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Vor der Wahl in NRW: Die alten neuen Schwierigkeiten im Revier

Vor der Wahl in Nordrhein-Westfalen zeigt ein neues Buch: Das Ruhrgebiet braucht eine Bildungsoffensive, weniger Schulden und Städte, die sich nicht gegenseitig strangulieren.

Nordrhein-Westfalen hat überraschend schnell eine neue Wahl, aber die alten Schwierigkeiten bleiben. Auch wenn es zur Landtagswahl im Mai natürlich Jubelmeldungen gibt, wie zum Beispiel zum höchsten Stand sozialversicherungspflichtiger Beschäftigter seit dem Jahr 1992 ist es gut, wenn man gerade in Wahlkampfzeiten einen realistischen Blick auf die Probleme wirft. Vier Professoren im Ruhrgebiet haben das getan. Kurz bevor die Nachricht von den bevorstehenden Neuwahlen kam, haben sie ein Buch veröffentlicht, das für die künftige Landesregierung wertvolle Lektüre sein kann. Es geht um das Herz des Bundeslandes, das Ruhrgebiet. Es heißt „Viel erreicht, wenig gewonnen“. Der Titel des im Klartext-Verlag erschienenen Werks sagt schon alles über die Ergebnisse der Untersuchung.

Es hat sich viel zum Positiven verändert …

Im Ruhrgebiet habe sich zwar in den vergangenen 30 Jahren viel zum Positiven verändert, schreiben Jörg Bogumil, Rolf Heinze, Franz Lehner und Klaus Peter Strohmeier von der Ruhr-Universität Bochum. Es seien neue Arbeitsplätze in zukunftsträchtigen Wirtschaftszweigen entstanden, das Ruhrgebiet habe sich zu einer anspruchsvollen Kulturlandschaft entwickelt, die Lebensqualität des Reviers habe sich an vielen Stellen verbessert, und das Ruhrgebiet habe heute eine starke Hochschul- und Forschungslandschaft. In der Logistik, der Informationstechnologie, der Chemie und anderen Bereichen hätten sich international wettbewerbsfähige Kompetenzfelder entwickelt.

Aber …

Und doch gebe es zwei große Herausforderungen: Das Ruhrgebiet verliere ständig an Humankapital – und an Handlungsfähigkeit. So schrumpfen die großen Städte in der Region. Inzwischen ziehen auch kinderlose Mittelschichthaushalte an den Rand der Städte oder über ihn hinaus. Der Anteil der Altersgruppe unter 15 Jahren an der Gesamtbevölkerung hat sich zum Beispiel in Duisburg seit 1970 beinahe halbiert, und die Hälfte dieser Altersgruppe sind mittlerweile Kinder mit Migrationshintergrund.

Doch gerade in einem für die Zukunft entscheidenden Bereich der Qualifikation und Motivation von Arbeit hält sich das Ruhrgebiet nach dem Befund der Professoren nicht an seine Tradition und ist dabei, einen langen und sinnvollen Entwicklungspfad zu verlassen. Das alte Ruhrgebiet hatte qualifizierte Arbeitskräfte und auch eine Arbeiterschicht, die selbst, aber vor allem für ihre Kinder, eine starke Bildungs- und Aufstiegsmotivation hatte. Das war einer der Gründe dafür, dass neugegründete Hochschulen im Ruhrgebiet rasch wuchsen. Inzwischen aber sind die Aufstiegsmöglichkeiten für eine nicht unerhebliche Zahl von jungen Menschen deutlich schlechter geworden. Das Klassenbewusstsein und die Aufstiegsmotivation der alten Unterschicht zerfallen. Immer mehr Menschen aus der Unterschicht, vor allem junge Menschen, verlernen das Wollen. „Sie verlernen es, weil ihr soziales Umfeld ihnen tagtäglich zeigt, dass es keinen Sinn hat, zu wollen – es gibt weder Hoffnung auf gesellschaftliche Veränderungen noch Vertrauen in individuelle Chancen. Wer nicht mehr will, hat auch kein Motiv zu lernen; wer kein Vertrauen in individuelle Chancen hat, hat keinen Grund, gesellschaftliche Spielregeln zu respektieren“, heißt es in dem Buch.

Gewaltiges Schuldenproblem

Hinzu kommt ein gewaltiges Schuldenproblem: Die Stadt Hagen zum Beispiel hatte im Herbst 2010 eine Gesamtverschuldung von 1,2 Milliarden Euro bei jährlichen Gesamteinnahmen von 441 Millionen Euro und Gesamtausgaben von 602 Millionen Euro, also ein strukturelles Defizit von 161 Millionen Euro. Hagens Schulden steigen somit jeden Tag um 437 760 Euro. Insgesamt wird nach Meinung der Professoren deutlich, dass bestimmte Kommunen im Ruhrgebiet ohne eine Entschuldung durch Bund oder Länder keine Chance haben, der Pleite zu entgehen.

Städte strangulieren sich wechselseitig

Ein weiteres Ergebnis ihrer Analyse ist, dass sich die Städte im Ruhrgebiet wirtschaftlich wechselseitig strangulieren. Sie verhindern einerseits die Ausschöpfung der Marktpotentiale des Ruhrgebiets und seines Umfelds und hemmen andererseits die Entwicklung starker Wachstumspole im Revier. Das konnte man gut verfolgen, als die Landesregierung versucht hat, ihre Strukturpolitik an „Kompetenzfeldern“ auszurichten. Die meisten Städte haben dabei versucht, in möglichst vielen Kompetenzfeldern geförderte Projekte zu akquirieren. Das hatte zum Ergebnis, dass es im Ruhrgebiet wieder nicht gelang, Kräfte in Städten zu bündeln, die echte Chancen hatten, sich zu national und international wettbewerbsfähigen Standorten für den jeweiligen Wirtschaftszweig zu entwickeln.

Bildungsoffensive nötig

Nach Meinung der Autoren braucht es nun eine Bildungsoffensive. Dabei benötige das Bildungssystem aber Hilfe von Vereinen, Wohnungsgesellschaften oder auch Handwerksbetrieben und anderen Unternehmen. Die Strukturpolitik müsse zudem zur Lebensqualitätspolitik werden. Heute liege der Anteil der Hochqualifizierten, die in den Kommunen des Ruhrgebiets wohnen, deutlich niedriger als etwa in Köln, Münster oder Düsseldorf.

 Für die künftige Landesregierung gibt es viel zu tun. In der montanindustriellen Vergangenheit entsprach das Ruhrgebiet fast idealtypisch dem, was man heute als Cluster bezeichnet. Allerdings können Cluster, folgern die Autoren, auch eine Kehrseite haben: die Verhinderung von Innovation und Wandel.

 

 

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