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Asco-Treffen: Fortschritte in der Entwicklung neuer Krebsmedikamente

06.06.2012, 07:07 Uhr  ·  Die meisten Schlagzeilen machen Pharmakonzerne mit teuer entwickelten Medikamenten, die noch in den letzten Phasen der klinischen Tests oder gar erst in der Zulassung scheitern - und das Ergebnis belasten. Besonders schlimm ist die Lage, wenn ein einmal auf den Markt gebrachtes Medikament wegen unerwünschter Nebenwirkungen wieder zurückgezogen werden muss. Aber es gibt natürlich auch Anlässe, zu denen die Pharmabranche regelmäßig für positive Nachrichten sorgt. Einmal im Jahr zum Beispiel versammeln sich Mediziner aus aller Welt zu einem Kongress, auf dem ausschließlich über die Behandlung von Krebs gesprochen wird. Und auf dieser Jahrestagung der American Society of Clinical Oncology („Asco") in Chicago glänzt die Pharmabranche auch 2012 mit Erfolgsnachrichten.

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Die meisten Schlagzeilen machen Pharmakonzerne mit teuer entwickelten Medikamenten, die noch in den letzten Phasen der klinischen Tests oder gar erst in der Zulassung scheitern – und das Ergebnis belasten. Besonders schlimm ist die Lage, wenn ein einmal auf den Markt gebrachtes Medikament wegen unerwünschter Nebenwirkungen wieder zurückgezogen werden muss. Aber es gibt natürlich auch Anlässe, zu denen die Pharmabranche regelmäßig für positive Nachrichten sorgt. Einmal im Jahr zum Beispiel versammeln sich Mediziner aus aller Welt zu einem Kongress, auf dem ausschließlich über die Behandlung von Krebs gesprochen wird. Und auf dieser Jahrestagung der American Society of Clinical Oncology („Asco”) in Chicago glänzt die Pharmabranche auch 2012 mit Erfolgsnachrichten: zum Wohle der Patienten und natürlich auch der eigenen Umsätze. Den oft todkranken Patienten geben die neuen Medikamente zwar nur seltener Hoffnung auf ein Überleben, häufiger aber auf weitere wichtige Lebenszeit im Kreise der Familie. Und dafür werden in der Regel hohe Rechnungen fällig.

In einem schwachen Börsenumfeld halfen die guten Nachrichten den Aktienkursen der börsennotierten Pharmakonzerne in dieser Woche bisher zwar nicht oder nur kaum. Deutschlands zweitgrößten Pharmakonzern Boehringer Ingelheim ficht das aber nicht an. Er ist ohnehin vollständig in Familienbesitz, hat aber deutliche Fortschritte mit einem neuen Medikament gegen Lungenkrebs erzielt. Der Wirkstoff Afatinib konnte das Fortschreiten der Krankheit in einer Studie erheblich hinauszögern. „Die Ergebnisse der entsprechenden Studie sind sehr ermutigend”, sagte der Medizinchef des Konzerns, Klaus Dugi. Zulassungsanträge für das Präparat in den Vereinigten Staaten und in Europa plant der Konzern aus Ingelheim bei Mainz noch in diesem Jahr. Lungenkrebs ist nach wie vor die häufigste und tödlichste Krebsart. Jedes Jahr erkranken 1,6 Millionen Menschen, rund 1,4 Millionen sterben jährlich daran.

Mehr Lebenszeit

Afatinib ist der am weitesten entwickelte neue Krebs-Wirkstoff von Boehringer Ingelheim. An der zulassungsrelevanten Studie der dritten und letzten Phase der klinischen Entwicklung nahmen 345 Patienten mit fortgeschrittenem Lungenkrebs teil, die ein häufig vorkommendes Genprofil aufwiesen. Sie erhielten im Rahmen einer Erstbehandlung entweder die Boehringer-Substanz oder eine Chemotherapie mit Alimta des Wettbewerbers Eli Lilly und dem Standardprodukt Cisplatin. Im Ergebnis verzögerte das Medikament das Fortschreiten der Krankheit um 11,1 Monate. Der Chemotherapie gelang dies dagegen nur 6,9 Monate. Der Konzern arbeitet parallel an Tests, um die Patientengruppe mit dem Genprofil zu bestimmen, bei denen das Medikament am wirksamsten ist. Afatinib könnte somit noch gezielter eingesetzt werden und vom Trend zur personalisierten Medizin profitieren: Der Einsatz von Medikamenten in speziellen Patientengruppen ist in der Krebsforschung derzeit auf dem Vormarsch. Möglich wurden solche zielgerichteten Behandlungen durch die Fortschritte in der Molekularbiologie und der Genforschung.

