Amerikanische Augenblicke

Amerikanische Augenblicke

Hillary Clintons demütigender Absturz, John McCains wundersame Auferstehung, Barack Obamas märchenhafter Aufstieg: Amerika erlebt den längsten und

So krümelt der Keks

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Vergessen Sie die Umfragen von Zogby, Rasmussen und Gallup. Die präziseste Prognose, wer Amerikas Präsident wird, bietet ein Bäcker aus Ohio.

Eines der schönsten deutschen Wörter ist ohne Zweifel die „Wählerwanderung“. Wenn in den Wahlsondersendungen hierzulande die Jörg Schönenborns ihre Graphiken präsentieren, sehe ich in meiner Phantasie immer Zehntausende, vielleicht sogar Hunderttausende deutscher Bürger, die irgendwann, ohne recht voneinander zu wissen, gedanklich ihre Stiefel angezogen haben, in dieselbe Richtung aufgebrochen sind – und einander erst am Ziel entdecken: Hey, was macht ihr denn hier, wir sind aber viele. Und mit einem Mal kann der Beckstein nicht mehr alleine regieren.

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Die Wahlen in den Vereinigten Staaten haben auch ihre eigene Sprache. Da ist das „momentum“, eine oft flüchtige Dynamik, die einen Kandidaten voranbringt, nach einer Fernsehdebatte oder einem Sieg bei einer Vorwahl zum Beispiel, und die sich aus dem Verdikt der Kommentatoren, dem günstigen Augenblick sowie echten oder vermuteten Verschiebungen der Volksmeinung zusamenmischt; die „narrative“, eine Große Erzählung, die eine Kandidatur hoffentlich zwingend erscheinen lässt, so etwa John McCains „Ich, der ich für Amerika kämpfe, seit ich 17 bin, kämpfe jetzt für euch“; und die „electoral map“, die sozio-ökonomische, demographische und politische Landkarte, auf welcher die Kandidaten ihre Ressourcen Geld und Zeit so umsichtig einsetzen müssen, dass sie am Ende in einzelnen Bundesstaaten jene mindestens 270 Wahlmännerstimmen zusammengesucht haben, die sie zum Präsidenten machen.

Letztendlich geht es auch hier um die Frage: Wandern da Wähler, und wohin? Sie beschäftigt Berater, Meinungsforscher, Kandidaten, Journalisten. Und Bäcker. In der Tat: Bäcker. So einen wie Anand Saha beispielsweise. Er und seine Frau Doris führen in und um Columbus im Bundesstaat Ohio, wo der Wahlkampf besonders heftig betrieben wird, drei Bäckereien mit angeschlossenen Cafés. In „Mozart’s Bakery and Cafe“ kann man nicht nur Burger, Sandwiches und Wiener Schnitzel, sondern auch allerlei europäische Backköstlichkeiten – Sachertorte! – erstehen. Und man bekommt eine Umfrage zum aktuellen Stand der Präsidentschaftswahl – eine höchst zuverlässige, wie Anand im Gespräch beteuert:  

[View:http://video.faz.net/v/video/2008/10/keksverkaeufer_27102008-1419_h.flv:489:366]

Es ist ein Meinungsbild, wie man es aus anderen, nun ja, traditionelleren Erhebungen kennt. Der Preis übrigens kann das Ergebnis nicht verfälschen; pro Stück, ob Esel oder Elefant, bezahlt man $1.25. Und die Glasur, rot für die Republikaner und blau für die Demokraten, schmeckt auch sehr ähnlich.

Anand übrigens darf nicht wählen; er, der immerhin gut 30 Arbeitsplätze schafft, ist kein amerikanischer Staatsbürger. Dürfte er seine Stimme abgegen, so gäbe er sie dem Kandidaten, der ihm verspricht, seinen Status zu ändern, sagt er. Da jedoch weder McCain noch Obama ihm Besserung in Aussicht stellt, „wäre ich unentschieden“.

Deshalb könnten McCains Anhänger, die vor Umfragen derzeit am liebsten die Augen verschließen, dem Bäcker auch kaum vorwerfen, er sei voreingenommen, nur weil ihnen das Ergebnis seiner Umfrage nicht passt. Noch so ein amerikanischer Begriff, der auch außerhalb des Wahlkampfes gilt: That’s the way the cookie crumbles – so krümelt der Keks eben. Will sagen: So ist das Leben nun mal.

UPDATE 28. Oktober, 17:30 Uhr: Anand hat gerade den aktuellen Stand durchgegeben. 1825 für Obama, 1646 für McCain. 

UPDATE 30. Oktober, 15:53 Uhr: 1898 für Obama, 1726 für McCain.

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