Ad hoc

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Unternehmen bestimmen unser tägliches Leben. Aber was bewegt die Unternehmer? Über Trends, Technologien und Menschen, die sie bestimmen.

Die Cebit soll die Intensivstation verlassen (haben)

Die Computermesse Cebit wird weiter umgebaut. Das Ziel: Mehr Profis und mehr junge Unternehmer sollen kommen. Die gesellschaftliche Relevanz soll größer werden. Dafür gibt es einen neuen Chef und ein neues Motto.

Zugeben wird es niemand. Aber die Computermesse Cebit liegt (oder lag) auf der Intensivstation. Im vergangenen Jahr ist, wenn man so will, der Chefarzt ausgetauscht worden. Die Veranstaltung, die daraufhin folgte, brachte in diesem Frühjahr einen Schwund auf nur noch 210 000 Besucher. Aber da lief die Operation Neuaufstellung noch. Im kommenden Jahr wird es sich entscheiden: Schafft die Cebit die Wende – oder wird die Zahl der Besucher unter 200 000 sinken? Kurz nach der Jahrtausendwende waren es schon einmal 830 000 Gäste.

Oliver Frese, der Vorstand des Cebit-Veranstalters Deutsche Messe AG und in dieser Funktion der neue Cebit-Chef, reist in diesen Tagen durchs Land und verbreitet hoffnungsvolle Botschaften. Zum einen die bekannte: Die Veranstalter seien schon in diesem Jahr viel zufriedener gewesen als zuvor, da mehr interessierte Fachbesucher gekommen seien. Auf die Gummibärchen sammelnde Laufkundschaft lege man schließlich keinen Wert. Ein Eintrittspreis von inzwischen 60 Euro soll deshalb ganz bewusst nur noch hartgesottene IT-Fans unter den Privatleuten anlocken. Und die bekommen in Hannover eben deutlich weniger neues IT-Spielzeug wie Smartphones, Tablets oder Computeruhren zu sehen als zum Beispiel in Berlin auf der Internationalen Funkausstellung. Deshalb soll es beim hohen Eintrittspreis auch bleiben. So weit, so bekannt.

Zum anderen zählt Frese nun Aussteller auf, die ihre Stände vergrößern wollen. Er spricht von unmittelbar bevorstehenden Zusagen großer Konzerne, die länger nicht mehr oder noch nie auf der Cebit waren. Und er hofft, die Messe sehr viel stärker als bisher zu einer Plattform für Gründer zu machen. Dabei soll eine enge Zusammenarbeit mit dem inzwischen etablierten Gründerwettbewerb Code-N helfen, der schon seit einiger Zeit für ein wenig Avantgarde auf der Cebit sorgt und damit für ein Gefühl, das der Messe und ihren Machern ansonsten abhanden gekommen war.

Wie nur konnte das passieren? Die Informationstechnologie schleicht sich doch in jeden Winkel unseres Lebens. IT steckt heute überall, im Smartphone, in der Waschmaschine, im Auto. Und alles wird mit allem vernetzt, die Hausgeräte im „Smart Home“, die Maschinen in der Fabrik dank „Industrie 4.0“. Das Internet der Dinge trägt den Online-Modus aus der virtuellen Welt der Nullen und Einsen hinein in die greifbare Wirklichkeit. Es ist eine noch größere Revolution als das Internet selbst – und beinahe jedermann macht sich Sorgen um die Sicherheit der Daten.

An gesellschaftlicher Relevanz verloren

Die Cebit aber hat im Laufe der Jahre gesellschaftliche Relevanz verloren – trotz dieser Themen, die längst nicht nur die Wirtschaftsteile der Zeitungen, sondern auch die Feuilletons füllen. Im Blickpunkt soll deshalb ab sofort „der rasante und umfassende Einzug der IT in alle Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft“stehen. Das Ganze haben die Marketingstrategen der Cebit abermals in ein gewöhnungsbedürftiges Kunstwort gegossen, das das Motto der nächsten Cebit sein wird. Es ist „D-conomy“, eine Abkürzung für „digital economy“, und es soll die wachsenden Verbindungen der digitalen Sphäre mit der realen Wirtschaft aufzeigen.

