Ich. Heute. 10 vor 8.

Trolle und Tolstoi

Real, digital, katastrophal –Worte beglücken und verschrecken uns. Im Internet schlagen sie besonders gern über die Stränge. Betrachtungen über das Lesenlernen auf der Straße und im Netz.

© John H. White, public domainDas klingt schön: Gangster Love Boo-boo

Wenn wir dieser Tage mit unserem kleinen Sohn unterwegs sind, brauchen wir mehr Zeit als sonst. Er hat nämlich gerade lesen gelernt, bleibt dauernd stehen und liest alles, was ihm in die Quere kommt: Autoschilder, Werbeschriften, T-Shirt-Aufdrucke, Zeitungsschnipsel, Aufkleber. Konzentriert entziffert er die Botschaften, jede einzelne kriegt bei ihm eine Chance. Kann er sich keinen Reim auf sie machen, geht er weiter bis zur nächsten. Bücher interessieren ihn weniger. Die Texte begegnen ihm und er begegnet ihnen, auf Augenhöhe, auf der Straße.

Immer wenn mein Sohn etwas lernt, lerne ich von ihm: So, wie er mich vor ein paar Jahren in die Schönheit von Autotransportern, Radladern und Kranwägen eingeweiht hat, staune ich heute über die Zettelchen an Laternenpfählen, über die vielen Schilder an den Häusern, über den allgegenwärtigen Text, der da draußen im Dreck liegt. Wo man geht und steht, gibt es etwas zu entschlüsseln. Hier zum Beispiel, auf meinem Platz im Café, lese ich, während ich schreibe, zum ersten Mal richtig, was über einem Hauseingang auf der anderen Straßenseite steht: „Institut für Rehabilitationswissenschaften“. Zu was wohl die Menschen verurteilt wurden, die hier rehabilitiert werden sollen? Und was das wohl für eine Wissenschaft ist?

Ich kann mich noch erinnern, dass ich ähnlich gestaunt habe, als ich mich 1993 zum ersten Mal im Internet bewegte: Von Surfen konnte damals noch keine Rede sein, es war ein neugieriges Stolpern von einer brandneuen Website zur nächsten, an einem Computer der Uni in München. Begegnungen mit zunächst einmal gleichberechtigten Botschaften, manche rätselhaft, manche mit hohem Wiedererkennungs- oder Assoziationswert. Begegnungen auf Augenhöhe, in den Straßen des digitalen Raums.

Mein Sohn wird bald lernen, die Laternenpfähle auch mal links liegen zu lassen. Er wird lernen, dass Texte hierarchisiert sind und der öffentliche Raum, in dem er ihnen begegnet, Strukturen unterworfen ist. Was an der Litfasssäule klebt, wurde bezahlt und ist genehmigt; was am Bauzaun klebt, wurde nicht bezahlt und hat mit Glück eine Lücke gefunden; das Graffiti an der Hauswand ist eigentlich verboten.

Im Internet kann bei uns – noch – jeder und jede mit wenig Geld Plakatwände aufstellen und Botschaften in die Welt senden. „Digital Natives“ gibt es nicht, ebenso wenig wie Babies, die lesend geboren werden. Während wir uns alphabetisieren, begreifen wir das Feld, das uns die Texte bereitstellt, als ein bearbeitetes und ein beherrschtes Feld. Auch das Internet war natürlich von Anfang an strukturiert, der Freiheitsgewinn entstand nicht durch Abwesenheit von Strukturen, sondern durch die Dynamik und Beweglichkeit, mit der sich die Strukturen bildeten und veränderten.

Ich bin auf dem Land aufgewachsen, in einer Umgebung, in der man Anfang der 70er Jahre das Lesen wirklich nur aus Büchern lernen konnte. Alphabetisiert nicht auf der Straße, sondern in der Privatheit der bildungsbürgerlichen Bibliothek. Bücher und Kammermusik bildeten gemeinsam den Schutzraum, der uns vor den Schlachtfeldern des Kapitalismus abschottete. Wir waren Bücher-Junkies, Binge-Leser, fraßen die Romane weg, wie man heute Fernsehserien wegfrisst. Die Bücher, so wie heute auch die TV-Serien, schirmen unser Privates ab, haben aber – wenn sie gut sind – immer auch einen moralischen und politischen Stachel. Wer Uwe Johnson gelesen oder The Wire gesehen hat, wird nicht mehr glauben, dass der arme Schlucker, der den Laternenpfahl für die Verbreitung seiner Botschaften braucht, ein Problem für die Gesellschaft ist, sondern darauf achten, wie die Eliten ihre Deutungen durchsetzen.

