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Vom Deutschen Turnfest zum Digitalgipfel: Gut geturnt, schlecht bezahlt

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Vergangene Woche konnte man in Berlin erleben, wie Zehntausende Jugendliche vollkommen friedlich ihren Interessen nachgehen, gemeinsam die Stadt entdecken und miteinander Sport treiben. Oder, wie es eine Kollegin auf Twitter schrieb: „Turnfest ist, wenn Horden Jugendlicher nicht saufen, nicht randalieren und geduldig warten, bis die 2 Jahre alte Tochter über das Trampolin gerannt ist.“

So ist es – und das ist eine schöne Sache, die viel zu wenig Aufmerksamkeit bekommt. So schade wie nur auf den ersten Blick folgerichtig ist es, dass diese tolle Sache nicht mehr Sponsoren aus der Wirtschaft anlockt. Wie immer im deutschen Sport gilt: In den Fußball, über den ständig alles berichtet wird, fließen die Millionen – und das künftig sogar für Werbung auf dem Ärmel der Trikots. Die meisten Bundesligaklubs erwarten allein daraus eine Million Euro Zusatzeinnahmen in der Saison.

Nun soll hier nichts gegen die gesellschaftliche Integrationsmaschine Fußball gesagt werden. Aber die wirtschaftliche Unwucht ist erschreckend – und sie ist zutiefst ungerecht. Gut, das Leben ist nicht fair. Aber dass ausgerechnet die Finanzierung der Turnfeste für den Ausrichter, den Deutschen Turner-Bund (DTB), immer mehr zu einer Mammutaufgabe wird, das ist dann doch etwas, was im derzeit wirtschaftlich starken Deutschland so nicht sein müsste. Wegen erhöhter Sicherheitsanforderungen nach dem Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz seien die Kosten enorm gestiegen, sagte DTB-Präsident Alfons Hölzl vor der Eröffnung: „Es ist mein erstes Turnfest als Präsident. Ich bin da noch etwas zurückhaltend. Aber ich hoffe, dass wir mit einer schwarzen Null aus dem Turnfest gehen.“ So klingen Menschen, für die Geschäftsinteressen wahrlich nicht im Vordergrund ihres Engagements stehen.

Eine schwarze Null, mehr ist nicht wirklich drin. Doch selbst das würde ohne staatliche Unterstützung nicht funktionieren – und trotz allem trägt der DTB noch immer ein nicht unerhebliches finanzielles Risiko. Wer dann einmal auf die Liste der Sponsoren blickt, bleibt ratlos zurück. Denn dort tauchen nicht viele prominente Namen auf, und wenn doch, dann an eher untergeordneter Stelle: So recht erschließt sich die Strategie auch mit grundsätzlichem Verständnis für die größere Werbewirkung von Fußball oder auch Formel1 nicht. Denn hierfür werden Millionen verpulvert. Der deutschen Wirtschaft fällt zur selben Zeit für Turner, Schwimmer, Leichtathleten & Co. aber allzu wenig ein. Man könnte auch einmal darüber nachdenken, ob nicht gerade in diesem Pool engagierter junger Menschen die sozial kompetenten Mitarbeiter der Zukunft zu finden sind, die den Robotern in der automatisierten Welt sagen können, wo es lang geht.

In ihrem Videopodcast vor der Eröffnung der Veranstaltung hatte auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) völlig zu Recht darauf hingewiesen, dass allein 5Millionen Menschen in Deutschland turnen, darunter eine Million, die älter als 50 Jahre sind. Mit 80 000 Teilnehmern sei das Fest „eine richtige Volksbewegung. Das zeichnet Deutschland aus; so etwas gibt es nicht überall.“ Und sie versprach, sich selbst für die Anwerbung künftiger Sponsoren einzusetzen. Man ist geneigt, ihr abzunehmen, dass das nicht nur etwas mit dem Wahlkampf für die Bundestagswahl zu tun hat. Denn etwas so Gemeinschaftsstiftendes für junge und alte Aktive wie das Turnfest gibt es – ganz ohne gewaltbereite Fans – in Deutschland wohl kein zweites Mal.

Übrigens schrieb die Kollegin auf Twitter auch, dass der in der kommenden Woche in der Rhein-Neckar-Region stattfindende Digitalgipfel der Bundesregierung mit Blick auf seinen gewaltigen Programmumfang das Turnfest der Digitalpolitik sei. Da ist etwas Wahres dran. Denn das Programm, das an vielen unterschiedlichen Orten parallel stattfindet, ist arg unübersichtlich – und deckt jede Herausforderung ab, der sich die Gesellschaft durch die Entwicklung der modernen IT stellen muss. Diese Feststellung trifft auch im übertragenen Sinne zu: Das Programm hat etwas Gemeinschaftsstiftendes, und mit einigen Initiativen kommt Deutschland in der IT auch wirklich voran. Und doch bleibt bei dieser Digitalisierungsinitiative, wie beim Turnfest, ein schaler Beigeschmack: Mit mehr Engagement von Politik und Wirtschaft ginge auch hier in Deutschland noch viel mehr.

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