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Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Elternbeschimpfung

| 11 Lesermeinungen

Ab heute gibt es mehr Geld für Eltern. Aber mögen tut sie kaum jemand. Oder doch? Sie etwa? Mögen Sie Eltern?

###© public domain 

In den Medien wimmelt es von Bezeichnungen für Eltern, die sich zwar zunächst nur auf einen bestimmten Lebensstil beziehen, aber selten nett oder auch nur neutral benutzt werden: Helikoptereltern, Rabenmütter, Glucken, Narzissten, Impfgegner, Mütter vom Kollwitzplatz.

Heute wird das Elterngeld Plus eingeführt, das es ermöglichen soll, Beruf und Familie besser unter einen Hut zu bringen. Sie können dann länger Teilzeit arbeiten und nach den ersten zwei Jahren nicht nur 12, sondern 24 Monate zusätzliche Elternzeit beantragen. Mehr Geld ist erst einmal gut. Aber mehr mögen wird man sie deshalb nicht, die Eltern. Die Medien werden ihnen nach wie vor erklären, dass sie ihre Kinder zu sehr behüten, dass sie zu wenige Grenzen setzen, dass sie dem Förderwahn verfallen seien und zu viele Ratgeber lesen. Und im Alltag werden ihnen auch weiterhin wildfremde Menschen erklären, was sie sonst noch alles falsch machen.

Kürzlich – ich war mit zwei glücklichen müden Kindern, die den ganzen Nachmittag im Becken eines Springbrunnens geplanscht hatten, auf dem Weg nach Hause – wurde ich von zwei eleganten Damen sehr höflich gefragt, ob ich ihnen erklären könne, warum ich meine Zweijährige nackt über den Platz laufen lasse; wenn sie in dreißig Jahren davon erführe, würde sie darunter leiden, dass sie so unbehütet gewesen sei; warum ich ihr nicht wenigstens ein Höschen anziehen könne. Ich konnte den beiden nicht entlocken, ob sie sich wegen etwaiger umautorisierter Photos sorgen, oder schlicht der Meinung sind, Nacktsein gehöre sich für eine Zweijährige nicht. Doch letztlich beschäftigt mich nicht so sehr, warum die beiden nicht gut finden, dass meine Tochter nackt nach Hause läuft, sondern vielmehr, warum sie mir das mitteilen. Hatten sie gehofft, dass ich mich „bessere“? Dass ich das gewünschte Höschen zücke, mich für die Unterweisung bedanke und fortan darauf achte, mein Kind besser zu behüten beziehungsweise zu behosen? Vermutlich eher nicht. Warum aber investieren sie sonst Lebenszeit und -energie, um mich darauf hinzuweisen, dass ich etwas falsch mache?

Die Soziologie betont seit Émile Durkheim, dass Normverletzungen nicht oder mindestens nicht hauptsächlich deshalb „bewertend beantwortet“, also in der Begrifflichkeit der Soziologie: sozial sanktioniert werden, weil damit die Hoffnung auf Einsicht verbunden ist, oder zukünftige Taten verhindert werden sollen, sondern weil die Gemeinschaft sich der Gültigkeit dieser sozialen Normen versichern will. Der Täter wird sozial sanktioniert, damit wir alle sicher sein können, dass die verletzte soziale Norm noch immer gültig ist. Haben mich die beiden Damen also angesprochen, um die soziale Norm zu bekräftigen, dass es ungehörig ist, ein Kleinkind nackt nach Hause gehen zu lassen?

Vielleicht. Eigentlich ist jedoch keine allgemein akzeptierte Norm, dass Kleinkinder nicht nackt nach Hause gehen dürfen. Soziale Sanktionen wirken aber nur normbestärkend, solange sie sich auf abweichendes Verhalten einer Minderheit beziehen. Wenn eine große Zahl von Menschen ständig abweicht, lässt sich die Norm durch soziale Sanktionierung auch nicht mehr bestärken. Die beiden Damen könnten sich höchstens darüber getäuscht haben, dass ihre Vorstellungen allgemeingültige sind. Das glaube ich aber eigentlich nicht; denn die Beiden wirkten gar nicht ernsthaft überrascht ob meiner Uneinsichtigkeit. Sie wussten, dass sie Werte verteidigen, die nicht von allen geteilt werden.

