Ad hoc

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Unternehmen bestimmen unser tägliches Leben. Aber was bewegt die Unternehmer? Über Trends, Technologien und Menschen, die sie bestimmen.

Deutschlands digitaler Kaltstart in ein neues Jahr

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Mitte Januar hatte der amerikanische Unternehmer Elon Musk mal wieder eine Überraschung parat. Der Gründer des Elektroautoherstellers Tesla will ein System von Satelliten entwickeln, das die Welt umspannt und für relativ niedrige Preise das Internet auch an entlegene Orte bringt. Schon innerhalb von fünf Jahren soll das Netz fertig sein, bis zu 4000 Satelliten sollen dann allein zu diesem Zweck die Erde umkreisen. Der erste prominente Investor, der die Idee unterstützt, ist der Internetkonzern Google, der natürlich nicht uneigennützig mit an Bord ist. Zum einen kommen so vermutlich rund 3 Milliarden neue Nutzer an das weltumspannende Datennetz, in dem Google die dominierende Suchmaschine ist und mit jedem Nutzer Geld verdient. Zudem könnte man die Satelliten wohl auch für ein Navigationssystem nutzen, was ebenfalls perfekt zu den bestehenden Google-Angeboten zu passen scheint. Europäische Ideen in dieser Richtung gibt es nicht – auch das europäische Satelliten-Navigationssystem Galileo als „Antwort“ auf das amerikanische GPS-System ist bisher lediglich ein Geldgrab.Wer Zeitschriften durchblättert, die neue Hightech-Produkte aus der Computerwelt und der Unterhaltungselektronik für das Jahr 2015 vorstellen, findet dort natürlich auch kein Produkt aus europäischer Hand. Der einzige Lichtblick ist der Ausflug in die Welt der Autos: Dort erfährt man zum Beispiel, dass ein umgebauter Audi A7 in den Vereinigten Staaten schon 900 Kilometer „autonom“, also ohne den Einfluss eines Fahrers, zurückgelegt hat. Das ist eine prima Sache, und auch unter dem Blech ist viel Audi-Knowhow versammelt.

Statt die Steuergeräte für die einzelnen Fahrerassistenzsysteme wie bislang üblich räumlich getrennt voneinander anzuordnen, konzentriert Audi diese in Zukunft an einem Ort: Das zentrale Fahrerassistenzsteuergerät führt dazu alle Sensorinformationen zusammen – dabei ist das „zFAS“ genannte Teil nicht größer als ein Laptop und soll im weiteren Entwicklungsprozess weiter schrumpfen. Hier, in der obersten Hightech-Ecke, ist Deutschland zum Glück noch ganz vorn, entsprechende Beispiele ließen sich auch bei BMW oder Daimler finden.

Aber in der Masse, dort, wo schnell hohe Umsätze gemacht werden können? Da spielt die Musik anderswo. Der amerikanische Grafikkartenhersteller Nvidia zum Beispiel hat erkannt, wo neue Geschäftsmöglichkeiten zu finden sind und jüngst zwei Chip-Plattformen für Autos vorgestellt, von denen eine für das sogenannte Infotainment gedacht ist und die andere Sensordaten für Assistenzsysteme erfasst und berechnet sowie bis zu zwölf Kameras unterstützt. Der amerikanische Softwarekonzern Microsoft wiederum, der in den vergangenen Jahren gezeigt hat, dass Erfolge der Vergangenheit auch für einen amerikanischen IT-Giganten keine Garantie für die Zukunft sind, schickt sich an, mit „Windows 10“ nun mal wieder eine Betriebssystemversion vorzulegen, die ein sicherer Erfolg zu werden verspricht – und hat sogar beschlossen, das System für den Mini-Bastelcomputer „Raspberry Pi“ kostenlos zur Verfügung zu stellen.

So gewinnt man die Herzen einer Entwickler- und Bastlergemeinde zurück und zeigt zugleich, worum es im sogenannten Internet der Dinge geht, nämlich um die möglichst große Verbreitung der eigenen Systeme auch auf extrem günstigen Geräten. Für bessere Stimmung gegenüber dem IT-Pionier aus Redmond soll auch Microsofts Hololens-Datenbrille sorgen, die 3D-Objekte im Raum darstellen kann. Mit solchen Brillen werden möglicherweise auch die Maschinen der Zukunft gesteuert und gewartet werden – aus deutscher Produktion kommt in dieser Hinsicht bisher: nichts. Beim Internet der Dinge, das in Deutschland mit dem Schlagwort „Industrie 4.0“ versehen wird, steht vor allem der so wichtige deutsche Mittelstand auf dem Schlauch. Das zeigen alle einschlägigen Umfragen aus der jüngeren Zeit. Auf Initiative von Forschungsministerin Johanna Wanka (CDU) soll ein „Konsortium Industrie 4.0“ vorangetrieben werden, das endlich mehr Schwung bringen soll. Bisher stehen sich hier viele Verbände, die sich für zuständig halten, vor allem gegenseitig im Weg.

