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Die Achillesferse der Energiewende: Die Anbindung von Offshore-Windparks

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Dem Netzbetreiber Tennet wachsen die Aufgaben über den Kopf. Das niederländische Staatsunternehmen regt eine deutsche Gesellschaft für ein Gleichstrom-Netz an. Der Netzbetreiber fordert den Gesetzgeber außerdem auf, Rechtssicherheit darüber zu schaffen, wie mit der Haftung bei Nichtverfügbarkeit oder verspäteter Fertigstellung des Anschlusses von Offshore-Windparks zu verfahren sei.

Zum Jahreswechsel hat der Cuxhavener Windpark-Projektentwickler PNE Wind einen großen Erfolg gefeiert: Das Unternehmen konnte den geplanten Nordsee-Windpark „Gode Wind II“ an den dänischen Investor Brancor Capital Partners verkaufen. Ein entscheidender Grund für die Kaufentscheidung war, dass der niederländische Netzbetreiber Tennet garantiert hat, die Anlagen an das Stromnetz anzuschließen. „Das heißt, dass wir den Windpark sehr schnell in Betrieb nehmen können“, sagte Kim Brangestrup von Brancor Capital Partners dieser Zeitung zum Vertragsabschluss. Seine Botschaft war klar: Ohne Netzanschluss wäre das Interesse erlahmt.

Aber es ist genau das zuständige Unternehmen Tennet, das sich in diesen Tagen um das zügige Voranschreiten dieser Anschlüsse von Windparks auf See (Offshore) sorgt. Und das sind nicht die einzigen Probleme der Gesellschaft, deren Transportnetz von der Nordsee bis zu den Alpen reicht. In einem Schreiben an Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP), den das Unternehmen Ende der vergangenen Woche abgeschickt hat, schlägt Tennet die Gründung einer neuen Gleichstrom-Netzgesellschaft vor. Diese Gesellschaft soll die neuen Anschlussleitungen für die Offshore-Windparks planen, finanzieren, bauen und betreiben.

Schnell Rechtssicherheit schaffen

Der Netzbetreiber fordert den Gesetzgeber außerdem auf, Rechtssicherheit darüber zu schaffen, wie mit der Haftung bei Nichtverfügbarkeit oder verspäteter Fertigstellung des Anschlusses von Offshore-Windparks zu verfahren sei. Der RWE-Konzern kritisiert zum Beispiel, dass der Netzbau für seine Windpark Nordsee Ost schon ein Jahr im Verzug ist, und prüft deshalb die Aussichten einer Schadenersatzklage. Wo Versicherungen nicht mehr einspringen, müsse eine „Sozialisierung der Schäden“ ermöglicht werden, findet Tennet deshalb. Zudem brauche man eine Offshore-Langfristplanung. Und: „Um die Investitionssicherheit für Windparks und Netzbetreiber zu gewährleisten, sollten die vorgeschlagenen Regelungen noch vor der Sommerpause 2012 Eingang in den Gesetzgebungsprozess finden.“ Tage zuvor hatten die Niederländer und der Energieversorger RWE schon den Ausbau von weiteren Windpark-Projekten gestoppt. Man werde keine neuen Bauaufträge mehr ausschreiben, sondern nur die bestehenden Projekte weiterverfolgen, hieß es. Mit einem Investitionsvolumen von bislang 5,5 Milliarden Euro sei eine finanzielle Kapazitätsgrenze erreicht. Investitionen von 15 Milliarden Euro allein für die Offshore-Anbindungen seien nicht von einem einzigen Netzbetreiber zu tragen, schreibt der Tennet-Vorstand an Rösler.

Das ist für die Ausbaupläne der Bundesregierung ein Schlag. Denn Tennet ist für den Stromanschluss aller in der Nordsee geplanten Windparks zuständig. Nach geltender Rechtslage ist der örtliche Netzbetreiber verpflichtet, die Anlagen anzuschließen. Die Kosten nebst festgelegter Rendite kann er über eine Umlage auf alle Verbraucher abwälzen. Laut dem Energiekonzept der Bundesregierung sollen Ende 2022 Windkraftanlagen mit 13 Gigawatt Leistung in Nord- und Ostsee stehen. Davon habe Tennet nun die Anbindung von rund 5,3 Gigawatt auf den Weg gebracht.

Die neue Gleichstrom-Übertragungsgesellschaft, die Tennet vorschwebt um die Schwierigkeiten zu beheben, soll aus den vier großen Übertragungsnetzbetreibern (Tennet, Amperion, 50Hertz und die Netze von ENBW) in Deutschland bestehen. Eingebunden werden sollten zudem die nötigen Fernleitungen von der Küste in die Industriegebiete im Süden. Das komme dem im Koalitionsvertrag vereinbarten Ziel einer Deutschen Netz AG nahe. Allerdings solle der Staat sich nicht daran beteiligen. Diese Gesellschaft könne dann auch gleich den Bau eines weiteren „Overlay-Netzes“ in Deutschland übernehmen, mit dem die bestehenden Leistungsengpässe zwischen Nord- und Süddeutschland behoben würden. Von den anderen Transportnetzbetreibern wurden diese Vorschläge zunächst mit großer Zurückhaltung aufgenommen.

