Ad hoc

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Unternehmen bestimmen unser tägliches Leben. Aber was bewegt die Unternehmer? Über Trends, Technologien und Menschen, die sie bestimmen.

Auf einen Espresso: Ein neues Herz, ein neuer Geist

Wer lange nicht mehr in der Kirche war, weiß vermutlich auch nicht mehr, dass es dort Jahreslosungen gibt. Im zu Ende gehenden Jahr hatte die „Ökumenische Gemeinschaft für Bibellesen“, welche die Stellen auswählt, damit ein so gutes Händchen, dass man darüber noch einmal kurz nachdenken und innehalten sollte: „Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“ (Jesaja Kapitel 66, Vers 13). Mit dieser Losung hatte die Kirche ihre Gläubigen in ein Jahr geschickt, das zwischen Berlin, Syrien, Nizza, München oder der Türkei noch mehr als manches andere nach einer Mutter dürstete, die die Tränen trocknet und – in diesem Fall im übertragenen Sinne – das aufgeschlagene Knie verbindet. Die Sehnsucht nach Geborgenheit und offenen Armen wurde häufig wach in den vergangenen zwölf Monaten.

Ein paar Dinge, die eine wichtige Voraussetzung dafür sind, dass das mit dem Trost überhaupt klappt, wurden im zu Ende gehenden Jahr aber nicht beherzigt. Denn Not muss klar benannt, das Leid beklagt und Tränen geweint werden, bevor der Trost wirken kann. Machen wir in diesem Fall einen kleinen Realitätstest: Schnell stellt man fest, dass gerade in der jüngeren Vergangenheit längst nicht alle Dinge konkret beim Namen genannt worden sind. Das hat in der Neujahrsnacht auf der Kölner Domplatte nur seinen Anfang genommen, war dort aber nicht zu Ende. Zu Recht verlangen die von Politikern wie Berichterstattern, aber auch von ihren jeweiligen Chefs häufig enttäuschten Menschen Klarheit und Wahrheit, über das, was ist – und realistischerweise sein wird.

Hinter die Fichte will in der Social-Media-Welt niemand mehr geführt werden. Allerdings fällt es gerade dort schwer, Dichtung von Wahrheit zu unterscheiden. Vertrauenswürdige Medienmarken sind wichtiger denn je. Zumal man zum Beispiel auch Managern wahrlich nicht alles glauben muss. So ist die Frage, ob es dem einen oder anderen Vorstandsvorsitzenden wirklich gelungen ist, große Fusionsvorhaben des zu Ende gehenden Jahres ausreichend zu erklären und die damit verbundenen Ängste von Aktionären oder der eigenen Arbeitnehmer zu nehmen. Auch dem nicht enden wollenden Schauspiel rund um die Zukunft der Lebensmittelgeschäfte von Kaiser’s Tengelmann werden die Angestellten mit Grausen zugeschaut haben – in den Türmen und Filialen der Deutschen Bank wiederum hatte das Wort Galgenhumor angesichts der Sorge vor neuen exorbitanten Milliardenstrafen im Herbst neue Bedeutung gewonnen.

Trost war also häufig vonnöten, wurde jedoch nicht allen gewährt. Und schön wäre in den meisten Fällen, ob politisch, gesellschaftlich oder wirtschaftlich, obendrein ein richtiger Neuanfang. Die Ökumenische Gemeinschaft scheint auch das geahnt zu haben – und antwortet mit ihrer Jahreslosung für das Jahr 2017: „Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch“ (Hesekiel 36,26).

Hier geht es um Vertrauen, aber auch um einen Neustart, um das Wagnis, etwas radikal anders zu machen – um die Zukunft für nachfolgende Generationen zu sichern. Das aber fällt den Menschen in den allermeisten Fällen schwer. In bestimmten Situationen jedoch geht es nicht mehr anders. Dann muss ein Herz transplantiert, der Job gekündigt oder eine Beziehung beendet werden, weil es so einfach nicht mehr weitergeht. Dann gilt es, Grundlegendes zu ändern, womöglich sogar Lebensnotwendiges.

Wer ein wenig über die neue Jahreslosung recherchiert, findet heraus, dass sich das Zitat auf das Jahr 587 vor Christus bezieht, als die Stadt Jerusalem und der Tempel zerstört werden. Da richtet sich der Prophet Hesekiel mit Gottes Worten an die Israeliten in babylonischer Gefangenschaft: „Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“ Nicht wenigen der Angesprochenen fehlte damals im wahrsten Sinne des Wortes der Glaube daran.

Auch im Jahr 2017 müssten normale Menschen, Politiker, Manager oder vom Hass zerfressene Ideologen eine solche Aussage erst einmal auf sich wirken lassen – und danach handeln. Darf man darauf hoffen?

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