So wie alle anderen sozialen Sanktionierer, die sich unter Frauen und Männern, und in unterschiedlichen Milieus finden, vermutlich wissen, dass sie sich nicht mehr auf einen gesellschaftsweit geteilten Konsens berufen können. Dazu passt, dass ja auch fast jedes Verhalten angeprangert werden kann: impfen, schimpfen, nicht impfen, nicht genug schimpfen, unhöfliche Kinder, dressierte Kinder, Babies tragen, nicht tragen, nackt baden, nicht baden lassen, zu lange baden lassen.

Vielleicht ging es also nicht um die gesamte Gesellschaft, sondern nur um eine bestimmte Gruppe? Soziale Sanktionen können auch dazu dienen, die eigene Gruppe gegenüber anderen abzugrenzen, die Grenzen der eigenen Gruppe zu markieren. Diese Form der Sanktionierung kann sogar mit der Hoffnung einhergehen, dass der Andere doch Einsicht zeigt, sich also gewissermaßen aufspaltet in sein früheres Ich, das die Handlung begangen hat, und sein aktuelles Ich, das sich dafür schämt und weiterhin zu der Gruppe gehören will, die diese Handlung missbilligt. Dann wäre die soziale Sanktion eine Art Einladung, die Situation wieder zu „reparieren“, sich doch noch als Mitglied der Gruppe zu erweisen. Wiederum ist Einsicht des Täters aber nicht nötig, um zu erklären, warum der Andere sanktioniert.

Und vielleicht geht es dabei auch nicht immer um existierende Gruppen, sondern manchmal schlicht darum, sich der eigenen Vorstellungen vom „richtigen“ Umgang mit Kindern gewissermaßen vor einer imaginierten Gemeinschaft Gleichgesinnter zu vergewissern, gerade weil so viele konkurrierende Vorstellungen existieren. Es gibt eine Studie, die zeigt, dass man Wutanfälle von Autofahrern, die der andere ja im Gegensatz zur Elternbeschimpfung nicht einmal hört und nur ausschnittweise sieht, als eine solche Anrufung einer imaginären Gemeinschaft ansehen kann, vor der symbolisch Gerechtigkeit hergestellt wird. Inszenieren die Sanktionierer also ihre Missbilligung, um mindestens vor ihrer imaginären Gemeinschaft zu bekennen, was das „Richtige“ ist?

Dann bleibt aber immer noch die Frage, warum insbesondere Eltern so gerne zur Zielscheibe solcher Sanktionierungen werden. Denn prinzipiell würden sich dafür ja auch andere Bereiche des Sozialen anbieten. Vermutlich spielt eine Rolle, dass vor allem Eltern mit kleinen Kindern mehr Anschauungsmaterial bieten als jede andere Gruppe, einfach weil sich viele Konflikte nicht auf später vertagen lassen, sondern für alle sichtbar ausgefochten werden müssen. Vermutlich spielt auch eine Rolle, dass Eltern junger Kinder vermeintlich leichte Beute sind: Sie sind besonders verletzlich, weil es um ihre Kinder geht, und sie können meist nicht weglaufen, weil sie sich um ebendiese Kinder kümmern müssen.

Nun kann man die Leute ja nicht dazu zwingen, netter zu Eltern zu sein. Es würde zwar in unsere Welt der Selbstoptimierung passen, aus diesem Beitrag jetzt einen Aufruf zu mehr Nettigkeit zu machen, am besten verbunden mit der Information, dass gar nicht so neue Studien herausgefunden haben, dass sich Nettsein lohnt. Aber darum geht es mir gar nicht. Eigentlich geht es mir noch nicht einmal darum, dass Sie Eltern wirklich mögen sollen. Ich mag ja auch nicht alle. Eigentlich genügt es, ihnen ähnlich wie den Teenagern zuzugestehen, dass sie Wesen im Umbruch sind.

