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Car2Car und M2M: Eine neue Chance für die deutsche IT – ohne Subventionen

06.03.2010, 11:03 Uhr  ·  Die Kommunikation von Maschinen untereinander ist die Chance für die deutsche IT-Industrie. Subventionen braucht sie dafür nicht.

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Aus der schönen neuen Welt: Es setzt Starkregen ein; Aquaplaninggefahr entsteht, aber ein modernes Auto des Baujahrs 2020 fährt voraus. Dessen Sensoren bemerken die Gefahrensituation, sie warnen über ein Funknetz die unmittelbar folgenden Fahrzeuge. Dort werden die Fahrer über eine Einblendung in der Windschutzscheibe auf die Situation eingestellt. Über das Funknetz, das im W-Lan-Standard funktioniert wie die Netze, die heute schon in Haushalten Computer drahtlos mit dem Internet verbinden, werden alle noch folgenden Autos gewarnt. So werden Auffahrunfälle verhindert. Der Vorgang nennt sich „Car to Car”-Kommunikation; er ist Zukunftsmusik, aber auch keine bloße Science-Fiction mehr.

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Modernes Auto-Cockpit: Basis für Car2Car-Kommunikation? Foto: Ford

Autohersteller, Zulieferer und auf diesem Gebiet tätige Forschungseinrichtungen haben sich längst in einem Gremium zusammengeschlossen, um solche Anwendungen voranzutreiben. Aber nicht nur Autos, auch andere Maschinen, Haushaltsgeräte, medizinische Apparate und Stromzähler werden künftig vernetzt sein – und miteinander kommunizieren. Derartige Fortschritte werden zwar schon seit Jahren angekündigt, aber Wunder dauern auch in der Informationstechnologie (IT) etwas länger. Doch nun wird die Technik reif. Und so entsteht gerade für die deutsche Industrie eine große Chance. An der Stelle, an der die reale Industriewelt, in der deutsche Unternehmen oft die führenden Anbieter sind, mit der digitalen Welt zusammenwächst, die bisher von amerikanischen Anbietern dominiert wird, kann Deutschland endlich auch in der IT seine traditionelle Stärke ausspielen. Dann könnten deutsche Ingenieure Effizienzvorteile heben. Sie könnten das Auto, die Maschine, das Stromnetz „intelligent” werden lassen, also digital vernetzen, und das, mit entsprechender Steuerungssoftware versehen, zum Nutzen der Kunden.

Pilotprojekte intelligenter Stromsysteme

Für einen solchen Nutzen stehen Pilotprojekte intelligenter Stromsysteme, sogenannte Smart Grids. Die teilnehmenden Haushalte und Betriebe werden mit Technik zur Verbrauchssteuerung von Elektrogeräten und vielleicht auch zur dezentralen Energieerzeugung ausgestattet. Herzstück ist der intelligente Stromzähler. Er steuert im Kommunikationsstandard des Internets, dem Internetprotokoll, die Haushaltsgeräte und macht deren Stromverbrauch in Echtzeit sichtbar. Der Stromanbieter bekommt eine Rückmeldung vom Stromzähler und kann seine Netzauslastung optimieren. Der Versorger könnte im Gegenzug mitteilen, wann besonders viele erneuerbare Energien zur Verfügung stehen – und daraufhin über den Stromzähler zum Beispiel von sich aus den Wäschetrockner in Gang setzen oder die Batterie des Elektroautos aufladen. Gelingt es der Industrie, die Kunden davon zu überzeugen, dass der zusätzliche Nutzen tatsächlich so hoch ist, dass man dafür auch ein paar Euro mehr ausgeben sollte als für die alte Technik, dann entsteht ein neues Geschäft.

Das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung hat zur heute zu Ende gehenden Computermesse Cebit hochgerechnet, wie gut dieses Geschäft werden könnte. Seiner Meinung nach entwickelt sich die deutsche Software- und IT-Dienstleistungsbranche zu einem Wirtschaftsfaktor, dessen Bruttowertschöpfung und Beschäftigung sich in den nächsten zwei Jahrzehnten verdoppeln wird. Bis 2030 stehe ein Beschäftigungswachstum von 80 Prozent bevor. Das entspräche rund 452 000 neuen Arbeitsplätzen. Dann soll die Branche in Deutschland für eine Bruttowertschöpfung von jährlich 90 Milliarden Euro stehen, was ebenfalls einer Verdoppelung des heutigen Wertes gleichkommt. Dieses Wachstumstempo wird sonst nur von der Gesundheitswirtschaft erreicht.

Anders ausgedrückt: Die in Deutschland besonders beachteten Branchen Maschinen- und Fahrzeugbau werden in den kommenden 15 bis 20 Jahren auch nach den Erwartungen des Schweizer Prognoseinstituts Prognos lediglich so schnell wachsen wie die Gesamtwirtschaft. Die Software- und IT-Dienstleistungsbranche hingegen wird ihren Anteil an der Bruttowertschöpfung verdoppeln. Das allerdings, und das ist wichtig, wird ihr nur mit der Hilfe der zunehmenden Verbindung zu diesen Traditionsbrachen – und deren weltmarktführender Stellung – gelingen. Schon heute hängen nach Angaben des IT-Branchenverbands Bitkom mehr als die Hälfte aller Industrieprodukte vom Einsatz der Informationstechnologie ab.

 

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Die deutsche Industrie wird von neuen IT-Trends stark profitieren. Foto: Siemens

Wir brauchen keine neuen IT-Subventionen

Schade ist nur, dass der Bitkom daraus diverse Wünsche an die Politik ableitet: Man möge „Leuchtturmprojekte” fördern, Forschung durch steuerliche Anreize antreiben und räumliche Ballungen von IT-Unternehmen, die Cluster, unterstützen. Doch das Letzte, was diese dynamische Branche braucht, ist der Einstieg in den nächsten Subventionswettlauf. Die Unternehmen in Deutschland müssen von sich aus und aus eigener Kraft erkennen, welche Chance die digitale Vernetzung von Maschinen für sie birgt: Aufbauprämien sind genauso schädlich wie Abwrackprämien. Dass in der öffentlichen Wahrnehmung auch zu diesen Themen schon wieder amerikanische Unternehmen wie Cisco oder Intel den Ton angeben, sollte als Alarmsignal verstanden werden.

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Veröffentlicht unter: Cebit, Subventionen, M2M, Car to Car, Car2Car

 

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Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für die Unternehmensberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.