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Amerikanische Augenblicke

Amerikanische Augenblicke

Hillary Clintons demütigender Absturz, John McCains wundersame Auferstehung, Barack Obamas märchenhafter Aufstieg: Amerika erlebt den längsten und

Sarah auf dem Catwalk

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Um damit mal anzufangen: Meine Tugend, um die ich ja doch Angst hatte, ist auch noch intakt, nachdem ich Sarah Palin live erlebt habe.

Findlay, OHIO

Um damit mal anzufangen: Meine Tugend, um die ich ja doch Angst hatte, ist auch noch intakt, nachdem ich Sarah Palin live erlebt habe.

Die Jungs, die den Auftritt der Kandidatin am Mittwochmorgen im Auditorium einer Universität hier im Nordwesten Ohios inszenierten, gaben sich zwar rechte Mühe. Sie ließen uns vielleicht 6000 Zuschauer erst mal warten, warfen uns wie zum Hohn einen Kongressabgeordneten und einen Senator hin: „Heute morgen habe ich im Buch der Psalmen gelesen…“ Als wüssten sie nicht, wegen wem alle gekommen waren um halb acht in der Frühe und in der Kälte, wegen wem die Schlange vor dem Eingang einmal fast ums ganze Gebäude reichte.

Bild zu: Sarah auf dem CatwalkSie spielten „Footloose“ und „We will rock you“, bis die Pressetribüne leise bebte. Sie ließen Palin über einen Catwalk marschieren, so wie Barack Obama im Juni vor der Berliner Siegessäule. Die Kandidatin hatte ihren Mann und zwei ihrer Töchter mitgebracht.

Amerikaner haben so eine Art, ihr Gemeinwesen zu inszenieren, die zumindest meine europäische Skepsis oft erst einmal überwältigt – so es gut gemacht ist. Gehen Sie, selbst wenn Sie Agnostiker sind, doch mal in die Megakirche von Joel Osteen im texanischen Houston, eine ehemalige Basketballarena, und wenn Ihnen dort während des Gottesdienstes mit 10.000 Leuten nicht mehrfach die Schauer über den Rücken laufen, sind Sie kein Mensch. (Oh, natürlich kehren meine kritischen Fakultäten schon nach Minuten wieder zurück. Natürlich.)

Bei Palin aber stellte sich diese Wirkung nicht ein. Die Amerikaner sagen in solchen Momenten: She didn’t do it for me. Und das nicht etwa, weil, wie eine Demokratin und McCain-Anhängerin mir vor ein paar Tagen im Gespräch sagte, „Republikaner kein Rhythmusgefühl haben und an den falschen Stellen klatschen“. Die 6000 in der Halle in Findlay schlugen sich da sehr gut.

Nein, es muss daran liegen, dass in Amerika in den letzten Tagen recht häufig vom Sozialismus die Rede ist. Es ist eine Rote-Socken-Kampagne, die die Republikaner zu inszenieren versuchen, und Obama soll die PDS sein.

Seit der demokratische Kandidat im Gespräch mit einem Wähler – ja, dem inzwischen auch im Ausland bekannten „Joe dem Klempner“ – sagte, er wolle „den Wohlstand verteilen“, hat John McCain, dem zur Wirtschafts- und Finanzkrise bis dato wenig eingefallen war, eine Botschaft: Obama ist, na ja, man würde es nicht so sagen, aber er ist mehr oder weniger ein Sozialist. Bei Palin, die auch mit Teleprompter oft redundant redet, klingt das so: 

[View:http://video.faz.net/v/video/2008/10/Palin_23102008-1049_h.flv:489:366]

Als Europäer, als Deutscher allzumal, ist man da versucht zu sagen: Leute, wir hatten den Sozialismus schon, auf unserem Boden. Vorzuschlagen, dass Leute mit niedrigem Einkommen Steuernachlässe kriegen sollen, sofern sie arbeiten, ist doch kein Sozialismus. Erlebt ihr erst mal einen Erich Honecker, dann können wir reden.

Das heißt selbstredend nicht, dass eine derartige Strategie bei Amerikas Wahlbürgern nicht Chancen auf Erfolg hätte. Da können sich Nobelpreisträger und Lokaljournalisten, auch in Ohio, noch so sehr um Richtigstellung bemühen. Aber der Individualismus ist ein mächtiger Strang im amerikanischen Denken – während viele europäische Gesellschaften sich für eine andere Gewichtung auf der Achse Individuum-Staat entschieden haben. Aber ist das amerikanische Modell deshalb schon weniger legitim, weil es sich leicht instrumentalisieren lässt?

Nehmen wir zum Beispiel eine Anstreicherin und Malerin, die ich auf Palins Kundgebung treffe. Sie ist Anfang 40, eine schmale Frau mit hellen Augen, der das Lächeln nicht so ganz leicht fällt. Von der Gouverneurin hält sie viel: „Die Zukunft der Republikanischen Partei.“ Und Obama? „Ein Lügner.“

Vor allem aber: „Er würde die Wirtschaft zerstören.“ – Na ja, nicht gleich zerstören. – „Doch, zerstören.“ Sie ist selbständig, manchmal hat sie Angestellte, dann wieder nicht. Für sie steht fest: „Ich will keinen Scheck vom Staat. Ich will arbeiten.“ Und andere sollen das bitte auch so halten. Dass McCain seinen in den Umfragen abermals ein Stück davongezogenen Rivalen Obama jetzt dem Sinne nach einen Sozialisten nennt, darauf hat sie nur gewartet: „Das hätte er schon viel früher tun sollen.“

Wie sie mit Vornamen heißt, hatte sie mir zu Beginn gesagt: Diane. Als ich sie am Ende des Gesprächs nach ihrem vollen Namen frage, sagt sie, ich solle sie „Diane the Painter“ nennen, wenn ich über sie schreibe. Und das klingt gar nicht nach dem Gerede von McCain, der auf einmal „Rose the Teacher“, „Phil the Bricklayer“ oder „Wendy the Waitress“ entdeckt, die Lehrerin, den Maurer und die Kellnerin, als wäre er ein Arbeiterführer. Nein, bei „Diane the Painter“ klingt es nach Stolz.

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