Teenager werden jedenfalls in jüngster Zeit desöfteren von den Neurowissenschaften in Schutz genommen, weil sie ob der Großbaustelle in ihrem Gehirn gar nicht anders könnten als schusselig und aufmüpfig zu sein. Bei Eltern wird zwar vermutlich nicht das ganze Gehirn umgebaut, aber wir wissen immerhin, dass sich nach der Geburt auch bei Männern der Hormonspiegel verändert; wir wissen auch, dass „frisch gebackene“ Eltern chronisch übermüdet sind; wir wissen, dass sie die Geburt ihrer Kinder oft mit eigenen Kindheitserfahrungen und -mustern konfrontiert, von deren Existenz sie bis dato nicht viel geahnt hatten; und wir wissen, dass es – wie bei Teenagern auch – eine ganze Weile dauern wird, bis sie sich in ihrer neuen Rolle zurechtgefunden haben.

Weiterlesen:
Catherine Newmark: Das Problem der Deutschen mit den Kindern.
Caroline Drucker: 103 Dinge, die ich gelernt habe, seitdem ich Mutter geworden bin

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11 Lesermeinungen

  1. Darf ich Ihnen zu der Frage "Warum machen die das" noch eine Alternative anbieten?
    Weil Kinder vom Norm- zum Ausnahmefall geworden sind. Sich dementsprechend die Vergewisserungsdebatte zwischen Verwandten und Bekannten über die „richtige“ Erziehung in die Öffentlichkeit verlagert hat. Und weil Menschen – ich zitiere mehrere Frauen mit hohen Kinderzahlen – erst nach dem dritten eigenen Kind gelassen werden, heute also niemand mehr.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • Sehr geehrter Herr Haupts,
      klar dürfen Sie. Es kann natürlich eine Rolle spielen, dass es weniger Kinder gibt, und dieses Argument wird ja in den Debatten auch häufig angeführt. Nur wäre mir eigentlich plausibel, dass eine solche größere öffentliche Aufmerksamkeit für das Thema Kind zugleich mit einer größeren Sensibilität für die Situation von Eltern einhergeht. Warum werden – wie ja meist betont wird – Kinder aufgrund der Kinderarmut zu einem Projekt für Eltern, aber Eltern nicht zu einem Projekt der Gesellschaft?
      Aber wer weiß, vielleicht kompensieren die Sanktionierer mit ihrer Kritik an Fremden ja auch, dass sie selbst gerne mehr eingebunden wären, oder vielleicht passender zum Thema: dass sie im Bekanntenkreis zu selten Gelegenheit haben, ihre Kritik loszuwerden. Vielleicht gibt es ja einen KritikanKleinkindeltern-Erhaltungssatz ;-).
      Und ja, Jesper Juul sagt, nach dem vierten Kind „könne“ man Kindererziehung. Leuchtet mir ein.
      H. Dietz

