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Charmeoffensive in der Deutschen Bank: Schmunzeln mit Anshu Jain

Anshu Jain, der Co-Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, führt eine Charmeoffensive, die manchmal zu Momenten entwaffnender Offenheit führen kann. Deshalb findet man nun häufiger Bilder, auf denen Jain etwas herzlicher in die Welt blickt als früher. Und nebenbei erfährt man aus seinem Mund offenherzige Dinge: Dass die Rettung des Euro unausweichlich zu einer höheren Inflation führen wird, dass die Anteilseigner der Deutschen Bank darüber uneins sind, wie der Konzern sein Kapital erhöhen solle. Und auch, dass er sein Gehalt in Deutschland versteuere.

Anshu Jain blinzelt gern. Ganz besonders dann, wenn er schmunzelt. Dann ist sein Gesicht am interessantesten: Seine Lippen formen erst einen langen Strich. Anschließend bilden sich um seine Augen lustige Falten, seine Wangen treten deutlicher hervor. Das passiert Jain häufiger als man denkt. Denn er hat Humor.

Zum Beispiel, wenn er darüber redet, was aus seinem alten Arbeitgeber Merrill Lynch in den Händen der Bank of America geworden ist: “Die könnten sich doch auch in Bank of only America umbenennen”, scherzt er dann, in Anspielung auf die vermeintlich oder tatsächlich nur noch sehr regionale Ausrichtung der Bank. Mehr als nur schmunzeln, sondern auch herzlich lachen kann er, wenn er davon spricht, wie sein Sohn ihn einmal von einer Investition in Apple-Aktien überzeugen wollte, angesichts der vermuteten Zukunftsperspektiven des Elektronikkonzerns aus Kalifornien: “Alles schon im Aktienkurs eingepreist”, habe er seinem Sohn dazu schon vor längerer Zeit geantwortet. Aber der Kursanstieg von Apple hat sich unaufhaltsam fortgesetzt. So kann es gehen. Selbst ein Spitzenbanker hat nicht immer recht.

In der Öffentlichkeit ein anderes Bild

Das Bild aber, das es in der Öffentlichkeit von ihm gibt, ist ein völlig anderes. Es ist negativ besetzt, und es ist sehr viel ernster. Es würde in dem Witz über die Bank of America, über den selbst die Kollegen des angesprochenen Instituts lachen können, allein das kompetitive Element des kühlen Investmentbankers betonen. Und in dem Scherz über Apple würde man allein das Haar in der Suppe suchen, dass Jain der entgangene Gewinn kaum schmerzt, weil er ja sowieso steinreich ist. Wahrheit findet sich auch in solchen Skizzen, aber der Person Jain werden sie nicht gerecht. Doch Jain, seit dem 1. Juni gemeinsam mit Jürgen Fitschen Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank, polarisiert. Natürlich ist er reich und ehrgeizig, selbstverständlich will er der Konkurrenz die besten Geschäfte wegschnappen, Mitarbeiter zu mehr Leistung anspornen. Doch um ihn herum geht es um anderes, es werden zumeist Skandale gesucht.

Wie das so ist, wenn man – etwas geheimnisvoll – aus Indien stammt, angeblich mit einer Armee von Investmentbankern aus London kommt und im Rahmen des bisherigen Berufslebens ja auch tatsächlich Verantwortung für den einen oder anderen kapitalen Fehlgriff trägt. Warum sollte man da viel schmunzeln? Jetzt will auch noch ein potentieller SPD-Kanzlerkandidat das Investmentbanking-Geschäft vom Rest des Instituts trennen – mithin das Gegenteil von dem erreichen, was sich Jain und Fitschen auf die Fahnen geschrieben haben: Nämlich die Welt von den Vorteilen einer integrierten Universalbank zu überzeugen, die Investment- und Geschäftsbank unter einem Dach vereint. Die nächste Bundestagswahl wird nun aber wohl auch zu einer Abstimmung über die Macht und die Zukunft der Banken. Jain ist mittendrin, und er muss aufpassen, nicht zum Abziehbild des kühlen Investmentbankers zu werden.

Momente entwaffnender Offenheit

Die Antwort auf diese Herausforderung ist eine Charmeoffensive, die manchmal zu Momenten entwaffnender Offenheit führen kann. Deshalb findet man nun häufiger genau diese Bilder, auf denen Jain etwas herzlicher in die Welt blickt als früher. Und nebenbei erfährt man aus seinem Mund offenherzige Dinge: Dass die Rettung des Euro unausweichlich zu einer höheren Inflation führen wird, dass die Anteilseigner der Deutschen Bank darüber uneins sind, wie der Konzern sein Kapital erhöhen solle. Und auch, dass er sein Gehalt in Deutschland versteuere.

Von der Deutschen Bank hatte Jain für 2011 rund 5,8 Millionen Euro erhalten, im Jahr davor waren es knapp 7,6 Millionen Euro. Arm ist Jain also wahrlich nicht. Doch pflegt er einen überraschend unprätentiösen Auftritt. Man trifft ihn natürlich stets im Anzug an, aber eben auch mit Rucksack über den Schultern. Wanderschuhe, die er zum Beispiel im Winter auf dem World Economic Forum in Davos zum feinen Zwirn trägt, stehen ihm passabel, auch symbolisch, wo er doch tatsächlich ein disziplinierter und ausdauernder Wanderer durch die globalisierte Welt ist.

Im globalen Dorf daheim

Geboren im Jahr 1963 als Sohn eines Staatsbediensteten bekam er eine Ausbildung an einer der renommiertesten Privatschulen Delhis, studierte in der Stadt Volkswirtschaftslehre. Wie er selbst sagt, war es sein Interesse an ökonomischen Fragen, das ihn dem Bankgeschäft näher gebracht hat. Anschließend ging er auch deshalb in die Vereinigten Staaten, machte seinen Master in Finanzen, arbeitete für den Börsenmakler Kidder Peabody, wechselte zu Merrill Lynch, und 1995 – gemeinsam mit seinem Mentor Edson Mitchell – zur Deutschen Bank.

Seither wechselte er nicht mehr, stieg stetig intern auf. London wurde seine Heimat; Jain besitzt die britische Staatsbürgerschaft. Und jetzt muss er, der zuvor ungern Aufhebens von sich gemacht hat, lernen, sein wahres Gesicht zu zeigen: Mit Demut, und mit Handlungen, die Worten Taten folgen lassen. Sein Kollege Jürgen Fitschen hilft ihm dabei. Gemeinsam schmunzelt es sich in schweren Zeiten leichter. Man versteht sich auch deshalb viel besser als gedacht.

 

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