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BMW-Großaktionär Quandt: Ein Plädoyer für die digitale Kontaktpflege

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BMW-Großaktionär Stefan Quandt hat davor gewarnt, dem Anpassungsdruck, den die Digitalisierung auf die Unternehmen Europas entfaltet, mit zusätzlicher Bürokratie und Reglementierung aus dem Weg gehen zu wollen. „Europäische Unternehmen können noch so viele Kartellklagen anstrengen beziehungsweise gewinnen – dies wird sie am Ende weder stärker noch konkurrenzfähiger machen. Es wird höchstens dazu führen, dass der Druck zur Veränderung nachlässt“, sagte Quandt in seiner Rede zur Verleihung des Herbert-Quandt-Medienpreises, der in diesem Jahr zum 30. Mal vergeben wurde.

Aus der Sicht von Quandt ist der entscheidende Punkt im Wettbewerb mit den Unternehmen aus dem Silicon Valley, die Schnittstellen zu den Kunden gegenüber diesen Konkurrenten zu verteidigen. Noch habe man über diese Schnittstellen die Hoheit, das müsse so bleiben. „Denn Kundenwünsche und Verhaltensmuster werden heute im globalen Maßstab geprägt. Aber nur wer direkt mit seinen Kunden kommuniziert, wird ihre Wünsche verstehen; und nur wer sich konsequent an diesen Wünschen orientiert und für die entsprechenden Bedürfnisse die beste Lösung anbietet, wird letztlich im Wettbewerb bestehen können“, sagte Quandt. Zu verstehen ist dies als Mahnung an europäische Unternehmen, sich nicht amerikanischen Plattformanbietern wie zum Beispiel Facebook, Apple oder Google auszuliefern, die danach über sämtliche Kundendaten verfügen und die europäischen Anbieter nur noch als Lieferanten von Inhalten oder Produkten ohne die dazugehörigen Serviceangebote nutzen. Das würde in der Folge zu einem erheblichen Margenverfall führen – und ist in der Welt der Medien, der Musik oder auch des Tourismus und der Mobilität schon zu beobachten.

„Entscheidend für die Erfolgschancen Europas wird sein, dass wir unsere unternehmerische Basis stärken und dem Sendungsbewusstsein des Silicon Valley mit möglichst viel unternehmerischen Ehrgeiz und Pragmatismus begegnen“, ist Quandt überzeugt. Deutschland und Europa könnten dabei auf gemeinsame Werte und Stärken bauen und müssten sich von düsteren Untergangsszenarien ebenso wenig beeindrucken lassen wie von den Verheißungen einer schönen neuen Welt. Deutschland müsse aber die vielen Erfolgsfaktoren, über die das Land verfüge, weiterentwickeln. Das gelte für die Ausbildungsstätten, die Forschungseinrichtungen, die industrielle Fertigungsbasis und die Infrastruktur. Diese sei zudem mit den Vorteilen der vernetzten Produktion zu kombinieren. Hierfür stehe das Stichwort „Industrie 4.0“.

Quandt erinnerte auch daran, welche Chancen Europa verpasst hat. Erst vor dreißig Jahren, im Jahr 1985, wurde die erste Internetdomain der Welt registriert, im Jahr zuvor war an der Universität Karlsruhe die erste E-Mail aus den Vereinigten Staaten empfangen worden. Die Erfindung des „World Wide Web“ durch den Kernphysiker Tim Berners-Lee am Forschungszentrum Cern in Genf im Jahr 1989 und die Entwicklung der ersten Website bildeten schließlich die Basis für die allgemeine Nutzung des Internets: „Interessant ist, dass die Funktionen des World Wide Web und seine Universalsprache HTML im Herzen Europas erfunden wurden. Diese technologische Erfindung aus Europa hat den Wandel gezeugt, der seither alle Lebensbereiche erfasst hat und die globale Wirtschaft immer stärker verändert“, sagte Quandt.

Epizentrum und zurzeit stärkster Treiber dieses Wandels sei aber eben nicht Europa, sondern das Silicon Valley mit seiner einzigartigen Gründerkultur. Seit seiner Gründung im Jahr 2004 habe es Facebook auf mittlerweile 1,4 Milliarden Nutzer gebracht. Statistisch gesehen, seien das knapp 20 Prozent der Weltbevölkerung. Apple habe allein mit dem iPhone im vergangenen Jahr mehr Umsatz erwirtschaftet als jeder der 30 Dax-Konzerne mit seinem gesamten Angebot an Produkten und Dienstleistungen. Und die 30 wertvollsten Silicon-Valley-Unternehmen seien mit 2,6 Billionen Dollar an der Börse zweieinhalbmal so viel wert wie alle Dax-30-Unternehmen zusammen.