  2. Titel eingeben
    Liebe Hella Dietz,
    ich, heute jenseits der Fünfzig beneide junge Eltern in keinster Weise.
    Es bedeutet aber nicht, dass es mir zur Zeit der Begleitung meiner Kleinkinder und später Heranwachsenden besser ging.
    Ich denke, es gab und wird wahrscheinlich immer Menschen geben, die einfach perfekter sind, und somit besser wissen, was für andere gut ist.Meiner Meinung nach sehen sie es als ihre moralische Verpflichtung, ihr allgemeingültiges Wissen und ihre eigenen unermesslichen Erfahrungen an nicht so gut ausgestattete Individuen weiter zu geben.Schließlich brauchen wir, unser Volk in der großen Familie Europas, funktionierende, gewinnbringende, angepasste, möglichst nicht hinterfragende Individuen, die zur Aufrechterhaltung von Systemen unablässlich sind.
    Die Frage ist nur :Warum?
    Ist es vielleicht so, dass gerade wer unter Konditionierung und Sozialisierung am meisten leidet (und das tut Mensch mehr oder weniger),
    diese aus Gründen der Nichtliebe (warum soll es anderen besser gehen) fordert und oder diese in hohem Maße praktizieren.
    Ich glaube das Gefühl, die Empathie und auch die Intuition sind da bessere Ratgeber.Will man Kinder sich entwickeln lassen, muss man es auch zulassen! Ich selbst habe mich immer sehr lebendig gefühlt, wenn ich mit meinen Kindern gespielt, gelacht, geweint, geschmust habe, und mehr noch habe ich es genossen, wenn ich sie dabei beobachtet habe, wie sie sich selbst beim Spiel, beim Erlernen von Fertigkeiten, beim zwischenmenschlichen (freiwilligen) Umgang mit ihresgeleichen und auch mit Erwachsenen erfahren haben, und dabei ein wohliges Gefühl demonstriert haben. Sie waren einfach authentisch! Jedes Kind ist anders, und jedes Kind hat ganz persönliche Bedürfnisse.Diese muss es erst einmal selbst herausfinden.Spätestens wenn das Bedürfnis nach Gruppenzugehörigkeit in der Pupertät stärker wird tritt eine mehr oder weniger ausgeprägte Selbstverleugnung ein.Diese ist jedoch nicht irreversibel.Den Wunsch nach eben dieser Gruppenzugehörigkeit in späteren Jahren auf ein erträgliches und lebenserhaltendes Maß wieder herunterzuschrauben ist mit Arbeit in Form von Selbstreflexion verbunden.Beschneidung des Kindseins während der Kinderzeit erschwert meines Erachtens Menschseinsein in der Hinsicht, mitfühlend, verantwortungsvoll ,annehmend und respektvoll mit sich selbst, allen anderen Lebewesen und der Natur umzugehen.Fortschritt sollte in diese Richtung streben.
    Die Entscheidung für Kinder und Elternschaft ist mit viel Verantwortung für sich, das oder die kleinen wundervollen Wesen, die Mutter und Vater auch schon mal an den Rand des Wahnsinns treiben können,und die Gesellschaft, die wir alle sind, verbunden.
    Eltern brauchen Anerkennung und Unterstützung für ihren aufgebrachten Mut, sich in unbekanntes Terrain zu begeben. Sanktionen, Gängelungen zerstören das zarte Pflänzlein.Auch die GUT gemeinten!
    Die Ausdauer und der Wille zum Verzicht werden belohnt.Spätestens dann, wenn Eltern und Kinder sich liebevoll auf Augenhöhe gegegnen, oder noch schöner, Eltern erfahren dürfen, dass der eigens gegangene Weg der Kinder sie, die Kinder, die Eltern und somit auch die Gesellschaft ein Stück weit menschlicher machen.
    Herzlichst Birgit Schlattmann

    • Liebe Frau Schlattmann,
      danke für Ihren Kommentar. Vieles, was Sie über den Umgang mit Kindern geschrieben haben, sehe ich ganz ähnlich.
      H. Dietz

  3. Eltern mit fremden Augen
    Sehr geehrte Frau Dietz

    Ich empfinde die Nacktheit von Kleinkindern nicht als anstößig. Meine eigenen Kinder sind am Strand oft nackt umhergesprungen. Dennoch würde es mich irritieren, wenn nackte Kleinkinder mir in der Stadt auf der Straße entgegengelaufen kämen. Allerdings würde ich die Eltern vermutlich nicht ansprechen, sondern – an schlechten Tagen – in guter deutscher Kleinbürgermanier mit dem Kopf schütteln. Warum täte ich das? Warum würde ich die Eltern derart sanktionieren? Um mich meiner und meiner Standpunkte selbst zu vergewissern? Um mich von den Eltern der nackten Kindern abzugrenzen? Vielleicht, denn ich würde mich mit diesen Eltern nicht identifizieren können und ich würde mich fremd fühlen. Und diesem Gefühl würde ich gegebenenfalls vorsichtig Ausdruck verleihen. Ja, es gibt Tage, an denen ich meine Umwelt nicht ohne Wertung zur Kenntnis nehmen kann.

    Wenn ich aber jemanden anspreche, dann nicht in erster Linie, um mich meiner selbst zu vergewissern, sondern um zu versuchen, einen bestehenden Zustand nach meinen Vorstellungen zu verändern. Das kommt nicht oft vor. Zum einen, weil ich versuche, den Freiraum, den der gesetzliche Rahmen allen Bürgern des Landes gibt, zu respektieren, zum anderen weil ich kaum noch sicher sein kann, welche Reaktion ich auf meinen Versuch von sozialer Kontrolle von meiner Umwegung erwarten kann (ich bin mir also der in weiten Bereichen fehlenden Norm menschlichen Verhaltens in unserer Gesellschaft – und der daraus resultierenden fehlenden Solidarität bei solchen Versuchen – sehr wohl bewusst).

