Ad hoc

Ad hoc

Unternehmen bestimmen unser tägliches Leben. Aber was bewegt die Unternehmer? Über Trends, Technologien und Menschen, die sie bestimmen.

Erntedank statt Angst: Auf einen Espresso

| 2 Lesermeinungen

Ja, klar, so ist die Welt: Wenn es nicht mehr läuft, beginnt das Hauen und Stechen. Dann fliegt ein Trainer raus, wie gerade in München geschehen, nachdem das Taxi aus Paris zurückgekehrt war. Und in der Politik beginnen Machtkämpfe, die zum Teil lautstark ausgetragen werden. Der eine hat jetzt mehr als nur einen Koffer in Berlin und will die Kanzlerin „jagen“. Die Nächste will anderen in ihrer neuen Rolle, freilich etwas aus der Rolle fallend, ordentlich „auf die Fresse“ geben. Es gibt halt kräftig „Kasalla“, wie es im Rheinischen für Ärger und Krawall heißt. Und wie es ein früherer Teilnehmer des RTL-Dschungelcamps formuliert hätte, der auch einmal Fußball gespielt hat und manchmal Mannschaften trainiert. Doch lassen wir das. Als neuer Bayern-Trainer wäre der sowieso nicht in Frage gekommen.

Übertreiben wir es also nicht alle mehr als nur ein wenig mit der Aufregung in Tagen wie diesen? Zum einen: Lasst sie doch reden. Nicht jedes Wort muss gleich zum Aufreger werden, ob es nun von der AfD, der SPD oder sonst irgendjemandem kommt, der Aufmerksamkeit erregen will. Die Menschen informieren sich ohnehin viel zu oberflächlich – und durch eine solche Art der Berichterstattung wird es nicht besser. Zum anderen sollten wir die Kirche im Dorf lassen. Was man in der deutschen Politik derzeit erlebt, ist Demokratie bei der Arbeit. Die Menschen haben Ängste und Sorgen. Sie haben im Bund alle vier Jahre die Chance, dieselben zu artikulieren. Das haben sie getan. Im Idealfall ändert sich in der Folge die Politik entsprechend – und die Menschen können sich wieder über andere Dinge sorgen.

Keine Frage: Die CDU ist nach links gerückt, rechts ist Platz frei geworden. Mancher fühlt sich nicht mehr ernst genommen. Dem Land geht es richtig gut, es hat deshalb aber auch viel zu verlieren. Wer Kinder auf der Schule hat, könnte auf den Gedanken kommen, dass zu wenig in eine gute Bildung investiert wird. Manche sorgen sich um die Sicherheit, andere vor zu viel Migration. Und so weiter, das hat man alles schon das tausendste Mal gehört.

Gerade weil es dem Land aber so gut geht (so viele Menschen wie nie haben Arbeit, die Steuereinnahmen sprudeln, die Wachstumsprognosen sind glänzend, selbst das Internet wird immer schneller), könnte man in einer Zeit, in der das Erntedankfest gefeiert wird, auch etwas dankbarer auf das Erreichte schauen. Und man könnte bei aller berechtigten Kritik an Politikern zumindest eine größere innere Zufriedenheit haben.

Dazu ein Gedanke: Vor allem in der evangelischen, aber auch in der katholischen Kirche werden zu besonderen Anlässen, wie zum Beispiel dem gerade zu feiernden Erntedankfest, Lieder von Paul Gerhardt gesungen. Seine Texte sprühen vor Lebensfreude, sie loben die Tages- und Jahreszeiten, das Familienleben, die Natur, die Tiere und Pflanzen: „Fröhlich soll mein Herze springen.“

Jetzt wird es spannend, nämlich nach einem Blick in das Geschichtsbuch: Denn Gerhardt hat diese Lieder in einer Zeit geschrieben, die zu Freude wenig Anlass bot. Als Gerhardt an der Universität Wittenberg studierte, hatten in der Stadt viele Menschen vor den Folgen des Dreißigjährigen Krieges Zuflucht gesucht, später grassierte die Pest. Als Gerhardt seine Studien beendete und nach Berlin zog, war die dortige Bevölkerung durch den Krieg sowie durch Pest, Pocken und die Bakterienruhr um mehr als die Hälfte reduziert, von 12000 vor dem Krieg auf 5000 bei Kriegsende. Das ist nun knapp 400 Jahre her. Gerhardt aber, der zu Lebzeiten gleich mehrere eigene Kinder verlor, gab sich selbst und anderen Zeitgenossen Mut und Hoffnung. Damals ging es den Menschen schlecht, Gerhardt ließ sich davon nicht verdrießen: „Wer hat das schöne Himmelszelt hoch über uns gesetzt? Wer ist es, der uns unser Feld mit Tau und Regen netzt?“

Das sollte uns an diesem für viele sehr langen Herbstwochenende in Zeiten größten Reichtums bei allen Zukunftssorgen auch einmal durch den Kopf gehen. Ob wir das schaffen?

5

2 Lesermeinungen

  1. Korrektur...
    „immerwaches“…Auge. Und vielleicht noch:
    Einstein: Es gibt keine neuen…solange es noch ein unglückliches Kind auf Erden gibt…Es gibt KEINEN Grund zufrieden zu sein…s. Gegenwartgeschehen UND Welt-Sozialgefälle!!! Die Kunst ist sich nicht zu zerfleischen UND
    sich NICHT zu „Ernte-Ver-Dankungsfeiern“…“hinreißen“…“verführen“…
    zu lassen.

  2. Erinnert mich an...
    Desiderata…entfernt…haben Sie „heimlich“ gelesen?:=)…
    aber auch an…“jovialen z.B. Firmenchef(ist austauschbar)“ :“Ich verstehe Sie ja, aber…letztendlich verdanken Sie…nun seien Sie doch zufrieden. Schauen Sie andere an…und…und…und…so weiter?!
    Ich empfehle ein „immer“ wachen Selbsterkenntnis- und Einsicht-„Auge“.
    „Selbstzufriedenheit-Beschwörungen“…“und überhaupt, uns geht es doch gut“…sind, können, „Schlafdroge(n)“ für einen „wachen Geist“, sein.
    Vorsicht also…die Grenzen sind schwer wahrnehmbar fließend…und die Folgen können…dementsprechend „überraschend“ sein…und Folgen gibt es immer…aber, so oder so.

Hinterlasse eine Lesermeinung