Ich. Heute. 10 vor 8.

Elternbeschimpfung

Ab heute gibt es mehr Geld für Eltern. Aber mögen tut sie kaum jemand. Oder doch? Sie etwa? Mögen Sie Eltern?

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In den Medien wimmelt es von Bezeichnungen für Eltern, die sich zwar zunächst nur auf einen bestimmten Lebensstil beziehen, aber selten nett oder auch nur neutral benutzt werden: Helikoptereltern, Rabenmütter, Glucken, Narzissten, Impfgegner, Mütter vom Kollwitzplatz.

Heute wird das Elterngeld Plus eingeführt, das es ermöglichen soll, Beruf und Familie besser unter einen Hut zu bringen. Sie können dann länger Teilzeit arbeiten und nach den ersten zwei Jahren nicht nur 12, sondern 24 Monate zusätzliche Elternzeit beantragen. Mehr Geld ist erst einmal gut. Aber mehr mögen wird man sie deshalb nicht, die Eltern. Die Medien werden ihnen nach wie vor erklären, dass sie ihre Kinder zu sehr behüten, dass sie zu wenige Grenzen setzen, dass sie dem Förderwahn verfallen seien und zu viele Ratgeber lesen. Und im Alltag werden ihnen auch weiterhin wildfremde Menschen erklären, was sie sonst noch alles falsch machen.

Kürzlich – ich war mit zwei glücklichen müden Kindern, die den ganzen Nachmittag im Becken eines Springbrunnens geplanscht hatten, auf dem Weg nach Hause – wurde ich von zwei eleganten Damen sehr höflich gefragt, ob ich ihnen erklären könne, warum ich meine Zweijährige nackt über den Platz laufen lasse; wenn sie in dreißig Jahren davon erführe, würde sie darunter leiden, dass sie so unbehütet gewesen sei; warum ich ihr nicht wenigstens ein Höschen anziehen könne. Ich konnte den beiden nicht entlocken, ob sie sich wegen etwaiger umautorisierter Photos sorgen, oder schlicht der Meinung sind, Nacktsein gehöre sich für eine Zweijährige nicht. Doch letztlich beschäftigt mich nicht so sehr, warum die beiden nicht gut finden, dass meine Tochter nackt nach Hause läuft, sondern vielmehr, warum sie mir das mitteilen. Hatten sie gehofft, dass ich mich „bessere“? Dass ich das gewünschte Höschen zücke, mich für die Unterweisung bedanke und fortan darauf achte, mein Kind besser zu behüten beziehungsweise zu behosen? Vermutlich eher nicht. Warum aber investieren sie sonst Lebenszeit und -energie, um mich darauf hinzuweisen, dass ich etwas falsch mache?

Die Soziologie betont seit Émile Durkheim, dass Normverletzungen nicht oder mindestens nicht hauptsächlich deshalb „bewertend beantwortet“, also in der Begrifflichkeit der Soziologie: sozial sanktioniert werden, weil damit die Hoffnung auf Einsicht verbunden ist, oder zukünftige Taten verhindert werden sollen, sondern weil die Gemeinschaft sich der Gültigkeit dieser sozialen Normen versichern will. Der Täter wird sozial sanktioniert, damit wir alle sicher sein können, dass die verletzte soziale Norm noch immer gültig ist. Haben mich die beiden Damen also angesprochen, um die soziale Norm zu bekräftigen, dass es ungehörig ist, ein Kleinkind nackt nach Hause gehen zu lassen?

Vielleicht. Eigentlich ist jedoch keine allgemein akzeptierte Norm, dass Kleinkinder nicht nackt nach Hause gehen dürfen. Soziale Sanktionen wirken aber nur normbestärkend, solange sie sich auf abweichendes Verhalten einer Minderheit beziehen. Wenn eine große Zahl von Menschen ständig abweicht, lässt sich die Norm durch soziale Sanktionierung auch nicht mehr bestärken. Die beiden Damen könnten sich höchstens darüber getäuscht haben, dass ihre Vorstellungen allgemeingültige sind. Das glaube ich aber eigentlich nicht; denn die Beiden wirkten gar nicht ernsthaft überrascht ob meiner Uneinsichtigkeit. Sie wussten, dass sie Werte verteidigen, die nicht von allen geteilt werden.