    So erging es auch den beiden Damen, die ihren Versuch, die erlebte Realität zu verändern, scheinbar nach der ersten verbalen Ansprache sofort abbrachen: „Ich konnte den beiden nicht entlocken, ob sie sich wegen etwaiger umautorisierter Photos sorgen, oder schlicht der Meinung sind, Nacktsein gehöre sich für eine Zweijährige nicht. “

    Die Selbstvergewisserung der eigenen Gruppenzugehörigkeit fand (wenn überhaupt) vorher oder nachher statt. („Erna, hast Du gesehen, wie die …“) Während eines zwischenmenschlichen Kontakts, bei dem von Seiten dessen, der den Kontakt aufnimmt, tatsächlich ein Austausch versucht wird, kann ich mir eine solche Selbstvergewisserung nur schlecht vorstellen. Wo ich mir eine solche Selbstvergewisserung dagegen gut vorstellen kann, sind Situationen, in denen Botschaften nur gesendet werden, aber keine Antwort erwartet bzw. wahrgenommen wird. Zum Beispiel im Stadion, wenn Fußballspieler beschimpft werden. Oder bei (Gegen-)Demonstrationen, wenn die jeweils „rechtschaffende“ Gruppe die eigenen Parolen skandiert und dadurch sich selbst vergewissert, nicht so zu sein, wie die Gegenseite.

    … Oder durch das eingangs erwähnte Kopfschütteln – weil ich in diesem Moment darüber nachdenke, was ich richtig finde und was falsch, also meine Normen rekapituliere. Aber das Kopfschütteln gibt mir keine Macht über das Verhalten des Gegenübers und die dadurch ausgeübte Sanktion ist so milde, dass sie den Namen kaum noch verdient.

    Ich habe bisher nicht oft erlebt, wie Eltern mit Kindern zur Rede gestellt wurden. Selbst als ich mit einem bockenden, laut schreienden Kind unter dem Arm mit vor Wut funkelnden Augen einen Kilometer durch die Straßen in Richtung unserer Wohnug stapfte, sprach mich niemand an.

    Warum sind Eltern so oft Ziel von Kritik? Nahezu jeder hat eine Meinung zu Kindererziehung. Und deshalb meint der überwiegende Teil der Menschen, zu wissen, was in der Kindererziehung richtig und was falsch ist. Darüber hinaus sind Eltern in der Regel erwachsen, also zurechungsfähig – was man von Teenagern im allgemeinen nicht voraussetzt. Deshalb fällt es leicht, das Verhalten von Eltern zu bewerten. Und kleine Kinder wollen viele* beschützen – auch vor ihren Eltern.

    Viele Grüße
    Günther Werlau

    *Sogar der Staat will das. Ich erinnere an Olaf Scholz, der die Lufthoheit über deutschen Kinderbetten erringen will (oder zumindest wollte).

    • Sehr geehrter Herr Werlau,

      ich glaube nicht, dass die Damen ernsthaft erwartet haben, dass ich tue, was sie richtig fänden. Und ich bezweifle eigentlich auch, dass es ihnen um Austausch ging (obwohl sie eingangs nach dem Warum gefragt haben); denn sie schienen nicht recht an meiner Antwort interessiert, ich habe es eher als Floskel denn als Frage empfunden. Für die Selbstvergewisserung ist Ihr Kopfschütteln natürlich ein besseres Beispiel als die beiden Damen, schlicht, weil die zu zweit waren, sich also gegenseitig Publikum sein können. Das Kopfschütteln hingegen beschreiben sie doch recht passend zu meiner Argumentation – es genügt Ihnen eben manchmal nicht, etwas unpassend zu finden, Sie wollen es auch ausdrücken. Und mir scheint plausibler, dass Sie das nicht vorrangig deshalb tun, weil Sie wollen, dass der andere sich fremd fühlt, sondern – wie Sie es auch schreiben – weil _Sie_ sich fremd fühlen.

