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Unternehmen und ihre Banken: Ist Misstrauen das Ende von allem?

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Auf ihre Banken können und wollen sich die Unternehmen nicht mehr so verlassen wie früher. Sie halten deshalb mehr Liquidität im eigenen Haus, achten stets auf ihren Cash-flow und erschließen sich neue Finanzierungsquellen.

Die deutschen Unternehmen hadern mit ihren Banken. „Stellen Sie sich vor, kurz vor unserer letzten Übernahme ruft mich einer unserer Banker an und sagt, die Finanzierung steht nur, wenn sie uns zusätzlich noch 200000 Euro Provision drauflegen“, erinnert sich ein Finanzvorstand an sein letztes großes Geschäft. „Da haben sie keine Chance, sie müssen zahlen, wenn man das ganze Projekt nicht noch auf dem letzten Meter gefährden will.“ Ob der Banker nicht gewusst habe, dass man sich im Leben immer zwei Mal sieht? „Ja, doch, aber das war ihm in dem Moment vollkommen gleichgültig.“

In den Jahren seit 2008, also seit dem Ausbruch der Weltfinanzkrise, haben die Finanzvorstände im Umgang mit ihren Banken viel gelernt. Vor allem wissen sie, dass sie vorsichtiger sein müssen. Die Liquidität ihrer Unternehmen ist viel höher als zum Zeitpunkt der Insolvenz von Lehman Brothers, man hat einmal mehr verstanden, wie wichtig der operative Mittelzufluss (Cash-flow) ist: Finanzierungen und Fristenstrukturen sind so ausgelegt, dass Fälligkeiten aus diesem operativen Cash-flow bedient werden können. Zudem „parkt“ man nur noch geringere Geldsummen bei einzelnen Banken – und wählt unter den Banken die Partner gezielter aus. Auf die Banken als Kreditgeber verlässt man sich auch nicht mehr so wie früher: „Wissen sie, ich habe einmal erlebt, wie eine Bank, die mir vorher gesagt hatte, sie sei für 1 Milliarde Euro gut danach nur 50 Millionen Euro liefern konnte oder musste, als ich den Betrag für eine Übernahme tatsächlich abrufen wollte“, erinnert sich derselbe Finanzvorstand, der zum Provisions-Erpressungsopfer geworden ist.

Wer kann, finanziert sich heute anders

Wer kann, finanziert sich heute anders oder differenzierter: Unternehmensanleihen sind viel wichtiger geworden, öffentliche Institute wie die KfW oder die Europäische Investitionsbank sind mit ihren Programmen noch stärker in den Fokus gerückt als früher. Der Finanzvorstand der Bayer AG, Werner Baumann, hat die neue Vorsicht vor einigen Tagen im Gespräch mit der „Börsen-Zeitung“ für sein Haus sogar beziffert. „Wir halten mehr Kasse vor“, sagte Baumann: „Zurzeit haben wir eine Liquiditätsposition von rund 3,8 Milliarden Euro. Im März 2009 haben wir bewusst eine zusätzliche Anleihe aufgelegt, um zu vermeiden, dass marktinduzierte Liquiditätsengpässe auf die Finanzierung unseres Geschäfts durchschlagen. Wenn man so will, zahlen wir eine Versicherungsprämie, denn die Finanzierungskosten bekommen wir bei der Wiederanlage nicht gedeckt. Das ist der Preis, den wir zahlen, um jederzeit liquide zu sein.“

Zum Vergleich: In Zeiten, in denen von einer Krise keine Rede ist, hält Bayer nur rund 2 Prozent Liquidität vom Umsatz vor; das sind rund 700 Millionen Euro. Das heißt, das Bayer derzeit den Liquiditätspuffer um das Fünffache erhöht hat – und so wird es nach den Aussagen von Baumann auch bis April nächsten Jahres bleiben.