Unter den Abertausenden meiner unkontrollierten Lektüren bildungsbürgerlicher Klassiker sticht eine Lektüre hervor, die mir nicht das Bücherregal, sondern das Internet bescherte: ein Text von Oscar Wilde, „De Profundis“, vor 120 Jahren geschrieben im Gefängnis, nachdem er wegen seiner Homosexualität aus der Gesellschaft ausgestoßen worden war, bankrott, gedemütigt, verspottet. Irgendein Anonymus hatte ihn Anfang der Nuller Jahre ins Netz geladen, ohne Layout, ohne Verleger, ohne Urheber- und Verwertungsrechte, ohne Vermittlung und Erklärung. Dieser Text ließ sich nicht wegfressen, sondern stellte sich mir entgegen, auf Augenhöhe, und schrie mich an, aus der Tiefe des Netzes, aus der Tiefe der Zeit, aus der Tiefe dessen, was Menschen erfahren und erdulden müssen.

Im Internet schreien heute ziemlich viele Leute herum. Neben Oscar Wilde treten alle möglichen Figuren unserer Tage: Hater, Verrückte, Maskus, Netzfeministinnen, Stalker, Antideutsche, Pegidas, Agenten von Putin, Anhänger Erdogans, Islamisten und Antiislamisten und so weiter und so fort. Sie schreien scheinbar ohne Unterschied und ohne Hierarchie. Diejenigen, die den Schutzraum bürgerlicher Bildung schätzen, haben inzwischen Angst vor der Kommunikation im Internet. Sie fürchten das, was sie als „Mob“ bezeichnen, die Gewalttätigkeit und Rücksichtslosigkeit des „gemeinen Volks“. Sie fürchten, selbst mit Shitstorms, Drohungen und Schmähungen überzogen zu werden, wenn sie sich exponieren. Das Internet ist nicht nur für Spaziergänger, sondern auch für Prügler und Randalierer das geworden, was früher die Straße war.

Es wäre durchaus möglich, die verbale Gewalt im Internet einzudämmen und zu unterscheiden zwischen dem Schläger und dem Geschlagenen, der sich wehrt. Es gibt ziemlich klare Kriterien dafür, was eine Beleidigung oder eine Bedrohung ist und was nicht. Es gibt das Strafrecht, das uns im zivilen Leben einigermaßen erfolgreich hemmt, den Stinkefinger auszufahren und Morddrohungen auszustoßen. Welche Gründe, welche Interessen verhindern, dass die Regeln der Zivilität im Internet nicht durchsetzbar zu sein scheinen? Wie kann es sein, dass irgendwelchen Trollen das Feld überlassen wird? Nicht die Trolle sind Ursache des Problems. Es gibt politische, rechtliche, publizistische und moralische Verantwortlichkeiten, und wo diese nicht richtig wahrgenommen werden, schreien die Menschen.

Es ist auch durchaus nicht zwangsläufig, dass publizistische Angebote im Internet niedrigeren Standards verpflichtet sind als Angebote in Printmedien. Wer für Online-Texte andere Massstäbe hat als für die Texte in der analogen Welt, ist selbst schuld. Ein Online-Text unterscheidet sich von einem analogen Text grundsätzlich doch nur dadurch, dass er für seine Veröffentlichung weniger intermediäre Instanzen braucht und die Möglichkeit der Interaktion mit den Lesern hat. Diese Möglichkeit kann er annehmen oder ausschlagen oder auch hintertreiben. Oft geschieht letzteres. Würden die Kommentarspalten unter Online-Artikeln richtig moderiert und für den ernsthaften Dialog genutzt, wären sie nicht die Müllkippen der Nation.

Wie wird wohl mein Sohn eines Tages durch das Internet wandern? Im bildungsbürgerlichen Bücherregal wartet die Literatur, die von den Wechselspielen zwischen dem oft inadäquaten Agieren in den Zimmern der Macht und den oft inadäquaten Reaktionen der Menschen auf der Straße erzählt. Doch für den Umgang mit den Wechselspielen zwischen dem Digitalen und dem Analogen wird das bildungsbürgerliche Reservoir nicht reichen. Den müssen er und ich uns selbst erarbeiten. Vielleicht kann ich bald wieder von ihm lernen.