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Boston Consulting Group will mutigere Manager

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Vor der Krise haben Manager den Mund zu voll genommen. Jetzt klagen sie über zu viel Regulierung. Carsten Kratz, der Deutschland-Chef der Berater der Boston Consulting Group empfiehlt seinen Kunden wieder mehr Dialog – und der Politik, sich mit Eingriffen in Werkverträge zurückzuhalten. Ein Mindestlohn von 8,50 Euro sei aber keine fundamentale Bedrohung.

Es ist nicht lange her, da waren deutsche Manager schlecht beraten: „Vor dem Ausbruch der Finanzkrise gab es Fälle, da muss man eingestehen, dass die Wirtschaft teils übertrieben selbstbewusst aufgetreten ist. Einige Manager haben damals gegenüber der Gesellschaft nicht den richtigen Ton getroffen.“ Das sagt niemand von der Occupy-Bewegung oder von Attac. Die deutlichen Worte findet Carsten Kratz, der Deutschland-Chef der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG). Und die BCG ist in der Branche nicht irgendwer. Man sieht sich selbst, gemeinsam mit McKinsey, am oberen Ende des Marktes, im Premium-Segment, sozusagen. Durch das in Teilen arrogant wirkende Verhalten sei ein Vakuum entstanden, räumt Kratz im Gespräch mit dieser Zeitung ein: „Und die Politik hat diese Lücke gefüllt.“

Das hatte Konsequenzen, denn mit der Arroganz paarte sich Versagen: Viele Branchen werden deshalb inzwischen mit Regulierungen überzogen; die Politik folgt dabei dem gesellschaftlichen Konsens. Und der hat für eine liberale Wirtschaftspolitik derzeit nicht mehr viel übrig. Kratz spürt die Auswirkungen in seinem beruflichen Alltag, also in den Gesprächen mit den Vorstandsvorsitzenden von Unternehmen, die er regelmäßig trifft. „In 80 Prozent der Gespräche geht es derzeit um Fragen der Regulierung.“ Ob Telekommunikationsunternehmen oder Finanzindustrie, Energieerzeuger oder Fluggesellschaften – durch zahlreiche Branchen zieht sich die Sorge, dass der Staat inzwischen zu restriktiv geworden ist und die deutschen Unternehmen dadurch in ihrer Wettbewerbsfähigkeit in der globalisierten Welt bald wieder zurückfallen könnten. Dabei hat Kratz gar keine grundsätzlichen Schwierigkeiten mit staatlichen Eingriffen. Ein branchenübergreifender Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde zum Beispiel sei für die deutsche Volkswirtschaft keine fundamentale Bedrohung, findet er.

Flexibilität muss erhalten bleiben

Kritischer seien hingegen Eingriffe, die dazu führten, dass Arbeitskräfte künftig nicht mehr so flexibel wie heute eingesetzt werden könnten. „Deshalb würde eine harsche Regulierung von Werkverträgen sehr viel mehr schaden als ein flächendeckender Mindestlohn“, ist Kratz überzeugt. Wirklich gut wäre es aus seiner Sicht, wenn sich die deutschen Tarifparteien auf ein Modell einigen könnten, das langfristigen Arbeitsfrieden und hohe Flexibilität zugleich gewährleiste. Das stellt er sich in etwa so vor: „Tarifverträge könnten beispielsweise mit einer Laufzeit von rund fünf Jahren abgeschlossen werden und dabei zum Beispiel eine jährliche Lohnsteigerung von 2 Prozent über der Inflationsrate vorsehen. Im Gegenzug müssten die Arbeitnehmer in Fällen guter Beschäftigungslage deutlich stärker belastet werden können als im Normalbetrieb – und in Zeiten der Unterbeschäftigung auch einmal gar nicht.“

Seine Überlegungen haben einen Hintergrund: Die deutsche Wirtschaft arbeitet in vielen Bereichen sehr kapitalintensiv. Deshalb komme es vor allem darauf an, die Maschinen und Anlagen stets so gut wie möglich auszulasten. Dabei könnten solche Tarifmodelle helfen. Im Vordergrund vieler politischer Entscheidungen stehe derzeit aber – wegen der Versäumnisse der Vergangenheit – nicht die weitere Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft, sondern der Verbraucherschutz, urteilt Kratz. Das sei zum Beispiel in der Telekommunikationsindustrie besonders deutlich zu erkennen, wo alles getan werde, um Preise für den Verbraucher möglichst niedrig zu halten, aber viel zu wenig dafür, dass auf der anderen Seite genug Geld verdient werde, um noch ausreichend in wettbewerbsfähige Breitbandnetze investieren zu können. Das sei für den Standort Deutschland langfristig schädlich, warnt der BCG-Manager.

