Ad hoc

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Unternehmen bestimmen unser tägliches Leben. Aber was bewegt die Unternehmer? Über Trends, Technologien und Menschen, die sie bestimmen.

Jahres-Wechsel zwischen Höchst und Hoechst: Vom Reiz des Neuen

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Sie glauben, wir lebten in einer Zeit, in der sich die Welt mit einer rasenden Geschwindigkeit verändere – und es geschähen Dinge, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen habe? Man müsse sich vor dem technischen Fortschritt sorgen, gar der Globalisierung? Nun, neulich hatte das Unternehmensressort der Frankfurter Allgemeinen Zeitung seine Weihnachtsfeier in der Gaststätte „Zur Waldlust“ im westlich gelegenen Frankfurter Stadtteil Nied. Das ist dort, wo das kleine Flüsschen Nidda auf den Main trifft – zwischen den weithin etwas bekannteren Stadtteilen Griesheim und Höchst gelegen. In welchem Zusammenhang das mit den Eingangsfragen steht? Sie werden staunen.

Denn über die Nidda spannt sich nur einen Steinwurf hinter dem Restaurant die älteste Eisenbahn-Steinbogenbrücke in Deutschland, die noch in Betrieb ist. Sie steht dort seit 1839. Gerade wird sie für 4,8 Millionen Euro von einer jungen Ingenieurin saniert. Nicht zuletzt der Ausbau dieser Infrastruktur dürfte seinerzeit mit dazu geführt haben, dass gerade einmal zwei Kilometer von der Gaststätte entfernt, am Morgen des 2. Januars 1863, die von Carl Friedrich Wilhelm Meister, Eugen Lucius und Ludwig August Müller gegründete Theerfarbenfabrik Meister, Lucius & Co. ihren Betrieb aufgenommen hat. Das Betriebsgelände lag am Ufer des Mains in der Stadt Höchst. Die Fabrik stellte zunächst die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sogenannten Teerfarben her. Sie sollte schnell wachsen – und viel später würde sie Hoechst heißen, so wie der Ort, in dem sie gegründet worden war. Aber mit „oe“. Denn draußen in der weiten Welt war der deutsche Umlaut „ö“ bei den Expansionsbestrebungen hinderlich.

Und sie war wichtig, die weite Welt: Es war die französische Kaiserin Eugenie, die als Kundin für den Durchbruch des ersten grünen Textilfarbstoffs sorgte, der bei Gaslicht seinen Farbton behielt. Danach lieferte man an die Textilindustrie in Lyon große Mengen der Höchster Farbstoffe, expandierte und exportierte schnell und immer mehr. Damit steht diese Gegend beispielhaft für das, was in jener Zeit und bis zum Ersten Weltkrieg in ganz Deutschland in einer im Wortsinne atemberaubenden Geschwindigkeit geschah. Das Land industrialisierte sich – und man machte Geschäfte mit aller Herren Ländern. Der Handel sorgte für Wandel, der technische Fortschritt wurde gefeiert. Man setzte Ideen um, gründete, fuhr in ferne Länder, um dort Ideen zu bekommen und in Deutschland in vielen Fällen Besseres daraus zu machen.

Schon in dieser Zeit wurden die Grundlagen für viele bis heute sehr erfolgreiche deutsche Unternehmen gelegt. Der Erste Weltkrieg bedeutete einen Einschnitt in dieses Leben, dessen Dimension aus der Sicht der heutigen Zeit durch den Nebelschleier von Nazidiktatur und Zweitem Weltkrieg häufig übersehen wird. Ein vernetztes, weltoffenes, selbstbewusstes Land isolierte sich. Das darf nie wieder passieren. Internationalisierung und Globalisierung sind keine Schreckenswörter, sondern Versprechen auf die Möglichkeit einer besseren Zukunft in Frieden und Freiheit.

Wieder ist eine junge Generation gutausgebildeter Deutscher auf der ganzen Welt zu Hause und befruchtet das eigene Land mit frischen Ideen. Viele Menschen, die aus fernen Ländern kommen, wollen Deutschland dabei helfen, diese Ideen umzusetzen. Natürlich kostet das Kraft, und manchmal verursacht das Schmerzen. Deshalb entstanden soziale Sicherungssysteme, für Arbeiter wurden Wohnungen gebaut, die allgemeine Schulpflicht eingeführt. Nur die Verfassungen der Staaten konnten nicht schnell genug an die neuen Zeiten angepasst werden. Es war eine Revolution, zunächst „nur“ eine industrielle. Sie verlangte ihren Zeitgenossen alles ab, aber diese nahmen die Herausforderung voller Zukunftsoptimismus an. Sie wollten Gewinner eines selbst gestalteten Aufschwungs sein. Und heute wäre das eigentlich noch viel einfacher als damals.

Was für ein schöner Gedanke zu einer Feier, die ansonsten so normal war wie die, die Sie in Ihrem Unternehmen vielleicht auch feiern durften, gemeinsam mit vielen Kollegen aus dem In- und Ausland. So darf es jetzt Weihnachten werden.

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