      Und natürlich gibt es auch die anderen, die nicht einfach nur sanktionieren wollen, sondern an einem Austausch interessiert sind. Meiner Erfahrung nach gelingt ein solcher aber Austausch eher, wenn er nicht im Vorbeigehen versucht wird.

      Übrigens habe ich den Damen deshalb nicht entlocken können, warum sie die Nacktheit stört, weil ich es ihren Antworten nicht entnehmen konnte (sie haben mir erzählt, dass sie auch ganz locker sind und FKK machen und zugleich auf die heutige Zeit verwiesen, in der alles schlimmer sei – das lässt sowohl die Schlussfolgerung zu, dass sie Angst vor Photographen oder Pädophilen haben als auch die These, dass sie es außerhalb des Strandes problematisch finden). Die beiden hätten mir gerne noch länger erklärt, dass das doch nicht geht, aber ich wollte irgendwann nach Hause, und habe das Gespräch deshalb freundlich mit dem Verweis darauf beendet, dass wir in dieser Sache offenbar unterschiedlicher Meinung sind.

      Gruß, H. Dietz

      P.S.: Übrigens finde ich die Erklärung, jeder hätte eine Meinung zu Kindererziehung, nicht recht plausibel; denn es hat auch jeder eine Meinung zu Kleidung und wird sie dennoch relativ selten ungefragt verbreiten. Vielleicht trifft Ihre These, dass Menschen Kinder schützen wollen – dann wäre aber doch erstaunlich, dass sich ein so wenig erfolgreiches Verhalten so lange hält; denn ich bin mir sicher, dass man Kinder weit besser schützen oder ihnen helfen kann, wenn man in der Lage ist, sich ernsthaft für die Eltern zu interessieren. Bloßes Besserwissen führt vorhersehbarerweise selten zu Einsicht und gutem Willen auf der anderen Seite…

    • Zurückrudern
      Sehr geehrte Frau Dietz

      Ich habe noch einmal über den Zusammenhang zwischen der Ansprache und der Kommunikationswilligkeit (im Sinne eines Austauschs und eines Verstehenwollens) nachgedacht und insbesondere meine eigenen Kontaktaufnahmen Revue passieren lassen. Und ich muss gestehen, es gab in meinem Leben auch Situationen, in denen ich keinen Austausch wollte, sondern nur eine Änderung des Verhaltens der Gegenseite. Allerdings nicht bei Eltern sondern bei Teenagern. Meine Ansprache war im Imperativ gehalten und bestand aus extrem kurzen mit fester Stimme vorgetragenen Sätzen, die Handlungsanweisungen enthielten. Und ich wollte zwei Ziele erreichen: a) der Betreffende sollte den von ihm verursachten Schaden beseitigen und b) er sollte es vor seinen feixenden Kameraden tun, um die Hemmschwelle für potentielle Wiederholungen möglichst hoch zu drücken. Selbstvergewisserung ist mir als ein Ziel in dieser Situation zumindest nicht bewusst. (Aber scheinbar haben Sie den beabsichtigten Inhalt meiner nachlässigen Formulierung dennoch erfasst.) Ich kann mir aber (doch) vorstellen, dass es Kontaktaufnahmen gibt, in denen die Verhaltensänderung des Gegenübers nicht das primäre Ziel ist.