Gute Nachrichten auch von Bayer

Auch der Pharmakonzern Bayer will gerade mit neuen Krebsmedikamenten sein Geschäft ankurbeln, für die er in Chicago positive Studienergebnisse veröffentlichte (F.A.Z. vom 4. Juni). Nach dem schon zugelassenen Leber- und Nierenkrebspräparat Nexavar sollen zwei weitere Medikamente, nämlich Regorafenib und Alpharadin, den Umsatz steigern. „Wir sind überzeugt, dass Regorafenib und Alpharadin Milliarden-Euro-Produkte werden können”, sagte die Leiterin des Onkologie-Geschäfts von Bayer, Alison Ayers-Ptaszek, der Nachrichtenagentur Reuters. Die beiden Krebsmittel gehören zu insgesamt vier Substanzen in der fortgeschrittenen Entwicklung, denen Bayer ganz selbstbewusst Milliardenumsätze zutraut. Das ist keine Selbstverständlichkeit, denn solche sogenannten Blockbuster werden in der Pharmaindustrie immer seltener.

In einer der Studien testete Bayer Regorafenib bei Patienten mit fortgeschrittenen Tumoren einer Krebsart, die den Magen-Darm-Trakt befällt. In dem Test mit 199 Patienten konnte der Wirkstoff Bayer zufolge das Fortschreiten der Krankheit mehrere Monate lang hinauszögern. Im Mittel lebten die Patienten, die die Bayer-Substanz erhielten, 4,8 Monate ohne ein weiteres Voranschreiten der Krankheit. Bei Patienten, die ein wirkungsloses Placebo bekamen, war es weniger als ein Monat. Bayer plant nun im zweiten Halbjahr, Zulassungsanträge für das Medikament zur Behandlung von Magen-Darm-Tumoren zu stellen. Bayer veröffentlichte zudem aktualisierte Daten aus einer Phase-III-Studie mit dem Wirkstoff Alpharadin zur Behandlung von fortgeschrittenem Prostatakrebs. Danach verlängerte der Wirkstoff das Leben von Patienten, bei denen der Krebs sich schon auf die Knochen ausgebreitet hat, um einige Monate. Im Schnitt lebten die mit Alpharadin und einer Standardtherapie behandelten Patienten noch 14,9 Monate. Dem Mittel hatte die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA schon ein vereinfachtes Zulassungsverfahren eingeräumt.

Alpharadin sei die erste spezifisch auf Knochenmetastasen ausgerichtete Therapie bei Prostatakrebs, die eine signifikante Verlängerung der Gesamtüberlebenszeit in einer abschließenden Studie zeige, heißt es in der Mitteilung von Bayer. Knochenmetastasen seien eine der Hauptursachen für körperliche Behinderung und Tod bei Patienten mit kastrationsresistentem Prostatakarzinom. An Prostatakrebs sterben jedes Jahr mehr als 250 000 Männer. Es ist bei Männern in den Vereinigten Staaten und in Nordeuropa sogar die häufigste Krebsart. Auch der Schweizer Pharma- und Diagnostikkonzern Roche konnte in Chicago vielversprechende Studienergebnisse vorlegen: Vor allem die spätklinischen Daten für das Brustkrebsmedikament T-DM1 stießen offenbar auf positive Resonanz. Die mit dem Mittel behandelten Patientinnen lebten im Schnitt 9,6 Monate, ohne dass die Krankheit fortschritt. In der Vergleichsgruppe waren es 6,4 Monate. T-DM1 ist eine sogenannte zielgerichtete Arznei: Das Mittel benutzt Roches Krebsmedikament Herceptin, um den zelltötenden Wirkstoff DM1 direkt in den Tumor zu transportieren.

Kampf gegen den Brustkrebs

Mit Herceptin werden Frauen mit Brustkrebs behandelt. Bei dieser besonders aggressiven Form der Erkrankung, die rund 20 Prozent der Fälle betrifft, kommt auf der Tumoroberfläche vermehrt das Protein „HER2″ vor, das Signale ins Innere der Krebszelle weiterleitet. Herceptin blockiert diesen Rezeptor gezielt. Eine vorläufige Auswertung der Phase-III-Studie habe zudem ergeben, dass gut 65 Prozent der mit T-DM1 behandelten Brustkrebspatientinnen nach zwei Jahren noch lebten. Roche will die Marktfreigabe von T-DM1 in den Vereinigten Staaten und in Europa noch in diesem Jahr beantragen. Brustkrebs wird jährlich bei rund 1,4 Millionen Frauen neu diagnostiziert und mehr als 450 000 sterben daran.

 

 

Veröffentlicht unter: Bayer, Boehringer Ingelheim, Roche, Krebsforschung, Asco

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (2)
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0 jacekw 26.12.2012, 20:37 Uhr

Ich bin neugierig, wie lange...

Ich bin neugierig, wie lange dauert es noch bis Alpharadin von Bayer zugelassen wird. Wenn es so funktioniert, wie beschrieben, könnte bei vielen Krabskranken das Leben um einige Zeit verlängen

0 lutz-breunig 06.06.2012, 13:15 Uhr

... nicht ausser Acht lassen...

... nicht ausser Acht lassen darf man in diesem Zusammenhang, dass Kliniken immer mehr gehalten sind, ihre Leistungen erlöswirksam zu erbringen: http://www.servicereport.eu/2012/patienten-zu-kunden-krankenhaeuser-und-kliniken-muessen-ihre-erloese-sicherstellen

Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für die Unternehmensberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.