Übrigens werden inzwischen jeden Tag rund 30 Milliarden Whatsapp-Nachrichten auf der Welt verschickt. Das sind schon jetzt 50 Prozent mehr als das klassische SMS-Aufkommen auf der Welt. Das Dumme dran ist, dass an den SMS die Mobilfunkanbieter noch mitverdient haben. Jetzt dürfen sie nur noch eine Flatrate in das Internet verkaufen, die weiteren Umsätze kommen amerikanischen IT-Konzernen zugute, in diesem Fall Facebook. Folgerichtig ist es der ebenfalls amerikanische Chiphersteller Intel, der soeben einen Mini-PC vorgestellt hat, der als kleiner Stick in den HDMI-Slot eines Fernsehers eingesteckt werden kann. Auch das ist eine pfiffige Lösung, die jeden modernen Fernseher zugleich auch für wenig Geld zu einem vollwertigen PC macht. Der Stick wird von März an mit dem Betriebssystem Windows ausgeliefert, später soll es auch noch eine Linux-Version geben.

Gut, dass Deutschland und Europa wenigstens in den traditionellen Industrien noch vorn sind. In Fragen der IT-Sicherheit indes gilt auch das nicht uneingeschränkt. Dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) zufolge sorgte im Dezember eine Schadsoftware dafür, dass der Hochofen eines nicht genannten deutschen Stahlwerks nicht ordnungsgemäß heruntergefahren werden konnte. Wer schon einmal vor einem Hochofen gestanden hat, weiß, um was für ein technisches Großgerät es sich dabei handelt. In den IT-Systemen der deutschen Konzerne gibt es einfach zu viele Schwachstellen, die von Hackern genutzt werden können. Das BSI beklagt daher eine „digitale Sorglosigkeit“ – und die gibt es, wie alle genannten Beispiele zeigen, nicht nur mit Blick auf die Verteidigung des Bestehenden, sondern auch mit Blick auf das Tempo, in dem der Wandel zum Internet der Dinge und den sich daraus ergebenden Chancen angegangen wird.

So mag Bundeskanzlerin Angela Merkel zwar dazu mahnen, Deutschland müsse schon allein wegen seiner unvorteilhaften demographischen Entwicklung in der digitalen Technik Gas geben, die Wirklichkeit sieht – auch in der Politik – anders aus. Beim kommenden Kleinanlegerschutzgesetz zum Beispiel passt manches nicht zusammen. Die Bundesregierung will Kleinanleger besser vor Verlusten schützen; wenn es aber um moderne Methoden des sogenannten Crowdfunding geht, also um die gemeinschaftlichen Finanzierung hoffentlich pfiffiger Ideen durch viele Menschen über eine Schwarmfinanzierung, hat das Gesetzesvorhaben nicht die notwendige Risikotoleranz.

Dem Entwurf zufolge sollen Crowdfinanzierungen ab einer Million Euro und Einzelanlagen ab 10 000 Euro unter die Wertpapierprospektpflicht fallen. Die Erstellung eines solchen Prospekts aber ist höchst aufwendig, bringt Kleinanlegern wenig und könnte sich durchaus zu einem Projektverhinderer entwickeln. Und ob es wirklich notwendig ist, schon ab einer Anlage von 250 Euro aufwärts ein sogenanntes Vermögensanlagen-Informationsblatt ausfüllen zu lassen, darf auch bezweifelt werden. Im Zweifel legt man dann eben weniger als 250 Euro an und sorgt somit dafür, dass es Start-ups in Deutschland schwer haben, an Geld zu kommen.

„Wir begrüßen bei diesem Gesetzentwurf, dass die Prospektpflicht gelockert und an die Finanzierungspraxis von Startups angepasst werden soll. Doch die im Gesetzentwurf ausgeführten Voraussetzungen für Ausnahmen von der Prospektpflicht zeigen, dass der Gesetzgeber mit Blick auf die Realität der Start-up-Finanzierung durch die Crowd noch nachbessern muss“, sagt dazu Florian Nöll, der Vorsitzende des Vorstands des Bundesverbands Deutsche Start-ups. Start-ups aber brauchten die Finanzierung durch die Crowd, und es sei ein schmaler Grat zwischen sinnvollem Anlegerschutz und einer Totregulierung dieses innovativen Finanzierungsinstruments.

Wenn man dann noch um die Innovationsfeindlichkeit in einem Volk weiß, das eigentlich aus Tüftlern besteht und viele Patente anmeldet, ohne daraus auch tolle Produkte zu machen, der ahnt: Der nächste Elon Musk wird wohl noch für eine ganze Weile nicht aus Deutschland kommen.

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2 Lesermeinungen

  1. Digital [er] Kritiker
    Eine schonungslose Schilderung Standort Europas
    Insbesondere Deutschland visavis die U.S.A.
    Empört ja könnte man sein ,aber die Differenzen sind nicht nur einhellig die Wirtschaft ,die Unternehmer,angemessen wäre die Schilderung der Entstehungsgeschichte der Ökonomische Theorien und ihre Anfälligkeit in Europa und das U.K,und dagegen eine ganz verschiedene Empfang in die U.S.A.
    Ihr Artikel lesende kam mir gleich im Gedanken Pigous Economics of Welfare,und seine Begriffe ,Veblens Leisure Class,ja sie haben recht Gewohnheiten und miteinander hadern und sich monetär verstricken,da die Finanzsektor Europas Kuschelbär ist,statt die innovative Produktion – Unternehmer sich politisch verstricken zu lassen,und die hochrangige Wirtschaftsprozeß
    Schauplätze mit zugemachte Augen zu beobachten .

  2. Pingback: Kleine Presseschau vom 17. Februar 2015 | Die Börsenblogger

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