Informationstechnologie sei heute in der Lage, mit großer Dynamik ganze Branchen umzuwälzen, heißt es. „Es ist erkennbar, dass sich die großen Trendtechnologien der IT-Branche aus den vergangenen Jahren – Big Data, Cloud Computing, Mobile, Social und Security – nach einer schnellen Fortentwicklung nun miteinander verzahnen und auf Wirtschaft und Gesellschaft gleichermaßen einwirken“, sagt Frese.

Worum geht es konkret? Ihr besonderes Augenmerk legen die Messemanager im kommenden Jahr auf Fragen der digital vernetzten Produktion und der sogenannten „machine to machine“-Kommunikation. In der Automobilindustrie werden Fertigungsprozesse immer komplexer und die Verflechtungen mit Zulieferbetrieben immer vielfältiger. Dienstleistungsunternehmen entwickeln aus Big Data, Cloud, mobilen Anwendungen und sozialen Netzwerken neue individualisierte Angebote. Die Logistikbranche nutzt IT-Anwendungen, um ihre Transportkapazitäten effizienter auszulasten. Der Handel setzt neue Hardware-Bausteine wie die Beacon-Minisender ein, um das stationäre Einkaufserlebnis um die digitale Ebene zu erweitern. Und der Medizin erlaubt die sekundenschnelle Verarbeitung gigantischer Datenmengen völlig neue Diagnosemöglichkeiten und Therapieansätze. Themen gibt es also genug. Und das soll helfen, die dringend gesuchten neuen Aussteller anzulocken. Hinzu kommt das Partnerland China, das mit seinen Möglichkeiten tatsächlich attraktiver sein könnte als vorherige Partner wie Großbritannien oder Polen.

Gründer bekommen noch mehr Platz

Damit in den Messehallen aber nicht nur Krawattenträger, sondern auch dynamische junge Leute zu finden sind, will Frese das Angebot der Messe für Gründer, Entwickler und Investoren deutlich ausweiten. Unter dem Titel „Cebit Scale“ sollen sich zahlreiche Jungunternehmen in Halle 11 zusammenfinden, die in diesem Jahr noch leer stand. „Der Ausstellungsbereich führt Jungunternehmer gezielt mit Konzernen, Akzeleratoren sowie Investoren zusammen“, sagt Frese. Das passe auch zur Tradition der Cebit: „Hier haben immer wieder junge Unternehmen gezeigt, dass sie mit einer guten Idee ganze Branchen umwälzen können.“ Scale werde das Angebot von Code-N ergänzen und von vielen Partnern unterstützt – wie dem Bitkom, dem Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften, der Deutschen Telekom und Microsoft.
Ob das reicht, die Cebit wieder nach vorne zu bringen? Es gibt viele Skeptiker. Und schon zur vergangenen Veranstaltung war es trotz der hohen Eintrittspreise nicht allzu schwer, Freikarten von Ausstellern zu bekommen. Vielleicht wäre die Zahl der Besucher ohne diese schon jetzt unter die Marke von 200 000 gefallen. Für die deutsche Industrie aber wäre es gewiss besser, wenn die Operationen von Chefarzt Frese gelängen. Und das nicht nur wegen der großen Tradition: Als Ausgründung entstanden, reichen die Wurzeln der Cebit bis in die siebziger Jahre zurück.

1970 entstand im Rahmen der Hannover Messe das „Centrum der Büro- und Informationstechnik“, kurz Cebit. Erst war es nur eine Halle, in der so spektakuläre Geräte zu sehen waren wie die Datenerfassungsmaschine Multiplex 80 der Olympiawerke aus Wilhelmshaven. Angesichts des Andrangs der Aussteller startete die Cebit 1986 dann als eine eigenständige Messe – mit großem Erfolg und einigen Höhepunkten. 1995 etwa stellte Microsoft-Chef Bill Gates in Hannover das neue Betriebssystem Windows 95 vor. Auf solche Höhepunkte wird man zwar verzichten müssen, wenn die Cebit 2015 am Montag, dem 16. März, ihre Tore öffnet. Aber vielleicht hat ja das eine oder andere Start-up in der Messewoche bis zum 20. März die Zukunft im Gepäck.

Unter Mitarbeit von Thiemo Heeg.

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