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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Ein Alptraum verjährt nicht

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Hierzulande markierte das Massaker von Srebrenica den Wendepunkt deutscher Außenpolitik in Richtung Militäreinsätze der Bundeswehr. Vor Ort in Bosnien kann und will die Trauer seit zwanzig Jahren nicht weichen.

Am 11.7. findet die 20jährige Trauerfeier zum Gedenken an das Massaker von Srebrenica statt. Srebrenica ist eine kleine Stadt im Osten Bosnien Herzegowinas, in der 8.000 Männer, überwiegend Zivilisten im Alter zwischen 12 und 77 Jahren, in einer groß angelegten Exekution, durchgeführt von der Republika-Srpska-Armee und paramilitärischen Einheiten unter dem Kommando von Ratko Mladic, der in Den Haag wegen Kriegsverbrechen vor Gericht steht, getötet wurden. Dieses Massaker, das grausamste in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg, wurde vom Kriegstribunal als Genozid eingestuft.

Vor den Fernsehkameras Würdenträger, die ihre Reden halten, Frauengesichter voller Tränen und lange Reihen von Särgen mit neu identifizierten Opfern, bedeckt mit grünen Tüchern.

In Srebrenica ist Grün die Farbe des Schmerzes.

Schwer vorstellbar, dass die Gräueltaten bereits zwei Jahrzehnte zurück liegen. Ich erinnere mich genau an das Gefühl der Ungläubigkeit, als ich von ihnen erfuhr: Wie konnte so etwas möglich sein, 1995, auf europäischem Boden? Auf die Ungläubigkeit folgte Verweigerung. Und dann Taubheit, Resignation, Verzweiflung. Das Gefühl, dass nach Srebrenica alles möglich ist. Dass wir nicht aus der Geschichte lernen.

Ich denke, vor allem Menschen, die alt genug sind, um sich an dieses Ereignis zu erinnern, verbinden derart starke Emotionen damit. Zwanzig Jahre später frage ich mich, was die jüngeren Generationen, also die nach 1995 Geborenen mit Srebrenica verbinden, nicht nur in Bosnien. Ist Srebrenica für sie, wenn es denn überhaupt eine Rolle spielt, mehr als die vage Ahnung von einem Ort des Schreckens? Ist Horror für sie ein Abstraktum? Sollte das der Fall sein, haben wir nicht genug getan, um diese Schreckenstaten im allgemeinen Gedächtnis zu verankern. Wir haben die Opfer von Srebrenica fallen gelassen. Aber wir lassen auch die jungen Leute hängen, indem wir zulassen, dass eine solche Tat zu einer bürokratischen Formel reduziert wird: „ethnische Säuberung“, so lautet nämlich der geläufige Terminus für diesen Akt immenser Brutalität. Er vermittelt nicht das Ausmaß des Leidens und des geflossenen Blutes, und das ist vielleicht der eigentliche Grund, warum er in Gebrauch ist.

Es ist tatsächlich nicht einfach zu beschreiben, was dort passiert ist, nicht einmal die Frage, die einer jungen Person als erstes in den Sinn kommt, lässt sich klar beantworten: Warum wurden diese Männer getötet? Die einfache Antwort lautet: Weil in Bosnien ein Krieg herrschte, bei dem Serben die Aggressoren und Muslime die Opfer waren – Zivilisten, die entfernt werden sollten vom ostbosnischen Territorium.

Hier wird es allerdings schon schwierig, denn der Fakt, dass sie muslimisch waren, bietet keine Verständnishilfe. Auch nicht die Tatsache, dass ihre Exekution zu einer Zeit geschah, als Muslime nicht generell mit Terroristen gleich gesetzt wurden, lange vor dem Anschlag auf die New Yorker Twin Towers 2011. Ich frage mich auch, ob die junge Generation sich überhaupt des Unterschieds zwischen dem Islam als Religionsgemeinschaft und den bosnischen Muslimen als Volk bewusst ist. Dieser Unterschied war zum Zeitpunkt des Massakers nicht einmal den internationalen Politikern und Journalisten bekannt, geschweige denn der breiten Öffentlichkeit. Bosnische Muslime sind überwiegend slawischer Herkunft (also nicht arabischer) und konvertierten vor ungefähr 500 Jahren unter Ottomanischer Herrschaft zur muslimischen Religion. Unter Tito wurde ihnen 1971 der Status einer Volksgruppe zugewiesen, sie sollten die Balance zwischen den Serben und den Kroaten sicherstellen. Zu dem Zeitpunkt waren die meisten bosnischen Muslime säkular.

Die etwas verwirrende historische Identität der bosnischen Muslime – heute Bosniaken – war, zusammen mit der Angst, in Europa einen muslimischen Staat zu schaffen, einer der Gründe, warum Bosnien lange Zeit vom Westen keine Unterstützung erhielt im Kampf gegen den serbischen Aggressor. Man könnte auch etwas übertrieben sagen, dass die europäische Angst vor Muslimen zur Islamisierung Bosniens geführt hat.

Am 11. Juli wird der Fernsehzuschauer, der die Trauerfeier verfolgt, wie jedes Jahr eine Reihe weißer Särge sehen, eingehüllt in grüne Tücher, und wird dies als muslimischen Brauch interpretieren. Ja, der muslimischen Tradition nach werden Opfer in Särgen beerdigt, auf die grüne Tücher gelegt werden. Nachdem sie als muslimische Gläubige getötet worden waren, auch wenn sie nicht gläubig waren, forderten die Hinterbliebenen der abgemetzelten Männer von Srebrenica religiöse Bestattungen. Besucht man heute Sarajevo, wird man viele verhüllte Frauen sehen – vor dem Krieg jedoch wurden Kopftücher kaum getragen. Es wurden neue Moscheen gebaut. Der serbische Bevölkerungsanteil ist deutlich gesunken. Während Serben vor dem Krieg noch dreißig Prozent der Bevölkerung ausmachten, sind es heute nur noch zwölf Prozent. Das gesamte ethnische Bild Bosnien-Herzegowinas hat sich während des Krieges und danach verändert, was wiederum darauf hindeutet, dass die Politik der ethnischen Säuberung tatsächlich erfolgreich war.

Wir sollten verstehen, welche Ereignisse und welche Schrecken dazu geführt haben, dass Grün zur Farbe der Religion in Bosnien wurde. Wir alle, ob jung oder alt, sollten das Grün auf den Särgen als  Farbe des Schmerzes interpretieren. Mit dieser von uns selbst vorgenommenen Bedeutungsverschiebung  könnten wir zeigen, dass wir, zwanzig Jahre später, verstanden haben, wer in dem Konflikt die Opfer waren, und ihnen einen angemessenen Platz im europäischen Gedächtnis einräumen.

Aus dem Englischen von Lina Muzur

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4 Lesermeinungen

  1. Erinnerung
    Marie-Janine Calic ,
    Der Krieg in Bosnien -Hercegovina ,Ursachen,Konfliktstrukturen,Internationale Lösungsversuche.
    [Suhrkamp,Neue Folge Band 943].

  2. Da erinnern sich Menschen .
    gerade Email erhalten von The United States Holocaust Memorial Museum.[sehe ihre Site].

  3. Die Site ist:
    ushmm.org/ campaign

  4. Pingback: Article about Srebrenica in Frankfurter Allgemeine Zeitung | Slavenka Drakulić

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