Ad hoc

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Unternehmen bestimmen unser tägliches Leben. Aber was bewegt die Unternehmer? Über Trends, Technologien und Menschen, die sie bestimmen.

Lotto ist nicht gleich Lotto

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Die Welt der Wirtschaft digitalisiert sich: Maschinen werden miteinander vernetzt, Bankfilialen werden durch Online-Auftritte der Kreditinstitute ersetzt, Zeitungen immer häufiger elektronisch auf Tabletcomputern gelesen – und wo spielt man Lotto? Der Gang zur Annahmestelle mutet schon jetzt anachronistisch an; eine lange Zukunft dürfte er nicht mehr haben. Das ist für die staatlichen Lottogesellschaften, die noch immer sehr stark auf diesen Vertriebsweg setzen, schon länger eine Herausforderung.Hinzu kommt, dass das Internet ein Medium ist, das keine Grenzen kennt. Das deutsche Lotto ist aber sogar in unterschiedliche Anbieter aus den verschiedenen Bundesländern aufgeteilt. Unter der Internetadresse „www.lotto.de“ kann man daher keine Spielaufträge abgeben. Man wird stets etwas umständlich zum Online-Auftritt der jeweils zuständigen Landesgesellschaften weitergeleitet. Diese haben in den vergangenen Jahren viel Geld in ihre Onlineseiten investiert.

Durch den zersplitterten Aufritt fehlt dem deutschen Lotto im Internet aber einiges am theoretisch für ihre Produkte möglichen Vermarktungsschwung – zumal die Spielsucht der Menschen nicht gefördert werden soll. Denn gespielt wird grundsätzlich sehr gern: Im vergangenen Jahr betrug der Gesamtumsatz des Lottoblocks, bestehend aus den Produkten Lotto 6 aus 49, Spiel 77, Euro Jackpot, Super 6, den Sofortlotterien, Glücksspirale, Oddset, Keno, Bingo, Toto und Plus 5, rund 7 Milliarden Euro. Das war gegenüber dem Vorjahr ein Plus von rund 10 Prozent. Mit 4 beziehungsweise 1 Milliarde Euro erwirtschafteten hierbei die Produkte Lotto 6 aus 49 sowie die Zusatzlotterie Spiel 77 die größten Einzelumsätze. Euro Jackpot, die mittlerweile in 14 Ländern gespielte und damit nun größte Lotterie Europas, hat allein in Deutschland 493 Millionen Euro eingespielt.

Es gibt also eine Menge zu verlieren, wenn diese Umsätze irgendwann doch einmal von anderen vermittelt oder ganz wegbrechen sollten. Entsprechend angespannt sind die Nerven im Deutschen Lottoblock. Wird über Online-Wettbewerber wie zum Beispiel Tipp24 berichtet, der seinen juristischen Unternehmenssitz in England hat und dessen Obergesellschaft jüngst in Zeal Network umfirmierte, beeilen sich dessen Vertreter schriftlich mitzuteilen, dass das Unternehmen schon seit Jahren nicht mehr wie früher die „in Deutschland veranstalteten Produkte des Deutschen Lotto- und Totoblocks“ an ihre Kunden vermittle, sondern seit Anfang 2009 eine eigene „schwarze Lotterie“ betreibe. Um das englische Lotteriemonopol zu umgehen, bewerbe das Unternehmen sein Glücksspiel als Wette auf die Ziehung der deutschen Lottozahlen. Dieses Angebot aber sei laut geändertem Glücksspielstaatsvertrag ein verbotenes Glücksspiel, weil dem Unternehmen die hierfür nötige Erlaubnis für ganz Deutschland fehle.

Zwar sei das Deutschland-Geschäft des Unternehmens vor zwei Jahren abgespalten und als unabhängiges Unternehmen mit dem Namen Lotto24 an die Börse gebracht worden. Allerdings erziele Zeal/Tipp24 den überwiegenden Umsatzanteil weiterhin mit deutschen Kunden. Das geschehe auf Kosten der Steuerzahler und des Gemeinwohls in Deutschland, zahle Zeal/Tipp24 hierzulande doch aus den Einsätzen keine Lotteriesteuer oder Zweckabgaben. Dies aber sei bei staatlichen Lotteriegesellschaften natürlich der Fall, schrieb vor einiger Zeit Marion Caspers-Merk, die Geschäftsführerin der Staatlichen Toto-Lotto GmbH Baden-Württemberg an diese Zeitung.