Die Vorsicht und das gestiegene Misstrauen unter den Unternehmen spiegelt sich auf der Seite der Banken wider. Die Kreditinstitute gehen sehr viel selektiver aus als früher. Sie denken stets an die Gefahr, dass sie einen syndizierten Kredit, für den sie in Vorlage gegangenen sind, nicht mehr weiterplatzieren können. Doch auch hier gibt es in der Wahrnehmung der Finanzvorstände große Unterschiede. So gebe es Kreditinstitute, bei denen es noch immer deutlich spürbar sei, dass sie dem traditionellen Geschäft mit der deutschen Unternehmenskundschaft höchste Priorität einräumten. Andere hingegen, und dazu könnten durchaus auch deutsche Banken zählen, gäben in dieser Hinsicht allenfalls Lippenbekenntnisse ab, die sich in der Realität nicht in Handlungen umsetzten.

Offene Banken- und Finanzmarktschelte

Deshalb verwundert es nicht, dass es in den vergangenen Wochen so manchen deutschen Unternehmenschef dazu gedrängt hat, ganz offen Banken- und Finanzmarktschelte zu betreiben – vermutlich auch, nachdem sie von ihren Finanzvorständen die neusten Schreckensgeschichten aus dem Alltag gehört hatten.

„Wir stehen kurz davor, dass uns die Finanzmärkte in die nächste Rezession treiben“, hatte zum Beispiel Franz Fehrenbach, der Vorsitzende der Geschäftsführung von Bosch, schon im Spätsommer gesagt. Die Spekulationen an den Finanzmärkten hätten nicht mit der realen Geschäftsentwicklung der Unternehmen zu tun. Zur selben Zeit kritisierte der Unternehmen Jürgen Heraeus mehrfach die komplexen Finanztransaktionen, auf die sich einige Investmentbanken spezialisiert haben: „Ich glaube, diesen Teil des Geschäfts von Goldman Sachs und anderen Banken braucht man eigentlich nicht.“ Fehrenbach sagte damals, er würde die Universalbanken abschaffen und viel Finanztransaktionen verbieten, die nichts mehr mit realen Geschäften zu tun haben.

Derweil achtet auch sein Finanzvorstand auf einen starken, nachhaltigen Cash-flow und darauf, dass er ständig so liquide ist, das er zu jeder Zeit ausreichend finanzielle Mittel zur Finanzierung des internen Wachstums sowie von Akquisitionen zur Verfügung stellen kann. Und beinahe gleichgültig, mit welchem Unternehmen man derzeit spricht, alle kontrollieren ihre Banken täglich auf die Preise, die für die Versicherung von Kreditausfällen dieser Institute gezahlt werden (die sogenannten CDS-Spreads). Sie dürfen ein festgelegtes Limit nicht überschreiten. Ist das der Fall, werden sofort alle Geldanlagen abgezogen, auch die, die nur über Nacht vorgenommen werden sollen.

Viel weniger Übernahmen als erwartet

Mehr oder weniger regiert derzeit Misstrauen die Welt der Banken und der Unternehmen, und das wirkt sich zwangsläufig auf die wirtschaftliche Aktivität aus. Am leichtesten messbar ist dieser Einfluss auf die Übernahmetransaktionen, die in Europa stattfinden. Die Zahlen zeigen eindeutig: Übernahmen finden zwar noch statt, aber ihr Rückgang ist vor allem in den vergangen Monaten deutlich spürbar. Gemessen daran, dass Investmentbanker auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos im Januar noch von einem bevorstehenden wahren Übernahmeboom geschwärmt hatten, ist wahrhaftig Ernüchterung eingetreten.

 

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1 Lesermeinung

  1. Wenn Nüchternheit und...
    Wenn Nüchternheit und Realitätssinn wieder Einzug halten, ist das erst einmal zu begrüssen. Und langfristig allemal haltbarer, als kurzfristige, unbegründete Euphorie.
    Gruss,
    Thorsten Haupts

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