      Wenn wir bei dem „mich fremd fühlen“ bleiben – so bin ich in Bezug auf die Selbstvergewisserung ganz bei Ihnen. Nur bleibt so eine Selbstvergewisserung im wesentlichen auf mich beschränkt. Der erfolgreiche Druck der Gruppe auf das Individuum zu konformen Verhalten hat meiner Meiunung nach zwei Voraussetzungen: Die Gruppe muss sich einig sein, was konformes Verhalten ist und sich zu abweichendem Verhalten für den Abweichler vernehmbar (negativ) äußern. Und der Abweichler muss die Norm kennen. Beide Bedingungen sind in unserer Gesellschaft nur noch sehr begrenzt vorhanden. Es finden sich höchstens noch sehr kleine lokale Gruppen, die eine einheitliche Meinung haben, welches Verhalten konform wäre. Und der Abweichler kennt in der Regel die Norm der Vertreter der Gruppe nicht oder zumindest nicht genau und akzeptiert sie noch viel seltener als für sich selbst gültig. Ein symbolischer Ausdruck der Missbilligung führt deshalb kaum noch zu Verhaltensänderungen, er führt wahrscheinlich noch nicht einmal mehr dazu, dass die Person, die sich abweichend verhielt, sich gefühlsmässig unter Druck gesetzt sieht – wahrscheinlicher ist doch eine Selbstbestätigung auch im Inneren der Person mit abweichendem Verhalten: „Ihr Spießer, gut dass ich nicht so bin wie Ihr!“

      Sehen Sie auch positive Aspekte von sozialer Kontrolle?

      Viele Grüße
      Günther Werlau

    • Nur kurz in Eile: Ja, was Sie zu Selbstvergewisserung schreiben, sehe ich auch so. Und im Beitrag hätte ich deutlicher machen können, dass es also am Ende vielleicht gar keine soziale Sanktionierung, sondern wesentlich Selbstvergewisserung ist – die nur meist (und oft mit guten Gründen) beim Gegenüber als soziale Sanktionierung ankommt. Und ja, natürlich können diese Interventionen dazu führen, dass sich der andere ebenfalls bestätigt sieht – das dürfte immer dann der Fall sein, wenn sich derjenige sicher ist, dass er selbst „das Richtige“ tut. Letzteres wiederum dürfte im Durchschnitt zunehmen, je älter die Kinder werden und je mehr es sind. Deswegen ja auch die Idee mit dem Schonraum für frisch gebackene Eltern…
      H. Dietz

  4. Safe space
    Sehr geehrte Frau Dietz

    Ist das jetzt die neue Mode, für jedes und jeden einen „safe space“ zu fordern. Meinen Sie wirklich, das Leben kann Ihnen tatsächlich (partielle) Unangreifbarkeit bieten? Ich denke, wie schon geschildert, gerade für Eltern halten sich die Beeinflussungsversuche der Allgemeinheit in engen Grenzen. Und den Rest – das wäre mein Vorschlag – müssen die jungen Eltern einfach aushalten und daran wachsen.

    Viele Grüße
    Günther Werlau

    • Sehr geehrter Herr Werlau,

      ich fordere natürlich gar nichts. In der Antwort an Sie habe ich von einem Schonraum geschrieben, ja, aber auch nicht im Sinne einer Forderung an irgendjemanden, sondern als Ausdruck der Idee, dass man Eltern versuchsweise (in seinem eigenen Denken und Handeln) zugestehen könnte, wie Teenager in einer Umbruchsphase zu sein.

      Ich glaube, dass es bestimmte Dinge gibt, die man politisch einfordern und durch politische Programme verändern kann. Ob Väter nach der Geburt ihres Kindes zuhause bleiben, scheint sich zum Beispiel bis zu einem gewissen Grad „steuern“ zu lassen. Wie kinderfreundlich oder eben wie elternfreundlich eine Gesellschaft ist, lässt sich – zum Glück – nicht steuern. Ein Blog kann, wenn es gutgeht, zum Nachdenken anregen. Ein echtes Gespräch mit Eltern übrigens hoffentlich auch. Aber Perspektivwechsel müssen glaube ich immer freiwillig vollzogen werden.

      H. Dietz

    • Elternfreundlichkeit
      Sehr geehrte Frau Dietz

      Wie schon wiederholt geäußert, glaube ich nicht an die permanente gesellschaftliche Bevormundung der Eltern. Auch der jungen nicht.

      Wenn Sie sich eine allgemein dem Menschen zugewandte Haltung der Mitglieder der Gesellschaft wünschen, dann sind wir d’accord. – Ich kann mich in die Situation junger Eltern noch gut hineinversetzen. Ein stummes Kopfschütteln werden die also von mir nur an ganz ganz schlechten Tagen sehen (und müssen sich ihre Selbstvergewisserung demnach woanders suchen).

      Viele Grüße
      Günther Werlau

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