, als dass man sie noch zum Schweigen bringen könnte. Das große Umschreiben hat schon begonnen.“

Es gibt viel Woohoo-Rufe bei dieser Lesung, es wird viel geklatscht und gelacht. Stefanie Lohaus, Herausgeberin des Missy Magazines, moderiert. Das ist sehr erholsam im Vergleich zu den anderen Interviews, die Laurie Penny die Woche über gegeben hat, und in denen sie immer wieder Fragen beantworten musste wie „Mal ehrlich: Wozu brauchen wir überhaupt noch einen Feminismus?“ Ja, diese ganzen Leute sind hier, weil wir ihn brauchen.

Man wüsste gern, wie Laurie Penny auf diese Frage im Interview mit dem Tagesspiegel reagiert hat, denn an diesem Abend betont sie, dass sie sehr froh sei, dass es auch geduldigere Feministinnen gibt: Wenn sie Leute fragen „Warum wir an dem Begriff ‚Feminismus‘ festhalten?“, ist ihre Antwort: „Das hat einen Grund, dass es so heißt. Alle Leute sind von Genderrollen unterdrückt, aber Frauen und Queers besonders. Wenn dir das nicht passt, geh in die Ecke und mach deine eigene Bewegung und komm wieder, wenn du fertig bist.“ Lachen und Applaus. Das ist die Haltung, für die sie geliebt wird. „Ich könnte nie Politikerin sein“, sagt sie. Nein, vielleicht eher nicht.

Feminismus braucht eine Vielfalt von Stimmen, sagt Laurie Penny, geduldige und ungeduldige. Anne Wizorek, #Aufschrei-Mitinitiatorin, ist eine von den Geduldigen. Laurie Penny erzählt, dass sie vor der Lesung mit Anne Wizorek essen war. Eine Schweizer Zeitung hat kürzlich geschrieben: „Gegen die laute, rotzige Penny wirkt die deutsche Anne Wizorek, die seit dem Hashtag ‚#Aufschrei‘ auf Twitter mit einem eher entwaffnenden, unspektakulären feministischen Engagement auffällt, geradezu wie ein Hüpfmädchen auf einer Blumenwiese.“ Das ist die Stimme des Patriarchats, sagt Laurie Penny: Feministinnen gegeneinander auszuspielen. Als könne es nur eine geben.

Laurie Penny und Stefanie Lohaus reden über Sexarbeit, über Slut Walks, über die Homo-Ehe und Abtreibung, über Viagra für Frauen, Body-Hacking und Science Fiction, über Mad Max, Faulheit, alte und junge Feministinnen, über Romantik und übers Heiraten (“Ich liebe Hochzeiten! Solange es nicht meine eigene ist”).

Irgendwann fragt jemand aus dem Publikum etwas zu Mainstreammedien und Beyoncé. “Du bist die vierte Person innerhalb einer Woche, die mich nach Beyoncé fragt“, sagt Laurie. „Ich würde nie etwas gegen sie sagen. Leute würden mich dafür köpfen. Beyoncé ist wunderbar. Sie hat es fertiggebracht, in eines ihrer Lieder, Flawless, eine Feminismus-Definition von Chimamanda Ngozi Adichie einzubauen, Millionen Menschen haben so vom Feminismus gehört. Ich würde niemals sagen, dass das nicht gut ist.“

„Du bist so ne Art Star hier, ne?“, fragt die Moderatorin. Laurie Penny kann auch nur rätseln, warum das so ist. „Vielleicht hilft es, dass ich nicht deutsch bin.“ Am Abend vorher erzählt sie, dass sie, nach ihrer Ankunft in Deutschland prompt von Alice Schwarzer geträumt hat. „Vielleicht ist es so, dass du weniger beängstigend bist, weil du nicht von hier kommst und die Machtstrukturen, die wir hier haben, nicht so sehr infrage stellst, wie wenn es jemand aus Deutschland tut“, sagt Stefanie Lohaus. Ja, vielleicht.

Es gebe jedenfalls zurzeit „eine große Energie um den Feminismus herum“, sagt Laurie. Sie sei fast neidisch auf die Menschen, die jetzt Teenies sind. Überall in England werden feministische Gruppen an Schulen oder Unis gegründet. Feminismus habe zwar viel mit rechtlichen Forderungen zu tun, aber eben auch mit kulturellen Mustern, die wir durch Handlungen ändern können – und das passiert gerade.

Irgendwann, gegen Ende der Lesung, meldet sich eine Frau aus dem Publikum und richtet das Wort an Stefanie Lohaus: Sie dankt ihr, weil sie während ihres Studiums mit ihr zusammen ein Seminar besucht hat und dadurch zur Feministin geworden ist. Stefanie Lohaus muss ihre Brille abnehmen, weil ihr die Tränen kommen.

Und Laurie packt die Flasche Gin ein, die sie für die Veranstaltung bekommen hat, und verabschiedet sich. “See you next days”, sagt sie, “or at least see you on the internet”.

Die Dokumentation der Diskussion finden Sie hier. (Die Lesung aus dem Buch durfte aus rechtlichen Gründen nicht aufgenommen werden.)