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Dank Euro-Angst: Cuxhavens Bauboom hinter dem Deich

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Die Angst um den Euro und niedrige Zinsen treiben die Anleger an die Nordsee: In den Kurorten von Cuxhaven, vor allem in Duhnen, reiht sich eine Baustelle an die nächste. Alteingesessene fürchten um Stadtbild und Infrastruktur. Projektentwickler freuen sich. Und die Politik ist zerstritten.

Eine Ratsfrau in Cuxhaven hat schon fast den Überblick verloren. Sie hat vor ein paar Tagen im zuständigen Ausschuss der Stadt darum gebeten, dass künftig in jeder Sitzung eine Art Bestandsaufnahme gemacht wird, welche Projekte gebaut oder bald in Angriff genommen würden. Schließlich erfahre sie darüber in der Regel nichts, wenn es sich um normale Bauanträge handle, die nicht gegen den jeweils gültigen Bebauungsplan verstießen. Vor allem im Cuxhavener Ferienstadtteil Duhnen sei aber so viel los, dass es dringend geboten sei, alle Projekte in ihrer Gesamtheit im Auge zu behalten. „Es gibt einen Boom“, sagt auch Gunnar Wegener, der SPD-Fraktionsvorsitzende im Rat der Stadt: „Und alle wollen natürlich an die erste Reihe am Deich.“

Den Makler freut es

Den ortsansässigen Makler Olaf Grutzpalk freut das – natürlich – sehr: „Ja, es stimmt. Die Zahl der Neubauten und Neubauprojekte hat stark zugenommen, und sowohl Verkauf als auch Vermietung laufen derzeit sehr gut“, sagt der Makler, der in seiner Werbung mit der Sorge der Menschen vor dem Wertverlust des Euro spielt. „Bevor der Euro im Mittelmeer versinke, sollte man doch lieber an der Nordsee investieren“, findet Grutzpalk. Die Nachfrage konzentriere sich jedoch sehr stark auf Duhnen, schon die Nachbarorte Sahlenburg und Döse fielen in der Gunst der interessierten Käufer mit Ausnahme von Seesichtwohnungen deutlich ab – ebenso wie der Rest des Cuxhavener Immobilienmarkts, der unter der demographischen Entwicklung und dem Strukturwandel in der Stadt an der Elbmündung leidet. Bundeswehr, Werft- und Fischindustrie sind zu einem großen Teil abgewandert. Die Windkraftindustrie erfüllt noch nicht die Erwartungen, die mit hohen Fördergeldern in sie gesetzt wurde. Was bleibt, ist vor allem der Tourismus.

„Die jährliche Wertschöpfung in der Cuxhavener Tourismusindustrie erreicht mehr als 280 Millionen Euro im Jahr, und in der Branche sind in der Stadt rund 4000 Menschen beschäftigt“, sagt Oberbürgermeister Ulrich Getsch (parteilos). Es werde zwar nicht immer viel Geld verdient, aber immerhin. Deshalb setzt sich Getsch auch sehr dafür ein, den Tourismus in Cuxhaven weiterzuentwickeln, und freut sich über die Investitionen in die neuen Ferienimmobilien. Getsch weiß aber auch, dass seine Stadt an der einen oder anderen Stelle an Grenzen stößt, nicht zuletzt an emotionale: „Vielen Altbesitzern von Ferienwohnungen bereiten die vielen neuen Wohnungen Sorge.“ Deshalb gibt es in der Stadt, die inzwischen nach Meinung der Maklerszene für Interessenten an Ferienimmobilien zu einem der begehrtesten Orte an der Nordsee zählt, einen Streit um die Auslegung von Bebauungsplänen. Und mit der Auseinandersetzung sollte sich derzeit jeder befassen, der sich mit dem Gedanken trägt, tatsächlich in Cuxhaven zu investieren.

Neue Mehrheit im Stadtrat

Die neue Mehrheit im Stadtrat sichert zwar den Altfällen Bestandsschutz zu. Aber wer sich in Wohngebieten, die im Laufe der Jahrzehnte immer stärker vom Tourismus geprägt wurden, eine Immobilie kaufen will, die bisher an wechselnde Urlauber vermietet wurde und wofür das städtische Steueramt auch jährlich einen Fremdenverkehrsbeitrag kassiert hat, der sollte sich besser vorher beim städtischen Bauamt vergewissern, ob er das Kaufobjekt auch tatsächlich legal für die Beherbergung von Gästen nutzen darf. Es gibt dem Vernehmen nach schon Fälle, in denen das Bauamt Ordnungswidrigkeitsverfahren wegen illegaler Nutzungsänderung von Wohnungen für die Kurzzeitvermietung als Ferienwohnungen eingeleitet und Bußgelder von bis zu 500 000 Euro angedroht hat.

Auch deshalb hat die Wählergemeinschaft „Die Cuxhavener“ im Rat der Stadt einen Antrag gestellt, das Genehmigungsverfahren für Ferienwohnungen zu überarbeiten, um die zum Teil lähmende Unsicherheit im Immobilienmarkt wieder zu beseitigen, für die man selbst gesorgt hat. Das von SPD und „Cuxhavenern“ gemeinschaftlich formulierte Papier fußt auf der Rechtsauffassung, dass Ferienwohnungen Beherbergungsbetriebe seien, die einer besonderen nutzungsrechtlichen Genehmigung bedürfen. Zudem soll die Zahl der Ferienwohnungen in nicht eigens dafür vorgesehenen Gegenden prozentual limitiert werden. „Wofür stellen wir denn eigentlich Bebauungspläne auf?“, fragt Wegener vor diesem Hintergrund. So stehen Makler, Projektentwickler und Investoren auf der einen und Cuxhavener, die sich um den Erhalt ihrer Wohnkultur in den entsprechenden Stadtteilen bemühen oder die sich die Konkurrenz neuer Ferienwohnungen vom Hals halten wollen und über Quadratmeterpreise deutlich jenseits von 3000 Euro nur staunen können, auf der anderen Seite. Wegener spricht deshalb von einer „zweigeteilten Stadt“. Thiemo Röhler, der Fraktionsvorsitzende der CDU, sieht die Dinge gelassener, mit Blick sowohl auf die Nachfrage als auch auf die Diskussion um die Bebauungspläne: von einem regelrechten Immobilienboom will er nicht reden, auch in den vergangenen Jahren sei schon viel gebaut worden.