Auffallend sei, dass viele der Gründergrößen des Valleys über ein ausgeprägtes Sendungsbewusstsein verfügten und eine gemeinsame Vision teilten. Ihr Mantra habe Marc Andreessen, der Gründer von Netscape, auf den Punkt gebracht: „Tech has an answer for everything“ (Technologie hat Antworten für alles). Was die Unternehmer aus dem Valley anstrebten, werde auch deutlich, wenn man das Buch „Zero to one“ von Peter Thiel, dem Gründer des Online-Bezahldienstes Paypal und erfolgreichen Investor, zur Hand nehme. Es trage den Untertitel „How to build the Future“. Und das sei nicht ironisch gemeint. Thiel werbe offen für Monopole: Denn nur die Monopole würden ausreichend Gewinne schaffen, um diese nachfolgend in Lösungen für die großen Probleme unserer Zeit investieren zu können. Unternehmer sollten daher Konkurrenzkampf vermeiden, wo es geht.

Europa müsse sich angesichts solcher Aussagen darüber im Klaren sein, dass die digitale Ökonomie wesentlich mehr in Frage stelle als tradierte Geschäftsmodelle. Sie rüttele vielmehr an den Voraussetzungen, die bisher zum Kern der westlichen Wirtschaftsordnung zählten, wie zum Beispiel den von Thiel proklamierten Monopolkapitalismus.

Das Modell eines neuen digitalen Monopolkapitalismus, in dem wenigen Unternehmen die Aufgabe gesamtgesellschaftlicher Transformation zugedacht wird, halte einer näheren Prüfung aber nicht stand, ist Quandt überzeugt – und macht auch in diesem Punkt Europa Hoffnung. „Denn es ist alles andere als innovationsfördernd, und damit auch nicht zukunftsfähig. Die Marktwirtschaft als Gesellschaftsmodell, in dem die gesellschaftlichen Kräfte im Gleichgewicht bleiben und im fairen Wettbewerb der Unternehmen möglichst viele auf direktem Wege von wirtschaftlichem Wachstum profitieren können, wird als Innovationsmotor langfristig erfolgreicher sein“, sagte Quandt. Thiel habe zwar recht, wenn er schreibe, dass Monopolpositionen den Unternehmen hohe Erträge und damit hohe Investitionen in Forschung und Entwicklung ermöglichten. „Aber es ist alles andere als erwiesen, dass Monopolisten ihr Geld effizient einsetzen, Kunden- und Marktbedürfnisse frühzeitig erkennen und ihre Stellung nachhaltig behaupten können.“

Das Unternehmen Microsoft sei hierfür ein Kronzeuge. Heute sehe mancher Microsoft als Fallbeispiel für die mangelnde Innovationskraft von Monopolisten. „Könnte es sein, dass wir in einigen Jahren ähnlich auf Firmen wie Google und Facebook schauen werden? Und könnte es sein, dass im nächsten Jahrzehnt junge Wirtschaftsstudenten rückblickend die strategischen Weichenstellungen analysieren, die in den erfolgsverwöhnten Konzernzentralen falsch entschieden wurden?“ Die Antwort aus der Sicht von Quandt: Ja, es könnte so sein. Aber entscheidend ist es eben, solchen Wettbewerben aus Europa Paroli zu bieten – mit unternehmerischen Mitteln.

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3 Lesermeinungen

  1. Klasse Meldung, danke für die unverzichtbaren Infos.
    Man ist Herrn Quandt dankbar, dass er sich die Mühe macht, die Wahrheit zu formulieren und auszusprechen – alleine, es wird nicht viel nützen? Unser altes „Strukturbeton“ hier wäre längst zu ausgehärtet? Und stolz darauf, bereits seid gestern so lange so große Lasten ganz alleine getragen zu haben? Da sähe man weder die daneben entstehenden Neubauten – und schon gar nicht die etwas weiter direkt daneben entstehenden vollkommen neuen Stadtviertel – noch wollte man wirklich davon hören oder sich drauf einstellen müssen?

    Immerhin hat Thiel, so wie es aussieht, den Mut für seine Position zu einzustehen, und selbst wenn das leicht einsichtig vorteilssuchend und asozial-egozentrisch, ja dissozial wäre. Soweit bekannt wären eben auch in den USA Monopole verboten, ja sogar schon das Streben nach ihnen?

    Wobei eben auch die europäischen Konzerne schon immer vor allem nach Patentschutz für ihre Neuerungen suchten, auch eine Form von zeitlich begrenztem Monopol. Und Erwägungen über die mögliche Grenznutzenbetrachtung zwischen beiden heute im Jahr 2015 wäre sicherlich womöglich schon den nächsten Artikel wert.

  2. Kein Kommentar
    nicht im politischen Sinne,eben auch nicht im Sinne einer Politiker,aber erst recht im Sinne dass Sie Geschichten ins Freie gehen lassen,wie Peter Kurzecks Geschichten ,genaue ,feinsinnige ,milde Beobachtungen einer sich ändernde Welt,wie zB.“Überall neue billige Drogerien,Ladenketten.Idea,Schlecker,…….“.
    Einfach mal ist heute die Zeit da:Danke zu sagen!

  3. Pingback: Kleine Presseschau vom 25. Juni 2015 | Die Börsenblogger

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