In diesem Umfeld versucht sich das von Zeal/Tipp24 abgespaltene Unternehmen Lotto24 zu behaupten: Einerseits winkt ein wirklich großer Markt, andererseits handelt es sich um rechtlich vermintes Gelände. Im September 2012 hat die Lotto24 AG die auf fünf Jahre befristete Erlaubnis erhalten, in ganz Deutschland staatliche Lotterien im Internet zu vermitteln. Zudem hat das Unternehmen seit Frühjahr 2013 sogar eine zunächst für zwei Jahre gütige Werbeerlaubnis.

Das Unternehmen wirbt also für die staatliche Lotterie und hat als Geschäftsmodell einer Annahmestelle im Netz. Hier liegt der Unterschied zu Tipp24: Dort landet das Geld in den Kassen von Zeal Network, bei Lotto24 verbleibt lediglich die Provision der staatlichen Lottogesellschaften. Das finden inzwischen durchaus einige Deutsche attraktiv. Die Zahl der registrierten Kunden erreicht nach Angaben von Lotto24 inzwischen mehr als 450 000.

Durch den Glücksspielstaatsvertrag ist das Lottogeschäft in Deutschland für diese Kunden unübersichtlich geworden – zumal es noch manche andere Gesellschaft gibt, die sich auf diesem Markt tummelt. Zu nennen wären zum Beispiel Lottoland, Jaxx, Lottohelden, Gwin oder Faber, und diese Liste ist nicht abschließend. Aufgetan hat sich zudem eine lukrative Spielwiese für Anwälte.

Denn die Voraussetzungen für eine Vermittlungserlaubnis sind sehr restriktiv und unbestimmt geregelt. Zudem ist ein Rechtsanspruch auf die Erteilung der jeweiligen Erlaubnis ausgeschlossen. Geht es zum Beispiel nach Lotto24, gibt es für die unverändert strengen Beschränkungen der Lotterievermittlung keine sachliche Rechtfertigung. Daher halte man wesentliche Regelungen des Staatsvertrags weiterhin für rechtswidrig und damit nicht anwendbar. Auch der Europäische Gerichtshof habe in seinem Urteil vom 12. Juni dieses Jahres eine kohärente und verhältnismäßige Regulierung des Glücksspiels gefordert und darin zum wiederholten Mal betont, dass nationale Beschränkungen im Bereich des Glücksspiels einer besonderen Rechtfertigung bedürften.

Die Auseinandersetzung dürfte noch eine Weile weitergehen. Der Markt ist einfach zu lukrativ. Längerfristig seien ein Anstieg des Lotterie-Gesamtumsatzes auf rund 11 Milliarden Euro im Jahr 2020 und damit eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von rund 4,5 Prozent zu erwarten, haben Marktforscher von der Media & Entertainment Consulting Network GmbH ermittelt. Immer mehr davon dürfte ins Netz abwandern. Wer wie viel von diesem Kuchen bekommen wird, werden in diesem Fall aber nicht nur Kunden, sondern eben auch die Rechtsanwälte entscheiden.


2 Lesermeinungen

  1. Erratum:
    Verschwinden statt verzwinden.
    BF

  2. Marktforscher spielen per defitionem Lotto,oder...
    Eine Epoche geht zu Ende,und damit die Kuchenlust,nein nicht die herrliche Bagels,ja vielleicht seien eher schmerzlicher Verluste zu erwarten,vor allem im Kleinbetrieb Bäckerei,die Zäsuren nirgendwo eindringlicher und faktisch beschrieben den im Peter Kurzecks Roman : VORABEND.
    Ein Must für jeder Ökonom, ich meine Sozialökonom,die sich die tiefgreifende Änderungen Städtische Regionen versus ländlichen Gegenden und das Verzwinden Kleinbauer,Handwerker undsoweiter,und das hat nichts mit Lotto zu tun.Ja hat zu tun mit Verzweiflung und sich aus dem Fenster stürzen…..das Lotto soll verschwinden!

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