So wie alle anderen sozialen Sanktionierer, die sich unter Frauen und Männern, und in unterschiedlichen Milieus finden, vermutlich wissen, dass sie sich nicht mehr auf einen gesellschaftsweit geteilten Konsens berufen können. Dazu passt, dass ja auch fast jedes Verhalten angeprangert werden kann: impfen, schimpfen, nicht impfen, nicht genug schimpfen, unhöfliche Kinder, dressierte Kinder, Babies tragen, nicht tragen, nackt baden, nicht baden lassen, zu lange baden lassen.

Vielleicht ging es also nicht um die gesamte Gesellschaft, sondern nur um eine bestimmte Gruppe? Soziale Sanktionen können auch dazu dienen, die eigene Gruppe gegenüber anderen abzugrenzen, die Grenzen der eigenen Gruppe zu markieren. Diese Form der Sanktionierung kann sogar mit der Hoffnung einhergehen, dass der Andere doch Einsicht zeigt, sich also gewissermaßen aufspaltet in sein früheres Ich, das die Handlung begangen hat, und sein aktuelles Ich, das sich dafür schämt und weiterhin zu der Gruppe gehören will, die diese Handlung missbilligt. Dann wäre die soziale Sanktion eine Art Einladung, die Situation wieder zu „reparieren“, sich doch noch als Mitglied der Gruppe zu erweisen. Wiederum ist Einsicht des Täters aber nicht nötig, um zu erklären, warum der Andere sanktioniert.

Und vielleicht geht es dabei auch nicht immer um existierende Gruppen, sondern manchmal schlicht darum, sich der eigenen Vorstellungen vom „richtigen“ Umgang mit Kindern gewissermaßen vor einer imaginierten Gemeinschaft Gleichgesinnter zu vergewissern, gerade weil so viele konkurrierende Vorstellungen existieren. Es gibt eine Studie, die zeigt, dass man Wutanfälle von Autofahrern, die der andere ja im Gegensatz zur Elternbeschimpfung nicht einmal hört und nur ausschnittweise sieht, als eine solche Anrufung einer imaginären Gemeinschaft ansehen kann, vor der symbolisch Gerechtigkeit hergestellt wird. Inszenieren die Sanktionierer also ihre Missbilligung, um mindestens vor ihrer imaginären Gemeinschaft zu bekennen, was das „Richtige“ ist?

Dann bleibt aber immer noch die Frage, warum insbesondere Eltern so gerne zur Zielscheibe solcher Sanktionierungen werden. Denn prinzipiell würden sich dafür ja auch andere Bereiche des Sozialen anbieten. Vermutlich spielt eine Rolle, dass vor allem Eltern mit kleinen Kindern mehr Anschauungsmaterial bieten als jede andere Gruppe, einfach weil sich viele Konflikte nicht auf später vertagen lassen, sondern für alle sichtbar ausgefochten werden müssen. Vermutlich spielt auch eine Rolle, dass Eltern junger Kinder vermeintlich leichte Beute sind: Sie sind besonders verletzlich, weil es um ihre Kinder geht, und sie können meist nicht weglaufen, weil sie sich um ebendiese Kinder kümmern müssen.

Nun kann man die Leute ja nicht dazu zwingen, netter zu Eltern zu sein. Es würde zwar in unsere Welt der Selbstoptimierung passen, aus diesem Beitrag jetzt einen Aufruf zu mehr Nettigkeit zu machen, am besten verbunden mit der Information, dass gar nicht so neue Studien herausgefunden haben, dass sich Nettsein lohnt. Aber darum geht es mir gar nicht. Eigentlich geht es mir noch nicht einmal darum, dass Sie Eltern wirklich mögen sollen. Ich mag ja auch nicht alle. Eigentlich genügt es, ihnen ähnlich wie den Teenagern zuzugestehen, dass sie Wesen im Umbruch sind.

Teenager werden jedenfalls in jüngster Zeit desöfteren von den Neurowissenschaften in Schutz genommen, weil sie ob der Großbaustelle in ihrem Gehirn gar nicht anders könnten als schusselig und aufmüpfig zu sein. Bei Eltern wird zwar vermutlich nicht das ganze Gehirn umgebaut, aber wir wissen immerhin, dass sich nach der Geburt auch bei Männern der Hormonspiegel verändert; wir wissen auch, dass „frisch gebackene“ Eltern chronisch übermüdet sind; wir wissen, dass sie die Geburt ihrer Kinder oft mit eigenen Kindheitserfahrungen und -mustern konfrontiert, von deren Existenz sie bis dato nicht viel geahnt hatten; und wir wissen, dass es – wie bei Teenagern auch – eine ganze Weile dauern wird, bis sie sich in ihrer neuen Rolle zurechtgefunden haben.

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