Dabei hat die jüngste Frostperiode gezeigt, dass die Transportinfrastruktur die Achillesferse der Energiewende ist. Bei dem über viele Stunden extrem hohen Stromverbrauch konnten die Netzgesellschaften zwar einigermaßen den benötigten Bedarf sicherstellen. Aber die an vielen Stellen bis an die Grenzen beanspruchten Netze boten keinerlei Reserven mehr, um regenerativen Strom geordnet zu steuern. So ist allen Energiefachleuten klar, dass ein beschleunigter Netzausbau Priorität haben muss. Aber die Realität sieht eben anders aus. In diesem Jahr ist zwar die vom Bundeswirtschaftsminister eingerichtete Arbeitsgruppe „Beschleunigung der Netzanbindung von Offshore-Windparks“ gestartet. Sie soll mit Betroffenen aus der Energiewirtschaft, Zulieferindustrie und den zuständigen Behörden die Voraussetzungen für eine schnellere Umsetzung der Netzanträge ausarbeiten. Aber dem staatlichen niederländischen Netzbetreiber Tennet geht es um mehr, auch um den Abtransport der Windenergie in die großen Verbrauchszentren. Deshalb hat Rösler jetzt Post bekommen.

Bundesnetzagentur begrüßt Überlegungen

Immerhin: Bei der Bundesnetzagentur rennt Tennet mit seinen Überlegungen für eine Netzgesellschaft offene Türen ein. Zu den Einzelheiten des Schreibens wollte sich ein Sprecher zwar nicht äußern. Grundsätzlich aber steht die Aufsichtsbehörde nach den Worten ihres Präsidenten Matthias Kurth dem Gedanken einer deutschen Netzgesellschaft „sehr aufgeschlossen gegenüber und hat darüber Dutzende von Gesprächen geführt“. Es gebe dafür ein günstiges Zeitfenster, weil viele Investoren nach interessanten, aber risikoarmen Anlagemöglichkeiten suchten. Für die Anbindung der Offshore-Windparks haben die Netzbetreiber bei der Regulierungsbehörde bis Oktober 2011 zwanzig Projektpläne im Investitionsvolumen von 11 Milliarden Euro eingereicht. 13 Anträge mit einem Volumen von 5,4 Milliarden Euro sind davon schon genehmigt. Weitere 4,2 Milliarden Euro hat der Regulierer für die Leitung an Land zugesagt, mit denen Lücken im bestehenden Netz geschlossen werden sollen. Die Zusagen der Netzagentur sind Voraussetzung, damit die Projektkosten später in die Berechnung der Netzentgelte einfließen können. Dabei wird mit der für Netzinvestitionen üblichen Rendite von etwa 9 Prozent des Eigenkapitals kalkuliert.

Die detaillierte Ausbauplanung für die neuen Trassen geht allerdings erst in diesen Monaten in ihre entscheidende Phase. Wesentliche Eckpunkte sollen im deutschen Netzentwicklungsplan verankert werden, um die anschließenden lokalen und regionalen Planungsverfahren zu beschleunigen. Und „ob wir den Strom als Wechselstrom oder Gleichstrom übertragen und wo der Einsatz von Hochtemperaturleitungen angebracht ist, kann einmal vorab geklärt werden“, sagte Kurth. Dadurch könne vermieden werden, dass in jeder Gemeinde die Diskussion über die richtige Technik aufflammt.

Unter Mitarbeit von Helmut Bünder und Werner Sturbeck.

 

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2 Lesermeinungen

  1. <p>"Laut dem Energiekonzept...
    „Laut dem Energiekonzept der Bundesregierung sollen Ende 2022 Windkraftanlagen mit 13 Gigawatt Leistung in Nord- und Ostsee stehen.“
    Warum sind der Autor und die Co-Autoren so unehrlich?
    13 GW = 13000 MW Nennleistung bedeuten in der Realität im langjährigen Jahresmittel eine effektive Nennleistung von bestenfalls 5000 MW. Das ist von der produzierten Strommenge her noch nicht einmal das, was die zwangsweise aus Panik und Hysterie abgeschalteten 8 KKW jährlich pruduziert haben, wobei natürlich mit den Windmühlen kein einziges konventionelles Kraftwerk ersetzbar ist.
    Die Unehrlichkeit geht jedoch noch weiter, denn bisher haben es die angeblichen High-Tech-Firmen ja noch nicht einmal geschafft in der Nordsee in nennenswerter Anzahl funktionsfähige Low-Tech-Windmühlen in der Nordsee zu errichten.
    Die Ableitung des extrem teuren Windstroms mit Kosten von bis zu 22 Cent/kWh frei Küste bedarf es 26 HGÜ-Kabeln mit jeweils 500 MW Übertragungsleistung bei 100 Windmühlen à mit 5000 kW 0der 6800 PS Nennleistung je Windpark. Natürlich müssen dann die 13 MW maximale Leistung auch noch in D verteilt werden. Also braucht man insgesamt zusätzlich 13 Trassen abzüglich der abgeschalteten konventionellen Kraftwerksleistung) mit einer einer Spannung von 380 kV und 1000 MW Übertragungskapazität.
    Was allerdings ein BWLer, wie den Autor, zur Weißglut bringen sollte, ist die Tatsache, daß die Leitungskapazitäten die meiste Zeit im Jahr ungenutzt bleiben.

  2. Das macht mehr als deutlich,...
    Das macht mehr als deutlich, dass der Kostenaufwand für die Energiewende eben nicht nur im Ausbau „neuer“ Technologien steckt, sondern allen voran das Energienetz erheblich ausgebaut werden muss. Für die Bundesregierung und damit für die Bevölkerung kommen erhebliche Kosten zu, denn letztendlich müssen das investierte Vermögen die Verbraucher bezahlen. Wir können also mit massiv steigenden Energiekosten in den kommenden 10 Jahren rechnen. Vielleicht baue ich mir bis dahin doch ein Minikraftwerk in den Keller, um weiter ohne schlechtes Gewissen daddeln zu können.

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