Ein paar Hotels mehr wären gut 

Allerdings fehlen nach der Ansicht mancher Marktbeobachter – trotz einiger erfolgreicher Familienbetriebe, die Röhler besonders am Herzen liegen – weitere größere Hotels am Ort. Das ist ein Problem, um das auch der Oberbürgermeister weiß, der Cuxhaven gerne als Standort zum Beispiel für Konferenzen der Offshore-Industrie weiterentwickeln will. Auch sonst plädiert Röhler für eine nüchterne Vorgehensweise: „Was wir rund um die Ferienwohnungsnutzung in der Vergangenheit geduldet haben, sollten wir weiterhin dulden“, sagt er. Selbst Wegener befürchtet, dass man im größten Teil von Duhnen am Status quo nichts mehr ändern kann. Grundsätzlich brauche die Stadt künftig aber belastbare Regeln, um den Ausbau der Infrastruktur vernünftig zu steuern. Der Oberbürgermeister hofft unterdessen, dass es gelingt, im Rahmen der Bebauungspläne Mittelwege zu finden: „Wir wollen nicht zur Costa Brava werden, aber auch im modernen Tourismusgeschäft nicht den Anschluss verlieren“, sagt Getsch. Das sei einst dem Harz passiert, ist in Cuxhaven an jeder Ecke zu hören – und eine solche Entwicklung müsse im Nordseeheilbad mit den meisten Übernachtungen verhindert werden.

Streiten kann man sich in diesem Bemühen in Cuxhaven aber noch um vieles. Der jüngste Aufreger ist der geplante Verkauf des Hauses der Kurverwaltung in Duhnen, in bester Lage. Das Grundstück ist wertvoll, die Stadt braucht Geld, aber mancher, wie zum Beispiel CDU-Mann Röhler, möchte das Stück Land lieber von der Kommune selbst entwickelt sehen als von einem Projektentwickler. Auch OB Getsch ist gegen einen Verkauf. Eines ist klar: An dieser Stelle lässt der Bebauungsplan Hotels und Ferienwohnungen zu. Immerhin darüber muss man sich also nicht mehr streiten. Ulrich Schmarje, ein engagierter Duhner Vermieter mit Hotel und Ferienwohnungen, fragt sich aber schon, ob der Boom nicht dazu führt, dass in Duhnen die letzten grünen Flächen zugebaut werden – und auch die Infrastruktur überlastet wird. Den Vorstoß der Duhner Ratsfrau kann er daher gut verstehen.

Der Autor auf Twitter: www.twitter.com/carstenknop

Vom selben Autor: “Amazon kennt dich schon”:https://www.fazbuch.de

 

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4 Lesermeinungen

  1. Ein neues Westerland gefällig..?
    Flucht v o r irgendwas und irgendwohin, wo man niemanden wirklich kennt, war noch nie die
    Lösung, sondern verstellt nur den Blick auf das Problem : viele Menschen haben zu viel Geld und
    zu wenig Heimat in sich – man muss raus aus dem Angestammten, das langweilig zu werden droht und hin zu neuen Ufern, vergisst dabei aber, dass man leider überall sich selbst mitnimmt.

  2. Und wie sieht´s mit der Innenstadt aus?
    „Die jährliche Wertschöpfung in der Cuxhavener Tourismusindustrie erreicht mehr als 280 Millionen Euro im Jahr, und in der Branche sind in der Stadt rund 4000 Menschen beschäftigt“
    Angesichts von rund 205 T Einwohnern im Landkreis, die teilweise zur Arbeit bis nach HH oder Bremen pendeln, ein geringer Anteil an Arbeitsplätzen. Ich nehme an, die Aushilfen und Minijobber sind hier nicht mit eingerechnet. Wesentliche Teile der Fischereiwirtschaft und Schiffsbau sind weg gebrochen. Die Innenstadt bis zur Alten Liebe hin sind in einem beklagenswerten Zustand. Die Kurtaxe mit den damit verbundenen sog. “Annehmlichkeiten” in ihrer Höhe eine Frechheit – darf man damit doch immerhin zum Strand.
    Cuxhaven wird mit Goldgräberstimmung einem Immobilienhype geopfert. Was bleiben wird: eine Art gefühltes “St. Tropez” an der Nordsee, das dem Charme und dem Glanz längst vergangener Tage nachhängen wird. Liebe “Cuxhavener”, für Euren Einsatz viel Erfolg.

  3. Wenn alle in erster Reihe an den Deich wollen ...
    dann sollte man vielleicht ein paar mehr Deiche bauen.

  4. Ist Geld anlegen eigentlich harte Arbeit?
    Alle Parteien sind sich einig…wer hart arbeitet soll belohnt werden.
    Wieso bestimmen Geldanleger, Zocker…den Lohn?
    Verstehen Sie das?….ich nicht…:-)

    Gruß,
    W.D.H.

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