Regulierung nicht grundsätzlich schädlich

Dabei gilt für Kratz auch hier, dass Regulierung nicht grundsätzlich schädlich sein muss, wenn sie nur im Auge behalte, wie das Land nachhaltig wettbewerbsfähig werden oder bleiben könne. Insofern sieht er auch die Energiewende gelassener als manch anderer in der Wirtschaft. „Die energieintensive Industrie in Deutschland hatte immer mit höheren Kosten zu kämpfen als in anderen Ländern – zugrunde gegangen ist sie darüber nicht“, sagt Kratz, auch wenn er zu bedenken gibt, dass die Unterschiede der Energiepreise zum Beispiel zwischen den Vereinigten Staaten und Europa derzeit besonders groß sind. Wahr sei aber auch, dass zum Beispiel Offshore-Windparks von niemandem besser gebaut werden könnten als von der deutschen Industrie. „Das kann auch Marktchancen schaffen“, ist Kratz in dieser Hinsicht erstaunlich optimistisch. Und die deutsche Autoindustrie habe die anspruchsvolle CO2-Regulierung vorbildlich gemeistert – die entwickelten, hocheffizienten Dieselmotoren seien inzwischen im internationalen Vergleich ein klarer Wettbewerbsvorteil.

Was ihn wurmt, ist, dass die Manager in den vergangenen Jahren so viel Vertrauen in der Gesellschaft verspielt haben, dass sie inzwischen auch mit berechtigten Forderungen kein Gehör mehr bekommen oder zu bekommen scheinen. Pauschalurteile seien hier auch wenig hilfreich. „Es gibt so viele Unternehmen, die langfristig jedes Jahr und Schritt für Schritt weiterentwickelt werden. Das spüren dann auch die Mitarbeiter – und schenken ihren Chefs entsprechendes Vertrauen.“

Dass diese Chefs sich dann aber häufig nicht trauten, unbequeme Wahrheiten auch einer breiten Öffentlichkeit mitzuteilen, sei bedauerlich. Hier müssten nicht zuletzt auch gutgeführte Familienunternehmen eine Vorreiterrolle übernehmen. „Wenn sich die Wirtschaft nicht stärker engagiert, dann kommt sie aus der Regulierungsfalle nicht heraus“, sagt Kratz. Noch sei es dazu nicht zu spät. „Wir haben Kraft – und unser Schicksal noch in der eigenen Hand.“

Der Autor auf Twitter: www.twitter.com/carstenknop


2 Lesermeinungen

  1. Jede Regulierung ist Überregulierung
    Deshalb spricht Kratz auch nur von der »Regulierungsfalle«. Vor dieser zu warnen, ist das Hauptziel seiner Einlassungen soweit im Beitrag zitiert. »Regulierung nicht grundsätzlich schädlich«? Beschönigendes Beiwerk zu: »Deshalb würde eine harsche Regulierung von Werkverträgen sehr viel mehr schaden als ein flächendeckender Mindestlohn«. »Harsch« ist natürlich jede Regulierung, die der Arbeit ihre Würde zurückgibt.

    Einzelunternehmer im Werkvertrag schrauben zum halben Lohn der Festangestellten die S-Klasse in Sindelfingen zusammen. Das darf natürlich laut Kratz keinesfalls »harsch« reguliert werden.

    Entwürdigt man doch mit Werkverträgen nicht nur den »Einzelunternehmer« sondern hat auch noch ein klasse Drohwerkzeug für die Festangestellten zur Erhaltung der »Wettbewerbsfähigkeit in der globalisierten Welt.«

    N.b.:
    Die bessere Idee für die Sindelfinger wäre natürlich: Einfach mal wieder solide, zuverlässige Autos bauen. Vielleicht zur Erhaltung der »Wettbewerbsfähigkeit in der globalisierten Welt?«

  2. Die Überregulierung von Werksverträgen hat sich die Wirtschaft selber eingebrockt ...
    …indem diese Vertragsart viel zu oft zur Umgehung von Anstellungsverträgen abgeschlossen wurde.

    Dass die Telekommunikationsunternehmen jahrelang überhöhte Tarife für Handyverbindungen und insbesondere Roaming einkassierten, müsste auch einem Chef der BCG bekannt sein?

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